Rechte Tradwives: Unterwerfung als Lifestyle

Rechte Tradwife-Influencerinnen verkaufen männliche Vorherrschaft als weibliche Erfüllung. Zwischen Familienidylle, Bibelauslegung und digitalem Geschäft wird Gleichberechtigung zum Feindbild. In Bremen führt eine belegbare Verbindung in das Umfeld der christlichen Rechten.

Tradwives, kurz für „traditional wives“, inszenieren sich als traditionelle Ehefrauen. In den rechten Ausprägungen dieses Social-Media-Milieus wird daraus ein politisches Programm: Der Mann führt, die Frau ordnet sich unter, Mutterschaft gilt als Bestimmung. Die behauptete Natürlichkeit soll eine gesellschaftliche Hierarchie rechtfertigen. Wie solche Botschaften mit Selbstdarstellung und Vermarktung zusammengehen, untersuchen Sophia Sykes und Veronica Hopner in ihrer Studie über rechte Tradwife-Influencerinnen. Wer zu Hause bleiben, Kinder betreuen oder religiös leben möchte, vertritt damit noch keine rechte Ideologie. Der politische Anspruch beginnt dort, wo dieser Lebensentwurf zur überlegenen Ordnung erklärt wird, der sich Frauen unterwerfen sollen. Für die Einordnung zählen Aussagen, Aktivitäten und nachweisbare Verbindungen. Ein Kleid oder ein Backvideo liefert diesen Nachweis nicht. Das Forschungsprojekt GERDEA untersucht gerade die unterschiedlichen Geschlechterdarstellungen und biografischen Hintergründe rechter Social-Media-Akteur:innen.

Aus Überlastung wird ein Argument für Gehorsam

Die Attraktivität der Familienidylle hat einen gesellschaftlichen Hintergrund. Erwerbsarbeit, Kinderbetreuung und Haushalt lassen sich häufig nur unter erheblichem Druck miteinander vereinbaren. Die Kulturwissenschaftlerin Heike Paul beschreibt gegenüber Deutschlandfunk Kultur, wie Tradwife-Inhalte eine übersichtliche, wirtschaftlich abgesicherte Welt versprechen. Die Inszenierung bietet Entlastung durch eindeutig verteilte Rollen. Wer vom Alltag erschöpft ist, bekommt eine scheinbar einfache Erklärung dafür, warum das eigene Leben so anstrengend geworden ist. In der antifeministischen Deutung wird daraus eine Anklage gegen Emanzipation. Die Rückkehr in eine hierarchische Partnerschaft soll jene Widersprüche auflösen, die eine ungleiche Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit erzeugt. Charlotte Höcker analysiert diesen Mechanismus als Angebot einer vermeintlich widerspruchsfreien privaten Ordnung. Die politische Zumutung liegt darin, dass Frauen ihre Eigenständigkeit zur Ursache ihrer Überlastung erklärt bekommen. Eine gerechtere Verteilung von Arbeit gerät aus dem Blick; die Frau soll sich in ihre angebliche Bestimmung fügen. Höcker: Tradwives zwischen Tradition und Antifeminismus

Die Hausfrau hat ein Geschäftsmodell

Die digitale Inszenierung ist selbst Arbeit. Sykes und Hopner beobachteten 2022 über zehn Monate 36 Tradwife-Profile. Ihre 2024 veröffentlichte Untersuchung zeigt, wie die untersuchten Influencerinnen traditionelle Weiblichkeit vermarkten und dabei selbst öffentlich, politisch und wirtschaftlich handeln. Die qualitative Studie erschließt ein ausgewähltes Milieu; sie ist keine repräsentative Erhebung aller Tradwives. Ihr Befund legt einen Widerspruch offen: Der Rückzug aus dem Berufsleben kann zum Verkaufsargument einer eigenen digitalen Karriere werden. Sykes/Hopner, 2024 In ihrer Darstellung bei GNET beschreiben die Forscherinnen außerdem plattformabhängige Botschaften, kommerzielle Angebote und die Bindung an rechte Gemeinschaften. Alltagsnähe kann Vertrauen herstellen, über das politische Deutungen vermittelt werden. Eine zwangsläufige Radikalisierung beliebiger Zuschauer:innen belegt die Untersuchung nicht; sie beschreibt auch die Vertiefung bereits vorhandener rechter Zugehörigkeit. Für die digitale extreme Rechte ist das dennoch bedeutsam: Eine Weltanschauung lässt sich als persönliche Orientierung vermitteln und durch wiederkehrende Kontakte festigen.

Gottes Ordnung soll die Frau auf ihren Platz verweisen

Wie ausdrücklich Unterordnung beworben wird, zeigt ein von Höcker dokumentiertes Beispiel aus dem deutschsprachigen christlichen Influencer-Milieu. Jana Hochhalter, bekannt als Jana Highholder, bewirbt eine Folge des Podcasts „JANA & JASMIN“ mit dem Satz: „Such dir einen Mann aus, der deiner Unterordnung würdig ist.“ Die Frau darf den Mann auswählen, dem sie sich unterordnen soll. Die Hierarchie selbst bleibt gesetzt. So lässt sich Gehorsam als selbstbestimmtes Beziehungsziel verkaufen. Dokumentation bei LibMod Eine ZDF-Recherche vom Januar 2026 zeigt, wie solche Geschlechtervorstellungen mit weiteren politischen Positionen zusammenkommen. Sie untersucht unter anderem Jasmin Friesen und ihren Kanal „liebezurbibel“: die religiöse Abwertung von Homosexualität, Agitation gegen geschlechtliche Vielfalt und Kooperationen mit Leonard Jäger, dem „Ketzer der Neuzeit“. Nach der Recherche verbreitete Friesen auch dessen Interview mit Alice Weidel, das Jäger mit guten Wünschen für die Wahl beendete. Die Selbstdarstellung als unpolitisch schützt solche Inhalte vor keiner politischen Bewertung. Wer Einfluss auf die Anerkennung queerer Menschen und auf die Geschlechterordnung nimmt, greift in gesellschaftliche Machtverhältnisse ein. Die Verbindung zur christlichen Rechten liegt in diesen nachweisbaren Positionen und Aktivitäten; Christfluencer:innen und Tradwives sind dabei unterschiedliche, teilweise überlappende Milieus.

Die „natürliche Frau“ als politische Waffe

Die Behauptung einer unveränderlichen weiblichen Bestimmung zieht eine Grenze zwischen anerkannten und abgewerteten Lebensweisen. Veronika Kracher dokumentiert in einer Publikation der Amadeu Antonio Stiftung am Account „Kleine Hausfrau“ Beiträge aus den Jahren 2022 und 2023: Mutterschaft wird überhöht, Weiblichkeit biologisch festgeschrieben und trans Personen wird ihre geschlechtliche Identität abgesprochen. Aus einem idealisierten Selbstbild wird ein Instrument der Ausgrenzung. Wer dem vorgegebenen Modell nicht entspricht, erscheint als Abweichung von einer angeblich natürlichen Ordnung. In den von Sykes und Hopner untersuchten extrem rechten Ausprägungen erhält Mutterschaft zudem einen rassistischen Auftrag: Frauen sollen den Fortbestand einer als weiß definierten Gemeinschaft sichern. Hier verbindet sich Geschlechterhierarchie mit völkischem Nationalismus. Der weibliche Körper wird politisch vereinnahmt, Fortpflanzung zur Gemeinschaftspflicht erklärt. Das ist eine dokumentierte Zuspitzung innerhalb des untersuchten Spektrums, keine Aussage über sämtliche Tradwives. Sykes/Hopner bei GNET

Die Unterordnung endet nicht an der Haustür

Wie weit der Anspruch reichen kann, zeigt eine aktuelle internationale Debatte. Am 18. September 2026 berichtete das US-Magazin Salon über Ben Zands Dokumentation zu Savanna Stone. Die Rezension beschreibt eine Tradwife-Influencerin, die das Frauenwahlrecht ablehnt und die Unterordnung unter den Ehemann propagiert. Damit steht die politische Gleichberechtigung selbst zur Disposition. Das Beispiel gehört zu den grenzüberschreitenden Geschlechterkämpfen, die auch für die Untersuchung der transnationalen extremen Rechten relevant sind. Die Verbindung zur Manosphere und zur digitalen Frauenfeindlichkeit lässt sich an der gemeinsamen Abwehr weiblicher Selbstbestimmung untersuchen. Daraus folgt keine einheitliche Organisation. Ebenso wenig sind rechte Frauen auf eine einzige Rolle festgelegt. Cynthia Möller beschreibt in ihrem bpb-Beitrag vom Juli 2026 unterschiedliche Formen weiblichen Aktivismus und transnationaler Vernetzung. Frauen können autoritäre Geschlechterordnungen selbst vorantreiben. Ihre Beteiligung macht die vertretenen Forderungen nicht gleichberechtigter.

Bremen: Der Kulturkampf hat kirchliche Adressen

Im Land Bremen ist der Konflikt um religiös begründete Geschlechterpolitik öffentlich dokumentiert. Am 15. April 2026 distanzierte sich die Bremische Evangelische Kirche von einer für den 25. April angekündigten Veranstaltung in St. Martini. Der Kirchenausschuss wandte sich ausdrücklich gegen den Import eines ausgrenzenden christlichen Nationalismus aus den USA, insbesondere gegen Frauen- und LGBTQ-Rechte. Er kritisierte außerdem die bereits im Veranstaltungstitel erkennbare Selbstviktimisierung. Stellungnahme der Bremischen Evangelischen Kirche Eine weitere Verbindung führt zum Gemeindehilfsbund. Auf dessen öffentlicher Liste zur Erklärung „‚Rechte ChristInnen‘ oder (r)echter Glaube?“ steht St. Martini Gemeinde Bremen, vertreten durch Jürgen Fischer. Die aktuell verlinkte dritte Auflage vom Juli 2026 greift die ZDF-Berichterstattung über Christfluencer:innen an und wirft kirchlichen Kritiker:innen vor, die Herabsetzung christlicher Gruppen zu legitimieren. Die Liste nennt weder den Zeitpunkt der Unterstützung noch die damals unterstützte Textfassung. Eine Zustimmung St. Martinis zu jeder später ergänzten Passage lässt sich daraus nicht ableiten. Belegt ist die öffentliche Unterstützung der Erklärung; die Kritik an der Reportage steht in ihrer aktuellen Fassung. Unterstützer:innenliste, Erklärung, dritte Auflage Unser Dossier „Glaube, Reichweite, rechte Politik“ rekonstruiert diese Verbindungen und die überregionalen Angebote St. Martinis. „Gottes Wille als politischer Auftrag“ untersucht den Anspruch, religiöse Überzeugungen zum Maßstab gesellschaftlicher Ordnung zu machen. Für die Tradwife-Debatte liegt hier der Bremer Anschluss: in der Auseinandersetzung um Geschlechterhierarchie, religiöse Autorität und ihre öffentliche Verteidigung. Eine eigenständige rechte Tradwife-Organisation oder eine entsprechend belegte lokale Influencerin konnten wir für Bremen und Bremerhaven bislang nicht nachweisen. Die dokumentierten Beziehungen tragen die Analyse des christlich-rechten Umfelds; eine örtliche Tradwife-Struktur belegen sie nicht.

Sichtbarkeit ist noch keine gesellschaftliche Mehrheit

Auch die Größe des Phänomens verlangt Genauigkeit. Eine im Oktober 2025 veröffentlichte BiB-Auswertung von Sabine Diabaté und Leonie Kleinschrot untersuchte 2.709 Frauen, die 2023 zwischen 20 und 30 Jahre alt waren. In der Klassifikation entfielen 62,2 Prozent auf egalitäre Rollenbilder und 18,5 Prozent auf Einstellungen, die als tradwife-orientiert interpretiert wurden. Grundlage waren ungewichtete Befragungsdaten von 2021 und 2023. Erfasst wurden Rollenbilder, keine Mitgliedschaft in einer Szene und keine Selbstbezeichnung als Tradwife. Eine Bremer Quote oder ein ursächlicher Einfluss bestimmter Social-Media-Inhalte lässt sich daraus nicht ablesen. Die politische Kritik braucht keine erfundene Massenbewegung. Sie kann sich an den belegten Forderungen festmachen: Frauen sollen sich unterordnen, geschlechtliche Vielfalt soll delegitimiert werden, in extrem rechten Varianten wird Mutterschaft rassistisch vereinnahmt. Wer solche Ansprüche in Familienbilder verpackt, stellt die Machtfrage bis hinein in den Alltag. Selbstbestimmung umfasst die Freiheit, Hausfrau zu sein. Sie umfasst ebenso die Freiheit, das vorgegebene Frauenbild zurückzuweisen.

Eine Ideologie, die nur die erste Entscheidung gelten lässt, vermarktet Gehorsam als Freiheit.

Redaktion AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Forschung zu Tradwives und rechter Geschlechterpolitik, journalistische Recherchen sowie öffentliche Dokumente zu den Bremer Verbindungen.