43,1 Prozent in Leherheide-West: Wie sich die politische Rechte in Bremerhaven neu sortiert
AfD, Bürger in Wut und die Wahlgeografie einer Stadt, in der rechte Parteien seit Jahren um dieselben politischen Räume konkurrieren
Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD in Bremerhaven 23,5 Prozent der Zweitstimmen. Besonders heraus sticht Leherheide-West: Dort entschieden sich 43,1 Prozent der Wähler:innen mit ihrer Zweitstimme für die Partei. Das Ergebnis ist bemerkenswert. Noch interessanter wird es jedoch, wenn man nicht nur auf die AfD blickt. Denn die politische Rechte in Bremerhaven besteht seit Jahren aus mehreren konkurrierenden Angeboten. Neben extrem rechten Parteien wie DVU und NPD waren seit 2007 vor allem die Bürger in Wut (BiW) kommunal und landespolitisch erfolgreich. Später kam die AfD hinzu. 2023 gingen die BiW in Bündnis Deutschland (BD) auf, im August 2026 machte die Bremer Struktur diesen Schritt wieder rückgängig und kehrte zum Namen Bürger in Wut zurück.
Wer verstehen will, warum die AfD in Bremerhaven heute solche Ergebnisse erzielen kann, darf deshalb nicht nur ihre eigene Entwicklung betrachten. Die entscheidende Geschichte handelt von einem seit Jahren vorhandenen rechten Wähler:innenraum, der sich zwischen unterschiedlichen Parteien verschiebt, erweitert und neu zusammensetzt. Für die Wahl 2027 kündigt sich damit erneut eine direkte Konkurrenz zwischen AfD und BiW an.
Rechte Wahlerfolge begannen nicht mit der AfD
Bremerhaven besitzt eine lange Geschichte erfolgreicher Parteien rechts der Union. Die DVU erreichte bei der Bürgerschaftswahl 2007 im Wahlbereich Bremerhaven 5,4 Prozent. Gleichzeitig traten erstmals die Bürger in Wut an und kamen auf knapp fünf Prozent. Damit konkurrierten bereits damals zwei deutlich rechts positionierte politische Angebote um Stimmen. Die BiW konnten sich anschließend anders als die DVU dauerhaft in der Bremerhavener Politik etablieren. Bei der Kommunalwahl 2011 erreichten sie 7,4 Prozent und verbesserten sich gegenüber 2007 in fast allen Ortsteilen.
Die AfD trat erst später hinzu. Damit traf sie in Bremerhaven nicht auf einen politisch unbesetzten Raum. Sie musste von Beginn an mit einer lokal verankerten rechten Konkurrenz umgehen, die über eigene Mandate, bekannte Personen und insbesondere mit Jan Timke über eine langjährige kommunalpolitische Präsenz verfügte. Das unterscheidet Bremerhaven von vielen anderen Städten. Die AfD musste hier nicht allein ein rechtes Wähler:innenpotenzial mobilisieren. Sie musste es mit einer bereits etablierten Konkurrenz teilen.
2019: AfD und BiW nahezu gleichauf
Besonders deutlich wurde diese Konkurrenz bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung 2019. Die AfD erreichte 8,67 Prozent, Bürger in Wut 8,00 Prozent. Beide Parteien lagen damit nahezu gleichauf. Zusammen entfielen rund 16,7 Prozent der gültigen Stimmen auf ihre Listen. Auch räumlich lagen ihre Ergebnisse nicht überall deckungsgleich. Es gab Gebiete, in denen beide Parteien stark waren, aber ebenso Ortsteile, in denen die AfD deutlich stärker mobilisierte als BiW oder umgekehrt. Das ist wichtig, weil es gegen die Vorstellung eines einzigen geschlossenen rechten Wählerblocks spricht. AfD und BiW konkurrierten um teilweise überlappende, aber nicht identische Wähler:innenmilieus. Die AfD verfügte dabei bereits über eigene lokale Schwerpunkte. In Leherheide-West erreichte sie 2019 im Ortsteil rund 17,1 Prozent. Die BiW blieben dort deutlich dahinter. Das heutige AfD-Schwerpunktgebiet war also bereits damals erkennbar und kann nicht einfach als später von BiW übernommenes Terrain beschrieben werden.
2023: Die AfD verliert und das rechte Spektrum gewinnt
Besonders irreführend wäre eine isolierte Betrachtung der Kommunalwahl 2023. Die AfD fiel stadtweit von 8,67 auf 5,9 Prozent. Auf den ersten Blick sieht das nach einem erheblichen Rückgang aus. Gleichzeitig explodierte jedoch das Ergebnis der Bürger in Wut: von acht auf 19,6 Prozent. Die BiW erhielten 32.678 Stimmen und wurden zu einer der stärksten politischen Kräfte der Stadt. AfD und BiW kamen zusammengerechnet auf mehr als ein Viertel der gültigen Stimmen. Damit war 2023 kein Jahr eines Einbruchs rechter Parteien in Bremerhaven, sondern eines ihrer Neuverteilung.
Die BiW profitierten zugleich von einer außergewöhnlichen politischen Konstellation. Die AfD war aufgrund ihrer innerparteilichen Auseinandersetzungen nicht zur parallel stattfindenden Bürgerschaftswahl zugelassen worden. Das bedeutet nicht, dass BiW-Wähler:innen automatisch AfD gewählt hätten, wenn diese angetreten wäre. Eine solche Wählerwanderung lässt sich aus Wahlergebnissen nicht ableiten. Die Entwicklung zeigt aber, wie stark Konkurrenzbedingungen innerhalb des rechten Parteienspektrums Wahlergebnisse verändern können.
Leherheide-West zeigt die Konkurrenz besonders deutlich
Leherheide-West ist dafür nahezu ein Lehrstück. 2023 erhielt die AfD dort 18,6 Prozent – mehr als dreimal so viel wie in Bremerhaven insgesamt. Gleichzeitig kamen Bürger in Wut auf 21,4 Prozent. Zusammengenommen entfielen damit exakt 40 Prozent der gültigen Stimmen auf beide Parteien. Die SPD erreichte 23,6 Prozent, die CDU 17,9 Prozent. Gerade dieses Ergebnis widerspricht einer einfachen These, wonach BiW lediglich Stimmen von einer schwachen AfD übernommen hätten. In Leherheide-West waren beide gleichzeitig stark.
Das spricht dafür, diesen Ortsteil weniger als Hochburg einer einzelnen Partei zu betrachten als vielmehr als einen politischen Raum, in dem unterschiedliche rechte Angebote besonders hohe Resonanz erzielen können. Welche sozialen und politischen Ursachen dahinterstehen, lässt sich aus dem Wahlergebnis allein nicht beantworten. Aber die Wahlstatistik zeigt eindeutig, dass die Konkurrenz zwischen AfD und BiW dort nicht zu einer gegenseitigen Neutralisierung führte. In anderen Stadtteilen sah das anders aus. In Mitte-Süd erreichten die BiW 2023 16,3 Prozent, die AfD dagegen lediglich 2,8 Prozent. Dort gelang es BiW also wesentlich stärker als der AfD, Stimmen zu mobilisieren. Schon daran wird sichtbar: Es gibt nicht die eine rechte Wahlgeografie Bremerhavens, sondern mehrere, die sich teilweise überschneiden.
Bürger in Wut sind mehr als eine Fußnote der AfD-Geschichte
Gerade für die historische Einordnung ist deshalb wichtig, BiW nicht als bloße Nebenerscheinung der AfD zu behandeln. Die Bürger in Wut waren bereits parlamentarisch vertreten, bevor die AfD überhaupt existierte. Sie entwickelten in Bremerhaven eine eigenständige kommunalpolitische Verankerung und eine starke Personalisierung um Jan Timke. Politikwissenschaftlich wurden sie regelmäßig als rechtspopulistische beziehungsweise rechte Partei eingeordnet. Zugleich gibt es dokumentierte personelle Kontakte einzelner BiW-Akteure in extrem rechte Milieus.
AfD und BiW dürfen dennoch nicht gleichgesetzt werden. Unterschiede in Programmatik, Organisationsentwicklung, Personal und Radikalisierung müssen journalistisch sichtbar bleiben. Gerade deshalb ist ihre Konkurrenz analytisch interessanter als eine pauschale Zusammenfassung beider Parteien.
Aus Bürger in Wut wurde Bündnis Deutschland – und 2026 wieder Bürger in Wut
Nach dem außergewöhnlichen Wahlerfolg von 2023 gingen die Bürger in Wut in der bundesweit auftretenden Partei Bündnis Deutschland auf. Die politische Hoffnung lag auf einem Ausbau über Bremen hinaus. In Bremen erwies sich die neue Marke allerdings als wenig erfolgreich. Im Sommer 2026 leitete die Bremer Struktur deshalb die Trennung von Bündnis Deutschland ein. Seit August tritt sie wieder unter ihrem früheren Namen Bürger in Wut auf. Die Verbindung zu Bündnis Deutschland soll nach Angaben der Beteiligten in Form einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen eigenständigen Parteien bestehen bleiben.
Bemerkenswert ist die Begründung. Jan Timke erklärte gegenüber Radio Bremen, der Name Bündnis Deutschland habe sich im Land Bremen nicht durchgesetzt. Eine von der Partei selbst beauftragte Befragung habe ergeben, dass „Bürger in Wut“ wesentlich bekannter sei. Die Rückkehr zum alten Namen ist damit ausdrücklich auch eine wahlstrategische Entscheidung. Sie bestätigt, wie stark der Erfolg dieser Partei in Bremen und besonders in Bremerhaven mit einer über Jahre aufgebauten lokalen politischen Marke verbunden ist.
Dann wechseln auch noch die letzten AfD-Stadtverordneten
Die personellen Grenzen zwischen den konkurrierenden Parteien erwiesen sich gleichzeitig als durchlässig. Im Juni 2026 verließen Thomas Jürgewitz und Wolfgang Koch die AfD. Beide waren die letzten verbliebenen AfD-Vertreter in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung und wechselten zu Bündnis Deutschland. Damit löste sich die AfD-Gruppe im Stadtparlament faktisch auf. Bündnis Deutschland verfügte anschließend über sieben der 48 Stadtverordneten.
Jürgewitz und Koch begründeten ihren Schritt unter anderem mit innerparteilichen Konflikten und erklärten, die Bremer AfD bewege sich mittlerweile in einem „rechtsradikalen Umfeld“. Die damalige BD-Fraktionsvorsitzende Julia Tiedemann erklärte zugleich, die Neuaufnahmen seien wegen gemeinsamer politischer Überzeugungen unproblematisch. Der Vorgang zeigt zweierlei: Zwischen AfD und BiW/BD existiert einerseits politische Konkurrenz. Andererseits gibt es personelle Übergänge und programmatische Anschlussfähigkeit, die Wechsel zwischen diesen Organisationen ermöglichen. Das macht eine Betrachtung des gesamten rechten Parteienraums erforderlich, ohne dessen Akteure analytisch miteinander gleichzusetzen.
Was bedeutet dann das AfD-Ergebnis von 2025?
Vor diesem Hintergrund bekommt das Ergebnis der Bundestagswahl 2025 eine zusätzliche Bedeutung. Die AfD erreichte in Bremerhaven 23,5 Prozent, in Leherheide-West sogar 43,1 Prozent. Auf Bundesebene stand ihr dabei keine lokal vergleichbar etablierte BiW-Liste als Wahlalternative gegenüber. Die Bundestagswahl ist zudem mit einer Kommunalwahl methodisch nicht unmittelbar vergleichbar: Kandidaturen, Wahlbeteiligung, politische Themen und Wahlsystem unterscheiden sich. Trotzdem zeigt das Ergebnis, wie groß das mobilisierbare Potenzial der AfD geworden ist, wenn die Konkurrenzsituation anders aussieht.
Gerade deshalb darf man aus dem kommunalen AfD-Ergebnis von 5,9 Prozent im Jahr 2023 keinesfalls schließen, dass nur sechs Prozent der Bremerhavener Wähler:innen für die Partei erreichbar gewesen seien. Zwei Jahre später stimmte fast jede:r Vierte bei einer Bundestagswahl für sie. Die naheliegende Frage für 2027 lautet deshalb: Wie verteilt sich dieses Potenzial, wenn AfD und Bürger in Wut wieder gleichzeitig und organisatorisch eigenständig antreten?
Zwei rechte Parteien
Es wäre trotzdem falsch, AfD- und BiW-Ergebnisse schlicht zusammenzurechnen und daraus einen festen „rechten Stimmenanteil“ zu bilden. Menschen können aus sehr unterschiedlichen Motiven BiW oder AfD wählen. Bei unterschiedlichen Wahlarten verändern sich die angebotenen Kandidat:innen und Themen. Nicht jede Person, die 2023 BiW gewählt hat, würde bei deren Abwesenheit AfD wählen – und umgekehrt. Auch Wechsel zu CDU, Nichtwahl oder anderen Parteien sind möglich.
Die Addition ist deshalb nur dort sinnvoll, wo sie beschreibt, welcher Anteil der abgegebenen Stimmen zu einem bestimmten Zeitpunkt auf zwei getrennte rechte Angebote entfiel. Sie beweist keine gemeinsame Wähler:innenschaft. Dasselbe gilt für den historischen Vergleich mit DVU und NPD. Es gibt Überschneidungen der Wahlgeografien, personelle Übergänge, ähnliche politische Themen und teilweise konkurrierende Ansprüche auf dieselben Wähler:innen. Daraus entsteht aber keine lineare Kette DVU → NPD → BiW → AfD. Die Wirklichkeit ist komplizierter.
Bremerhavens rechte Wahlgeografie besteht aus Kontinuität, Konkurrenz und Verschiebung
Über mehr als zwei Jahrzehnte lässt sich dennoch eine auffällige Kontinuität feststellen. Bereits DVU und NPD erzielten in einzelnen Bremerhavener Ortsteilen überdurchschnittliche Ergebnisse. Bürger in Wut etablierten anschließend ein dauerhaftes rechtes kommunalpolitisches Angebot. Seit 2015 kam die AfD hinzu und entwickelte zunehmend eigene räumliche Schwerpunkte. Dabei tauchen einzelne Ortsteile immer wieder auf, andere verändern sich. Und manchmal sind mehrere rechte Parteien im selben Gebiet gleichzeitig stark.
Genau deshalb lässt sich Bremerhavens politische Entwicklung weder als Geschichte einer einzigen Partei noch als einfache Weitergabe eines festen rechten Wähler:innenblocks erzählen. Es geht um einen politischen Raum, in dem unterschiedliche rechte Parteien seit Jahren um Zustimmung konkurrieren und sich gegenseitig sowohl begrenzen als auch politische Themen und Deutungsmuster verstärken können.
2027 wird damit auch zu einem Test dieser Konkurrenz
Die Ausgangslage vor der kommenden Wahl ist ungewöhnlich. Die AfD besitzt derzeit kein Mandat mehr in der Stadtverordnetenversammlung Bremerhaven, erreichte aber bei der Bundestagswahl 2025 historisch hohe Werte. Bürger in Wut sind kommunalpolitisch fest verankert, erreichten 2023 in Bremerhaven 19,6 Prozent und setzen nach dem wenig erfolgreichen Zwischenschritt als Bündnis Deutschland nun wieder auf ihren etablierten Namen. Gleichzeitig sind frühere AfD-Mandatsträger in den konkurrierenden politischen Zusammenhang gewechselt. Damit stehen 2027 nicht einfach AfD und demokratische Parteien gegeneinander. Innerhalb der politischen Rechten findet ebenfalls ein Kampf um Wähler:innen, Personen, Themen und lokale Verankerung statt. Leherheide-West zeigt dabei, warum das nicht als Randphänomen betrachtet werden kann: 2023 erhielten AfD und BiW dort gleichzeitig 18,6 beziehungsweise 21,4 Prozent. 2025 erreichte die AfD bei der Bundestagswahl allein 43,1 Prozent.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob die AfD ihre parlamentarische Vertretung in Bremerhaven zurückgewinnen kann. Es geht auch darum, wie groß der gesamte politische Resonanzraum rechts der Union inzwischen geworden ist, wie er sich zwischen AfD und Bürger in Wut verteilt und weshalb beide Parteien gerade in bestimmten Teilen Bremerhavens erheblich erfolgreicher mobilisieren als anderswo. Eine Wahlkarte kann diese Frage nicht vollständig beantworten. Aber sie macht sichtbar, dass Bremerhavens rechte Wahlentwicklung nicht mit der AfD beginnt.
Redaktion
AfD Watch Bremen
