Marvin Mergard mit dem Bundestagsabgeordneten Sergej Minich in Bremerhaven beim klandestin angelegten Parteitag. Die Presse war unerwünscht und trotzdem da. 27.04.2025 Bremerhaven. Bildrechte: Recherche Nord.

Vom Identitären-Aufmarsch auf Listenplatz zwei

Marvin Mergard marschierte mit der Identitären Bewegung, verbreitete deren Erzählung vom „großen Austausch“ und führte die vom Verfassungsschutz beobachtete „Junge Alternative“ in Bremen. Heute ist er stellvertretender AfD-Landesvorsitzender, richtet die neue Parteijugend Generation Deutschland mit aus und kandidiert auf einem aussichtsreichen Listenplatz für die Bürgerschaft. Seine Karriere steht nicht für ideologische Distanzierung, sondern für den Aufstieg eines völkisch-nationalistischen geprägten Funktionärs in das Zentrum der Bremer AfD.

Marvin Mergard gehört inzwischen zur Führungsspitze der Bremer AfD. Am 25. Oktober 2025 wählte ihn der Landesparteitag zum Stellvertreter des Landesvorsitzenden Sergej Minich. Die Partei teilte anschließend mit, Minich sei mit mehr als 95 Prozent bestätigt worden. Mergard habe den stellvertretenden Vorsitz übernommen. Unabhängige Berichte über Gegenkandidaturen, den genauen Verlauf der Versammlung oder die einzelnen Abstimmungsergebnisse liegen nicht vor. Die freie Presse wurde wie so oft bei AfD-Veranstaltungen sachgrundlos ausgeschlossen. Belegt ist jedoch die personelle Zusammensetzung des neuen Landesvorstands, zu dem neben Minich und Mergard auch Ahmet Görgülü, Jürgen Hauschild, Stephan Hilbers, Maxim Maier und Mario Timmermann gehören. Die Meldung über Mergards Wahl beruht auf Angaben der AfD.

Im August 2026 folgte der nächste Schritt. Nach Mitteilungen der Partei wurde Mergard erneut zum Vorsitzenden des Kreisverbandes Bremen-Nord bestimmt. Wenige Tage später wählten ihn die anwesenden AfD-Mitglieder bei ihrer Landeswahlversammlung auf Platz zwei des Wahlvorschlags für den Wahlbereich Bremen. Vor ihm steht lediglich Sergej Minich. Auf den weiteren Plätzen folgen Jürgen Hauschild, Stephan Hilbers und Mertcan Karakaya. Die formelle Zulassung des Wahlvorschlags durch die Wahlorgane steht noch aus. Innerparteilich hat sich Mergard aber eine Position gesichert, die ihm bei einem entsprechenden Wahlergebnis sehr wahrscheinlich den Einzug in die Bremische Bürgerschaft ermöglichen würde.

Damit wird eine politische Biografie parlamentarisch relevant, die sich seit mehr als zehn Jahren durch völkische Begriffe, Aktivitäten im Umfeld der extrem rechten Identitären Bewegung und Führungsfunktionen in der radikalisierten AfD-Jugend auszeichnet.

Der Anspruch, für „das Volk“ zu sprechen

Als Radio Bremen 2025 die Verfassungstreue des Bremer AfD-Landesverbandes untersuchte, gehörte Mergard noch als Beisitzer dem Landesvorstand an. Der Landesverband wird vom Bremer Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall geführt. Nach Angaben des Landesamtes bestehen insbesondere Anhaltspunkte dafür, dass Teile der Führung deutschen Staatsangehörigen mit Migrationsgeschichte einen rechtlich abgewerteten Status zuweisen wollen. Der Leiter des Landesamtes erklärte, eine solche Vorstellung sei mit der Garantie der Menschenwürde nicht vereinbar. Radio Bremen verwies in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf Mergards Vorgeschichte und dessen Nähe zur Identitären Bewegung.

Mergard wies Zweifel an seiner Verfassungstreue zurück. Er und die AfD stünden eindeutig auf dem Boden des Grundgesetzes, erklärte er. Zugleich sagte er, er verorte sich „im Volk“ und seine Politik entspreche genau dem, „was auch die Bevölkerung möchte“. Dass im Bundesland Bremen rechnerisch im August 2026 mindestens 85 Prozent der Bremer:innen nicht die AfD wählen wollen, spielt für Mergard keine Rolle. Doch seine Erklärung ist keine Nebensächlichkeit. In einer pluralistischen Demokratie ist keine Partei mit „dem Volk“ identisch. Parteien vertreten unterschiedliche Interessen, Weltanschauungen und gesellschaftliche Gruppen. Wer die eigene Politik zum authentischen Willen der gesamten Bevölkerung erklärt, spricht politischen Gegner:innen, Minderheiten und marginalisierten Gruppen oder abweichenden Positionen zumindest rhetorisch die gleiche demokratische Legitimität ab.

Im August 2026 verschärfte Mergard diesen Ton. Nach Veröffentlichung der jüngsten Bremer Wahlumfrage kündigte er auf X an, die politischen Konkurrenten zu „jagen“ und sich „unser Volk zurückholen“ zu wollen. Nach seiner Wahl auf Listenplatz zwei bezeichnete er Parteien von der Linkspartei bis zur CDU als „linksliberale Einheitsfront“ und „Kartellparteien des Establishments“. Die Beiträge wurden über den offiziellen Auftritt der AfD Bremen-Nord weiterverbreitet. Solche Formulierungen bewegen sich zwar zunächst im Bereich zugespitzter Wahlkampfrhetorik. In ihrer Gesamtheit transportieren sie jedoch ein autoritäres extrem rechtes Politikverständnis: Hier das angeblich wahre Volk, das durch die AfD verkörpert werde; dort ein illegitimes Parteienkartell, dem das Gemeinwesen erst wieder abgenommen werden müsse. Politische Konkurrenz erscheint nicht mehr als normaler Bestandteil der Demokratie, sondern als feindliche Herrschaft über ein Volk, das die AfD für sich beansprucht.

Generation Deutschland: neuer Name, bekannte rechtsextreme Führung

Am 31. Januar 2026 wurde der Bremer Landesverband der neuen AfD-Jugendorganisation „Generation Deutschland“ gegründet. Zum Vorsitzenden wählten die Mitglieder Marcel Fetke. Stellvertretender Vorsitzender wurde Marvin Mergard. Die Wahl wurde am folgenden Tag öffentlich bekannt gegebenMergard ist damit gleichzeitig stellvertretender Landesvorsitzender der Mutterpartei, Kreisvorsitzender in Bremen-Nord, Bewerber auf Listenplatz zwei und stellvertretender Vorsitzender der Parteijugend. Diese Ämterkonzentration macht ihn zu einer zentralen Verbindungsperson zwischen Nachwuchsorganisation, regionalen Parteistrukturen, Landesvorstand und Wahlkampforganisation.

Die „Generation Deutschland“ trat an die Stelle der „Jungen Alternative“. Die JA wurde zum 31. März 2025 aufgelöst. Sie galt nach der behördlichen Bewertung als gesichert rechtsextrem. Die AfD kündigte anschließend eine neue Jugendorganisation an, die enger an die Partei gebunden werden sollte. Anders als bei der JA ist die Mitgliedschaft grundsätzlich mit einer Mitgliedschaft in der AfD verbunden. Die Partei erhält dadurch mehr Kontrolle über Personal, Finanzen und politische Außendarstellung. Der Deutschlandfunk berichtete über die Auflösung und die geplante engere Einbindung des Nachfolgeverbandes. Für Bremen bedeutet diese Neuordnung keinen personellen Neuanfang. Ausgerechnet Mergard, der die Bremer JA zunächst als stellvertretender Vorsitzender und später als Landesvorsitzender geprägt hatte, übernimmt erneut eine Führungsfunktion. Die alte Organisation wurde aufgelöst; einer ihrer maßgeblichen Bremer Funktionäre wurde in die neue Struktur übernommen. Wie wenig der neue Name für eine politische Abgrenzung steht, zeigte der erste größere Aufmarsch der „Generation Deutschland“ am 1. August 2026 in Schwerin. Der Bremer Landesverband erklärte anschließend auf seinem offiziellen X-Konto, mit einem eigenen Banner beteiligt gewesen zu sein.

Nach Recherchen der taz beteiligten sich in Schwerin neben AfD-Mitgliedern auch Neonazis, Identitäre und extrem rechte Burschenschafter. Aktivist:innen der Identitären Bewegung posierten vor dem Frontbanner; aus dem Aufzug wurden rassistische und gegen politische Gegner:innen gerichtete Parolen gerufen. Die taz dokumentierte die Zusammensetzung und den Verlauf des Aufmarsches. Nach Angaben des NDR nahmen rund 420 Menschen teil. Damit setzt sich ein Muster fort, das Mergards politische Laufbahn bereits seit den Anfängen der Bremer JA begleitet.

Seit an Seit mit der Identitären Bewegung

Die Bremer „Junge Alternative“ wurde im Oktober 2016 gegründet. Robert Teske übernahm den Vorsitz, Marvin Mergard wurde sein Stellvertreter. Gleichzeitig stiegen beide in die Führung der Landespartei auf. Teske wurde stellvertretender AfD-Landesvorsitzender, Mergard übernahm das Amt des Schriftführers beziehungsweise zeitweise des Landesgeschäftsführers. Im Juni 2017 dokumentierte die taz die Teilnahme von Teske und Mergard an einer Demonstration der Identitären Bewegung in Berlin. Unter dem Motto „Zukunft Europas“ marschierten dort nicht nur Identitäre und Pegida-Aktivist:innen, sondern auch frühere Funktionäre der NPD-Jugendorganisation und Personen aus militanten Neonazistrukturen. Die taz berichtete über die gemeinsame Teilnahme der Bremer JA-Funktionäre. Die AfD und ihre Jugendorganisation hatten zu diesem Zeitpunkt bereits einen Unvereinbarkeitsbeschluss gegenüber der Identitären Bewegung gefasst. Mergard argumentierte jedoch, dieser Beschluss untersage lediglich eine führende oder öffentlich herausgehobene Mitarbeit bei den Identitären. Die bloße Teilnahme an deren Demonstration sei davon nicht erfasst. Ein Vertreter des damaligen JA-Bundesvorstands widersprach dieser Auslegung und kündigte eine interne Prüfung an.

Politisch bedeutete Mergards Erklärung keine Distanzierung. Sie reduzierte die Unvereinbarkeit auf eine formale Frage der Mitgliedschaft oder Funktion. Gemeinsame Aufmärsche, geteilte Parolen und die Teilnahme an identitären Mobilisierungen wurden dadurch für zulässig erklärt. Aufnahmen aus dem Bremer Bundestagswahlkampf 2017 dokumentierten weitere Begegnungen. Beim Auftritt der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel traten Mergard, Teske und weitere AfD-Funktionäre gemeinsam mit Aktivisten der Identitären Bewegung auf. Das Antifaschistische Infoblatt bezeichnete Teske und Mergard deshalb als Personen mit einer „Scharnierfunktion“ zwischen Partei und identitärem Aktionsmilieu. Die damaligen Beobachtungen und Bilddokumente wurden ausführlich veröffentlicht. Bei Mergard blieb es jedoch nicht bei einer räumlichen Nähe. Er und Teske verwendeten nach der taz-Recherche selbst die antisemitische identitäre Erzählung vom angeblichen „großen Austausch“.

Diese Erzählung behauptet, Migration sei Teil eines gezielten Plans, die als einheimisch vorgestellte, meist weiße und christliche Bevölkerung zu ersetzen. Unter anderem das Demokratiezentrum Wien ordnet den „großen Austausch“ als rechtsextreme Verschwörungserzählung ein, die rassistische, nationalistische und antisemitische Vorstellungen mobilisiert. Es handelt sich nicht lediglich um einen zugespitzten Begriff für migrationspolitische Kritik, sondern um ein wesentliches ideologisches Deutungsmuster der extremen Rechten.

Die Beobachtung der Bremer JA

Im September 2018 erklärte das Bremer Innenressort die „Junge Alternative“ zum Beobachtungsobjekt des Landesamtes für Verfassungsschutz. Die Behörde sah tatsächliche Anhaltspunkte für rechtsextremistische Bestrebungen. Genannt wurden die Verbindungen zur Identitären Bewegung, die Übernahme ihrer Ideologie und Propaganda sowie rassistische Veröffentlichungen der Bremer JA. Die Entscheidung und ihre Begründung wurden von der Senatspressestelle veröffentlicht. Mergard war damals stellvertretender Vorsitzender der Organisation und Mitglied des AfD-Landesvorstands. Im März 2019 übernahm er nach der Abwahl beziehungsweise Ablösung Robert Teskes nach damaligen Recherchen von AfD Watch Bremen selbst den Landesvorsitz der JA. Politische Führung bedeutet Verantwortung für die erkennbare Grundrichtung einer Organisation.

Bemerkenswert ist deshalb nicht nur, dass Mergard trotz der Beobachtung im Amt blieb. Entscheidend ist, dass seine Parteikarriere dadurch nicht beendet wurde. Er stieg später weiter in den Landesvorstand auf und wurde schließlich stellvertretender Landesvorsitzender. Der Bundesvorstand der AfD hat bisher keine Stellung bezogen zu der rechtsextremen Ausrichtung von Akteur:innen des Bremer Landesverbandes, der neuen Bremer AfD Jugend sowie dem Kreisverband Bremen Nord.

„Deutschpatrioten“ und „Dunkle Eule“

AfD Watch Bremen dokumentierte bereits vor Jahren Mergards frühe publizistische Aktivitäten. Mergard betrieb seit 2013 die Internetseite „deutschpatrioten.de“, die als soziales Netzwerk für nationalistische und neurechte Gruppen angelegt war. Unter dem Namen „Dunkle Eule“ veröffentlichte er außerdem Videos und Beiträge auf YouTube und Facebook. Dass Mergard diesen Kanal betrieb, wurde auch in einer Jahresauswertung von Belltower.News festgehalten.

Das Forum wurde Anfang 2018 eingestellt. Teile der damaligen Veröffentlichungen sind heute nicht mehr vollständig öffentlich verfügbar. Belegt sind der Betrieb der Plattform, der Kanalname und Mergards politische Einbindung in die AfD und JA. Die damalige inhaltliche Auswertung von AfD Watch Bremen beschrieb antimuslimisch-rassistische Beiträge, geschichtsrevisionistische Argumentationen, monarchistische Selbstpositionierungen und Bezüge zur Neuen Rechten. Die Selbstbezeichnung als Monarchist beweist für sich allein zwar noch keine verfassungsfeindliche Bestrebung. Politisch relevant wird sie aber im Zusammenhang mit Mergards weiteren Bezugnahmen auf Kaiserreich, ethnisch definiertes Volk, identitäre Mobilisierung und die antisemitische Erzählung vom Bevölkerungsaustausch. Dieses Gesamtbild erlaubt die fachjournalistische Einordnung als völkisch-nationalistisch geprägte Weltanschauung.

Mergards historische Inszenierungen erfüllten dabei eine erkennbare politische Funktion. Der deutsche Nationalismus wurde nicht vorrangig über den Nationalsozialismus, sondern über Preußen, Kaiserreich und konservativ-revolutionäre Vorläufer erzählt. Diese Rückverlagerung ermöglicht es, autoritäre, antipluralistische und ethnisch definierte Ordnungsvorstellungen zu vertreten, ohne sich ausdrücklich positiv auf das NS-Regime zu beziehen. Geschichtspolitische Umdeutung funktioniert häufig nicht durch offene Leugnung, sondern durch Verschiebung: Die Verantwortung des deutschen Nationalismus für Entrechtung, Kriege und Vernichtung tritt zurück; an ihre Stelle treten Erzählungen von nationaler Größe, kultureller Überlegenheit und einem angeblich unterdrückten deutschen Selbstbewusstsein. Diese Strategie der neuen Rechten versucht die deutsche Verantwortung für zwei Weltkriege, der Shoah sowie dem Genozid an den Herero und Nama vollständig auszuklammern und mit frei erfundenen deutschen Heldentum zu überschreiben. Die völkerrechtswidrigen Angriffe und Menscheitsverbrechen werden in dieser Erzählung umgedeutet zu Verteidigungshandlungen. 

Erinnerungspolitik und der Begriff vom „Schuldkult“

Diese Verschiebung zeigte sich auch in erinnerungspolitischen Auseinandersetzungen. 2017 wurde Mergard als stellvertretender JA-Vorsitzender zu einer Radioveranstaltung über ein geplantes Mahnmal zur „Arisierung“ jüdischen Eigentums eingeladen. Mehrere andere vorgesehene Gesprächsteilnehmer:innen sagten aus Protest gegen seine Beteiligung ab. Die taz berichtete über den Konflikt um die Sendung.

Nach der Dokumentation des Antifaschistischen Infoblatts verschob Mergard die Diskussion über Verantwortung und Erinnerung auf die Frage, ob Beschäftigte des Logistikunternehmens Kühne + Nagel durch die Auseinandersetzung demotiviert werden könnten. Die Bremer JA verwendete in einem anderen erinnerungspolitischen Zusammenhang den aus der extremen Rechten bekannten Begriff „Schuldkult“ für die Auseinandersetzung mit Zwangsarbeit und den Verbrechen am Bunker Valentin. Die Wortwahl gehörte zum öffentlichen Auftreten des von ihm mitgeführten Verbandes. Der Begriff „Schuldkult“ stellt die Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen als künstlich erzeugte, übersteigerte oder gegen die Deutschen gerichtete Belastung dar. Er dient damit der ideologischen Abwehr historischer Verantwortung.

Die Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Lehrer

2018 wurde Mergard zudem im Zusammenhang mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Bremer Lehrer öffentlich bekannt. Der Lehrer hatte im Unterricht eine AfD-Pressemitteilung zur Unterstützung Geflüchteter behandelt und auf unser Informationsangebot auf der Webseite AfD Watch Bremen hingewiesen. Die AfD warf ihm vor, Schüler:innen für eine politische Agenda einzuspannen. Die Schulbehörde bestätigte den Eingang der Beschwerde. Mergard erhob nach Angaben der taz persönlich den Vorwurf eines Verstoßes gegen die Neutralitätspflicht. Lehrkräfte dürfen Schüler:innen nicht indoktrinieren. Der sogenannte Beutelsbacher Konsens verbietet aber nicht die kritische Behandlung von Parteien, politischen Aussagen oder rassistischen Argumentationsmustern. Politische Bildung ist nicht zur inhaltlichen Neutralität zwischen demokratischen und menschenfeindlichen Positionen verpflichtet und kritische Medien zur AfD sind Teil von pluralistischer Meinungsbildung im Unterricht. 

Problematisch war deshalb der politische Kontext. AfD-Verbände entwickelten damals sogenannte Meldeportale, auf denen Schüler:innen und Eltern Lehrkräfte wegen vermeintlicher „Anti-AfD-Hetze“ melden sollten. Kritik an der Partei wurde so als möglicher Amtsverstoß markiert. Die Bremer Beschwerde gehörte zu einer Strategie, die geeignet war, Lehrkräfte einzuschüchtern und kritische Auseinandersetzungen mit der AfD aus dem Unterricht zu verdrängen. Die Episode zeigt einen deutlichen Widerspruch, der Mergards Politik bis heute begleitet: Einerseits inszeniert sich die AfD als Verteidigerin uneingeschränkter Meinungsfreiheit. Andererseits reagiert sie auf institutionelle Kritik mit Beschwerden, Meldeangeboten und dem Vorwurf politischer Unzulässigkeit oder auch mit der SLAPP-Strategie. 

Kommunale Verankerung in Vegesack

Mergards politische Entwicklung vollzog sich nicht nur im Internet oder innerhalb der Jugendorganisation. Bei der Beiratswahl 2015 zog er für die AfD in den Beirat Vegesack ein. Er erhielt nach dem amtlichen Ergebnis 294 Personenstimmen. 2019 kandidierte er erneut und bekam 524 Personenstimmen. Damit gehörte er bis zum Ende der Wahlperiode 2023 zur kommunalpolitischen Struktur der Partei in Bremen-Nord. Der Beirat verschaffte ihm früh parlamentarische Erfahrung und lokale Sichtbarkeit. Gleichzeitig entstand eine ungewöhnliche Doppelrolle: Mergard arbeitete in einem demokratischen Stadtteilparlament, während er außerhalb dieses Gremiums an Mobilisierungen und Organisationen beteiligt war, deren ethnischer Volksbegriff und antipluralistische Rhetorik den gleichberechtigten demokratischen Streit grundsätzlich infrage stellen. 2023 konnte die AfD aufgrund ihrer innerparteilichen Auseinandersetzungen nicht zur Bürgerschaftswahl im Wahlbereich Bremen antreten. Zwei konkurrierende Lager hatten unterschiedliche Wahlvorschläge eingereicht; am Ende wurde keiner zugelassen. Dadurch verlor auch Mergard vorübergehend seine kommunalparlamentarische Basis.

Bereits in früheren Jahren trat er zudem als strategischer Akteur auf. Nach Unterlagen, die AfD Watch Bremen damals zugespielt wurden, war Mergard 2016 an einem Parteitagsantrag beteiligt, der eine Kommission zur Prüfung einer Zusammenarbeit und möglichen gemeinsamen politischen Zukunft von AfD und „Bürger in Wut“ vorsah. Die weitere Entwicklung macht die damalige Initiative bemerkenswert: Personal, Wähler:innenschaft und politische Positionen wechselten später tatsächlich auffallend oft zwischen AfD und BiW beziehungsweise Bündnis Deutschland. Der Bremer Landesverband dieser Partei verwendet inzwischen wieder den Namen „Bürger in Wut“.

Kein Bruch, sondern politischer Aufstieg

Mergard erklärt, er stehe auf dem Boden des Grundgesetzes. Diese Position muss als seine Stellungnahme dokumentiert werden. Ebenso wichtig ist jedoch die überprüfbare Kontinuität seiner politischen Laufbahn. Er führte einen neurechten Kanal unter dem Namen „Dunkle Eule“. Er beteiligte sich an einer Demonstration der Identitären Bewegung und agierte in diesen Netzwerken. Er verwendete deren Erzählung vom „großen Austausch“. Er gehörte der Führung einer Jugendorganisation an, die wegen rechtsextremistischer Bestrebungen beobachtet wurde, und übernahm später selbst deren Vorsitz. Nach der Auflösung der JA wurde er stellvertretender Vorsitzender ihres organisatorisch enger an die AfD gebundenen Nachfolgeverbandes. Gleichzeitig stieg er zum stellvertretenden AfD-Landesvorsitzenden auf. Das hier journalistisch relevante Bild entsteht aus der Dauer, der Wiederholung und der institutionellen Verbindung dieser Vorgänge. Bei Mergard handelt es sich nicht um eine kurze jugendpolitische Episode, von der er sich später erkennbar distanziert hätte. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbindungen zur Identitären Bewegung, der Erzählung vom „großen Austausch“ oder der Politik der beobachteten JA ist nicht dokumentiert. Stattdessen übernimmt er erneut Verantwortung für den AfD-Nachwuchs und verwendet in seinem aktuellen Wahlkampf Begriffe wie „Einheitsfront“, „Kartellparteien“, „jagen“ und „unser Volk zurückholen“.

Die Bremer AfD hat diese Vergangenheit nicht zum Anlass genommen, Mergard aus ihrer Führung fernzuhalten. Sie hat ihn befördert. Das ist die entscheidende Entwicklung: Der frühere JA-Funktionär und Teilnehmer eines identitären Aufmarsches steht heute nicht am Rand der Partei. Er gehört zu ihrem Landesvorstand, führt einen Kreisverband, organisiert ihren Nachwuchs und wurde auf Listenplatz zwei für die Bürgerschaftswahl gesetzt.

Bei Marvin Mergard ist die Verbindung zur extremen Rechten keine abgeschlossene Jugendsünde. Sie bildet den politischen Erfahrungshorizont eines Funktionärs, den die Bremer AfD heute an die Schwelle des Parlaments stellt und damit den politischen Kern der Partei repräsentiert.

Redaktion
AfD Watch Bremen

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