Rechtsextreme Stadtteilpräsenz ist eine Strategie der Normalisierung. Zivilgesellschaft braucht dafür klare Gegenstrategien. Wie hier am 25.04.2025 in der Bremer Neustadt. Bild: Recherche Nord

Rechtsextreme Dauerpräsenz statt Wahlkampf: Was hinter den AfD-Infoständen in Bremen steckt

Walle, Gröpelingen, Hemelingen, Bremen-Nord, Innenstadt und Bremerhaven: Die AfD baut ihre Präsenz im öffentlichen Raum systematisch aus. Die Stände dienen nicht nur der Verteilung von Flugblättern. Sie verbinden lokale Verankerung, politische Normalisierung, Rekrutierung und digitale Mobilisierung – und treffen zunehmend auf antifaschistischen und demokratischen Widerspruch.

Wer an einem Wochenende durch Walle, Gröpelingen, Bremen-Nord oder die Innenstadt geht, kann inzwischen regelmäßig auf sie treffen: Parteifahnen, Pavillon, Flugblätter und Funktionär:innen der AfD. Was die Partei selbst als „Infostand“ bezeichnet, wirkt zunächst wie gewöhnlicher Straßenwahlkampf. Die Häufigkeit, die wiederkehrenden Standorte und vor allem die eigene Kommunikation der AfD zeigen jedoch, dass diese Präsenz inzwischen weit über einzelne Wahlkampfphasen hinausreicht. Der Kreisverband Bremen-Stadt veröffentlicht wiederholt Termine und Bilder von Infoständen unter anderem in Walle, Gröpelingen, Hemelingen und der Innenstadt; Bremen-Nord betreibt eine eigene kontinuierliche Standortkommunikation. Auch die aktuelle Landesführung erklärte nach ihrer Neuwahl im Oktober 2025 ausdrücklich, die Arbeit in Bremen und Bremerhaven weiter ausbauen zu wollen.Diese Präsenz ist nach der Bundestagswahl 2025 nicht wieder verschwunden. Die Stände entwickeln sich damit zu einem dauerhaften Instrument lokaler rechtsextremer Parteiarbeit im Alltag der Stadtteile Bremens und Bremerhavens.

Die AfD sagt selbst, worum es ihr geht

Besonders aufschlussreich ist die Kommunikation des Kreisverbandes Bremen-Nord. Dort wird ein Infostand ausdrücklich als „Baustein“ einer langfristigen politischen Arbeit beschrieben. Ein einzelner Stand könne die politischen Kräfteverhältnisse nicht verändern; entscheidend sei die kontinuierliche Präsenz vor Ort. Der Verband beschreibt damit selbst eine Strategie, bei der regelmäßiger Kontakt Vertrauen erzeugen und langfristig in politische Unterstützung übersetzt werden soll.

Auch das angebotene Material zeigt, dass diese Stände nicht der Vermittlung kommunalpolitischer Sachthemen dienen. Der Kreisverband Bremen-Nord nennt neben Informationen zu leicht zugänglichen Themen wie Rente und Rundfunkbeitrag ausdrücklich Flugblätter zum Thema „Remigration“ sowie weitere extrem rechte Propaganda. Damit werden politische Begriffe und Deutungsmuster aus dem extrem rechten völkischen Diskurs unmittelbar in Einkaufsbereiche, Fußgängerzonen und Wohnquartiere getragen. Der Infostand erfüllt dadurch mehrere Funktionen gleichzeitig. Er schafft Sichtbarkeit, ermöglicht direkte Ansprache, vermittelt Parteipropaganda, eröffnet Kontakte zu Interessierten und produziert zugleich Bilder und Videos für soziale Netzwerke. Aus einer einzelnen Straßenaktion entsteht eine Verbindung von analoger Präsenz und digitaler Reichweite.

Wo die AfD ihre Stände aufbaut – und wie stark sie dort tatsächlich ist

Die Standortwahl wird noch aufschlussreicher, wenn sie mit der jüngsten kleinräumig verfügbaren Wahlstatistik verglichen wird. Als belastbare Vergleichsgröße eignen sich die Zweitstimmenanteile der Bundestagswahl vom 23. Februar 2025. Sie dürfen allerdings nicht als „Zustimmung der Bevölkerung“ missverstanden werden: Die Werte geben den Anteil der gültigen Zweitstimmen wieder, nicht den Anteil aller Bewohner:innen oder Wahlberechtigten. In der Stadt Bremen erreichte die AfD insgesamt 13,5 Prozent, im gesamten Bundesland waren es 15,1 Prozent.

In Gröpelingen, wo der Kreisverband Bremen-Stadt wiederholt mit Ständen auftritt, erhielt die AfD 20,3 Prozent der Zweitstimmen und lag damit deutlich über ihrem gesamtstädtischen Ergebnis. Im Stadtteil Hemelingen waren es 16,6 Prozent. Solche Standorte liegen somit in politischen Räumen, in denen bereits ein überdurchschnittlich großes AfD-Wähler:innenpotenzial vorhanden ist. In Walle sieht das anders aus. Dort erhielt die AfD 13,0 Prozent und lag damit nahezu exakt auf dem Bremer Durchschnitt. Trotzdem gehört Walle zu denjenigen Orten, an denen die Partei wiederholt Präsenz zeigt und an denen es mehrfach zu erheblichen Gegenmobilisierungen gekommen ist.

Besonders deutlich wird die strategische Bedeutung von Bremen-Nord. Im Stadtteil Vegesack erreichte die AfD 2025 18,5 Prozent, in Blumenthal 25,3 Prozent. Im Ortsteil Burgdamm waren es sogar 26,1 Prozent. Das dort gelegene Marßel bezeichnet der Kreisverband in seiner eigenen Kommunikation selbst als AfD-„Hochburg“ und berichtet über wiederholte Infostände in der Nähe des Einkaufszentrums. (wahlen-bremen.de) Damit wird eine Funktion der kontinuierlichen Präsenz sichtbar: In Gebieten mit bereits hohen Wahlergebnissen können Infostände dazu dienen, vorhandene Zustimmung in dauerhaftere politische Bindung und organisatorische Kontakte zu übersetzen. Aus der Wahlstatistik lässt sich allerdings nicht ableiten, dass die Stände selbst die Ursache der hohen Ergebnisse sind. Die Daten zeigen räumliche Zusammenhänge, keine individuellen Wahlmotive.

Präsenz auch dort, wo die AfD schwächer ist

Die Partei konzentriert sich jedoch keineswegs nur auf ihre stärksten Gebiete. Im zentralen Bremer Ortsteil Altstadt erreichte die AfD bei der Bundestagswahl lediglich 8,1 Prozent der Zweitstimmen – erheblich weniger als im Bremer Durchschnitt. Trotzdem werden gerade zentral gelegene Standorte rund um Roland, Marktplatz oder Domsheide für Parteipräsenz genutzt. Das verweist auf eine zweite Standortlogik. Ein Stand in der Altstadt erreicht nicht primär Bewohner:innen eines AfD-Wahlgebietes, sondern sehr viele Passant:innen und eine hohe öffentliche Sichtbarkeit. Die Parteifahne vor einem zentralen Bremer Wahrzeichen funktioniert damit anders als der wiederkehrende Stand vor einem Einkaufszentrum in Burgdamm: Hier geht es stärker um demonstrative Präsenz, politische Normalisierung und Aufmerksamkeit.

Die Bremer Infostände erfüllen deshalb mindestens zwei unterschiedliche Funktionen. In starken Wahlgebieten dienen sie eher der Konsolidierung, Kontaktpflege und Rekrutierung; an zentralen Orten mit schwächeren AfD-Ergebnissen eher der provokativen Sichtbarkeit und Normalisierung. 

Bremerhaven: hohe Wahlergebnisse trotz fehlender AfD-Mandate

Bremerhaven besitzt noch einmal eine andere Ausgangslage. Die AfD verfügt dort seit Juni 2026 nicht mehr über eigene Mandate in der Stadtverordnetenversammlung. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie jedoch 23,5 Prozent der Zweitstimmen. Fast jede vierte gültige Zweitstimme in der Stadt entfiel damit auf die Partei.

Der Kreisverband Bremerhaven beschreibt Infostände, Stammtische und weitere lokale Formate selbst als Teil seines organisatorischen Neuaufbaus. Die Straßenpräsenz erhält dort deshalb eine zusätzliche Funktion: Sie soll institutionelle Unsichtbarkeit teilweise kompensieren und zeigen, dass die Partei trotz des Verlustes ihrer kommunalen Mandate weiter lokal organisiert ist. Die öffentlich zugängliche Quellenlage erlaubt derzeit allerdings keine seriöse Aussage, dass die Frequenz der Bremerhavener Stände bereits derjenigen in Bremen-Stadt oder Bremen-Nord entspricht.

Wann aus einem Infostand ein Propagandastand wird

Politische Parteien dürfen selbstverständlich auf Straßen und Plätzen über ihre Programme informieren und um Zustimmung werben. Ein angemeldeter Stand einer Partei ist zunächst Bestandteil demokratischen politischen Wettbewerbs. Für den Bremer AfD-Landesverband dokumentiert der Verfassungsschutz wiederholt politische Kommunikation, die Menschen mit Migrationsgeschichte oder muslimischen Glaubens ausgrenzt und an ethnopluralistische Vorstellungen anknüpft. Der Bericht 2023 analysierte etwa die AfD-Aussage, man wolle nicht „zur Minderheit im eigenen Land“ werden, als implizite Bezugnahme auf das Narrativ eines angeblichen „Großen Austauschs“. Die historische Betrachtung zeigt, dass sich Deutschland seit 1949 von einer nahezu homogenen Nachkriegsgesellschaft zu einer modernen Einwanderungsgesellschaft entwickelt hat und genau deswegen wirtschaftlichen Wohlstand aufbaute. Das Argument der AfD, diese Entwicklung verlaufe „schleichend, aber stetig“ in Richtung einer Minderheitensituation, nutzt ein politisches Framing, das mathematisch und historisch wesentliche Mechanismen gezielt ausblendet.

Besonders deutlich wird die Problematik beim Begriff „Remigration“. Der Bremer Landesverband reagierte 2024 auf einen Bericht über wachsende muslimische Gemeinden mit der Aussage „Bremen ist voll“ und forderte eine „konsequente Remigration“. Im konkreten Kontext richtet sich die Forderung gegen Menschen aufgrund ihrer Religion, Ethnizität oder rassistischer Zuschreibungen. Sie verlangt deren kollektive Rückführung ohne Einzelfallprüfung – ein Vorhaben, das mit der freiheitlichen demokratischen Grundordnung unvereinbar ist. 

Wenn Flugblätter mit genau diesem politischen Begriff bei Infoständen verteilt werden, wird eine solche Ideologie aus dem digitalen Raum in das unmittelbare Lebensumfeld von Menschen getragen. Der Infostand ist dann nicht lediglich ein neutraler Informationsort, sondern ein niedrigschwelliger Vermittlungsraum für politische Deutungen, die gesellschaftliche Probleme ethnisieren und Zugehörigkeit anhand von Herkunft, Religion oder kultureller Zuschreibung verhandeln. Die AfD greift damit das Gebot der Menschenwürde in ihrem Kern an. 

Normalisierung funktioniert über Wiederholung

Eine zentrale Wirkung wiederkehrender Straßenstände liegt deshalb weniger in einem einzelnen Gespräch als in ihrer Wiederholung. Wer dieselben Parteifarben und dieselben politischen Botschaften immer wieder vor dem eigenen Einkaufszentrum, Bahnhof oder auf dem Marktplatz sieht, erlebt die Partei zunehmend als Bestandteil des alltäglichen öffentlichen Raumes. Parteien betreiben solche lokale Präsenz grundsätzlich, um Nähe und Normalität herzustellen. Bei einer Partei, deren Bremer Landesverband nach Einschätzung der Fachstellen und Sicherheitsbehörden immer stärker in Strukturen und Ideologien der „Neuen Rechten“ eingebunden ist, besitzt dieser Mechanismus jedoch eine zusätzliche Bedeutung. Radikale politische Vorstellungen müssen nicht ausschließlich durch spektakuläre Demonstrationen oder aggressive Onlinekampagnen verbreitet werden. Sie können auch dadurch normalisiert werden, dass ihre Vertreter:innen freundlich hinter einem Tisch stehen, Kugelschreiber verteilen und dieselben Deutungsmuster als gewöhnliche politische Position präsentieren.

Genau deshalb beschreibt der Kreisverband Bremen-Nord die kontinuierliche Arbeit vor Ort als langfristigen Aufbau. Die Strategie lässt sich vereinfacht als Kette lesen: Präsenz schafft Kontakt, Kontakt ermöglicht Bindung, Bindung kann schließlich Mobilisierung erzeugen.

Der Stand als Resonanztest und Rekrutierungsort

Hinzu kommt ein organisatorischer Nutzen. Ein Infostand ermöglicht der Partei unmittelbar zu beobachten, wo Menschen stehen bleiben, welche Themen Zustimmung auslösen, wo Ablehnung besonders stark ist und welche Personen wiederholt den Kontakt suchen. Die wiederholte Präsenz liefert ihr jedoch zwangsläufig unmittelbare Rückmeldungen aus dem jeweiligen sozialen Raum. Gleichzeitig sinkt die Zugangsschwelle zur Parteiorganisation. Niemand muss zunächst eine Geschäftsstelle oder einen Parteitag aufsuchen. Interessierte können Material mitnehmen, Gespräche führen und Kontakte austauschen. Wenn an solchen Ständen zugleich Material der Partei, der Kreisverbände und ihrer Jugendstrukturen verteilt wird, entsteht eine Schnittstelle zwischen Straßenpropaganda, Mitgliedergewinnung und organisatorischem Parteiaufbau.

Das ist gerade vor der Bürgerschaftswahl 2027 relevant. Nach den innerparteilichen Konflikten, die 2023 zur Nichtzulassung der AfD führten, hat die heutige Landesführung ihren organisatorischen Wiederaufbau ausdrücklich zu einem Schwerpunkt gemacht. Die regelmäßigen Stände sind Teil dieser Infrastruktur.

Walle, Neustadt und Mitte: Straßenpräsenz erzeugt Gegenpräsenz

Die zunehmende AfD-Präsenz bleibt in Bremen nicht unwidersprochen. Am 15. März 2025 bildeten nach Angaben der Behörden etwa 50 Menschen spontan eine Gegendemonstration vor einem AfD-Stand in Walle. Die Polizei bewertete diesen Protest als friedlich. Nach dem späteren Abbau des Standes wurde ein 29-jähriger AfD-Unterstützer von zwei bislang unbekannten Männern beschimpft und mit einer Glasflasche beworfen und dabei leicht verletzt. Friedliche Gegendemonstration und späterer körperlicher Angriff sind dabei als zwei unterschiedliche Vorgänge zu behandeln. Besonders hier zeigt sich oftmals die unzureichende kritisch-journalistische differenzierte Auseinandersetzung in den Bremer Medienhäusern. 

Nur wenige Wochen später, am 25. April 2025, entwickelte sich vor einem AfD-Stand an der Delmestraße in der Neustadt eine unangemeldete Gegendemonstration mit zeitweise bis zu 220 Teilnehmenden. Die Polizei dokumentierte dort unter anderem Beleidigungen, Verstöße gegen das Vermummungsverbot und Platzverweise. Die Neustadt selbst gehört keineswegs zu den starken AfD-Gebieten: Bei der Bundestagswahl hatte die Partei im gesamten Stadtteil 6,9 Prozent, im Ortsteil Neustadt lediglich 4,8 Prozent der Zweitstimmen erreicht. Am 13. September 2025 folgte erneut Walle. In der Nähe eines AfD-Standes fanden zwei angemeldete Gegendemonstrationen mit insgesamt rund 150 Teilnehmenden statt. Eine Gruppe von bis zu 30 Vermummten rannte nach Polizeiangaben auf den Parteistand zu und wurde von Einsatzkräften gestoppt. Verletzt wurde nach damaligem Kenntnisstand niemand. Auch hier müssen die angemeldeten Protestkundgebungen und der Versuch einer Gruppe, zum Stand vorzudringen, analytisch voneinander sauber getrennt werden. Auch hier gelingt das der Bremer Presselandschaft bisher kaum. 

Auch 2026: Protest vor Glocke und Domsheide

Die Auseinandersetzung setzte sich 2026 fort und verlagerte sich dabei auch in das symbolische Zentrum der Stadt. Für den 25. Juli 2026 wurde öffentlich gegen einen geplanten AfD-Infostand an der Domsheide vor der Glocke mobilisiert. Ein Mitgliederhinweis des SPD-Unterbezirks Bremen-Stadt rief für 9 Uhr zu einer Protestaktion für ein „weltoffenes und demokratisches Bremen“ auf; parallel verbreitete die antifaschistische Zivilgesellschaft eigene Aufrufe gegen den Stand. Der Standort ist politisch besonders interessant. Die Domsheide liegt in der Altstadt, wo die AfD bei der Bundestagswahl lediglich 8,1 Prozent erhielt. Der Parteistand befand sich damit nicht in einem AfD-Schwerpunkt, sondern in einem hochfrequentierten und symbolisch aufgeladenen Stadtraum mit Dom, Marktplatz, Glocke und zentralen Verkehrsbeziehungen.

Gerade dieser Gegensatz verdeutlicht die Normalisierungsstrategie: Ein Stand an der Domsheide muss nicht primär lokale AfD-Wähler:innen ansprechen. Er stellt die Partei mitten in den öffentlichen Raum, erreicht Menschen aus dem gesamten Stadtgebiet und provoziert zugleich gezielt eine politische Auseinandersetzung. Besonders hier setzt die AfD darauf, verwertbare Bilder zu erhalten in der sie sich als verfolgte Opposition inszenieren kann. 

Auch der Gegenprotest wird zum digitalen Material

Die Auseinandersetzungen um AfD-Stände enden nicht mit deren Abbau. Radio Bremen musste sich nach der Berichterstattung über den Waller Stand vom September 2025 mit knapp 30 Eingaben auseinandersetzen. Kritisiert wurden unter anderem die Verwendung von AfD-Videomaterial, fehlende Darstellung des friedlichen Protests und die Gefahr, eine Opferinszenierung der Partei zu reproduzieren. Die Aufarbeitung ist für die strategische Analyse besonders aufschlussreich. Was an einem Infostand geschieht, kann anschließend über Videos, kurze Ausschnitte und zugespitzte Erzählungen ein weit größeres Publikum erreichen als der Stand selbst. Ein Konflikt mit einigen Dutzend Beteiligten kann auf Instagram, TikTok, Facebook oder X in eine bundesweit anschlussfähige Geschichte über vermeintliche Unterdrückung, Gewalt oder fehlende Meinungsfreiheit umgedeutet werden. Genau hier ist eine große Lücke in der Bremer Presse festzustellen: Kaum Kompetenzen zur fachlichen Einordnung der AfD und ihrer extrem rechten Erzählung. Übernahme von behördlichen Einzelbeobachtungen ohne zweite objektive Quelle. Kaum Strategien gegen eine Vereinnahmung der Presse durch die Strategien der AfD. 

Das bedeutet keineswegs, tatsächliche Angriffe zu relativieren. Wo Menschen geschlagen, mit Gegenständen beworfen oder bedroht werden, handelt es sich um Gewalt. Gerade deshalb ist eine präzise Differenzierung zwischen friedlichem Protest, zivilem Ungehorsam, Ordnungsverstößen und körperlicher Gewalt entscheidend. Eine pauschale Zusammenfassung unter „Angriff auf die AfD“ kann sehr unterschiedliche Handlungen politisch miteinander unrichtig verschmelzen und bedient so letztlich nur das Geschäft der AfD. 

Besonders relevant für Menschen, gegen die sich die Propaganda richtet

Für migrantische, muslimische, jüdische, queere und andere von extrem rechten Feindbildern betroffene Menschen besitzen die Stände eine weitere Dimension. Ein politischer Stand ist nicht nur Kommunikation zwischen Partei und potentiellen Wähler:innen. Er kann bedeuten, dass Menschen in ihrem unmittelbaren Wohn- oder Einkaufsumfeld mit Botschaften konfrontiert werden, die ihre Zugehörigkeit zur Gesellschaft infrage stellen oder gesellschaftliche Probleme mit ihrer Herkunft, Religion oder Identität verbinden. Gerade deshalb sollte die Bewertung nicht ausschließlich aus der Perspektive politischer Aktivist:innen erfolgen. Betroffenenperspektiven gehören in die Analyse rechter Straßenpräsenz. Für manche Menschen ist ein AfD-Stand lediglich ein politischer Tisch, an dem sie vorbeigehen. Für andere bedeutet er die unmittelbare Präsenz einer politischen Ideologie, deren Forderungen sie selbst betreffen und damit Angsträume erschaffen können. Besonders gewaltbereite Akteur:innen die solche AfD-Stände unterstützen (wie Personen der neonazistischen weserems.aktion) verändern das Sicherheitsgefühl von betroffenen Menschen. 

Demokratische und antifaschistische Gegenstrategien sollten diese Menschen nicht lediglich als Begründung für Protest verwenden, sondern ihre Bedürfnisse nach Sicherheit, Solidarität und eigener Handlungsmacht in den Mittelpunkt stellen.

Wie antifaschistische und demokratische Gruppen mit rechter Straßenpräsenz umgehen können

Eine demokratische Antwort muss weder aus Ignorieren noch aus maximaler Konfrontation bestehen. Sichtbarer Widerspruch ist politisch legitim und kann der Normalisierung extrem rechter Positionen entgegenwirken. Entscheidend ist, dass Gegenprotest eine eigene Botschaft transportiert und nicht ausschließlich um die Selbstdarstellung der AfD kreist. Bewährt hat sich zum Beisiel das vollständige friedliche Umstellen der AfD und der Transport eigener positiver Inhalte in den öffentlichen Raum als Gegengewicht zur Untergangserzählung der extremen Rechten. 

Das bedeutet zunächst, nicht allein zu reagieren. Lokale Initiativen, Parteien, Gewerkschaften, Jugendverbände, migrantische Selbstorganisationen, Beratungsstellen und antifaschistische Gruppen können Informationen austauschen und ihre Aktivitäten koordinieren. Gerade in Stadtteilen, in denen Stände regelmäßig wiederkehren, ist eine kontinuierliche demokratische Präsenz wirkungsvoller als eine ausschließlich ereignisbezogene Reaktion. Ebenso wichtig ist der Schutz Betroffener. Menschen, die an oder im Umfeld eines Standes rassistisch, antisemitisch, queerfeindlich oder anderweitig menschenfeindlich beleidigt oder bedroht werden, sollten nicht verpflichtet werden, selbst die politische Auseinandersetzung zu führen. Zeug:innen können Vorfälle dokumentieren und Betroffene bei Bedarf zu spezialisierten Beratungsstellen begleiten.

Eine weitere Aufgabe ist die eigene Gegenöffentlichkeit. Demokratische Akteur:innen müssen nicht jede AfD-Provokation übernehmen oder deren Schlagworte fortwährend wiederholen. Ein rassistisches Flugblatt gewinnt zusätzliche Reichweite, wenn seine Schlagzeile ohne Einordnung über die eigenen Social-Media-Kanäle weiterverbreitet wird. Sinnvoller ist es, die dahinterliegende Strategie zu erklären, Fakten entgegenzustellen und sichtbar zu machen, gegen wen bestimmte Forderungen gerichtet sind. Dabei sollte Protest möglichst so organisiert werden, dass die eigene politische Botschaft sichtbar bleibt. Friedlicher Widerspruch, kreative Aktionen, Informationsangebote und solidarische Präsenz lassen sich nur schwer in die Erzählung eines gewaltsamen politischen Gegners umdeuten. Eine Strategie, die darauf abzielt, die Normalisierung rechter Propaganda zu verhindern, sollte vermeiden, zugleich die wirkungsvollsten Bilder für deren Opferkommunikation zu produzieren. Gelungene Strategien zeigten sich zuletzt unter anderem an der Bremer Glocke. 

Die entscheidende Antwort liegt nicht nur am AfD-Stand

Eine der größten Fehleinschätzungen wäre allerdings, die demokratische Auseinandersetzung ausschließlich dann zu führen, wenn die AfD einen Pavillon aufstellt. Die Partei selbst setzt auf Kontinuität. Wer ihr nur punktuell begegnet, reagiert permanent auf einen von ihr gesetzten Termin. Die langfristige Gegenstrategie liegt deshalb in dauerhafter demokratischer und antifaschistischer Stadtteilarbeit: politische Bildung, niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten, lokale Bündnisse, sichtbare Solidarität mit Betroffenen und ernsthafte Auseinandersetzung mit den sozialen und politischen Problemen, die rechte Akteur:innen für ihre eigenen Deutungen instrumentalisieren. Die Wahlgeografie zeigt, warum das wichtig ist. In Burgdamm erreicht die AfD 26,1 Prozent, in Blumenthal 25,3 und in Gröpelingen 20,3 Prozent. Gleichzeitig erzielt sie in der Altstadt 8,1 und in der Neustadt 4,8 Prozent. Rechte Straßenpräsenz findet damit in sehr unterschiedlichen politischen Räumen statt. Der Erfolg der AfD liegt hier weniger in ihrem Wirken selbst, sondern im Fehlen demokratischer und antifaschistischer Angebote. 

Eine wirksame Strategie muss diese Unterschiede ernst nehmen. In einem Gebiet mit starkem AfD-Wähler:innenpotenzial braucht es andere Formen kontinuierlicher politischer Arbeit als vor einem symbolischen Innenstadtstand, dessen zentrale Funktion Sichtbarkeit ist.

Kleine Stände, langfristige Strategie

Viele AfD-Infostände wirken vor Ort unspektakulär. Einige Menschen stehen hinter einem Tisch, Passant:innen gehen vorbei, Gegenprotest ist häufig größer als die eigentliche Parteipräsenz. Wer daraus auf politische Bedeutungslosigkeit schließt, übersieht jedoch die langfristige Funktion. Der einzelne Stand ist Teil eines größeren Systems: Kreisverband, Landesführung, Straßenpräsenz, Social Media, Mitgliedergewinnung, Jugendorganisation und Wahlkampf greifen ineinander. Wiederholung schafft Wiedererkennbarkeit. Wiedererkennbarkeit kann Normalität erzeugen. Kontakte können zu organisatorischer Bindung werden. Konflikte können anschließend digitale Reichweite produzieren. Der Kreisverband Bremen-Nord bringt die Logik selbst auf den Punkt, wenn er jeden Infostand als „Baustein“ kontinuierlicher politischer Arbeit beschreibt. Genau deshalb reicht es nicht, die Stände nur als Wahlwerbung zu betrachten. Sie sind Teil einer langfristigen Strategie zur Verankerung einer Partei im öffentlichen Raum, deren Bremer Landesverband nach Einschätzung des Landesverfassungsschutzes zunehmend von Positionen und Akteur:innen der „Neuen Rechten“ geprägt wird.

Die antifaschistische und demokratische Antwort darauf muss ebenso langfristig sein: sichtbar widersprechen, Betroffene stärken, Propaganda fachlich einordnen, antifaschistische und demokratische Strukturen in den Stadtteilen dauerhaft stärken. Die politische Auseinandersetzung beginnt nicht erst am Wahltag. Das Ausbreiten extrem rechter Normalisierung findet längst auf den Plätzen, vor den Einkaufszentren und in den Fußgängerzonen von Bremen und Bremerhaven statt.

Redaktion
AfD Watch Bremen