Wie die Kreisverbände die Bremer AfD prägen
Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven sind organisatorisch weit mehr als lokale Verbände. Ihre Geschichte erzählt von Machtkämpfen, Rechtsverschiebungen, personellen Aufstiegen und einem Landesverband, dessen heutige Führung eng mit den Kreisstrukturen verflochten ist.
Wer auf die Bremer AfD blickt, schaut meist auf den Landesvorstand, auf Sergej Minich, die Bürgerschaft oder inzwischen den Bundestag. Dabei lässt sich ein erheblicher Teil der Entwicklung der Partei nur verstehen, wenn man eine Ebene tiefer geht. Die Kreisverbände waren in der Bremer AfD immer wieder eigenständige politische Machtzentren. Aus ihnen kamen innerparteiliche Gegenbewegungen, Parteigerichtsverfahren, Führungspersonal und schließlich Konflikte, die 2023 zur vollständigen Nichtzulassung der AfD bei der Bürgerschaftswahl beitrugen.
Heute weist der Landesverband drei Kreisverbände aus: Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven. Die personelle Verbindung zur Landesführung ist besonders in Bremen-Stadt und Bremen-Nord ausgeprägt. Sergej Minich ist zugleich Landesvorsitzender und Vorsitzender von Bremen-Stadt. Marvin Mergard führt Bremen-Nord und ist stellvertretender Landesvorsitzender. In Bremerhaven hat sich die Führung dagegen verändert. Spätestens im August 2026 trat Stefan Dettmann in einem Video des AfD-Kreisverbandes als Kreisvorsitzender auf. Zuvor hatte er sich als Kreisschatzmeister bezeichnet. Ob, wann und mit welchem Ergebnis Dettmann Stephan Hilbers formal im Amt ablöste, ist öffentlich nicht nachvollziehbar dokumentiert.
Ein Grund dafür: Die AfD verweigerte zu jener aufschlussreichen Parteiveranstaltung einem freien Journalisten den Zugang. Der legte den Eilbeschluss des Amtsgerichts rechtzeitig vor. Doch die AfD schloss im Zuge dessen die gesamte Presse aus.
Hilbers gehört weiterhin als Schriftführer dem Landesvorstand an. Die heutige Struktur unterscheidet sich damit von früheren Phasen, in denen Kreisverbände dem Landesvorstand als konkurrierende Machtzentren gegenüberstanden. Zugleich zeigt der nicht transparent dokumentierte Führungswechsel in Bremerhaven, dass die öffentlichen Angaben der Partei zu ihren eigenen Organisationsstrukturen lückenhaft bleiben.
Die Geschichte der Kreisverbände ist deshalb keine organisatorische Fußnote. Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis der personellen Machtverteilung, der innerparteilichen Konflikte und der politischen Entwicklung der Bremer AfD.
Als ein Kreisverband den Rechtskurs der eigenen Partei angriff
Besonders deutlich wurde das bereits 2017. Damals existierte noch der Kreisverband Bremen-Mitte-West. Die taz bezeichnete ihn als mitgliederstärksten Kreisverband des Landesverbandes. Sein Vorsitzender Frank Regener und weitere Vorstandsmitglieder gerieten zunehmend mit dem damaligen Landesvorsitzenden Frank Magnitz und dessen politischem Kurs in Konflikt. Regener warf der Landesführung eine Annäherung an extrem rechte Strukturen und insbesondere an die Identitäre Bewegung vor. Der Streit verlief dabei mitten durch die Partei.
Am 11. Oktober 2017 reagierte der Landesvorstand drastisch. Der komplette Vorstand von Bremen-Mitte-West mit Frank Regener, Achim Dubois, Peter Scharlau und Heinrich Rauch wurde seines Amtes enthoben. Begründet wurde dies unter anderem mit der Veröffentlichung von Parteiinterna und der öffentlichen Thematisierung innerparteilicher Streitigkeiten. Bemerkenswert war zugleich, dass Alexander Tassis den Kreisvorstand kurz zuvor aus der entgegengesetzten Richtung verlassen hatte: Ihm war das dortige Umfeld nach den damaligen Berichten offenbar zu gemäßigt. Der Konflikt zeigte damit bereits früh, wie tief die Auseinandersetzung um die politische Ausrichtung der Bremer AfD ging. Regener verließ die Partei schließlich ganz. In einer von AfD Watch Bremen veröffentlichten Erklärung sprach er von einem „Demokratiedefizit“ und von radikalen rechten Tendenzen. Er warf der Landesführung vor, Kritiker:innen kaltzustellen und sich politisch mit der Identitären Bewegung zu solidarisieren. Dabei handelte es sich um die Aussagen eines ausgetretenen Funktionärs und nicht um unabhängige Feststellungen. Dass der Konflikt real und institutionell weitreichend war, ist dagegen dokumentiert. Mehrere Mitglieder des ehemaligen Kreisverbandes zogen gegen ihre Behandlung durch die Partei vor Gericht. Das Landgericht Bremen stellte später fest, dass sofortige Ausschlüsse zweier Mitglieder unwirksam gewesen waren.
Der Vorgang ist rückblickend von erheblicher Bedeutung. Ein Kreisverband, der den Landesvorstand wegen dessen Rechtsentwicklung kritisierte, wurde organisatorisch ausgeschaltet. Gleichzeitig setzte sich jene politische Richtung, gegen die Teile von Bremen-Mitte-West opponiert hatten, in den folgenden Jahren nicht etwa zurück, sondern wurde in der Partei zunehmend normalisiert.
Bremen-Stadt: Kreis- und Landesführung in einer Hand
Der heutige Kreisverband Bremen-Stadt wird von Sergej Minich geführt. Auf der offiziellen Seite des Verbandes wird außer dem Kreisvorsitzenden kaum eine weitere personelle Struktur öffentlich ausgewiesen. Minich ist zugleich Landesvorsitzender und Bundestagsabgeordneter. Damit fallen drei politische Ebenen – Kreisverband, Landesverband und Bundespolitik – bei einer Person zusammen. Diese Personalunion erschwert teilweise sogar die analytische Trennung der Parteiebenen. Infostände, Wahlkampfveranstaltungen und politische Kampagnen können gleichzeitig Aktivitäten des Kreisverbandes, des Landesverbandes und der bundespolitischen AfD darstellen. Organisatorisch bleiben diese Ebenen getrennt, politisch und personell sind sie jedoch stark miteinander verschränkt.
Gerade darin liegt ein Unterschied zur AfD der Jahre 2017 oder 2022. Damals standen sich Landesführung und einzelne Kreisverbände teilweise als konkurrierende Machtzentren gegenüber. Heute ist Bremen-Stadt unmittelbar an den Landesvorsitz gekoppelt. Der größte städtische Kreisverband ist damit kaum noch als Gegenpol zur Landesführung vorstellbar – seine Führung ist selbst Landesführung.
Bremen-Nord: Von der Jungen Alternative ins Zentrum der Partei
Noch deutlicher wird die personelle Entwicklung im Kreisverband Bremen-Nord. Sein Vorsitzender Marvin Mergard ist gleichzeitig stellvertretender Landesvorsitzender. Seine politische Laufbahn begann lange vor dieser heutigen Führungsposition im Umfeld der damaligen Jungen Alternative. Bereits in den 2010er Jahren gehörte er zu deren Bremer Funktionär:innen und trat im Umfeld von Akteur:innen auf, die Kontakte zur Identitären Bewegung unterhielten. Heute steht Mergard nicht am Rand der Partei, sondern direkt hinter Minich in der Landesführung.
Damit zeigt Bremen-Nord eine wichtige personelle Kontinuität. Akteur:innen aus dem Umfeld der früheren Jugendorganisation sind nicht aus der Partei verschwunden, sondern teilweise in deren Führungsstruktur aufgestiegen. Gerade bei Mergard lässt sich verfolgen, wie aus einem Akteur der früheren Jungen Alternative über Jahre ein Kreisvorsitzender und stellvertretender Landesvorsitzender wurde. Der Kreisverband besitzt zugleich eine strategisch interessante geografische Position. Bremen-Nord gehörte bereits vor der Gründung der AfD zu jenen Teilen der Stadt, in denen unterschiedliche rechte Parteien überdurchschnittliche Wahlergebnisse und Beiratsmandate erzielen konnten. Bürger in Wut erreichten dort früh hohe Ergebnisse; in Blumenthal saß zeitweise auch die NPD im Beirat. Heute gehört insbesondere Blumenthal wiederum zu den Bremer Gebieten mit hohen AfD-Ergebnissen. Daraus folgt keine direkte politische oder personelle Kontinuität zwischen diesen Parteien. Es zeigt aber, weshalb eine lokal arbeitende AfD-Struktur gerade in Bremen-Nord für die Partei strategisch bedeutsam ist.
Bemerkenswert ist außerdem, dass Bremen-Nord nicht nur Nachwuchs für die aktuelle Landesführung stellt. Der heutige Landesschatzmeister Ahmet Görgülü gehört ebenfalls zum Führungskreis der Partei. Damit verdichtet sich rund um Bremen-Nord eine Gruppe von Funktionären, die Kreis- und Landesorganisation eng miteinander verbindet.
Als Bremen-Nord und Bremerhaven gegen den Landesvorstand vorgingen
Dass Bremen-Nord heute eng mit der Landesführung verbunden ist, macht einen Blick auf 2022 besonders interessant. Damals gehörte der Kreisverband gerade nicht einfach zum Lager des späteren Landesvorsitzenden Minich.
Aus den Akten des Bremer Wahlprüfungsverfahrens geht hervor, dass der Kreisverband Bremerhaven beim AfD-Landesschiedsgericht gegen Beschlüsse und Wahlen des Landesparteitages vom 8. Mai 2022 vorging. Der Kreisverband Bremen-Nord schloss sich dem Verfahren als Streitgenosse an. Das Landesschiedsgericht erklärte im Oktober 2022 die betreffenden Wahlen und Beschlüsse für nichtig und setzte einen Notvorstand ein. Das Bundesschiedsgericht hatte zuvor von „offenkundig schwerwiegenden Mängeln“ des Parteitages gesprochen. Der Konflikt betraf unmittelbar Sergej Minich und den damaligen Führungskern um ihn. Trotzdem akzeptierte das konkurrierende Lager die neue Situation nicht einfach. Es entstand ein jahrelanger Streit darüber, welcher Vorstand die Bremer AfD rechtmäßig vertreten durfte. Beide Seiten organisierten eigene Versammlungen und beanspruchten die Legitimation zur Einreichung von Wahlvorschlägen.
Die Folgen waren außergewöhnlich: Bei der Bürgerschaftswahl 2023 wurde keiner der konkurrierenden AfD-Wahlvorschläge zugelassen. Das Wahlprüfungsgericht bestätigte später, dass beide Zurückweisungen rechtmäßig gewesen seien. Beim Notvorstand waren nicht alle wahlberechtigten Mitglieder ordnungsgemäß über die Aufstellungsversammlung informiert worden; der sogenannte Rumpfvorstand wiederum konnte seine Vertretungsbefugnis nicht ausreichend nachweisen. Damit lässt sich der Zusammenbruch von 2023 nicht einfach als Streit einiger Landesfunktionäre beschreiben. Kreisverbände waren institutionelle Akteur:innen dieses Konflikts. Bremerhaven leitete eines der entscheidenden Parteigerichtsverfahren ein, Bremen-Nord schloss sich ihm an.
Dass heute ausgerechnet der Vorsitzende von Bremen-Nord stellvertretender Landesvorsitzender unter Minich ist, zeigt, wie grundlegend sich die innerparteilichen Machtverhältnisse seitdem neu sortiert haben.
Bremerhaven: wiederkehrender Konfliktraum
Der Kreisverband Bremerhaven nimmt in der Geschichte der Landespartei eine besondere Rolle ein. Er war Ausgangspunkt des Parteigerichtsverfahrens von 2022 und über Jahre eng mit Thomas Jürgewitz verbunden. Bremerhaven entwickelte sich damit sowohl kommunalpolitisch als auch innerparteilich zu einem eigenständigen Machtzentrum.
Im Juni 2026 verließen Jürgewitz und Wolfgang Koch die AfD und schlossen sich der damaligen Fraktion Bündnis Deutschland an. Zugleich erlosch der Status ihrer bisherigen „AfD-Gruppe“. Beide begründeten ihren Austritt unter anderem mit mangelnder innerparteilicher Demokratie und fehlender Toleranz gegenüber abweichenden Positionen. Außerdem erklärten sie gegenüber Radio Bremen, auf einem Kreisparteitag sei es zu Gewalt gegen einzelne Mitglieder gekommen. Der Austritt bedeutete nicht das dauerhafte Ende einer kommunalparlamentarischen Struktur mit AfD im Namen. Mitte Juni bildeten Sven Lichtenfeld und Claudia Baltrusch die „AfD Bremerhaven Gruppe“. Das Ratsinformationssystem führt Lichtenfeld als Sprecher und Baltrusch als stellvertretende Sprecherin. Beide waren 2023 für Bürger in Wut zur Stadtverordnetenversammlung angetreten. Nur Lichtenfelds aktuelle AfD-Mitgliedschaft ist öffentlich belegt. Eine Mitgliedschaft Baltruschs in der Partei ist nicht dokumentiert.
Die AfD verlor damit sämtliche Stadtverordnete, die 2023 über ihren eigenen Wahlvorschlag gewählt worden waren. Sie verlor aber nicht jede kommunalparlamentarische Präsenz unter ihrem Namen.
Neuer Kreisvorsitz ohne Mandat
Spätestens im August 2026 trat Stefan Dettmann als Vorsitzender des Kreisverbandes auf. Dettmann besitzt selbst kein Mandat. Der Kreisverband wird damit von einem Funktionär geführt, dessen Bedeutung nicht aus parlamentarischer Arbeit, sondern aus dem organisatorischen Wiederaufbau der Partei vor den Wahlen 2027 entsteht. Gleichzeitig verfügt die AfD durch Lichtenfelds Mitgliedschaft und die neue parlamentarische Gruppe wieder über einen institutionellen Anknüpfungspunkt im Bremerhavener Stadtparlament.
Von konkurrierenden Machtzentren zur personellen Verzahnung
Aus mehr als einem Jahrzehnt Kreisverbandsgeschichte ergibt sich damit ein auffälliger Wandel.
2017 stellte sich der mitgliederstärkste Kreisverband Bremen-Mitte-West gegen den Rechtskurs der Landesführung und wurde anschließend entmachtet. 2022 gingen Bremerhaven und Bremen-Nord mit parteijuristischen Mitteln gegen Entscheidungen eines Landesparteitages vor. Der daraus hervorgegangene Konflikt trug dazu bei, dass die AfD 2023 vollständig von der Bürgerschaftswahl ausgeschlossen blieb. Nur wenige Jahre später zeigt sich eine deutlich veränderte Organisationsstruktur. Besonders Bremen-Stadt und Bremen-Nord sind heute personell eng mit der Landesführung verbunden. Sergej Minich führt sowohl den Kreisverband Bremen-Stadt als auch den Landesverband. Marvin Mergard ist Vorsitzender von Bremen-Nord und zugleich stellvertretender Landesvorsitzender. In Bremerhaven trat dagegen spätestens im August 2026 Stefan Dettmann öffentlich als Kreisvorsitzender auf. Wann, mit welchem Ergebnis und unter welchen innerparteilichen Umständen er Stephan Hilbers ablöste, ist öffentlich nicht nachvollziehbar dokumentiert. Hilbers gehört weiterhin als Schriftführer dem Landesvorstand an. Ahmet Görgülü ist Landesschatzmeister. Die personelle Konzentration betrifft damit vor allem Bremen-Stadt und Bremen-Nord, während die widersprüchlichen öffentlichen Angaben zur Kreisführung in Bremerhaven weiterhin Fragen zur aktuellen Organisationsstruktur aufwerfen..
Diese personelle Konzentration kann als eine Form organisatorischer Konsolidierung gelesen werden. Nach jahrelangen konkurrierenden Vorständen und Parteigerichtsverfahren sind Kreis- und Landesebene heute enger miteinander verbunden. Sie bedeutet aber nicht, dass die alten politischen Konflikte aufgearbeitet wären. Vielmehr haben sich die Kräfteverhältnisse verändert. Gerade Mergards Aufstieg ist dafür symbolisch. Ein Akteur, dessen politische Biografie eng mit der früheren extrem rechten Jungen Alternative verbunden ist, steht heute an der Spitze eines Kreisverbandes und zugleich auf Platz zwei des Landesverbandes. Der radikale Rechtskurs, gegen den Teile des früheren Kreisverbandes Bremen-Mitte-West 2017 noch öffentlich opponierten, ist nicht verschwunden. Der Kampf der weniger radikalen Kräfte in der Bremer AfD wurde lediglich in den letzten Jahren endgültig verloren.
Kreisverbände sind die Infrastruktur für 2027
Die Bedeutung dieser Entwicklung reicht über Parteigeschichte hinaus. Kreisverbände organisieren lokale Präsenz, Infostände, Mitgliederarbeit, Kandidaturen und den Kontakt zu den jeweiligen Stadtteilen beziehungsweise zu Bremerhaven. Sie sind damit die Infrastruktur, über die eine Partei Wahlergebnisse in konkrete lokale Verankerung übersetzen kann. Für die Bremer AfD ist das vor der Bürgerschaftswahl 2027 besonders relevant. 2023 scheiterte sie aufgrund ihrer eigenen organisatorischen Konflikte bereits vor der eigentlichen Wahl. Seitdem hat sie sich neu sortiert. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie im Land Bremen deutlich höhere Ergebnisse als zuvor, im März 2026 kam sie in einer Infratest-dimap-Erhebung zur Bürgerschaftswahl auf 15 Prozent. Marvin Mergard trat gegenüber Radio Bremen dabei bereits als Vertreter des Landesvorstandes auf.
Die entscheidende Frage vor 2027 lautet deshalb nicht allein, welche Kandidat:innen die AfD aufstellt. Sie lautet auch, ob die engere Verzahnung von Kreis- und Landesführung jene organisatorische Instabilität tatsächlich überwunden hat, die den Verband über Jahre geprägt hat – und welche politische Richtung sich durch diese Konsolidierung nun endgültig in der Bremer AfD durchgesetzt hat.
Redaktion
AfD Watch Bremen
