Ahmet Görgülü: Der Aufstieg eines bislang wenig bekannten AfD-Funktionärs

Wie der Landesschatzmeister die Führung des Bremer Landesverbandes mit dem Kreisverband Bremen-Nord verbindet – und seine eigene Migrationsgeschichte zur Legitimation einer restriktiven rassistischen Politik einsetzt.

Ahmet Görgülü gehörte lange nicht zu den öffentlich bekannten Gesichtern der Bremer AfD. Innerhalb weniger Jahre ist er jedoch in den engeren Führungskreis des Landesverbandes aufgestiegen. Seit Oktober 2025 verwaltet er als Landesschatzmeister einen zentralen Bereich der Parteiorganisation. Im August 2026 wählte ihn der Kreisverband Bremen-Nord nach eigenen Angaben außerdem zum stellvertretenden Vorsitzenden. Görgülü verbindet damit zwei Ebenen, die für die gegenwärtige Machtstruktur der Partei entscheidend sind: die Finanzverwaltung des Landesverbandes und die operative Parteiarbeit in Bremen-Nord.

Seine öffentliche Bedeutung beschränkt sich allerdings nicht auf interne Organisationsaufgaben. Görgülü, der als Kind türkischer Arbeitsmigrant:innen in Deutschland aufwuchs, stellt seine Familiengeschichte in den Dienst einer restriktiven Migrations- und Sozialstaatskritik. Seine Biografie wird dadurch zu einem politischen Argument: Die Migration der eigenen Eltern erscheint als leistungsorientiertes Gegenmodell zu heutigen Geflüchteten, denen er fehlende Arbeitsbereitschaft unterstellt.

Vom Kreisverband in die Landesführung

Noch im Februar 2025 wurde Görgülü als Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Bremen-Nord vorgestellt. Landesschatzmeister war damals Mertcan Karakaya. Auf dem Landesparteitag im Oktober 2025 übernahm Görgülü dieses Amt. Die AfD Bremen führt ihn seitdem offiziell als Landesschatzmeister. Die Wahl gehörte zur personellen Konsolidierung des Landesverbandes unter Sergej Minich. Minich wurde nach Angaben der Partei mit mehr als 95 Prozent als Landesvorsitzender bestätigt. Marvin Mergard stieg zum stellvertretenden Landesvorsitzenden auf. Neben Görgülü wurden Jürgen Hauschild, Stephan Hilbers, Maxim Maier und Mario Timmermann in den Vorstand gewählt. Über die jeweiligen Abstimmungsergebnisse, Gegenkandidaturen und mögliche innerparteiliche Auseinandersetzungen berichtete die Partei nicht. Die verbreiteten Meldungen zur Vorstandswahl beruhten ebenfalls auf ihrer eigenen Mitteilung. Unabhängig dokumentiert ist damit die Zusammensetzung, nicht aber der interne Verlauf der Wahl.

Im August 2026 folgte der nächste Aufstieg. Nach einer Mitteilung des Kreisverbandes bestätigten die Mitglieder Marvin Mergard als Vorsitzenden der AfD Bremen-Nord und wählten Görgülü zu dessen Stellvertreter. Der Kreisverband erklärte zugleich, Görgülü habe bereits dem vorherigen Vorstand angehört. Die Webseite des Landesverbandes nennt bislang nur Mergard als Ansprechpartner. Die neue Stellvertreterfunktion ist deshalb derzeit durch die parteieigene Veröffentlichung des Kreisverbandes, nicht durch eine unabhängige journalistische Quelle bestätigt. Görgülü besitzt damit eine Doppelfunktion: Als Landesschatzmeister gehört er zum organisatorischen Zentrum der AfD Bremen; als stellvertretender Kreisvorsitzender wirkt er an der politischen Mobilisierung in Bremen-Nord mit. Die Kombination beider Ämter macht ihn zu einem Verbindungsknoten innerhalb der Partei, auch wenn er öffentlich weiterhin weit weniger sichtbar ist als Minich oder Mergard.

Die eigene Familiengeschichte als politisches Argument

Einen seltenen Einblick in Görgülüs politische Positionen veröffentlichte das Schweizer Radio und Fernsehen vor der Bundestagswahl 2025. Görgülü war damals 49 Jahre alt und arbeitete nach Angaben des Senders als Logistikleiter in der Automobilbranche. Ein konkretes Unternehmen wurde nicht genannt. In der Reportage trat Görgülü gemeinsam mit dem damaligen Landesschatzmeister Mertcan Karakaya auf. Beide sollten noch unentschlossene Wähler für die AfD gewinnen. Görgülü bezeichnete die deutsche Migrationspolitik der vorausgegangenen zehn Jahre als gescheitert. Deutschland habe zu viele Menschen aufgenommen, die Verwaltung sei überfordert und abgelehnte Asylsuchende würden nicht konsequent abgeschoben.

Besonders aufschlussreich ist die Art, wie Görgülü diese Forderungen begründete. Seinen Eltern schrieb er Fleiß, Unterordnung und einen Beitrag zum Aufbau Deutschlands zu. Einem Teil der später nach Deutschland gekommenen Menschen unterstellte er dagegen, nicht arbeiten zu wollen. Als positives Beispiel schilderte er die Haltung seines Vaters gegenüber Vorgesetzten. Migration wird in dieser Erzählung nicht grundsätzlich abgelehnt. Anerkennung erhält aber nur, wer sich durch Arbeit, Anpassung und Gehorsam als nützlich erweist. Görgülüs Einteilung in „richtige“ und „falsche“ Migrant:innen folgt einer sozialdarwinistisch anschlussfähigen Leistungslogik, während die menschenrechtliche Verfassungsordnung Würde, Teilhabe und soziale Rechte nicht vom ökonomischen Nutzen eines Menschen abhängig macht.

Der SRF stellte Görgülüs persönlichen Erfahrungen Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gegenüber. Danach waren 2022 fast zwei Drittel der untersuchten Geflüchteten, die 2015 nach Deutschland gekommen waren, erwerbstätig. Görgülü hielt dennoch an seiner Verallgemeinerung fest. Die Reportage macht damit auch den Gegensatz zwischen empirischen Befunden und anekdotischer politischer Argumentation sichtbar.

Die Grenze zwischen „verdienter“ und „unverdienter“ Zugehörigkeit

Görgülüs Aussagen folgen einer hierarchischen Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Formen von Migration. Die Arbeitsmigration der Elterngeneration erscheint als diszipliniert, produktiv und legitim. Geflüchtete werden demgegenüber teilweise als Belastung für Verwaltung und Sozialstaat dargestellt. Die eigene Familiengeschichte dient dadurch nicht zur Kritik an der AfD-Migrationspolitik, sondern zu ihrer Beglaubigung. Görgülüs Erzählung folgt einer sozialdarwinistischen Verwertungslogik: Teilhabe soll nicht als Menschenrecht gelten, sondern vom wirtschaftlichen Nutzen eines Menschen abhängen. Sozialstaatliche Leistungen werden nicht grundsätzlich verworfen. Ihre Legitimität wird jedoch davon abhängig gemacht, ob eine gesellschaftliche Gruppe als arbeitswillig, angepasst und zugehörig gilt. Die Trennlinie wird dabei scheinbar von Herkunft gelöst und an Leistung gebunden. Tatsächlich entsteht eine moralische Hierarchie: Eine als fleißig beschriebene Eigengruppe wird einer pauschal als weniger leistungsbereit markierten Außengruppe gegenübergestellt.

Politikwissenschaftliche Untersuchungen beschreiben vergleichbare Nullsummenvorstellungen als wiederkehrenden Bestandteil rechtsradikaler Mobilisierung.

Unterstützungsleistungen oder gesellschaftliche Fortschritte für Minderheiten werden dabei als ungerechtfertigter Verlust der Eigengruppe wahrgenommen. Eine aktuelle qualitative Untersuchung zu AfD-Wähler zeigt, wie solche Vorstellungen die Wahrnehmung von Migration, Geschlecht und sexueller Vielfalt strukturieren können. Görgülüs Familiengeschichte erfüllt innerhalb dieser Kommunikation eine zusätzliche Funktion. Ein AfD-Funktionär mit türkischer Einwanderungsgeschichte kann als vermeintlicher Gegenbeweis zum Vorwurf rassistischer oder migrationsfeindlicher Politik präsentiert werden. Die Herkunft des Sprechers ersetzt jedoch nicht die inhaltliche Prüfung seiner Aussagen. Entscheidend bleibt, ob Bevölkerungsgruppen pauschal abgewertet, soziale Ansprüche ethnisch oder kulturell hierarchisiert und empirische Gegenbefunde ausgeblendet werden.

Gemeinsamer Auftritt mit Mertcan Karakaya

Der gemeinsame Medienauftritt mit Mertcan Karakaya zeigt, wie der Landesverband Funktionär mit eigener oder familiärer Einwanderungsgeschichte politisch einsetzt. Karakaya erklärte in derselben Reportage, die AfD Bremen sei unter anderem durch türkisch-, kurdisch- und osteuropäischstämmige Mitglieder „international“ aufgestellt. Gerade Migrant wüssten seiner Darstellung zufolge besonders gut, was in der Migration schieflaufe.

Karakaya war zu diesem Zeitpunkt Landesschatzmeister und Mitarbeiter der ostfriesischen AfD-Europaabgeordneten Anja Arndt. Im Oktober 2025 übernahm Görgülü sein Schatzmeisteramt. Eine berufliche Verbindung Görgülüs zu Arndt oder ihrem Europabüro ist nicht belegt. Ebenso ist öffentlich nicht dokumentiert, weshalb Karakaya aus dem Landesvorstand ausschied oder wie der Wechsel vorbereitet wurde. Gesichert ist dagegen die gemeinsame politische Außendarstellung: Görgülü und Karakaya warben vor der Bundestagswahl für die AfD und vertraten deren restriktiven Migrationskurs aus der Position zweier Männer mit türkischer Familiengeschichte. Der Landesverband konnte dadurch den Eindruck kultureller Offenheit erzeugen, ohne seine inhaltliche Abgrenzung gegenüber Geflüchteten aufzugeben.

Doppelte Zusammenarbeit mit Marvin Mergard

Für die Einordnung Görgülüs ist seine Zusammenarbeit mit Marvin Mergard besonders relevant. Beide gehören dem Landesvorstand an: Mergard als stellvertretender Landesvorsitzender, Görgülü als Schatzmeister. Seit der jüngsten Kreisvorstandswahl führen sie außerdem gemeinsam die AfD Bremen-Nord. Mergards frühere Verbindungen zur extremen Rechten sind fachjournalistisch dokumentiert. Als stellvertretender Vorsitzender der damaligen Jungen Alternative Bremen nahm er 2017 gemeinsam mit Aktivist der Identitären Bewegung an einer Demonstration in Berlin teil. Die taz dokumentierte außerdem, dass er den extrem rechten Kampfbegriff vom „großen Austausch“ verwendete. Mergard und der damalige JA-Vorsitzende Robert Teske bewegten sich damit über die von der Partei behauptete Abgrenzung zur Identitären Bewegung hinweg.

Als der Bremer Verfassungsschutz 2018 die Junge Alternative zum Beobachtungsobjekt erklärte, verwies die Behörde auf Verbindungen zur Identitären Bewegung und rassistische Äußerungen ihrer Mitglieder. Mergard wurde in der Mitteilung der Bremer Senatspressestelle ausdrücklich als damaliger JA-Vize und Schriftführer des AfD-Landesverbandes genannt. Radio Bremen griff diese Vergangenheit 2025 erneut auf. Mergard erklärte dem Sender, er und die AfD stünden auf dem Boden des Grundgesetzes. Der Bericht zeigte zugleich, dass seine frühere Nähe zur Identitären Bewegung für die Bewertung der gegenwärtigen Parteiführung weiterhin relevant ist. Heute gehört Mergard erneut zu den zentralen Organisatoren des Landesverbandes.

Bremen-Nord als politischer Schwerpunkt

Der Kreisverband Bremen-Nord hat seine öffentliche Präsenz 2026 deutlich verstärkt. Er berichtet über regelmäßige Infostände in Vegesack, Blumenthal und Marßel und stellt Bremen-Nord als regionales Wachstumsgebiet der Partei dar. In seiner Kommunikation verwendet der Verband Begriffe wie „Heimat“, „unsere Leute“, „Massenmigration“ und „Kartellparteien“. Zugleich inszeniert er politische Auseinandersetzungen als Gegensatz zwischen „Linken“ und „Rechten“. Wer die einzelnen Beiträge verfasst, ist öffentlich nicht erkennbar. Sie können Görgülü deshalb nicht als persönliche Aussagen zugerechnet werden. Als stellvertretender Kreisvorsitzender trägt er jedoch gemeinsam mit Mergard politische Verantwortung für die organisatorische und kommunikative Gesamtlinie des Verbandes.

Die Verbindung von Landes- und Kreisamt dürfte mit Blick auf die Bürgerschaftswahl 2027 an Bedeutung gewinnen. Der Kreisverband kündigte an, seine Strukturen und die Präsenz im öffentlichen Raum weiter auszubauen. Görgülü steht dabei für die Verknüpfung von Ressourcenverwaltung, lokaler Mobilisierung und migrationspolitischer Ansprache.

Ein organisationsinterner Verbindungsknoten

Ahmet Görgülü ist nach dem gegenwärtigen Quellenstand kein eigenständig dokumentierter Verbindungsmann zu außerparteilichen extrem rechten Organisationen. Seine wachsende Bedeutung liegt innerhalb der Parteistruktur. Er gehört zum Führungskreis um Sergej Minich, verwaltet als Landesschatzmeister einen zentralen Organisationsbereich und führt gleichzeitig gemeinsam mit Marvin Mergard den Kreisverband Bremen-Nord. Hinzu kommt seine Funktion in der politischen Kommunikation. Görgülü kann aus einer familiären Migrationsgeschichte heraus Positionen vertreten, die Geflüchtete pauschalisieren und soziale Zugehörigkeit an Leistung, Anpassung und Gehorsam binden. Seine Biografie wird dadurch nicht zum Widerspruch zur AfD-Politik, sondern zu einem ihrer Legitimationsmittel.

Die analytisch entscheidende Entwicklung ist deshalb nicht eine bislang unbelegte persönliche Verbindung Görgülüs zur außerparlamentarischen extremen Rechten. Es ist sein Aufstieg zu einem organisationsinternen Verbindungsknoten: zwischen Landesfinanzen und Kreisverbandsführung, zwischen Sergej Minich und Marvin Mergard sowie zwischen der Selbstdarstellung einer vermeintlich vielfältigen Partei und einer Politik der sozialen und migrationspolitisch verkleideten rassistischen Ausgrenzung – unter einer sozialdawinistischen Verwertungslogik.

Redaktion
AfD Watch Bremen