Udo Kühn: Facharbeit für die AfD, Feindbilder für ihr Publikum
Archivdossier · dokumentierte Aktivitäten 2019–2024 · Stand: 2026
Udo Kühn arbeitete im Bundestagsbüro von Frank Magnitz, verbreitete politische Feindbilder und trat später für die AfD-Bundestagsfraktion auf. Seine dokumentierten Aktivitäten verbinden parlamentarische Facharbeit mit der öffentlichen Agitation der Partei: Gewalt wird zur Anklage gegen politische Gegner:innen, Flucht zum Bedrohungsszenario und ein Fraktionsmitarbeiter zum Gesicht der AfD-Werbung.

Fachkompetenz im Dienst des Parteiapparats
Kühn stellte sich auf seiner eigenen Website als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestagsbüro des Bremer AfD-Politikers Frank Magnitz vor. Nach dieser Selbstauskunft wurde er 1963 in Dresden geboren, studierte Luftfahrttechnik, arbeitete als Militär- und Jagdflieger und später im Hightech- und IT-Vertrieb. Seine technischen Qualifikationen führte er mit den Bezeichnungen Diplom-Ingenieur (FH) und Hochschulingenieur an. [1]
Dass Kühn für Magnitz auch öffentlich sprach, dokumentiert die Berliner Zeitung vom 17. Oktober 2019. Im Streit um den Weiterbetrieb des Flughafens Tegel berief er sich gegenüber der Zeitung auf den Berliner Volksentscheid für die Offenhaltung. Die AfD hatte zuvor einen FDP-Antrag auf eine Anhörung im Verkehrsausschuss unterstützt. Kühn lieferte dazu die politische Argumentation aus dem Abgeordnetenbüro. Auf seiner Website bewarb er den Vorgang als Erfolg seiner Partei. [2] [3]
Den Angriff auf Magnitz zur Anklage gegen andere machen
Nach dem Angriff auf Magnitz vom 7. Januar 2019 verbreitete Kühn eine dramatisierte Tatschilderung: Angreifer hätten den Abgeordneten bewusstlos getreten; ein Bauarbeiter habe ihn gerettet. Kühn beschuldigte SPD und Grüne, Gewalttäter zu bestärken, und warf Medien vor, Angriffe auf die AfD zu verharmlosen. Er nutzte die Verletzungen seines Arbeitgebers für pauschale Schuldzuweisungen an politische Gegner:innen. [3]
Die Überprüfung durch CORRECTIV und der Bericht der tagesschau vom 9. Januar 2019 zeichneten ein anderes Bild: Die ausgewerteten Aufnahmen zeigten nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen Angriff von hinten, Magnitz’ Sturz und die anschließende Flucht der Männer. Die Behauptung von Tritten gegen den Kopf wurde zurückgewiesen. Damit brach ein tragender Teil der dramatisierten Erzählung zusammen. Kühns Text verband den tatsächlichen Gewaltangriff mit einer politischen Anklage, die weit über den dokumentierten Vorgang hinausging. [4] [5]
Flucht als Bedrohungsbild, Parteikritik als Verrat
In seiner auf den 28. Februar 2019 datierten „Rückkehrers Büttenrede“ verdichtete Kühn ähnliche Feindbilder zu einer literarischen Karikatur. Ein fiktiver IS-Rückkehrer beansprucht darin Unterbringung und Versorgung für Angehörige und Waffenbrüder, erwägt die Aufnahme als Geflüchteter und droht Gewalt an. Bremen erscheint als möglicher Zufluchtsort. Der Text verschränkt Terrorismus, Flucht und staatliche Unterstützung zu einer Erzählung, in der Aufnahmebereitschaft als Einladung an gefährliche Personen erscheint. So wird das Ressentiment gegen Geflüchtete mit dem Schrecken islamistischer Gewalt aufgeladen. [6]
Auch im Bremer Parteienstreit setzte Kühn auf persönliche Abwertung. Hinrich Lührssens erneuten AfD-Austritt 2019 erklärte er in einem eigenen Beitrag mit enttäuschten Karrierewünschen. Die Kritik an der innerparteilichen Demokratie deutete er als Reaktion auf eine gescheiterte Kandidatur. Seine Gegenüberstellung von Patrioten und Opportunisten macht politische Loyalität zum Glaubwürdigkeitstest: Wer das Lager kritisiert, wird zum eigennützigen Abtrünnigen erklärt. [3]
Vom Magnitz-Büro in die Fraktionsarbeit
Ein im Oktober 2023 veröffentlichter Bericht von René Bochmann auf der Website der AfD Sachsen führte Kühn als wissenschaftlichen Referenten des Arbeitskreises Verkehr der AfD-Bundestagsfraktion. Er nahm demnach mit Thomas Ehrhorn, Karsten Hilse, Steffen Janich und Bochmanns Büroleiterin Kati Freyer an einer Diskussionsrunde für eine Besuchergruppe aus Nordsachsen teil. Diese Eigenquelle dokumentiert seine damalige Funktion und seinen Auftritt für die Fraktion. [7]
Bei einer weiteren Besucherfahrt am 27. März 2024 erläuterte Kühn nach einem Bericht auf Bochmanns Website das Ressort Schifffahrt. Bochmann war krankheitsbedingt verhindert. Der Bericht bezeichnete Kühn als wissenschaftlichen Mitarbeiter der AfD-Bundestagsfraktion. Aus dem Mitarbeiter eines Bremer Abgeordneten war damit ein Referent geworden, der die parlamentarische Arbeit der Fraktion gegenüber Besucher:innen vermittelte. [8]
Parteibeschäftigte als Werbegesichter
Im März 2024 trat Kühn auch in einem AfD-Imagevideo auf. Die Newsletter-Ausgabe „Die Feigenblätter“ von Wie Rechte reden vom 15. März 2024 analysierte den Film: Sechs Menschen mit Einwanderungsgeschichte warben darin für die Partei; mindestens vier von ihnen waren nach der Recherche frühere oder damalige Beschäftigte der AfD. Bei Kühn verwies der Newsletter auf seine Tätigkeit als Fraktionsreferent und auf die vorausgehende SPIEGEL-Recherche. [9] [10]
Der Newsletter arbeitete heraus, dass die Inszenierung berufliche Parteiverbindungen ausblendete und migrantische Unterstützung als Entlastung von Rassismusvorwürfen einsetzte. Kühns Beteiligung zeigt die Doppelrolle besonders deutlich: Der Fraktionsmitarbeiter wurde zum Werbegesicht. Die Beschäftigten des parlamentarischen Apparats lieferten damit zugleich Personal für die öffentliche Selbstdarstellung der Partei. [9]
Kühns dokumentierte Auftritte führen von der fachpolitischen Arbeit im Magnitz-Büro über die Produktion politischer Feindbilder bis zur Fraktionswerbung. Facharbeit, Agitation und Selbstdarstellung ergänzen sich in dieser Laufbahn. Für die Geschichte der Bremer AfD gehört deshalb auch das Personal hinter den Mandatsträger:innen in den Blick: Es organisiert politische Arbeitsfähigkeit und trägt die Botschaften der Partei nach außen.
Den Bremer Zusammenhang vertiefen das Dossier zu Frank Magnitz und die Dokumentation zum Angriff auf Magnitz. Das Personenarchiv bis 2026 erschließt weitere damalige Akteur:innen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Zeitgenössische journalistische Berichte und Fachanalysen sowie gekennzeichnete Eigenquellen zu Kühns Aussagen und damaligen Tätigkeiten. Die Belegnummern führen zu den jeweiligen Quellen.
Biografische Eigenangaben und damalige Tätigkeit im Bundestagsbüro von Frank Magnitz.
Flughafen Tegel Berlin: FDP und AfD setzen Anhörung im Bundestag durch
Zeitgenössischer Bericht mit Kühns Äußerung als Mitarbeiter von Frank Magnitz.
Kühns Veröffentlichungen zum Angriff auf Magnitz, zum Tegel-Verfahren und zum Parteiaustritt Hinrich Lührssens. Die Seite bündelt mehrere Texte.
Überfall auf Frank Magnitz – über Gerüchte und was bisher bekannt ist
Zeitgenössischer Faktencheck zur Tatschilderung und zur politischen Instrumentalisierung des Angriffs.
Angriff auf Politiker Magnitz: Staatsanwalt widerspricht AfD
Bericht über die Auswertung der Videoaufnahmen; gibt den damaligen Ermittlungsstand wieder.
Das beste Buch der Welt – „Rückkehrers Büttenrede“
Originaltext des hier analysierten Gedichts auf Kühns Website.
Fünfte Besucherfahrt nach Berlin
Bericht mit Kühns Funktion als wissenschaftlicher Referent des Arbeitskreises Verkehr und seiner Beteiligung an einer Gesprächsrunde.
Besucherfahrt nach Berlin im März 2024
Bericht über Kühns Erläuterungen zur Schifffahrt. Die Seite zeigt als Veröffentlichungsdatum den 2. April 2024; der Besuch wird im Text auf den 27. März datiert.
Analyse des AfD-Imagevideos, der Beschäftigungsverhältnisse und der Strategie, migrantische Unterstützung gegen Rassismusvorwürfe anzuführen. Verweist zur Personalrecherche auf den folgenden SPIEGEL-Beitrag.
Wie die AfD Menschen mit Migrationshintergrund für sich einspannt
Hintergrundrecherche (Bezahlschranke).
