NWO: Wenn organisierte Menschenjagd politisch nutzbar wird

Eine Radio-Bremen-Reportage machte 2022 sichtbar, wie Menschen im Internet systematisch erniedrigt werden. Spätere Recherchen über die Gruppe NWO legten arbeitsteilige Angriffe, den Missbrauch staatlicher Auskünfte und Verbindungen zu AfD-Akteuren offen. Die Folgen reichen von einem Alltag unter Belagerung bis zur politischen Diffamierung.

Am 8. August 2022 lief „Rabiat: Bekenntnisse eines Haters“ im Ersten. Die von Radio Bremen redaktionell betreute Reportage des Journalisten Christoph Kürbel zeigte ein Milieu, in dem Menschen manipuliert, öffentlich bloßgestellt und verfolgt werden. Im Jargon der Angreifenden heißen die Betroffenen „Masken“, die organisierten Übergriffe „Maskengames“. Der Tagesspiegel beschrieb damals die dokumentierten Methoden und kritisierte die starke Konzentration des Films auf die Täterperspektive.

Zwei Jahre später untersuchte Kürbel für den WDR in „Das Cybermobbing-Kartell“ die Gruppe NWO. Eine begleitende ARD-Recherche vom August 2024 schilderte, wie Angreifende persönliche Schwachstellen ausnutzen, Vertrauen vortäuschen und ihr Vorgehen aufeinander abstimmen. Darin liegt der Kern des Problems: Ein Mensch steht einer Gruppe gegenüber, die seine Reaktionen beobachtet und für weitere Angriffe verwendet. Die Beteiligten verteilen Aufgaben; die Folgen bündeln sich im Leben der angegriffenen Person.

Hinter dem „Spiel“ steht organisierte Gewalt

NWO steht in der Berichterstattung für „New World Order“ beziehungsweise „Neue Weltordnung“, daneben für „Nie wieder online“. So beschreibt es auch die ARD zur Dokumentation „Das Cybermobbing-Kartell“. Die letzte Lesart bringt das Ziel der Verdrängung auf den Punkt. „Maskengames“ bezeichnet die breitere Praktik organisierter Schikane. Daneben existiert der verschwörungsideologische Begriff einer angeblich geplanten „Neuen Weltordnung“. Seine Verknüpfung mit antisemitischen Weltherrschaftsunterstellungen erläutert die Amadeu-Antonio-Stifung. Für die politische Einordnung der konkreten Onlinegruppe sind ihre Handlungen, Inhalte und Kontakte entscheidend.

Eine Analyse bei Belltower.News von 2021 beschreibt, wie sich organisierte Hassszenen mit rassistischen, antisemitischen, frauen- und transfeindlichen Angriffen verbinden. Menschen werden dabei wegen zugeschriebener Eigenschaften oder ihrer öffentlichen Positionierung angegriffen. Die Medienpsychologin Josephine Schmitt erklärte ZDF frontal im März 2026, wie die Inszenierung als Spiel Distanz zum Leid der Betroffenen schafft. Deren Reaktionen werden zu Trophäen. Die Verharmlosung gehört damit zum Mechanismus: Wer seine Übergriffe als Unterhaltung beschreibt, versucht zugleich, die Verantwortung dafür kleinzureden.

Die Polizei wird zum Werkzeug der Angreifer

Am 3. September 2024 ließen das Bundeskriminalamt und die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Main zehn Wohnungen in sechs Bundesländern durchsuchen, darunter Niedersachsen. Die zehn Beschuldigten standen laut Behördenmitteilung im Verdacht, sich als Rädelsführer an einer kriminellen Vereinigung beteiligt zu haben. Beschrieben wurden systematisches Cybermobbing und Cyberstalking gegen Menschen, die öffentlich im Internet auftreten. Personenbezogene Daten sollen auch unter vorgetäuschten Identitäten bei Behörden beschafft worden sein. Fingierte Notrufe sollten Polizeieinsätze gegen Betroffene auslösen. Dieses sogenannte Swatting macht staatliche Eingriffsbefugnisse zum Bestandteil privater Verfolgung.

Wie weit solche Angriffe reichen, zeigte bereits eine Recherche von Kontraste und Spiegel im Mai 2024. Den Redaktionen lagen zwei Listen mit insgesamt 77 Personen vor, fast alle gegenwärtige oder frühere Landtagsabgeordnete aus Niedersachsen und Rheinland-Pfalz. Zehn kontaktierte Personen bestätigten, von Swatting betroffen gewesen zu sein. Die Recherche dokumentierte außerdem massenhafte ungewollte Essenslieferungen. Solche Bestellungen binden Betroffene an ihre Haustür, ziehen Lieferdienste in die Schikane hinein und können den Alltag fortwährend unterbrechen. Der scheinbar banale Einzelvorgang wird durch Wiederholung zur Belastung.

Ein konkretes Behördenversagen dokumentierten Julia Klaus und Daniel Laufer am 17. März 2026 für ZDF frontal: Ein Beamter der Polizeidirektion Itzehoe übermittelte zwei Privatadressen an einen vermeintlichen Kollegen. Tatsächlich gehörte der Empfänger laut Recherche zum NWO-Umfeld. Das schleswig-holsteinische Innenministerium erklärte, aus Sicht des Landespolizeiamts liege kein Fehlverhalten vor. Die Gewerkschaft der Polizei widersprach. Auch die Datenschutzaufsicht wurde nach Darstellung des ZDF erst Monate nach Bekanntwerden und nach weiteren Presseanfragen informiert. Die Landesdatenschutzbeauftragte bewertete die verspätete Meldung als Gesetzesverstoß. Für Betroffene geht es dabei um eine elementare Schutzfrage: Wie sicher sind ihre Daten bei den Stellen, die sie vor Verfolgung schützen sollen?

Razzien beenden eine Szene nicht automatisch

Am 25. November 2025 wurde ein weiteres Verfahren öffentlich. Nach einem Bericht von ZDFheute durchsuchten Ermittler:innen Wohnungen von vier Beschuldigten aus der Chatgruppe „Schweinetreff“. Ihnen wurden Hunderte falsche Bombendrohungen vorgeworfen. Ein Teil der Nachrichten täuschte einen islamistischen Hintergrund vor; eine religiöse Motivation ließ sich nach den damals mitgeteilten Ermittlungsergebnissen nicht nachweisen. Daniel Laufer beschrieb im Standard im März 2026 die Verbindungen dieser Szene zum NWO-Umfeld. Hinter unterschiedlichen Gruppennamen werden damit Kontakte und wiederkehrende Angriffsmethoden sichtbar.

Was das für Angegriffene bedeutet, schilderte die Streamerin Pia Scholz, bekannt als Shurjoka, in derselben Recherche des Standard. Die Übergriffe trafen auch ihr Umfeld. Eine erfundene Geiselnahme löste im Dezember 2024 einen Polizeieinsatz bei einem Familienmitglied in Graz aus. Im März 2025 wurden Bombendrohungen unter ihrem Namen verschickt. Die Behörden ermittelten zunächst gegen Scholz; diese Ermittlungen wurden später eingestellt. Das Muster ist besonders perfide: Eine angegriffene Person wird durch gefälschte Kommunikation selbst zur Verdächtigen gemacht. Sie muss dann zusätzlich erklären und widerlegen, was andere ihr zugeschrieben haben.

Die Kontakte reichen in die AfD

Patrick Kolek, bekannt als „Wuppi“, war beruflich in der Kommunikation für die AfD tätig. CORRECTIV beschrieb im Juli 2025 seine Tätigkeit als Referent der Kölner AfD-Ratsfraktion und seine inzwischen beendete Arbeit als Social-Media-Manager für die AfD Wuppertal. Kolek bestätigte damals seine Parteimitgliedschaft. Der Bericht dokumentierte außerdem Unterstützung des Identitären-Akteur Martin Sellner für eine Petition Koleks. Seine politische Rolle reicht damit über ein Nutzerkonto hinaus: Er bewegte sich in Parteistrukturen und im extrem rechten Aktivismus.

Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ griff im März 2026 die politische Nutzung digitaler Gewalt auf. Nach der Sendungsbesprechung von Christian Vock bei WEB.DE zeigte die Sendung eine Kolek zugeschriebene Kommunikation mit dem Akteur Erik Ahrens. Darin ging es um die Einbindung eines Szeneakteurs für verdeckte Aktivitäten und die Veröffentlichung persönlicher Daten politischer Gegner:innen. Öffentlich wurde damit eine entsprechende Absicht beschrieben. Welche Taten tatsächlich ausgeführt und von wem sie verantwortet wurden, bleibt eine eigenständige Frage. Die politische Bedeutung solcher Kontakte liegt darin, dass Fähigkeiten zur Einschüchterung als nutzbare Ressourcen für den Kampf gegen politische Gegner:innen betrachtet werden.

Gefälschte Chats, politische Reichweite

Einen konkreten Fall rekonstruierte Lars Wienand am 9. April 2026 bei t-online. Er beschrieb Koleks Verbindungen zu Teilen der NWO-Szene. Im Mai 2024 verbreitete Kolek Material gegen einen damaligen FDP-Kommunalwahlkandidaten; die Kampagne wurde auch über den Account des bayerischen AfD-Abgeordneten René Dierkes weitergetragen. Dort erschienen gefälschte Chatbilder, die dem Betroffenen schwerwiegende Straftaten unterschoben. Nach dem Bericht bestätigte die Staatsanwaltschaft Ellwangen die Fälschung. Die Staatsanwaltschaft München I bestätigte damals Ermittlungen gegen Dierkes.

Dierkes bestritt die Vorwürfe. Ein früherer Mitarbeiter habe den betreffenden Beitrag ohne sein Wissen und seine Zustimmung veröffentlicht. Kolek erklärte, er habe die Chatbilder für echt gehalten und von einer Erpressung des Betroffenen nichts gewusst. Die rekonstruierte Verbreitung zeigt zugleich, wie private Bloßstellung politische Wirkung erhält: Das Material wurde gegen eine Partei eingesetzt und über einen Abgeordnetenaccount verstärkt. Der Fall belegt konkrete Kontakte und Verbreitungswege zwischen digitaler Hassszene und AfD-Akteur:innen. Eine gemeinsame Verantwortung für sämtliche vorausgegangenen Übergriffe folgt daraus nicht.

Wer Öffentlichkeit will, muss die Angegriffenen schützen

Schon die Kritik an der von Radio Bremen betreuten Reportage von 2022 stellte eine bis heute wichtige Frage: Bekommen die Angreifer die Bühne, während das Leben der Betroffenen zur Kulisse wird? Der Tagesspiegel beanstandete damals die Konzentration auf die Täter und die geringe Vertiefung der Strafverfolgung. Die Selbstdarstellung der Angreifenden prägt also auch die öffentliche Wahrnehmung ihrer Taten. Wer vor allem ihre Inszenierung betrachtet, läuft Gefahr, die Folgen aus dem Blick zu verlieren. Die Perspektive der Betroffenen macht sichtbar, was die Rede vom „Spiel“ verdeckt: verlorene Sicherheit, beschädigte Beziehungen und eingeschränkte öffentliche Handlungsmöglichkeiten.

Für Bremen und Bremerhaven gehören dazu erreichbare Hilfen. soliport berät Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt auch bei Bedrohungen und Beleidigungen; weitere Anlaufstellen finden sich in unserer Übersicht der Beratungsstellen und Hilfsangebote. Die im NWO-Zusammenhang dokumentierten Fälle verlangen zugleich Antworten von Behörden und politischen Verantwortlichen: Wie werden sensible Daten geschützt? Wie werden zusammenhängende Angriffe über Zuständigkeitsgrenzen hinweg erkannt? Und welche Verantwortung übernehmen politische Akteure für die Inhalte, denen ihre Accounts Reichweite verschaffen? Öffentliche Teilhabe hängt auch davon ab, ob Menschen sich äußern können, ohne dafür systematisch verfolgt zu werden.

Redaktion
AfD Watch Bremen