Wie die Kreisverbände die Bremer AfD prägen

Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven sind organisatorisch weit mehr als lokale Verbände. Ihre Geschichte erzählt von Machtkämpfen, Rechtsverschiebungen, personellen Aufstiegen und einem Landesverband, dessen heutige Führung eng mit den Kreisstrukturen verflochten ist.

Wer auf die Bremer AfD blickt, schaut meist auf den Landesvorstand, auf Sergej Minich, die Bürgerschaft oder inzwischen den Bundestag. Dabei lässt sich ein erheblicher Teil der Entwicklung der Partei nur verstehen, wenn man eine Ebene tiefer geht. Die Kreisverbände waren in der Bremer AfD immer wieder eigenständige politische Machtzentren. Aus ihnen kamen innerparteiliche Gegenbewegungen, Parteigerichtsverfahren, Führungspersonal und schließlich Konflikte, die 2023 zur vollständigen Nichtzulassung der AfD bei der Bürgerschaftswahl beitrugen.

Heute weist der Landesverband drei Kreisverbände aus: Bremen-Stadt, Bremen-Nord und Bremerhaven. Die personellen Überschneidungen mit der Landesführung sind aktuell erheblich. Sergej Minich ist zugleich Landesvorsitzender und Vorsitzender von Bremen-Stadt. Marvin Mergard führt Bremen-Nord und ist gleichzeitig stellvertretender Landesvorsitzender. Stephan Hilbers wird von der Partei aktuell sowohl als Kreisvorsitzender in Bremerhaven als auch als Schriftführer des Landesvorstandes geführt. Damit werden alle drei Kreisverbände von Personen geleitet, die unmittelbar zur Führungsebene des Landesverbandes gehören. Diese neuere Struktur unterscheidet sich deutlich von früheren Phasen der Bremer AfD. Kreisverbände standen dem Landesvorstand zeitweise offen gegenüber, entwickelten eigene politische Lager und führten ihre Auseinandersetzungen bis vor Partei- und staatliche Gerichte. Die Geschichte der Kreisverbände ist deshalb keine organisatorische Fußnote. Sie ist ein Schlüssel zum Verständnis der Bremer AfD.

Als ein Kreisverband den Rechtskurs der eigenen Partei angriff

Besonders deutlich wurde das bereits 2017. Damals existierte noch der Kreisverband Bremen-Mitte-West. Die taz bezeichnete ihn als mitgliederstärksten Kreisverband des Landesverbandes. Sein Vorsitzender Frank Regener und weitere Vorstandsmitglieder gerieten zunehmend mit dem damaligen Landesvorsitzenden Frank Magnitz und dessen politischem Kurs in Konflikt. Regener warf der Landesführung eine Annäherung an extrem rechte Strukturen und insbesondere an die Identitäre Bewegung vor. Der Streit verlief dabei mitten durch die Partei.

Am 11. Oktober 2017 reagierte der Landesvorstand drastisch. Der komplette Vorstand von Bremen-Mitte-West mit Frank Regener, Achim Dubois, Peter Scharlau und Heinrich Rauch wurde seines Amtes enthoben. Begründet wurde dies unter anderem mit der Veröffentlichung von Parteiinterna und der öffentlichen Thematisierung innerparteilicher Streitigkeiten. Bemerkenswert war zugleich, dass Alexander Tassis den Kreisvorstand kurz zuvor aus der entgegengesetzten Richtung verlassen hatte: Ihm war das dortige Umfeld nach den damaligen Berichten offenbar zu gemäßigt. Der Konflikt zeigte damit bereits früh, wie tief die Auseinandersetzung um die politische Ausrichtung der Bremer AfD ging. Regener verließ die Partei schließlich ganz. In einer von AfD Watch Bremen veröffentlichten Erklärung sprach er von einem „Demokratiedefizit“ und von radikalen rechten Tendenzen. Er warf der Landesführung vor, Kritiker:innen kaltzustellen und sich politisch mit der Identitären Bewegung zu solidarisieren. Dabei handelte es sich um die Aussagen eines ausgetretenen Funktionärs und nicht um unabhängige Feststellungen. Dass der Konflikt real und institutionell weitreichend war, ist dagegen dokumentiert. Mehrere Mitglieder des ehemaligen Kreisverbandes zogen gegen ihre Behandlung durch die Partei vor Gericht. Das Landgericht Bremen stellte später fest, dass sofortige Ausschlüsse zweier Mitglieder unwirksam gewesen waren.

Der Vorgang ist rückblickend von erheblicher Bedeutung. Ein Kreisverband, der den Landesvorstand wegen dessen Rechtsentwicklung kritisierte, wurde organisatorisch ausgeschaltet. Gleichzeitig setzte sich jene politische Richtung, gegen die Teile von Bremen-Mitte-West opponiert hatten, in den folgenden Jahren nicht etwa zurück, sondern wurde in der Partei zunehmend normalisiert.

Bremen-Stadt: Kreis- und Landesführung in einer Hand

Der heutige Kreisverband Bremen-Stadt wird von Sergej Minich geführt. Auf der offiziellen Seite des Verbandes wird außer dem Kreisvorsitzenden kaum eine weitere personelle Struktur öffentlich ausgewiesen. Minich ist zugleich Landesvorsitzender und Bundestagsabgeordneter. Damit fallen drei politische Ebenen – Kreisverband, Landesverband und Bundespolitik – bei einer Person zusammen. Diese Personalunion erschwert teilweise sogar die analytische Trennung der Parteiebenen. Infostände, Wahlkampfveranstaltungen und politische Kampagnen können gleichzeitig Aktivitäten des Kreisverbandes, des Landesverbandes und der bundespolitischen AfD darstellen. Organisatorisch bleiben diese Ebenen getrennt, politisch und personell sind sie jedoch stark miteinander verschränkt.

Gerade darin liegt ein Unterschied zur AfD der Jahre 2017 oder 2022. Damals standen sich Landesführung und einzelne Kreisverbände teilweise als konkurrierende Machtzentren gegenüber. Heute ist Bremen-Stadt unmittelbar an den Landesvorsitz gekoppelt. Der größte städtische Kreisverband ist damit kaum noch als Gegenpol zur Landesführung vorstellbar – seine Führung ist selbst Landesführung.

Bremen-Nord: Von der Jungen Alternative ins Zentrum der Partei

Noch deutlicher wird die personelle Entwicklung im Kreisverband Bremen-Nord. Sein Vorsitzender Marvin Mergard ist gleichzeitig stellvertretender Landesvorsitzender. Seine politische Laufbahn begann lange vor dieser heutigen Führungsposition im Umfeld der damaligen Jungen Alternative. Bereits in den 2010er Jahren gehörte er zu deren Bremer Funktionär:innen und trat im Umfeld von Akteur:innen auf, die Kontakte zur Identitären Bewegung unterhielten. Heute steht Mergard nicht am Rand der Partei, sondern direkt hinter Minich in der Landesführung.

Damit zeigt Bremen-Nord eine wichtige personelle Kontinuität. Akteur:innen aus dem Umfeld der früheren Jugendorganisation sind nicht aus der Partei verschwunden, sondern teilweise in deren Führungsstruktur aufgestiegen. Gerade bei Mergard lässt sich verfolgen, wie aus einem Akteur der früheren Jungen Alternative über Jahre ein Kreisvorsitzender und stellvertretender Landesvorsitzender wurde. Der Kreisverband besitzt zugleich eine strategisch interessante geografische Position. Bremen-Nord gehörte bereits vor der Gründung der AfD zu jenen Teilen der Stadt, in denen unterschiedliche rechte Parteien überdurchschnittliche Wahlergebnisse und Beiratsmandate erzielen konnten. Bürger in Wut erreichten dort früh hohe Ergebnisse; in Blumenthal saß zeitweise auch die NPD im Beirat. Heute gehört insbesondere Blumenthal wiederum zu den Bremer Gebieten mit hohen AfD-Ergebnissen. Daraus folgt keine direkte politische oder personelle Kontinuität zwischen diesen Parteien. Es zeigt aber, weshalb eine lokal arbeitende AfD-Struktur gerade in Bremen-Nord für die Partei strategisch bedeutsam ist.

Bemerkenswert ist außerdem, dass Bremen-Nord nicht nur Nachwuchs für die aktuelle Landesführung stellt. Der heutige Landesschatzmeister Ahmet Görgülü gehört ebenfalls zum Führungskreis der Partei. Damit verdichtet sich rund um Bremen-Nord eine Gruppe von Funktionären, die Kreis- und Landesorganisation eng miteinander verbindet.

Als Bremen-Nord und Bremerhaven gegen den Landesvorstand vorgingen

Dass Bremen-Nord heute eng mit der Landesführung verbunden ist, macht einen Blick auf 2022 besonders interessant. Damals gehörte der Kreisverband gerade nicht einfach zum Lager des späteren Landesvorsitzenden Minich.

Aus den Akten des Bremer Wahlprüfungsverfahrens geht hervor, dass der Kreisverband Bremerhaven beim AfD-Landesschiedsgericht gegen Beschlüsse und Wahlen des Landesparteitages vom 8. Mai 2022 vorging. Der Kreisverband Bremen-Nord schloss sich dem Verfahren als Streitgenosse an. Das Landesschiedsgericht erklärte im Oktober 2022 die betreffenden Wahlen und Beschlüsse für nichtig und setzte einen Notvorstand ein. Das Bundesschiedsgericht hatte zuvor von „offenkundig schwerwiegenden Mängeln“ des Parteitages gesprochen. Der Konflikt betraf unmittelbar Sergej Minich und den damaligen Führungskern um ihn. Trotzdem akzeptierte das konkurrierende Lager die neue Situation nicht einfach. Es entstand ein jahrelanger Streit darüber, welcher Vorstand die Bremer AfD rechtmäßig vertreten durfte. Beide Seiten organisierten eigene Versammlungen und beanspruchten die Legitimation zur Einreichung von Wahlvorschlägen.

Die Folgen waren außergewöhnlich: Bei der Bürgerschaftswahl 2023 wurde keiner der konkurrierenden AfD-Wahlvorschläge zugelassen. Das Wahlprüfungsgericht bestätigte später, dass beide Zurückweisungen rechtmäßig gewesen seien. Beim Notvorstand waren nicht alle wahlberechtigten Mitglieder ordnungsgemäß über die Aufstellungsversammlung informiert worden; der sogenannte Rumpfvorstand wiederum konnte seine Vertretungsbefugnis nicht ausreichend nachweisen. Damit lässt sich der Zusammenbruch von 2023 nicht einfach als Streit einiger Landesfunktionäre beschreiben. Kreisverbände waren institutionelle Akteur:innen dieses Konflikts. Bremerhaven leitete eines der entscheidenden Parteigerichtsverfahren ein, Bremen-Nord schloss sich ihm an.

Dass heute ausgerechnet der Vorsitzende von Bremen-Nord stellvertretender Landesvorsitzender unter Minich ist, zeigt, wie grundlegend sich die innerparteilichen Machtverhältnisse seitdem neu sortiert haben.

Bremerhaven: wiederkehrender Konfliktraum

Der Kreisverband Bremerhaven nimmt in dieser Geschichte eine besondere Rolle ein. Er war nicht nur Ausgangspunkt des Parteigerichtsverfahrens von 2022, sondern über Jahre eng mit Thomas Jürgewitz verbunden. Bremerhaven entwickelte sich damit sowohl kommunalpolitisch als auch innerparteilich zu einem eigenständigen Machtzentrum.

Doch auch dort hielt die Organisation nicht dauerhaft zusammen. Im Juni 2026 verließen Thomas Jürgewitz und Wolfgang Koch die AfD und wechselten zu Bündnis Deutschland. Damit verlor die AfD ihre letzten beiden eigenen Stadtverordneten in Bremerhaven. Jürgewitz und Koch begründeten ihren Austritt unter anderem mit mangelnder innerparteilicher Demokratie und fehlender Toleranz gegenüber abweichenden Positionen. Außerdem erklärten sie gegenüber Radio Bremen, bei einem Kreisparteitag sei es zu Gewalt gegen einzelne Mitglieder gekommen. Diese Schilderung ist als Aussage der beiden Ausgetretenen zu kennzeichnen und nicht als unabhängig festgestellte Tatsache. Die AfD hatte bereits Ende 2025 versucht, ihre kommunalpolitische Struktur in Bremerhaven neu zu ordnen. Ein Vorhaben von Sven Lichtenfeld, Kevin Schäfer und Claudia Baltrusch, eine neue AfD-Fraktion zu bilden, scheiterte im Dezember 2025 in der Stadtverordnetenversammlung. Zu diesem Zeitpunkt bestand daneben weiterhin die AfD-Gruppe von Jürgewitz und Koch. Wenige Monate später war auch diese Struktur verschwunden.

Heute nennt der Landesverband Stephan Hilbers als Vorsitzenden des Kreisverbandes Bremerhaven. Hilbers gehört zugleich als Schriftführer dem Landesvorstand an. Die personelle Verbindung von Kreis- und Landesebene findet sich damit auch hier. Dass Radio Bremen noch im August 2026 Hilbers als Mitglied des AfD-Landesvorstandes zitiert, während die Partei parallel ihre Kandidaturen und organisatorische Neuaufstellung für 2027 vorantreibt, zeigt: Der Verlust sämtlicher AfD-Mandate in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung bedeutet nicht, dass der Kreisverband seine politische Tätigkeit eingestellt hätte.

Von konkurrierenden Machtzentren zur personellen Verzahnung

Aus mehr als einem Jahrzehnt Kreisverbandsgeschichte ergibt sich damit ein auffälliger Wandel.

2017 stellte sich der mitgliederstärkste Kreisverband Bremen-Mitte-West gegen den Rechtskurs der Landesführung und wurde anschließend entmachtet. 2022 gingen Bremerhaven und Bremen-Nord mit parteijuristischen Mitteln gegen Entscheidungen eines Landesparteitages vor. Der daraus hervorgegangene Konflikt trug dazu bei, dass die AfD 2023 vollständig von der Bürgerschaftswahl ausgeschlossen blieb. Nur wenige Jahre später zeigt sich eine deutlich andere Organisationsstruktur: Die Vorsitzenden aller drei heutigen Kreisverbände gehören zugleich unmittelbar zur Landesführung. Minich führt Bremen-Stadt und den Landesverband. Mergard führt Bremen-Nord und ist stellvertretender Landesvorsitzender. Hilbers führt nach aktueller Darstellung der Partei Bremerhaven und ist Schriftführer des Landesverbandes. Dazu kommt Görgülü als Landesschatzmeister.

Diese personelle Konzentration kann als eine Form organisatorischer Konsolidierung gelesen werden. Nach jahrelangen konkurrierenden Vorständen und Parteigerichtsverfahren sind Kreis- und Landesebene heute enger miteinander verbunden. Sie bedeutet aber nicht, dass die alten politischen Konflikte aufgearbeitet wären. Vielmehr haben sich die Kräfteverhältnisse verändert. Gerade Mergards Aufstieg ist dafür symbolisch. Ein Akteur, dessen politische Biografie eng mit der früheren extrem rechten Jungen Alternative verbunden ist, steht heute an der Spitze eines Kreisverbandes und zugleich auf Platz zwei des Landesverbandes. Der radikale Rechtskurs, gegen den Teile des früheren Kreisverbandes Bremen-Mitte-West 2017 noch öffentlich opponierten, ist nicht verschwunden. Der Kampf der weniger radikalen Kräfte in der Bremer AfD wurde lediglich in den letzten Jahren endgültig verloren. 

Kreisverbände sind die Infrastruktur für 2027

Die Bedeutung dieser Entwicklung reicht über Parteigeschichte hinaus. Kreisverbände organisieren lokale Präsenz, Infostände, Mitgliederarbeit, Kandidaturen und den Kontakt zu den jeweiligen Stadtteilen beziehungsweise zu Bremerhaven. Sie sind damit die Infrastruktur, über die eine Partei Wahlergebnisse in konkrete lokale Verankerung übersetzen kann. Für die Bremer AfD ist das vor der Bürgerschaftswahl 2027 besonders relevant. 2023 scheiterte sie aufgrund ihrer eigenen organisatorischen Konflikte bereits vor der eigentlichen Wahl. Seitdem hat sie sich neu sortiert. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte sie im Land Bremen deutlich höhere Ergebnisse als zuvor, im März 2026 kam sie in einer Infratest-dimap-Erhebung zur Bürgerschaftswahl auf 15 Prozent. Marvin Mergard trat gegenüber Radio Bremen dabei bereits als Vertreter des Landesvorstandes auf.

Die entscheidende Frage vor 2027 lautet deshalb nicht allein, welche Kandidat:innen die AfD aufstellt. Sie lautet auch, ob die engere Verzahnung von Kreis- und Landesführung jene organisatorische Instabilität tatsächlich überwunden hat, die den Verband über Jahre geprägt hat – und welche politische Richtung sich durch diese Konsolidierung nun endgültig in der Bremer AfD durchgesetzt hat. 

Redaktion
AfD Watch Bremen