Kultur unter Verdacht: Die rechte Kampagne gegen das Zuckerwerk

Historische Recherche zu den Jahren 2017–2019 · Erstveröffentlichung: 14. Oktober 2018

Im Streit um einen Kulturstandort in Walle machte der damalige AfD-Beirat Gerald Höns das Zuckerwerk zum Sicherheitsrisiko. Auch die „Identitäre Bewegung“ agitierte gegen den Verein. An der Auseinandersetzung der Jahre 2017 und 2018 zeigt sich, wie kommunale Anträge und extrem rechte Propaganda ein gemeinsames Feindbild verbreiteten. Gegen Höns setzte sich der Verein schließlich vor Gericht durch.

Gerald Höns hält bei einer Beiratssitzung ein bedrucktes Blatt hoch. Screenshot: Radio Bremen, 2018.
AfD-Beirat Höns winkt mit Anti-Antifa-Propaganda gegen die SPD. Bildquelle: Screenshot, Radio Bremen 2018
Historische Luftbildkarte mit markiertem Zuckerwerk-Bunker und markiertem Speditionsgelände Drewes.
Lagekarte mit Sicht auf den Hochbunker des Zuckerwerks und dem von der „IB Bremen“ genutzten Speditionsbetrieb Drewes. Nur wenige Meter trennen diese beiden Orte. Bildquelle: anonym zugespielt

Der Hochbunker an der Hans-Böckler-Straße sollte dem Zuckerwerk Raum für einen selbstorganisierten Kultur- und Veranstaltungsbetrieb bieten. Gerald Höns verband seine Ablehnung des Standorts mit Verdächtigungen gegen die Kulturschaffenden. In einem von ihm unterzeichneten AfD-Antrag vom 28. Januar 2018 für die Beiratssitzung am 8. Februar standen bauliche Einwände und die Interessen benachbarter Unternehmen neben Behauptungen über Straftaten und politische Gefahren. Bereits die Begründung rückte den Verein in den Zusammenhang von Organisationen, aus deren Mitte Straftaten begangen oder organisiert würden.

Formal verlangte Höns, einen Bunker an der Lloydstraße als Alternative zu prüfen. Seine politische Haltung zum Projekt hielt er dabei ausdrücklich fest: „Wenn ‚Zuckerwerk‘ schon nicht zu verhindern ist, so sollte ein Standort gesucht werden“, von dem weniger Beeinträchtigungen zu erwarten seien. Kulturelle Aktivitäten wertete er als „Klientel-Bespaßung“ ab. Im Anhang regte er sogar unangekündigte Polizeibesuche an einem möglichen Alternativstandort an, um vermeintlichen Straftatvorbereitungen zuvorzukommen. Die Argumentation verschob die Debatte über Räume für Kultur auf die Frage, wie ein unter Generalverdacht gestelltes politisches Milieu kontrolliert werden müsse.

Ein gemeinsames Feindbild

Die Bremer „Identitäre Bewegung“ griff das Zuckerwerk ebenfalls öffentlich an. In einem archivierten Facebook-Beitrag bezeichnete sie den Verein als „Brutstätte linksextremer Gewalt“ und als „wichtiges Koordinationszentrum“. Sie attackierte zugleich SPD, Grüne und den Weser-Kurier, denen sie eine Verharmlosung des Projekts vorwarf. Ihre Darstellung machte aus kultureller Infrastruktur eine Bedrohung: Schon die Bereitstellung von Räumen und die Unterstützung antifaschistischer Arbeit dienten ihr zur politischen Verdächtigung. Darin lag die inhaltliche Übereinstimmung mit Höns’ Vorgehen gegen den Verein.

Große bemalte Transparente mit IB-Symbolik auf dem Boden einer Halle; nach der ursprünglichen Recherche in der Spedition Drewes.
Die Speditionshalle Drewes von innen. Hier fertigte die „IB Bremen“ nach unseren Recherchen über Monate ihre Propagandamittel. Bildquelle: anonym zugespielt

Die personelle Nähe zwischen AfD und IB wurde auch im Waller Beirat sichtbar. Die Fachjournalistin Andrea Röpke berichtete am 15. Juni 2018 bei Endstation Rechts über eine Beiratssitzung, bei der der damalige JA-Landesvorsitzende Robert Teske und der Bremer IB-Akteur Jonas Schick unter den Zuhörer:innen saßen und Höns’ Auftritt unterstützten. Beide verließen die Sitzung dem Bericht zufolge gemeinsam in Richtung des gegenüberliegenden AfD-Bürgerbüros. Kommunalpolitische Bühne, Parteistrukturen und das Umfeld der Identitären lagen hier auch im politischen Alltag eng beieinander.

Jascha Bayer, Jonas Schick und Michael Klein bei der Befestigung von IB-Propaganda am Bahnhof Kirchweyhe 2017; Zuordnung nach der ursprünglichen Recherche.
Jascha Bayer (rechts) mit Jonas Schick (Mitte) und Michael Klein (hinten) 2017 am Kirchweyher Bahnhof bei der Installation von „IB“-Propaganda. Nach unseren Recherchen angefertigt in der Spedition Drewes. Bildquelle: anonym

Verdächtigungen mit Folgen

Für das Zuckerwerk betraf diese Auseinandersetzung die Voraussetzungen seiner weiteren Arbeit. Der Verein verhandelte mit der Stadt über einen Bunkerkauf, während Höns ihn mit Straftaten in Verbindung brachte. Das Bremer Landgericht gab dem Verein 2019 in einem Unterlassungsverfahren recht. Nach dem Gerichtsbericht der taz vom 3. April 2019 durfte Höns die beanstandeten Verdächtigungen, die das Zuckerwerk in die Nähe von Straftäter:innen und Brandstifter:innen rückten, nicht weiter verbreiten.

Sein Anwalt hatte sich auf die Mehrdeutigkeit der Äußerung berufen. Der Berichterstattung zufolge berücksichtigte das Gericht jedoch, dass Höns nach der Abmahnung keine entsprechende Klarstellung vorgenommen und seine Aussagen stattdessen in einer weiteren Mail wiederholt hatte. Die zivilrechtliche Entscheidung begrenzte damit eine Form politischer Auseinandersetzung, bei der ein Kulturverein durch die Verknüpfung mit Kriminalität unter Druck geriet. Für die Betroffenen stand dabei ein konkretes Vorhaben auf dem Spiel: ein eigener Ort für Kultur, Veranstaltungen und gemeinschaftliches Arbeiten.

Gegen linke Kultur, offen für das Rockermilieu

Höns’ Auftreten gegenüber dem Zuckerwerk steht politisch im Kontrast zu seinem Engagement für das Umfeld der Hells Angels. Röpke beschrieb unter Bezug auf Angaben des Bremer Senats, dass er sich für deren Ansiedlung in Walle eingesetzt und an einem größeren Rockertreffen in einem seiner Bunker beteiligt hatte. Die taz berichtete bereits 2016 über den Konflikt um den Rockerstandort: Während Innenbehörde und Polizei vor einem Erstarken der Gruppe warnten, hatte der Beirat seinen Beschluss nach einem Auftritt von Hells-Angels-Vertreter:innen zunächst abgeschwächt.

Diese Gegenüberstellung zeigt die politischen Maßstäbe seines Engagements: Für das Rockermilieu setzte sich Höns ein; dem linken Kulturprojekt begegnete er mit Verdächtigungen und Kontrollforderungen. Am Zuckerwerk lässt sich nachvollziehen, wie eine kommunale Standortdebatte zur Bühne für rechte Feindbildpolitik wurde. Deren Wirkung reicht über einzelne Anträge hinaus: Wer Kulturschaffende mit Kriminalität verbindet, greift ihren Ruf und ihre Möglichkeiten an, Räume zu erhalten und öffentlich Unterstützung zu gewinnen. Eine demokratische Stadtteilpolitik muss solchen Angriffen widersprechen und selbstorganisierte Kultur als Teil des öffentlichen Lebens verteidigen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Originalantrag, archivierte Propaganda und zeitgenössische Recherchen zur Auseinandersetzung um das Zuckerwerk. Das Unterlassungsverfahren von 2019 ist gesondert belegt; Bildnachweise stehen bei den Aufnahmen.

1. AfD im Beirat Walle · 28. Januar 2018 · Originalantrag · PDF

Alternative Unterbringung des „Zuckerwerkes“

Von Gerald Höns unterzeichneter Antrag für die Sitzung am 8. Februar 2018 mit Begründung und Anlagen. Originalbeleg für seine Standortforderung, die Verdächtigungen und die angeregten Polizeibesuche.

2. Identitäre Bewegung Bremen · Archivierter Facebook-Beitrag

Kampagne gegen das Zuckerwerk

Im AWB-Archiv gesicherte Eigenveröffentlichung der IB. Belegt deren Feindbildproduktion gegen den Kulturverein und die Angriffe auf dessen politische und mediale Unterstützung.

3. Endstation Rechts · 15. Juni 2018 · Andrea Röpke

Krawalliger AfD-Politiker

Zeitgenössische Recherche über Höns im Waller Beirat, die Unterstützung durch Teske und Schick sowie seine Verbindungen zum Rockermilieu.

5. taz · 28. September 2016

Hells Angels unerwünscht

Zeitgenössischer Bericht über den Konflikt um einen Rockerstandort in Walle, die Haltung des Beirats und Höns’ nach eigener Aussage erfolgte Raumvermietung.

6. AfD Watch Bremen · Historisches Bildarchiv

Lagekarte: Zuckerwerk und Spedition Drewes

Im ursprünglichen Beitrag veröffentlichte, anonym zugespielte Lagekarte. Die damalige Nutzung der Spedition wird in der zugehörigen Bilddokumentation erläutert.

7. AfD Watch Bremen · Bilddokumentation 2017

IB-Propaganda am Bahnhof Kirchweyhe

Historische Aufnahme mit Jascha Bayer, Jonas Schick und Michael Klein. Zuordnung und Herkunft entsprechen der ursprünglichen Recherche; Bildquelle: anonym.

8. AfD Watch Bremen · Historisches Bildarchiv

Propagandaproduktion in der Speditionshalle Drewes

Anonym zugespielte Aufnahme aus der Halle. Die Zuordnung zur damaligen Herstellung von IB-Propagandamitteln beruht auf unserer ursprünglichen Recherche.