30,6 Prozent in Tenever: Wie sich die politische Rechte in Bremen neu sortiert

AfD, Bürger in Wut und die Wahlgeografie einer Stadt, in der sich rechte Wahlerfolge räumlich konzentrieren und zwischen konkurrierenden Parteien verschieben

Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD in der Stadt Bremen 13,5 Prozent der Zweitstimmen. Damit hatte sich ihr Stimmenanteil gegenüber 2021 mehr als verdoppelt. Doch auch dieser stadtweite Wert verdeckt erhebliche Unterschiede. Im Ortsteil Tenever erreichte die Partei 30,6 Prozent, in Blumenthal 25,3 Prozent, im Stadtteil Osterholz 24,1 Prozent, in der Vahr 22,0 Prozent, in Gröpelingen 20,3 Prozent und in Huchting 19,4 Prozent. In Schwachhausen waren es dagegen 5,3 Prozent, in der Östlichen Vorstadt lediglich 4,7 Prozent. Bremen besitzt damit keine einheitliche AfD-Wahlgeografie, sondern ein ausgeprägtes räumliches Gefälle. Wer diese Entwicklung verstehen will, darf allerdings nicht erst 2025 beginnen und auch nicht ausschließlich auf die AfD schauen. Gerade in der Stadt Bremen lässt sich beobachten, wie sich unterschiedliche rechte Parteien über Jahre in teilweise denselben politischen Räumen bewegen, miteinander konkurrieren und voneinander Wähler:innenpotenziale übernehmen können, ohne dass daraus eine feste oder identische Wähler:innenschaft folgt. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Bürger in Wut, die 2023 von der Abwesenheit der AfD profitierten, anschließend in Bündnis Deutschland aufgingen und seit August 2026 wieder als eigenständige Bürger in Wut (BiW) auftreten.

Bremen ist nicht Bremerhaven

Der Vergleich mit Bremerhaven ist aufschlussreich, weil sich die politische Rechte in beiden Städten unterschiedlich entwickelt hat. In Bremerhaven konnten DVU und später Bürger in Wut über die besondere Fünf-Prozent-Hürde des Wahlbereichs früh direkten Einfluss auf die Bremische Bürgerschaft gewinnen. In der Stadt Bremen war die Entwicklung stärker fragmentiert. Rechte Parteien erreichten über längere Zeit vergleichsweise niedrige stadtweite Ergebnisse, konnten sich aber lokal in einzelnen Beiräten und bestimmten Stadtteilen verankern. Diese kommunale Ebene ist für Bremen besonders wichtig. Die 22 Beiräte bilden politische Räume unterhalb der Stadtbürgerschaft, in denen kleinere Parteien auch ohne stadtweiten Erfolg Mandate gewinnen können. Bereits vor der Gründung der AfD waren dort unterschiedliche rechte und extrem rechte Parteien vertreten. Nach der Beiratswahl 2007 verfügten unter anderem DVU und Republikaner über Mandate. 2011 traten beide nicht mehr an, während die NPD jeweils einen Sitz in den Beiräten Blumenthal und Gröpelingen erhielt. Gleichzeitig bauten die Bürger in Wut ihre lokale Präsenz aus. Das bedeutet nicht, dass aus diesen früheren Strukturen automatisch die spätere AfD hervorging. Es zeigt aber, dass die politische Rechte in Bremen bereits vor der AfD über lokale Resonanzräume und parlamentarische Anknüpfungspunkte verfügte.

Bürger in Wut waren in Bremen schon vor der AfD lokal verankert

Besonders deutlich wurde das 2011. Die Bürger in Wut kandidierten damals in zehn Bremer Beiratsbereichen und gewannen in sieben davon jeweils ein Mandat. Ihre stärksten Ergebnisse erzielten sie in Blumenthal mit 8,5 Prozent, Vegesack mit 8,4 Prozent und Burglesum mit 6,0 Prozent. Stadtweit blieben sie bei der Stadtbürgerschaft mit 3,1 Prozent unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde. Schon damals entstand damit ein Muster, das für die weitere Entwicklung interessant ist: Bremen-Nord spielte für rechte Parteien eine überdurchschnittliche Rolle, obwohl daraus noch kein entsprechender stadtweiter Wahlerfolg entstand. Gleichzeitig zeigten die Mandate der NPD in Blumenthal und Gröpelingen, dass auch die extreme Rechte lokal in politische Vertretungen gelangen konnte. Diese Ergebnisse sind keine Vorhersage späterer AfD-Erfolge. Sie bilden aber einen historischen Hintergrund, vor dem die heutige Wahlgeografie betrachtet werden muss.

2019: Die AfD entwickelt eine eigene Wahlkarte

Bei der Bürgerschaftswahl 2015 erreichte die AfD im Wahlbereich Bremen 5,59 Prozent. Vier Jahre später waren es 5,65 Prozent. Auf den ersten Blick hatte sich also wenig verändert. Hinter dem nahezu konstanten Gesamtergebnis entwickelte sich jedoch eine deutlich ungleichmäßigere räumliche Verteilung. Bei der Stadtbürgerschaftswahl 2019 erreichte die AfD in Blumenthal 11,86 Prozent, in Gröpelingen 10,04 Prozent, in Osterholz 9,15 Prozent, in der Vahr 8,90 Prozent und in Huchting 8,36 Prozent. In Schwachhausen waren es dagegen lediglich 2,11 Prozent und in der Östlichen Vorstadt 2,01 Prozent. Bereits sechs Jahre vor der Bundestagswahl 2025 zeichnet sich damit eine Wahlgeografie ab, die in wesentlichen Teilen später wieder auftaucht: überdurchschnittliche AfD-Ergebnisse insbesondere in Bremen-Nord sowie in Teilen des Bremer Westens, Südens und Ostens und erheblich niedrigere Werte in mehreren innenstadtnahen und einkommensstärkeren Quartieren. Das ist zunächst eine räumliche Beobachtung, keine Erklärung. Aus dem Wohnort lassen sich weder individuelle Einstellungen noch Wahlmotive ableiten. Ebenso wäre es methodisch falsch, soziale Merkmale eines Stadtteils unmittelbar zur Ursache für AfD-Wahlentscheidungen zu erklären. Die Wahlergebnisse zeigen aber, wo die AfD schon damals überdurchschnittlich erfolgreich mobilisierte.

2023 verschwindet die AfD vom Stimmzettel – nicht aber ihr politischer Resonanzraum

Die Bürgerschaftswahl 2023 stellt für Bremen einen außergewöhnlichen Einschnitt dar. Die AfD konnte im Wahlbereich Bremen nicht antreten. Zwei miteinander konkurrierende innerparteiliche Lager hatten jeweils eigene Wahlvorschläge eingereicht. Der Wahlbereichsausschuss wies beide AfD-Listen zurück. Für die Beiratswahlen war die Situation differenzierter: Eine AfD-Liste wurde in Burglesum zugelassen, ein Wahlvorschlag in Hemelingen dagegen zurückgewiesen. Damit fehlte bei der Wahl zur Bürgerschaft und Stadtbürgerschaft ausgerechnet eine Partei, die vier Jahre zuvor in mehreren Bremer Stadtteilen deutlich über dem eigenen stadtweiten Ergebnis gelegen hatte. Die Bürger in Wut traten dagegen an – und steigerten ihr Ergebnis in der Stadt Bremen auf 7,4 Prozent. Erstmals überwanden sie damit auch im Wahlbereich Bremen die Fünf-Prozent-Hürde.

Der Erfolg war wiederum räumlich sehr ungleich verteilt. In Gröpelingen erreichten die BiW 13,0 Prozent, in Huchting 11,2 Prozent und in der Vahr 10,3 Prozent. Genau diese Stadtteile hatten bereits 2019 überdurchschnittliche AfD-Ergebnisse aufgewiesen. Diese Überschneidung ist einer der wichtigsten Befunde für die politische Rechte in Bremen. Die Versuchung ist groß, daraus eine einfache Wanderung zu konstruieren: 2019 AfD, 2023 BiW, 2025 wieder AfD. Die verfügbaren Daten erlauben diese Aussage jedoch nicht. Wahlstatistiken auf Stadtteil- oder Ortsteilebene zeigen nicht, welche einzelne Person bei aufeinanderfolgenden Wahlen welche Partei gewählt hat. Hinzu kommen unterschiedliche Wahlarten, Wahlbeteiligungen, politische Themen und Veränderungen der Bevölkerung. Was sich sehr wohl feststellen lässt, ist eine auffällige räumliche Überlagerung politischer Resonanzräume. Gröpelingen gehört 2019 zu den stärkeren AfD-Stadtteilen, erzielt 2023 eines der höchsten BiW-Ergebnisse und liegt 2025 erneut deutlich über dem Bremer AfD-Durchschnitt. Ähnliches gilt für die Vahr und Huchting. In Bremen-Nord reicht diese Geschichte noch weiter zurück: Dort erzielten BiW bereits 2011 überdurchschnittliche Beiratsergebnisse, bevor die AfD überhaupt gegründet worden war. Für die Analyse ist deshalb eine andere Formulierung präziser: In bestimmten Teilen Bremens besteht über unterschiedliche Wahlen hinweg eine erhöhte Aufnahmefähigkeit für verschiedene rechte Parteien. Welche Partei davon profitiert, hängt auch davon ab, welche Angebote tatsächlich zur Wahl stehen und wie diese politisch mobilisieren.

2025 kehrt die AfD mit deutlich größerer Reichweite zurück

Die Bundestagswahl 2025 verändert die Größenordnung. In der Stadt Bremen erhielt die AfD 39.664 Zweitstimmen und damit 13,5 Prozent. Bündnis Deutschland, in dem die früheren Bürger in Wut inzwischen aufgegangen waren, erreichte dagegen lediglich 0,2 Prozent. Bundestags- und Bürgerschaftswahlen sind nicht unmittelbar vergleichbar, dennoch zeigt der Abstand, wie stark sich die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses politischen Spektrums verändert hatten. Noch deutlicher wird das auf der kleinräumigen Ebene. In Tenever erhielt die AfD 30,6 Prozent der Zweitstimmen. Im gesamten Stadtteil Osterholz waren es 24,1 Prozent, in Blumenthal 25,3 Prozent, in der Vahr 22,0 Prozent, in Gröpelingen 20,3 Prozent und in Huchting 19,4 Prozent. In allen diesen Gebieten lag die Partei erheblich über ihrem stadtweiten Ergebnis. Gleichzeitig blieben ihre Werte in Schwachhausen mit 5,3 Prozent und in der Östlichen Vorstadt mit 4,7 Prozent weit darunter. Die politische Geografie von 2019 ist damit 2025 nicht verschwunden. Sie hat sich erheblich verstärkt.

Tenever ist dafür das drastischste Beispiel. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD dort 30,6 Prozent der Zweitstimmen und 32,3 Prozent der Erststimmen. Gegenüber der vorherigen Bundestagswahl stieg ihr Zweitstimmenanteil um 16,1 Prozentpunkte. Die Wahlbeteiligung lag bei 62,8 Prozent. Es wäre dennoch falsch, Tenever als „AfD-Ortsteil“ zu etikettieren. Rund sieben von zehn gültigen Zweitstimmen gingen an andere Parteien, hinzu kommen Menschen, die nicht gewählt haben. Eine solche Zuschreibung würde einen sozial und politisch heterogenen Stadtteil auf das Ergebnis einer Partei reduzieren und die dort vorhandenen demokratischen, migrantischen und zivilgesellschaftlichen Strukturen ausblenden. Gerade deshalb ist die Zahl von 30,6 Prozent analytisch wichtig: nicht als Charakterisierung seiner Bewohner:innen, sondern als Hinweis darauf, wie weit die AfD inzwischen auch in einem großstädtischen, sozial und kulturell vielfältigen Quartier mobilisieren kann.

Bürger in Wut profitierten 2023 von einer besonderen Konstellation

Der BiW-Erfolg von 2023 muss vor diesem Hintergrund neu gelesen werden. Die 7,4 Prozent in der Stadt Bremen waren real und können nicht einfach der AfD zugerechnet werden. Dennoch trat die Partei in einer Situation an, in der ihre wichtigste rechte Konkurrenz nicht auf dem Stimmzettel stand. Damit wird zugleich verständlich, warum das Ergebnis von 2023 keine verlässliche Aussage über ein dauerhaftes Kräfteverhältnis zwischen beiden Parteien erlaubte. Zwei Jahre später erzielte Bündnis Deutschland bei der Bundestagswahl in der Stadt Bremen nur 0,2 Prozent der Zweitstimmen, während die AfD auf 13,5 Prozent kam. Auch daraus folgt keine direkte Wähler:innenwanderung. Aber die beiden Wahlen zeigen, wie stark sich politische Konkurrenz, Parteimarke und Wahlangebot auf die Verteilung rechter Stimmen auswirken können.

Zur Geschichte dieses politischen Feldes gehören außerdem personelle Wechsel. Besonders deutlich wird das an Piet Leidreiter. Er gehörte zu den Gründungsakteuren der Bremer AfD, wurde 2015 über die AfD in die Bürgerschaft gewählt, verließ die Partei noch im selben Jahr und wechselte über die späteren Liberal-Konservativen Reformer schließlich 2017 zu Bürger in Wut. 2023 war Leidreiter einer der zentralen BiW-Kandidaten im Wahlbereich Bremen. Auch andere Personen wechselten in den vergangenen Jahren zwischen AfD und BiW beziehungsweise deren Nachfolgeorganisationen. Solche Wechsel beweisen keine organisatorische Einheit beider Parteien und sind kein Ersatz für eine Analyse ihrer jeweiligen Programmatik. Sie zeigen aber, dass die Grenze zwischen den Organisationen personell durchlässiger ist, als eine Betrachtung allein anhand von Parteinamen vermuten lässt. Umgekehrt konkurrieren AfD und BiW um Mandate, öffentliche Aufmerksamkeit und zumindest teilweise ähnliche Wähler:innenräume. Personelle Anschlussfähigkeit und parteipolitische Konkurrenz schließen sich nicht aus.

Warum Bündnis Deutschland wieder Bürger in Wut heißt

Die Entwicklung nach 2023 zeigt zugleich die Bedeutung einer lokalen Parteimarke. Nach dem Wahlerfolg gingen die Bürger in Wut in Bündnis Deutschland auf. Der Versuch, das Bremer Erfolgsmodell in eine bundesweit auftretende Partei zu integrieren, brachte in Bremen jedoch nicht die erhoffte Stabilisierung. Bei einer Infratest-dimap-Befragung im Auftrag von Radio Bremen sank Bündnis Deutschland von den landesweiten 9,4 Prozent der Wahl 2023 auf drei Prozent, während die AfD auf 15 Prozent kam. Im August 2026 zog die Bremer Struktur daraus organisatorische Konsequenzen. Sie löste sich wieder aus Bündnis Deutschland und tritt zur Bürgerschaftswahl 2027 erneut als Bürger in Wut an. Mit Bündnis Deutschland soll eine partnerschaftliche Verbindung bestehen bleiben. Jan Timke begründete die Rückkehr ausdrücklich auch mit dem größeren Bekanntheitsgrad der alten Marke. Die von der Partei selbst beauftragte Befragung, auf die er sich dabei beruft, ist nach Angaben von Radio Bremen nicht repräsentativ und kann deshalb nicht als Wahlprognose gelten.

Die Umbenennung ist trotzdem politisch aufschlussreich. BiW versucht, an eine lokale Identität und den Wahlerfolg von 2023 anzuknüpfen, während die AfD inzwischen mit deutlich höheren bundesweiten Wahlergebnissen und besseren Umfragewerten in den Wettbewerb um die Bürgerschaftswahl 2027 geht.

Die Beiräte bleiben ein wichtiger Teil des Lagebildes

Für die Stadt Bremen reicht deshalb eine Betrachtung der Bürgerschaft allein nicht aus. Die Beiräte waren immer wieder Orte, an denen kleinere rechte Parteien politische Repräsentation erreichten, obwohl ihnen stadtweit der Einzug in die Stadtbürgerschaft nicht gelang. Bereits die BiW-Ergebnisse von 2011 zeigen das: sieben Beiratsmandate bei einem stadtweiten Stadtbürgerschaftsergebnis von nur 3,1 Prozent. Gleichzeitig verfügte die NPD in Blumenthal und Gröpelingen über jeweils ein Beiratsmandat. Die lokale Ebene ist deshalb nicht bloß ein parlamentarischer Nebenschauplatz. Sie kann Parteien Sichtbarkeit verschaffen, Kandidat:innen aufbauen, kommunale Konfliktthemen besetzen und eine längerfristige Verankerung ermöglichen. Gerade für ein Monitoring der politischen Rechten in Bremen müssen Bürgerschaft, Stadtbürgerschaft und Beiräte zusammen betrachtet werden, ohne ihre unterschiedlichen Kompetenzen und Wahlsysteme miteinander zu vermischen.

Die Wahlkarte legt weitere Fragen nahe. Einige der Gebiete mit hohen AfD- oder BiW-Ergebnissen gehören zu Stadtteilen, in denen soziale Ungleichheit, niedrige Einkommen oder geringe Wahlbeteiligung eine größere Rolle spielen. Daraus darf jedoch keine mechanische Erklärung entstehen. Arbeitslosigkeit macht Menschen nicht zu AfD-Wähler:innen, Armut produziert keine rassistischen Einstellungen und ein hoher Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte schützt einen Stadtteil umgekehrt nicht automatisch vor rechten Wahlerfolgen. Tenever ist gerade deshalb analytisch interessant. Der Ortsteil ist durch Migration und soziale Vielfalt geprägt und weist zugleich das höchste hier betrachtete AfD-Ergebnis der Bundestagswahl 2025 auf. Daraus folgt nicht, dass Migration AfD-Wahlerfolge verursacht. Vielmehr zeigt es, warum einfache Milieutheorien nicht ausreichen. Um Wahlentscheidungen zu verstehen, müssten Sozialstruktur, politische Kommunikation, lokale Konflikte, Mediennutzung, Mobilisierung, Wahlbeteiligung und individuelle Einstellungen gemeinsam untersucht werden. Menschen wählen Parteien. Stadtteile wählen nicht.

Keine lineare Geschichte von DVU über NPD und BiW zur AfD

Auch historisch sollte keine künstliche Traditionslinie konstruiert werden. Dass DVU und NPD früher in einzelnen Bremer Beiräten vertreten waren, die BiW später in einigen derselben Gebiete hohe Ergebnisse erzielten und heute dort die AfD überdurchschnittlich stark ist, belegt keine kontinuierliche Wähler:innenschaft über Jahrzehnte hinweg. Bevölkerungen verändern sich, Parteien verändern sich und politische Konflikte verändern sich. Was die Daten zeigen, ist subtiler und gerade deshalb interessanter: Bestimmte Räume Bremens sind über längere Zeit wiederholt für unterschiedliche rechte Parteien überdurchschnittlich erreichbar gewesen. Gleichzeitig entstehen neue Schwerpunkte und die Größenordnung hat sich verändert. Die AfD von 2025 verfügt über eine erheblich größere Reichweite als die NPD oder DVU in der Stadt Bremen und kann daher nicht einfach als deren parlamentarische Nachfolgerin beschrieben werden. Die Entwicklung ist keine gerade Linie. Sie ist eine Geschichte von Kontinuitäten, Brüchen, Konkurrenz und Radikalisierung.

2027 wird zum Test für zwei unterschiedliche Strategien

Vor der Bürgerschaftswahl 2027 treffen damit zwei sehr unterschiedliche Ausgangslagen aufeinander. Die AfD war 2023 aufgrund ihrer eigenen innerparteilichen Konflikte nicht zur Bürgerschaftswahl zugelassen, hat sich seitdem organisatorisch neu aufgestellt und erreicht in aktuellen landesweiten Umfragen deutlich höhere Werte. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie in der Stadt Bremen 13,5 Prozent und in einzelnen Ortsteilen mehr als 25 oder sogar 30 Prozent. Bürger in Wut wiederum verfügen über die parlamentarischen Strukturen und Mandate ihres Wahlerfolgs von 2023 und versuchen nun, mit der Rückkehr zur früheren Parteimarke verloren gegangene Zustimmung zurückzugewinnen. Dabei wäre es falsch, die möglichen Stimmen beider Parteien einfach zu addieren und daraus einen festen „rechten Block“ zu konstruieren. AfD und BiW unterscheiden sich in Organisation, Personal, Auftreten und politischer Radikalisierung; ihre Wähler:innen sind nicht identisch. Gleichzeitig zeigen die Bremer Wahlergebnisse, dass ihre politischen Räume teilweise deutlich überlappen. Gerade Gröpelingen, Huchting und die Vahr machen das sichtbar: 2019 überdurchschnittliche AfD-Ergebnisse, 2023 starke BiW-Ergebnisse bei fehlender AfD und 2025 erneut weit überdurchschnittliche AfD-Werte. Bremen-Nord weist zusätzlich eine Geschichte rechter Beiratsrepräsentation auf, die bis weit vor die Gründung der AfD reicht.

Die entscheidende Erkenntnis aus der Wahlgeografie lautet deshalb nicht, dass Bremen in zwei politische Lager zerfällt oder bestimmte Stadtteile dauerhaft „rechts“ seien. Die Daten zeigen vielmehr, dass rechte Parteien in Bremen räumlich sehr unterschiedlich erfolgreich sind und dass sich ihre politischen Resonanzräume über mehrere Wahlen hinweg teilweise reproduzieren. 2019 war die AfD in Blumenthal, Gröpelingen, Osterholz, Vahr und Huchting bereits überdurchschnittlich stark. 2023 erzielten Bürger in Wut in mehreren dieser Gebiete ihre besten Ergebnisse, während die AfD nicht zur Bürgerschaftswahl antreten konnte. 2025 kehrte die AfD mit erheblich größerer Reichweite zurück und erreichte in Tenever 30,6 Prozent, in Blumenthal 25,3 Prozent und in Osterholz 24,1 Prozent. Bündnis Deutschland spielte bei derselben Bundestagswahl mit 0,2 Prozent in der Stadt Bremen praktisch keine Rolle.

Die Rückkehr von Bürger in Wut verändert dieses Kräftefeld erneut. Für 2027 geht es deshalb um mehr als die Frage, wie stark die AfD wird. Es geht darum, wie sich ein gewachsener rechter politischer Resonanzraum zwischen einer deutlich erstarkten AfD und einer lokal etablierten BiW-Struktur verteilt, welche personellen und politischen Übergänge entstehen und in welchen Teilen der Stadt beide Parteien besonders erfolgreich mobilisieren können. Die Wahlkarte liefert darauf noch keine vollständige Antwort. Aber sie zeigt, wo genauer hingesehen werden muss – und vor allem, dass sich die politische Rechte in Bremen weder über eine einzelne Partei noch über ein einzelnes Wahlergebnis verstehen lässt.

Redaktion
AfD Watch Bremen