Marc Jongen: Völkischer Kulturkampf mit akademischem Anspruch
Marc Jongen verbindet neurechte Gesellschaftsvorstellungen mit dem Anspruch, Kulturpolitik grundlegend nach rechts zu verschieben. Sein Auftritt in der Bremer Bürgerschaft machte den völkischen Kern sichtbar. Seine Forderungen zur Kulturförderung zeigen, welche politischen Konsequenzen daraus folgen sollen. Heute vertritt er die AfD im Europäischen Parlament.
Bremen: Völkisches Denken im Haus der Demokratie
Am 25. Oktober 2018 trat Jongen bei einer von Frank Magnitz organisierten Podiumsdiskussion in der Bremischen Bürgerschaft auf, gemeinsam mit Benedikt Kaiser und Werner Patzelt. Nach dem Vor-Ort-Bericht der taz behauptete er einen gesteuerten Umbau ethnisch homogener Staaten zu multiethnischen Gesellschaften. Den gesellschaftlichen Wandel beschrieb er als Bedrohung für das Fortbestehen des Volkes. Bürgerschaftsdirektor Hans-Joachim von Wachter intervenierte: „Das ist jetzt zu rassistisch für unsere Hausordnung.“ Wie Problematisch die damit kommunizierte Einteilung von Rassismus der noch in Ordnung für das Haus wäre, zu jenem der es für das Haus nicht mehr ist, blieb unbemerkt. Jongen und Kaiser verlangten dem Bericht zufolge ethnische Homogenität als Voraussetzung demokratischer Ordnung.
Darin liegt der völkische Kern dieser Argumentation: Politische Zugehörigkeit wird an eine vorgestellte ethnische Einheit gebunden. Eine vielfältige Bevölkerung erscheint dadurch als Gefahr für Demokratie, Zuwanderung als Angriff auf ein Kollektiv. Die Behauptung steuernder Eliten verschärft dieses Bild zur Verschwörungserzählung. Aus gesellschaftlichen Konflikten wird ein angeblicher Kampf um die Existenz des Volkes. Dass Jongen dafür Begriffe aus Philosophie und Kulturtheorie benutzt, verändert den ausgrenzenden Inhalt nicht. In Bremen wurde er im öffentlichen Raum eines Landesparlaments ausgesprochen.
Die intellektuelle Verpackung der Reaktion
Diese Positionen haben eine längere Vorgeschichte. Bereits 2014 untersuchte Helmut Kellershohn vom Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung Jongens programmatischen Text für die AfD. Er arbeitete darin Denkfiguren der jungkonservativen Neuen Rechten und der sogenannten Konservativen Revolution heraus. Jongen wollte über das Bewahren vorhandener Traditionen hinaus gesellschaftliche Zustände neu herstellen, die er für überlieferungswürdig hielt. Kellershohn zeigte zudem, wie Jongen Gleichstellungspolitik sprachlich an die nationalsozialistische Gleichschaltung rückte. Emanzipation erschien so als Zwang; die reaktionäre Gegenbewegung konnte sich als Verteidigung der Freiheit präsentieren.
Die Verbindung zu neurechten Akteur:innen blieb auch praktisch: Im Februar 2017 referierte Jongen bei der Winterakademie des Instituts für Staatspolitik in Schnellroda, wie eine Analyse der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg dokumentiert. Entscheidend ist dabei die Verbindung von eigener Programmatik und politischer Bildungsarbeit in diesem Milieu. Jongen trägt dazu bei, rückwärtsgewandte Gesellschaftsvorstellungen als intellektuell anspruchsvolle Alternative aufzubereiten. Die akademische Sprache verschafft den Positionen zusätzliche Anschlussmöglichkeiten: Ausgrenzung lässt sich als Kulturtheorie vortragen, der Angriff auf Gleichstellung als Freiheitsversprechen.
„Entsiffung“: Kulturförderung als politische Waffe
Wie handfest dieser Anspruch werden kann, zeigte Jongen 2018 mit seiner Ankündigung einer „Entsiffung des Kulturbetriebs“. Belltower.News dokumentierte seine Forderungen und ordnete sie in den Kulturkampf der Neuen Rechten ein. Jongen wollte Förderkriterien überprüfen und die Unterstützung von Projekten zurückfahren, die er als politisch korrekt bezeichnete. Er stellte dem die Förderung von Qualität und Talent gegenüber. Damit beanspruchte er zugleich die Deutungshoheit darüber, welche Kultur als förderungswürdig gelten soll.
Das Wort „Entsiffung“ verrät den autoritären Gehalt dieser Vorstellung. Es erklärt missliebige Kultur zum Schmutz, dessen Beseitigung als notwendige Reinigung erscheint. Zusammen mit der angekündigten Kürzung von Förderung wird daraus ein konkretes Druckmittel gegen kulturelle Vielfalt. Künstler:innen sollen damit rechnen müssen, dass ihre politische Einordnung über ihre Arbeitsbedingungen entscheidet. Belltower.News beschreibt solche Förderangriffe als Bestandteil einer Strategie, öffentliche Debatten nach rechts zu verschieben. Jongens eigener Beitrag dazu ist ausdrücklich dokumentiert: Er verknüpft die Abwertung bestimmter Projekte mit der Forderung nach finanziellen Konsequenzen.
Koloniale Verantwortung zum Feindbild erklärt
Auch seine Erinnerungspolitik folgt einem nationalen Abwehrmuster. Gabriele Schulz berichtete für den Deutschen Kulturrat über Jongens Bundestagsrede vom 21. Februar 2019: Er verband die Rückgabe kolonialer Sammlungsobjekte mit der Gefahr eines Ausverkaufs Deutschlands. Die Auseinandersetzung mit kolonialer Schuld deutete er als psychologische Vorbereitung von Migration. Dabei erkannte er schwere koloniale Verbrechen an, schrieb dem Kolonialismus aber zugleich eine stabilisierende Wirkung auf die Lebensverhältnisse zu. Diese Argumentation verschiebt den Blick von den Ansprüchen der Herkunftsgesellschaften auf eine behauptete deutsche Bedrohungslage.
Im Juni 2024 erhielt diese Abwehr eine konkrete finanzpolitische Forderung. In einer gemeinsamen Erklärung mit Götz Frömming verlangte Jongen die Einstellung sämtlicher Förderlinien, die beide dem Postkolonialismus zurechneten. Die Erklärung stellte diesen pauschal als Ideologie dar, die weißen Menschen Schuld zuschreibe und ihre Diskriminierung verlange. Kritik an einzelnen wissenschaftlichen Thesen wird hier mit dem Entzug staatlicher Unterstützung für eine ganze Denkrichtung verbunden. Darin setzt sich der kulturpolitische Machtanspruch fort: Wer das nationale Selbstbild kritisch untersucht, soll mit politisch begründeten Finanzierungssperren rechnen.
Europamandat für einen völkischen Kulturkämpfer
Seit dem 16. Juli 2024 sitzt Jongen für die AfD im Europäischen Parlament. Dort ist er Mitglied des Vorstands der Fraktion Europa der Souveränen Nationen. Das Parlamentsverzeichnis führt ihn außerdem als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung sowie im Unterausschuss für Menschenrechte. Seine kulturpolitische Tätigkeit verfügt damit weiterhin über einen parlamentarischen Ort. Die ideologischen Positionen eines solchen Abgeordneten sind deshalb keine bloße Randnotiz aus der frühen AfD-Geschichte.
Die dokumentierten Forderungen zeigen ein zusammenhängendes politisches Muster: ethnische Homogenität als demokratisches Ideal, Gleichstellung als Bedrohung, kritische Kultur als Gegenstand finanzieller Disziplinierung. Der rechtsextreme Gehalt liegt besonders dort offen, wo ethnische Zugehörigkeit zum Maßstab demokratischer Gemeinschaft erhoben wird. Für AfD Watch Bremen ist Jongen als überregionaler Akteur relevant, der diese Vorstellungen selbst in die Bürgerschaft getragen hat. Seine Rolle zeigt, wie die parlamentarische AfD völkischer Ideologie Öffentlichkeit verschafft und den Anspruch formuliert, kulturelle Debatten über Förderentscheidungen politisch zu steuern.
Redaktion AfD Watch Bremen · Stand: 19. September 2026
Quellen und weiterführende Recherchen
Wissenschaftliche Analysen, zivilgesellschaftliche Einordnungen, journalistische Berichte und dokumentierte Eigenäußerungen.
Helmut Kellershohn · DISS · 14. April 2014
Marc Jongens AfD-Manifest und die jungkonservative Neue Rechte
Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg · 17. Januar 2023
Kira Ayyadi · Belltower.News · 26. Februar 2019
Gabriele Schulz · Deutscher Kulturrat · 25. Februar 2019
Eine Debatte hat begonnen: Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten
Gareth Joswig · taz · 26. Oktober 2018
Frömming / Jongen · AfD-Eigenquelle · 4. Juni 2024
Europäisches Parlament · abgerufen am 19. September 2026
