Identitäre und Junge Alternative Bremen: Wie aus Vernetzung Parteimacht wurde

Archivdossier · Erstveröffentlichung: 7. März 2017 · Überarbeitet: 2026

Die Bremer Junge Alternative verband völkische Straßenpolitik mit dem Aufstieg in der AfD. Ihre Führung marschierte bei den Identitären mit, trat gemeinsam mit Frank Magnitz auf und rückte in den Landesvorstand ein. Die Entwicklung zeigt, wie durchlässig die Partei für das identitäre Milieu war.

Teilnehmende am Berliner Bahnhof nach dem Aufmarsch der Identitären Bewegung am 17. Juni 2017.
Berlin, 17. Juni 2017: Aufnahme nach dem IB-Aufmarsch. Unsere damalige Dokumentation hält die Anwesenheit von Robert Teske, Marvin Mergard und Jonas Schick im Umfeld von Daniel Fiß fest. Bild: AfD Watch Bremen.

2012/13: Frühe Strukturen mit Verbindungen zur Neonaziszene

Erste Versuche, in Bremen eine identitäre Gruppe aufzubauen, reichen in die Jahre 2012/13 zurück. Im Februar 2013 beschrieb antifa-bremen.org regelmäßige Treffen von etwa zehn Personen in der Gaststätte Neckarquelle. Als Wortführer trat Christian Wagner aus Weyhe auf. Bei den Treffen waren dem Bericht zufolge auch die regional bekannten Neonazis Andreas Hackmann und Gerold Schibblock präsent. Wagner war zugleich für die bundesweite Internetseite der Identitären verantwortlich. [1] [2]

Die damals noch kleine Gruppe knüpfte damit an vorhandene rechte Szenestrukturen an. Ihre Selbstdarstellung setzte auf eine vermeintlich bedrohte kulturelle Identität. Dahinter stand eine völkische Einteilung in Zugehörige und Fremde: Rassistische Ausgrenzung erhielt eine Sprache, die sich als Schutz von Kultur und Gemeinschaft präsentierte. [1]

2016: Neuer IB-Ableger und Aufbau der Parteijugend

Das Antifaschistische Infoblatt datiert den Aufbau eines offiziellen Bremer IB-Ablegers auf September 2016. Im Oktober desselben Jahres gründete sich die Junge Alternative Bremen in der Gaststätte Zum Grünen Jäger in Farge. Robert Teske wurde Vorsitzender, Marvin Mergard sein Stellvertreter. Bei der Gründungsfeier war auch der niedersächsische JA-Akteur Lars Steinke anwesend; sein veröffentlichter Facebook-Beitrag dokumentierte die Verbindung nach Bremen. [2] [3]

Damit entstanden vor Ort zwei organisatorische Zugänge zur extremen Rechten: Die IB setzte auf öffentlichkeitswirksame Aktionen, die JA bot die Anbindung an eine Partei. Teske und Mergard bewegten sich im folgenden Jahr in beiden Zusammenhängen und machten deren Überschneidungen öffentlich sichtbar. [2] [4]

2017: Gemeinsame Aufmärsche und gemeinsame Feindbilder

Am 17. Juni 2017 nahmen Teske und Mergard an einem Aufmarsch der Identitären Bewegung in Berlin teil. AfD und JA hatten bereits 2016 Unvereinbarkeitsbeschlüsse zur IB gefasst. Gegenüber der taz verteidigte Mergard die Teilnahme: Nach seiner Auslegung untersagte der Beschluss exponierte Funktionen wie Redner oder Ordner; die Teilnahme als Demonstrant bleibe möglich. Der stellvertretende JA-Bundesvorsitzende Krzysztof Walczak widersprach dieser Auslegung und kündigte eine Prüfung an. [4]

Die Nähe reichte in die politische Sprache hinein. Die taz dokumentierte bei Teske und Mergard die Verwendung der rassistischen Erzählung vom „großen Austausch“. Migration wurde darin als Verdrängung einer als einheitlich vorgestellten Bevölkerung gedeutet. Das erklärt die politische Anschlussfähigkeit: Wer Menschen mit Einwanderungsgeschichte als Bedrohung beschreibt, schafft ein gemeinsames Feindbild für Parteiarbeit und Straßenmobilisierung. [4]

August 2017: Der Parteichef mitten im identitären Umfeld

Beim Wahlkampfauftritt Angela Merkels am 15. August 2017 auf dem Bremer Marktplatz traten Magnitz, Teske und Mergard gemeinsam mit Akteuren der Identitären auf. Unsere Fotodokumentation zeigt auch Jonas Schick. Die Beteiligten verteilten Flugblätter gegen die Asylpolitik der Bundesregierung. Das Antifaschistische Infoblatt rekonstruierte den gemeinsamen Auftritt und die Kontakte des damaligen AfD-Landesvorsitzenden zu diesem Umfeld. [5] [2]

Dokumentation des gemeinsamen Auftritts von AfD-, JA- und IB-Akteuren auf dem Bremer Marktplatz am 15. August 2017.
Bremer Marktplatz, 15. August 2017: Frank Magnitz, Robert Teske, Marvin Mergard und Jonas Schick bei dem dokumentierten gemeinsamen Auftritt. Bild: AfD Watch Bremen. [5]

Dieser Auftritt verschaffte den Identitären Anschluss an die sichtbare Führung der Bremer AfD. Zugleich griff der Bundestagskandidat Magnitz auf ein Umfeld zurück, dessen Aktivisten bereits mit der Parteijugend vernetzt waren. Die formellen Abgrenzungsbeschlüsse hatten die gemeinsame politische Praxis in Bremen offenkundig kaum begrenzt. [5] [6]

Dezember 2017: Der Nachwuchs rückt in die Parteiführung

Im Dezember 2017 wählte der Bremer AfD-Parteitag drei JA-Mitglieder in den Landesvorstand. Teske wurde zweiter stellvertretender Landesvorsitzender, Mergard Schriftführer und Jens Schäfer Beisitzer. Die taz berichtete über die Wahl und erinnerte an die Teilnahme Teskes und Mergards am IB-Aufmarsch wenige Monate zuvor. [6]

Die Ämter verschafften den Funktionären Einfluss auf die Landespartei. Für uns liegt darin der entscheidende Schritt dieser Entwicklung: Die Parteimitglieder übertrugen zwei öffentlich als IB-Demonstranten bekannten Funktionären Führungsaufgaben. Die politische Verbindung erhielt durch die Vorstandsposten zusätzliches Gewicht.

2018: Das Netzwerk reicht ins Abgeordnetenbüro

Im April 2018 berichtete die taz über Schicks regelmäßige Arbeit im Bremer Regionalbüro des Bundestagsabgeordneten Magnitz. Videomaterial zeigte ihn über mehrere Wochen zu Bürozeiten, auch gemeinsam mit Teske. Magnitz bestätigte gegenüber Radio Bremen zwei Teilzeitstellen für den Büroaufbau. Zu einer Beschäftigung Schicks erklärte er sinngemäß, ausschlaggebend sei dessen berufliche Qualifikation; im Büro würde Schick als Person tätig sein, unabhängig von seiner Rolle bei den Identitären. [7]

Diese Personalpolitik öffnete dem identitären Umfeld den Zugang zur Arbeitsstruktur eines Bundestagsabgeordneten. Die Zusammenarbeit gewann damit eine materielle Grundlage: Büroarbeit und parlamentarische Beschäftigung boten Ressourcen für Akteure, die zuvor durch gemeinsame Aktionen aufgefallen waren. Die taz-Recherche machte diesen Übergang von der Straßenpolitik in den parlamentarischen Betrieb nachvollziehbar. [7]

Herbst 2018: Beobachtung und innerparteilicher Machtkampf

Am 3. September 2018 wurde öffentlich, dass der Bremer Verfassungsschutz die Junge Alternative seit der Vorwoche beobachtete. Der JA-Bundesvorsitzende Damian Lohr kündigte daraufhin einen außerordentlichen Bundeskongress an, der über die Abgliederung der Landesverbände Bremen und Niedersachsen beraten sollte. Die dokumentierten Verbindungen und Veröffentlichungen des Nachwuchses waren inzwischen Gegenstand eines bundesweiten Konflikts in der Partei. [8]

Am 20. Dezember 2018 empfahl der Bremer AfD-Landesvorstand der JA die Selbstauflösung. Der Jugendverband lehnte noch am selben Abend ab. Nach dem Bericht der taz betraf der Streit zugleich die Konkurrenz um aussichtsreiche Listenplätze für die Bürgerschaftswahl. Teske bestätigte der Zeitung, einen Platz unter den ersten drei anzustreben. Der Konflikt verlief damit zwischen Akteuren, die zuvor gemeinsam aufgetreten waren und nun um Einfluss und Mandatschancen stritten. [9]

Ab 2019: Die Karrierewege führen weiter

Teske arbeitete ab 2019 als Büroleiter Björn Höckes in Thüringen. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann er den Südthüringer Wahlkreis Suhl – Schmalkalden-Meiningen – Hildburghausen – Sonneberg. Sein weiterer Aufstieg zeigt, welche Karrierewege einem früheren Bremer JA-Vorsitzenden nach den öffentlich dokumentierten IB-Verbindungen offenstanden. [10]

Die Bremer Entwicklung steht für einen konkreten Mechanismus: Völkische Mobilisierung brachte Akteure zusammen; Jugendorganisation, Parteiämter und Abgeordnetenbüros eröffneten ihnen weitere politische Handlungsräume. Aus gemeinsamen Auftritten entstanden belastbare Verbindungen in die AfD. An diesem Verlauf lässt sich die Bedeutung des identitären Milieus für den damaligen Bremer Parteinachwuchs erkennen.

Die weiteren Entwicklungen dokumentieren unsere Dossiers zur Jungen Alternative Bremen, zu Robert Teske und zu Marvin Mergards Rolle in der Landespartei. Die heutige Parteijugend behandelt die Seite Generation Deutschland Bremen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische antifaschistische Recherchen, journalistische Berichte und unsere Bilddokumentationen zur Entwicklung in Bremen. Der abschließende Wahlbericht ergänzt Teskes späteren Karriereweg.

[1] antifa-bremen.org · Februar 2013

Die Identitären liegen in der Luft

Zeitgenössischer Bericht über die Treffen in der Neckarquelle, Christian Wagner und Verbindungen zu regionalen Neonazis.

[2] Antifaschistisches Infoblatt · AIB 117, 4/2017 · online 30. März 2018

AfD, JA und IB in Bremen – Ein und das Selbe?

Rekonstruktion der Bremer IB-Strukturen und der personellen sowie politischen Überschneidungen mit JA und AfD.

[4] taz · Simone Schnase und Sebastian Sirk · 21. Juni 2017

Seit’ an Seit’ mit Identitären

Teilnahme am Berliner IB-Aufmarsch, politische Begriffe und die unterschiedlichen Stellungnahmen Mergards und des JA-Bundesvorstands.

[6] taz · Gareth Joswig · 14. Dezember 2017

Die identitäre AfD

Wahl Teskes, Mergards und Schäfers in den AfD-Landesvorstand und die vorherigen gemeinsamen Auftritte mit Identitären.

[7] taz · Andreas Speit und Sebastian Heidelberger · 26. April 2018

Das rechtsextreme Regionalbüro

Recherche zu Schick und Teske im Büro von Magnitz einschließlich der damaligen Stellungnahmen des Abgeordneten.

[8] taz · Andrea Maestro und Andreas Speit · 3. September 2018

AfD-Nachwuchs im Visier

Zeitpunkt der Beobachtung der Bremer JA und die anschließende Auflösungsdebatte auf Bundesebene.

[9] taz · Gareth Joswig · 21. Dezember 2018

Die Reihen fast geschlossen

Selbstauflösungsempfehlung des Vortags, Ablehnung durch die JA und Konflikt um Listenplätze.