Das Netzwerk · Publizistik und Öffentlichkeit
Rechte Medien und Propaganda
Wer rechte Gegenöffentlichkeiten aufbaut – und wie ihre Netzwerke funktionieren
Rechte Medien sind mehr als Kanäle für politische Meinungen. Sie setzen Themen, prägen Begriffe, schaffen Feindbilder, bilden Personal aus und organisieren eine eigene politische Öffentlichkeit. Manche verbreiten die Positionen der extrem rechten AfD, andere liefern ideologische Grundlagen oder übersetzen extrem rechte Deutungen in Nachrichten, Videos, Podcasts und Kulturangebote.
Diese Rubrik bietet Orientierung. Sie unterscheidet zwischen offiziellen Parteimedien, rechtskonservativen und rechtspopulistischen Alternativmedien, neurechten Theorie- und Verlagsprojekten sowie extrem rechten und verschwörungsideologischen Propagandaangeboten. Zugleich zeigt sie die Übergänge: gemeinsame Autor:innen, Interviews, Veranstaltungen, Vertriebswege und wiederkehrende Erzählungen.
Die Medienlandschaft auf einen Blick
| Bereich | Politische Funktion | Beispiele |
|---|---|---|
| Partei- und Fraktionsmedien | verbreiten die Agenda der AfD, mobilisieren Anhänger:innen und inszenieren Parteiarbeit als Erfolgsgeschichte | AfD Kompakt, Fraktion Kompakt, AfD TV |
| Rechtskonservative bis rechtspopulistische Alternativmedien | skandalisieren politische Konflikte, verstärken Misstrauen gegenüber etablierten Medien und tragen rechte Deutungen in größere Öffentlichkeiten | Nius, Apollo News, Tichys Einblick, eigentümlich frei |
| Neurechte Theorie- und Kulturarbeit | entwickelt Begriffe und Strategien, bildet ein politisches Milieu und schafft einen Kanon rechter Literatur | Junge Freiheit, Cato, Sezession, Antaios, Jungeuropa, Die Kehre |
| Rechtsextreme und verschwörungsideologische Propaganda | verdichtet Feindbilder, deutet Krisen als Systemkampf und mobilisiert gegen die demokratische Gesellschaft | Compact, AUF1, PI-News, Zuerst!, Aufgewacht – Die deutsche Stimme |
Die Kategorien markieren unterschiedliche politische Funktionen. Entscheidend ist ihr Zusammenspiel: Ein Begriff kann in einem Theorieorgan entwickelt, in einem Verlag verbreitet, von AfD-Akteur:innen aufgegriffen und über reichweitenstarke Portale und Social Media popularisiert werden. Die aktuelle Forschung beschreibt solche Kooperationen, kuratierten Programme und gegenseitigen Vertriebswege als Teil neurechter Milieustrategien.
Partei- und fraktionsnahe Medien
AfD Kompakt, Fraktion Kompakt und AfD TV
Die AfD verfügt über eigene redaktionell gestaltete Partei-, Fraktions- und Videoangebote. AfD Kompakt verbreitet Themen und Kampagnen der Partei. Die AfD-Bundestagsfraktion veröffentlicht weiterhin das Magazin Fraktion Kompakt. Hinzu kommen AfD TV und die Social-Media-Kanäle von Partei, Fraktionen und Funktionär:innen.
Diese Angebote sind strategische Parteikommunikation. Sie wählen Ereignisse nach dem politischen Interesse der AfD aus, emotionalisieren Konflikte und stellen die Partei als vermeintlich einzige Vertreterin eines einheitlichen Volkswillens dar. Angriffe auf „Altparteien“, „Systemmedien“ oder eine angebliche politische „Einheitsfront“ delegitimieren demokratische Konkurrenz und pluralistische Öffentlichkeit.
Deutschland-Kurier
Der Deutschland-Kurier ist formal kein Parteiorgan, erfüllt jedoch eine parteinahe Kampagnenfunktion. Das Portal verbreitet AfD-Positionen, greift politische Gegner:innen an und verbindet zugespitzte Beiträge mit reichweitenorientierter Social-Media-Kommunikation.
Seine Vorgeschichte führt zum früheren Verein zur Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit und bürgerlichen Freiheiten, der umfangreiche Werbekampagnen zugunsten der AfD finanzierte. Diese Nähe ist für die Bewertung des Portals zentral.
Rechtskonservative bis rechtspopulistische Alternativmedien
Nius
Nius wurde 2023 unter publizistischer Führung des früheren Bild-Chefredakteurs Julian Reichelt aufgebaut. Das Portal arbeitet mit stark zugespitzten Beiträgen zu Migration, Geschlechterpolitik, Klima, Energie und öffentlich-rechtlichen Medien. Eine Untersuchung der Zeppelin Universität beschreibt Nius als rechtskonservativ bis rechtspopulistisch und kritisiert Skandalisierung, Polarisierung und eine häufig meinungsgetriebene Darstellung (Zeppelin Universität, 2025).
Apollo News
Apollo News richtet sich mit einer professionellen digitalen Aufmachung besonders an ein jüngeres Publikum. Das Portal verbindet rechtskonservative und rechtslibertäre Positionen mit Kulturkampf-, Migrations- und Freiheitsnarrativen. Seit 2025 wird es verstärkt als eigenständiger Akteur der rechtsalternativen Medienlandschaft untersucht (Newsroom.de, 2025).
Tichys Einblick
Tichys Einblick verbindet wirtschaftsliberale, rechtskonservative und rechtspopulistische Positionen. Wiederkehrende Schwerpunkte sind Migration, Klima- und Energiepolitik sowie Angriffe auf die Grünen und öffentlich-rechtliche Medien. Der medienethische Fachdiskurs ordnet das Angebot gemeinsam mit Nius als rechtskonservatives Alternativmedium ein (Journalistik, 2024).
eigentümlich frei, Tumult und Manuscriptum
eigentümlich frei verbindet libertäre Marktideologie und radikale Staatskritik mit rechten Kulturkampfthemen. Die Vierteljahresschrift Tumult bietet rechtsintellektuellen und rechtspopulistischen Autor:innen einen Debattenraum. Der Manuscriptum-Verlag schafft mit seinem Buchprogramm dauerhafte Vertriebs- und Publikationsmöglichkeiten für rechtskonservative, rechtslibertäre und neurechte Autor:innen.
Diese Angebote erfüllen eine Scharnierfunktion: Sie verbinden gesellschaftlich anschlussfähige konservative oder libertäre Positionen mit Autor:innen, Begriffen und Debatten aus dem neurechten Milieu.
Neurechte Theorie, Kultur und Verlagsarbeit
Junge Freiheit und Cato
Die Wochenzeitung Junge Freiheit gehört zu den institutionell stabilsten Medien der Neuen Rechten. Sie richtet sich an ein nationalkonservatives und rechtsbürgerliches Publikum. Das Magazin Cato bedient stärker kultur- und geistesgeschichtliche Interessen.
Beide Publikationen sind Teil einer größeren Infrastruktur: Zur Verlagsstruktur gehören das Umfeld der Bibliothek des Konservatismus und die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung. Zeitung, Kulturmagazin, Bibliothek, Veranstaltungen und Fördernetzwerk ergänzen sich. Eine aktuelle Bestandsaufnahme bezeichnet die Junge Freiheit als „Flaggschiff“ neurechter Publizistik (ver.di, 2025).
Sezession, Metapolitik und Menschenpark
Die Sezession ist das zentrale Theorieorgan des Schnellroda-Milieus. Sie vermittelt Begriffe und Strategien der Neuen Rechten und erschließt Texte der antidemokratischen „Konservativen Revolution“. Ihre politische Funktion besteht in langfristiger ideologischer Arbeit, strategischer Selbstverständigung und Nachwuchsbildung (apabiz, 2025).
Das frühere Institut für Staatspolitik wurde 2024 aufgelöst. Seine Aufgaben wurden auf neue Unternehmen verteilt: Erik Lehnert führt die Sezession über die Metapolitik Verlags-UG fort. Götz Kubitscheks Unternehmen Menschenpark organisiert Seminare und Veranstaltungen. Recherchen von taz und ARD beschreiben diesen Vorgang als organisatorischen Umbau des Netzwerks (taz, 2024, tagesschau.de, 2024).
Verlag Antaios
Der von Götz Kubitschek geführte Verlag Antaios veröffentlicht historische und gegenwärtige Texte der Neuen Rechten. Sein Programm liefert ideologische Grundlagen für Debatten über Volk, Nation, Migration, Demokratie und das Verhältnis zwischen AfD und ihrem politischen „Vorfeld“. 2024 wurde öffentlich, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz den Verlag als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“ bewertet (taz, 2024).
Jungeuropa
Der Jungeuropa Verlag wird von Philip Stein geführt, der zugleich das extrem rechte Kampagnennetzwerk Ein Prozent prägt. Bücher, Podcasts und Verlagstreffen verbinden unterschiedliche Strömungen der europäischen extremen Rechten. Das Projekt nutzt auch Popkultur und allgemeine Literatur, um völkische Positionen kulturell anschlussfähig zu präsentieren (LibMod).
Blaue Narzisse
Die Blaue Narzisse besteht als Onlinemagazin. Das von Felix Menzel gegründete Projekt richtet sich besonders an junge Autor:innen, Schüler:innen und Studierende. Es dient der Nachwuchsgewinnung und der Einbindung junger Schreibender in ein neurechtes Milieu.
Die Kehre: rechte Ökologie mit Bremer Verbindung
Die Zeitschrift Die Kehre überträgt neurechte Ideologie auf Ökologie, Naturschutz und Landwirtschaft. Herausgeber ist Jonas Schick, ein früherer Akteur der Bremer AfD und der Identitären Bewegung. Die Zeitschrift verbindet ökologische Krisen mit völkischen Vorstellungen von Heimat, Volk, Tradition und gesellschaftlicher Ordnung.
apabiz beschreibt Die Kehre als Stichwortgeberin für Teile der AfD, die ökologische Fragen rechts besetzen wollen (apabiz, 2025).
Rechtsextreme und verschwörungsideologische Propaganda
Compact
Compact verbindet rechtsextreme Mobilisierung, Verschwörungserzählungen, AfD-Nähe und multimediale Vermarktung. Printmagazin, Videos, Veranstaltungen, Shop und Spendenwerbung greifen ineinander. Staat, Medien und demokratische Institutionen erscheinen als feindliches „System“, gegen das ein vermeintlich homogenes Volk Widerstand leisten müsse.
Das 2024 vom Bundesinnenministerium ausgesprochene Verbot wurde am 24. Juni 2025 vom Bundesverwaltungsgericht rechtskräftig aufgehoben. Das Gericht stellte zugleich fest, dass Compact verfassungswidrige Positionen verbreitet und sich mit Martin Sellners menschenwürdewidrigem „Remigrationskonzept“ identifiziert. Für ein Vereinsverbot seien diese Aktivitäten in der Gesamtbetrachtung jedoch nicht hinreichend prägend gewesen (Bundesverwaltungsgericht, 2025).
AUF1
Der österreichische Onlinekanal AUF1 gehört zu den reichweitenstärksten rechtsextremen Parallelmedien im deutschsprachigen Raum. Er verbreitet verschwörungsideologische, wissenschaftsfeindliche, antisemitische und geschichtsrevisionistische Erzählungen und unterstützt AfD und FPÖ publizistisch.
Im 2026 vorgestellten Verfassungsschutzbericht 2025 wurde AUF1 als gesichert rechtsextremistische Bestrebung eingeordnet. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes hebt antisemitische Chiffren und Erzählungen über eine angebliche globale Elite hervor (DÖW, 2026).
PI-News und Journalistenwatch
PI-News arbeitet vor allem mit rassistischen und antimuslimischen Erzählungen über eine angebliche „Islamisierung“. Betreiberstrukturen bleiben intransparent. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bewertete das Portal 2021 als erwiesen extremistisch.
Journalistenwatch präsentiert sich als Medienkritik und Gegenöffentlichkeit. Das Portal verbreitet Kampagnen gegen Migration, Islam, Geschlechterpolitik und demokratische Medien. Eine Recherche der Zeit dokumentierte die frühere Förderung durch das US-amerikanische Middle East Forum und die politische Biografie des Gründers Thomas Böhm (Die Zeit, 2017).
Zuerst! und Aufgewacht – Die deutsche Stimme
Das Monatsmagazin Zuerst! stammt aus dem Verlagshaus des rechtsextremen Verlegers Dietmar Munier. Es verbindet nationalistische, rassistische und geschichtsrevisionistische Positionen mit Interviews von AfD-Funktionär:innen.
Die frühere NPD-Parteizeitung Deutsche Stimme erscheint seit März 2025 gemeinsam mit dem Magazin der extrem rechten Freien Sachsen unter dem Titel Aufgewacht – Die deutsche Stimme. Die Fusion führt traditionelle neonazistische Parteipublizistik und neuere rechte Protestmobilisierung zusammen (ver.di, 2025).
Kopp, Ares, Abendland und Freilich
Der Kopp Verlag verbindet verschwörungsideologische und rechte Literatur mit Esoterik, Krisenvorsorge und Produkten für Selbstschutz. Angst- und Krisenerzählungen werden so mit einem kommerziellen Angebot verschränkt (Deutschlandfunk Kultur).
Der österreichische Ares Verlag und die Zeitschrift Abendland, früher Neue Ordnung, verbinden deutsche und österreichische Autor:innen aus rechtskonservativen, neurechten und rechtsextremen Milieus. Das DÖW ordnet die frühere Neue Ordnung dem rechtsextremen Spektrum zu (DÖW).
Das österreichische Magazin Freilich ist ein modern gestaltetes Nachfolgeprojekt der 2018 eingestellten extrem rechten Aula und eng mit dem FPÖ-Milieu verbunden (DÖW).
Burschenschaftliche Blätter
Die Burschenschaftlichen Blätter sind das Verbandsorgan der Deutschen Burschenschaft. Die Zeitschrift verbindet akademisches Korporationsmilieu und Deutschnationalismus. Die politische Relevanz liegt in den personellen und ideologischen Übergängen zu AfD und extremer Rechter. Die GEW Berlin beschreibt die Burschenschaften mit ihren Häusern, Veranstaltungen und Publikationen als wichtige Infrastruktur dieses Milieus (GEW Berlin, 2024).
Wie rechte Medien politisch wirken
Gegenöffentlichkeit
Rechte Medien behaupten häufig, etablierte Redaktionen verschwiegen systematisch die Wahrheit. Diese Erzählung bindet das Publikum an die eigenen Kanäle und greift zugleich das Vertrauen in professionellen Journalismus an.
Begriffsarbeit
Begriffe wie „Remigration“, „Bevölkerungsaustausch“, „Globalismus“, „Schuldkult“ oder „Volkstod“ verdichten rechte Ideologie in scheinbar beschreibende Formeln. Ihre ständige Wiederholung verschiebt die Grenzen des öffentlich Sagbaren.
Arbeitsteilung
Theoriezeitschriften entwickeln Begriffe. Verlage machen sie dauerhaft verfügbar. Parteimedien übertragen sie in politische Forderungen. Reichweitenportale skandalisieren konkrete Ereignisse. Social-Media-Kanäle verdichten die Erzählungen zu emotionalen Bildern und kurzen Botschaften.
Infrastruktur
Abonnements, Buchverkäufe, Spenden, Shops, Veranstaltungen und Förderkreise finanzieren Personal, Räume und Netzwerke. Medien schaffen dadurch nicht nur Aufmerksamkeit, sondern ein dauerhaftes politisches Milieu.
Lebenswelt
Rechte Publizistik besetzt auch Literatur, Musik, Ökologie, Mode, Ernährung und Freizeit. Politik wird als umfassende Lebenswelt angeboten. Frühere Projekte wie das Lifestylemagazin Arcadi und aktuelle Kultur- oder Ökologieformate zeigen diese Strategie besonders deutlich.
