Holger Fricke: Neue Bürgerallianz, alte Feindbilder
Personendossier
Holger Fricke verließ Bündnis Deutschland und gründete mit zwei weiteren Abgeordneten die Bürgerallianz Bremen/Bremerhaven. Seine politischen Positionen zeigen deutliche Kontinuitäten: Der frühere „Bild“-Reporter warnt vor einer angeblichen „Islamisierung“, setzt zugewanderte Familien unter Rechtfertigungsdruck und fordert Härte gegen linke Hochschulpolitik. Die neue Gruppe gibt sich liberal-konservativ. Ihr Umgang mit Migration zeigt, wie eng dieses Selbstbild mit einer Politik der Ausgrenzung verbunden ist.
Vom Boulevard direkt in die rechte Politik
Frickes beruflicher Weg führte über eine Ausbildung zum Orthopädietechniker und die Bremer Stahlwerke zur „Bild“-Zeitung. Nach seiner Biografie bei der Bremischen Bürgerschaft begann er dort 1991 als freier Fotograf und wurde später Foto- und Textredakteur sowie Chefreporter. Unter dem Namen Holger Bloehte berichtete er über Bremen; als Holger Fricke kandidierte er 2023 für Bürger in Wut. Der BiW-Chef Jan Timke hatte ihn angesprochen, beide kannten sich aus Interviews, wie Fricke der taz nach der Wahl erzählte. Die Kandidatur und seine Beschäftigung bei „Bild“ überschnitten sich. Gegenüber Übermedien erklärte der Verlag im Februar 2023, Fricke solle keine kommunalpolitischen Themen oder andere Inhalte mit möglichen Interessenkonflikten mehr bearbeiten. Das Beschäftigungsverhältnis endete zum 30. April, zwei Wochen vor der Wahl.
Schon seine journalistische Arbeit hatte erhebliche Kritik ausgelöst. Im November 2006 griff ein von Bloethe verfasster „Bild“-Artikel den homosexuellen CDU-Politiker Helmut Pflugradt anlässlich dessen vorgesehener Rolle im Kevin-Untersuchungsausschuss an. Dafür zog der Text ein lange zuvor eingestelltes Ermittlungsverfahren heran und stellte sachgrundlos Pflugradts sexuelle Orientierung heraus. BILDblog dokumentierte den Artikel und die anschließende Entschuldigung der Zeitung. „Bild“ räumte ein, Pflugradt Unrecht getan zu haben; dieser nahm die Entschuldigung an. Der Vorgang steht für eine konkrete Grenzüberschreitung in Frickes früherer Berichterstattung: Ein erledigter Verdacht und die Sexualität eines Politikers wurden zur öffentlichen Herabsetzung eingesetzt.
Flucht als Bedrohung, Islam als Feindbild
Nach seinem Einzug in die Bürgerschaft beschrieb Fricke seine Sicht auf Geflüchtete mit der rassistischen Bemerkung: „Wir sind überrannt worden“. Ohne einen Stopp der Zuwanderung drohe „gesellschaftlicher Unfrieden“, erklärte er im taz-Porträt vom 19. Mai 2023. Die Formulierung macht aus der Aufnahme Schutzsuchender ein Szenario des Kontrollverlusts. Menschen erscheinen darin als bedrohliche Bewegung, gleich einer Naturgewalt, gegen die sich die aufnehmende Gesellschaft mit einer Form von Gegengewalt behaupten müsse. Fricke verband diese Darstellung mit seinem Wunsch, sich parlamentarisch mit innerer Sicherheit zu beschäftigen.
Auf seiner heutigen Profilseite bei der Bürgerallianz nennt er als Schwerpunkt die „Bekämpfung einer aufkommenden Islamisierung unserer Gesellschaft“. Was diese behauptete Entwicklung konkret ausmachen soll, erläutert die Seite selbstverständlich nicht. Der Begriff entwirft ein antimuslimisch-rassistisches Bedrohungsbild, in dem eine gesellschaftliche Veränderung pauschal mit dem Islam verbunden und zum Gegenstand politischer Bekämpfung erklärt wird. Die Aussage steht zwischen alltäglichen Reformversprechen zu Bildung, Digitalisierung und Wohnungsbau. Gerade diese Einbettung macht das Feindbild anschlussfähig und trägt zur Normalisierung von Rassismus bei: Es erscheint als weiterer Punkt eines vermeintlich pragmatischen Arbeitsprogramms.
Sprachförderung mit Schuldzuweisung
Als bildungspolitischer Sprecher von Bündnis Deutschland verband Fricke die Debatte über Sprachförderung mit Vorwürfen gegen zugewanderte Familien. In einer Fraktionsmitteilung vom 26. Juni 2025 führte er den Förderbedarf unter anderem auf mangelnde Unterstützung im Elternhaus und „Armutszuwanderung vom Balkan und aus dem Nahen Osten“ zurück. Viele Migrant:innen blieben, so seine Darstellung, in ihrer eigenen Lebens- und Sprachwelt. Geflüchtete und nachgezogene Angehörige stellte er als besonders verpflichtete Gruppe heraus. Damit verknüpfte er einen pädagogischen Förderbedarf mit einer weiteren rassistischen Bewertung der Integrationsbereitschaft ganzer Bevölkerungsgruppen.
Fricke forderte zugleich ein verpflichtendes Vorschuljahr für Kinder mit nachgewiesenem Sprachförderbedarf. Im August 2025 verlangte er außerdem, Sprachfördergruppen dauerhaft aus Landesmitteln zu finanzieren. Dabei kritisierte er, die Regierung lasse Zugewanderte nach ihrer Aufnahme im Stich. Hier zeigt sich die Spannung seiner Bildungspolitik: Er erkennt öffentliche Verantwortung für Förderung an und wirbt für konkrete Unterstützung. Zugleich versieht er dieselben Familien mit dem Verdacht, sich der Integration zu entziehen. Aus Kindern, die Förderung benötigen, werden so auch Belege für eine migrationspolitische Anklage.
Antifaschismus im Visier staatlicher Härte
Auch gegenüber linker Hochschulpolitik setzte Fricke auf eine Rhetorik des Ausschlusses. In einer Pressemitteilung vom 9. Mai 2025 griff er die Antifaschistischen Aktionstage in Bremen an. Den beteiligten Allgemeinen Studierendenausschüssen warf er vor, „linksradikale Hetzveranstaltungen“ zu organisieren. Er verlangte eine sofortige Krisensitzung des Wissenschaftsressorts, eine umfassende Überprüfung des AStA und Konsequenzen durch die Universitätsleitung. Studierende, denen er ein fehlendes Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung vorhielt, hätten „an unseren Hochschulen nichts verloren“.
Fricke erhob damit selbst den Vorwurf demokratischer Unzuverlässigkeit und verband ihn mit der Frage, wer überhaupt an eine Hochschule gehöre. Die Mitteilung richtete sich gegen Veranstaltungen und ihre Organisator:innen; eine individuell begründete Prüfung möglicher Pflichtverletzungen legte sie nicht dar. Politisch verschiebt diese Argumentation den Konflikt: Aus dem Streit über Inhalte wird eine Forderung nach institutionellen Konsequenzen gegen die Beteiligten. Der Staat solle die Grenzen durchsetzen. Letztlich fehlt es jener Forderung an jeglicher rechtsstaatlicher Substanz. Die verfassungsrechtlich verbriefte Meinungsfreiheit der Studierenden zieht dieser Forderung nach Ausschluss aus der Hochschule eine klare Grenze.
Mit Timke gebrochen, dem Kurs verbunden
Am 30. September 2025 verließ Fricke Partei und Fraktion von Bündnis Deutschland. Er kritisierte fehlenden Teamgeist, organisatorische Versäumnisse und die politische Erfolglosigkeit der Partei. Timke widersprach Teilen seiner Darstellung und verlangte die Rückgabe des Mandats. Radio Bremen dokumentierte beide Positionen. Im Oktober gründete Fricke mit Meltem Sağıroğlu und Sascha Schuster die Bürgerallianz Bremen/Bremerhaven und übernahm den Gruppenvorsitz. Zur politischen Nähe zu BD erklärte er: „Inhaltlich liegen wir in den meisten Punkten nicht auseinander.“ Die Kreiszeitung hielt diese Aussage bei der Vorstellung der Gruppe fest.
Die neue Gruppe erklärte zugleich eine Abgrenzung zur AfD und beanspruchte einen liberalen Konservatismus. Was sie darunter konkret versteht, erklärt die Gruppe nicht. Zu ihrem organisatorischen Umfeld gehört Geschäftsführer Christian Kolowski. Die Bürgerallianz beschreibt seine Arbeit als Vorbereitung parlamentarischer Sitzungen und Unterstützung der Abgeordneten; sie nennt zugleich seine CDU-Mitgliedschaft und Funktionen in örtlichen Parteivorständen. Seine Wahl in den Vorstand von Horn-Lehe ist auch durch eine CDU-Mitteilung von 2024 dokumentiert. Die Zusammenarbeit verbindet somit ehemalige BIW/BD-Abgeordnete mit einem CDU-Kommunalpolitiker auf der Ebene der parlamentarischen Organisation.
Liberal im Anspruch, ausgrenzend im Programm
Wie die Bürgerallianz ihre Abgrenzung politisch ausfüllt, zeigt ihr veröffentlichtes Programm. Es wirbt für qualifizierte Zuwanderung in den Arbeitsmarkt. Zugleich stellt es Straftäter:innen, Extremist:innen und abgelehnte Asylbewerber:innen in eine gemeinsame Aufzählung: Sie sollen abgeschoben werden und lediglich eine bargeldfreie Grundversorgung nach der Formel „Bett, Bad, Brot“ erhalten. Hinzu kommt die Forderung nach einem Bremer Abschiebezentrum nach dänischem Vorbild. Die rassistische Zusammenstellung rückt Menschen mit abgelehntem Asylantrag sprachlich neben Kriminalität und Extremismus. Ihre Versorgung wird auf eine Formel des bloßen Unterbringens und Ernährens reduziert. Damit stellt sich die Position gegen das verfassungsrechtliche Menschenwürde-Gebot. Das BVerfG urteilte zu dieser Frage bereits: „Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren“.
Frickes Entwicklung zeigt damit eine politische Kontinuität über den organisatorischen Bruch hinweg. Seine aktuelle Selbstdarstellung führt das antimuslimische Bedrohungsbild der „Islamisierung“ fort; das Programm der von ihm mitgegründeten Gruppe verbindet kapitalistische Verwertungslogiken mit Abschiebung und reduzierter Versorgung. Der Anspruch, Bürger:innen ernst zu nehmen, trifft auf eine Politik, die Zugehörigkeit und Unterstützung eng begrenzt. Wer Frickes parlamentarische Arbeit beurteilen will, muss deshalb beides betrachten: seine konkreten Reformforderungen und die massiv ausgrenzenden Vorstellungen, mit denen er sie verbindet.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Journalistische Recherchen und fachliche Einordnungen stehen zuerst. Eigenangaben dokumentieren die Aussagen der untersuchten Akteure und sind als solche gekennzeichnet.
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Einordnung des Urteils vom 18. Juli 2012 zum menschenwürdigen Existenzminimum und zu migrationspolitisch begründeten Leistungskürzungen.
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