Erfundene Urrechte, reale Machtansprüche: Die „Germaniten“ im Norden
Recherche und Analyse · Redaktioneller Stand: 2026
Das „Indigene Volk Germaniten“ beansprucht eine politische Sonderstellung, für die es keine rechtliche Grundlage hat. Seine Anwerbung erreichte Norddeutschland; in Bremerhaven wurde die Zugehörigkeit eines Schützen zum öffentlichen Konflikt. Die dokumentierten Fälle zeigen, wie Staatsverweigerung an gesellschaftliche Alltagsstrukturen anschließt – und weshalb die Auseinandersetzung weit über Fantasieausweise hinausgeht.
Bremerhaven: Der Konflikt erreichte den Schützenverein
Im März 2024 schloss der Schützenverein Lehe in Bremerhaven ein Mitglied aus, das zugleich dem „Indigenen Volk Germaniten“ angehörte. Radio Bremen berichtete am 18. März über den Vorstandsbeschluss. Dem Mann war demnach bereits mehr als ein Jahr zuvor die Waffenbesitzkarte entzogen worden. Aus dem Verein hieß es, Extremist:innen und Radikale hätten dort keinen Platz; eine Änderung der Satzung sollte diese Abgrenzung festschreiben. [1]
Der Auseinandersetzung war die Absage einer Delegiertenversammlung des Bezirksschützenverbandes Bremerhaven-Wesermünde vorausgegangen. Radio Bremen berichtete von einem anonymen Hinweis auf eine mögliche Störung und einer polizeilichen Empfehlung zur Absage. Eine tatsächlich geplante Störaktion ist damit nicht nachgewiesen. Auch das Tageblatt dokumentierte anschließend den Ausschluss und die angekündigte Satzungsänderung. [1], [2]
In Lehe traf die Zugehörigkeit zu einer reichsideologischen Organisation auf die Mitgliedschaft in einem etablierten Sportverein. Der dokumentierte Ausschluss setzte hier eine Grenze. Eine organisierte Übernahme des Vereins lässt sich aus diesen Vorgängen ebenso wenig ableiten wie eine gemeinsame politische Haltung seiner Mitglieder. Die politische Auseinandersetzung erreichte einen konkreten Ort des gesellschaftlichen Alltags. [2]
Das Vereinsleben ist ein politischer Zugang
Vereine vermitteln Kontakte, Anerkennung und Einfluss. Wie Rechtsextreme diese Möglichkeiten nutzen können, beschreibt die RAA Mecklenburg-Vorpommern in ihrer Handreichung „Im Verein – gegen Vereinnahmung“. Gemeinsames Engagement kann einer Person ein respektables öffentliches Bild verschaffen; Hilfsleistungen und finanzielle Unterstützung können Abhängigkeiten erzeugen. Politische Konflikte werden dann besonders schwierig, wenn langjährige persönliche Verbundenheit gegen die Kritik an menschenfeindlichen Positionen ausgespielt wird. [3]
Der politische Prüfstein ist deshalb der Umgang mit dem bekannt gewordenen Konflikt. Die RAA betont die Bedeutung einer demokratischen Vereinskultur, geeigneter Satzungsregelungen und korrekter Ausschlussverfahren. Ihr Befund reicht über Schützenvereine hinaus: Wer die Würde und Gleichwertigkeit anderer angreift, kann sich durch ehrenamtliche Verdienste keine politische Immunität verdienen. Für den Fall Lehe liefert die Handreichung einen analytischen Rahmen; sie behauptet keine dort nachgewiesene Unterwanderungsstrategie. [3]
Wie aus einem Brief eine angebliche Anerkennung wurde
Die Selbstermächtigung der „Germaniten“ lässt sich an einem Vorgang nachvollziehen, den die Juristin Pia Lorenz 2017 für Legal Tribune Online aufarbeitete. Das Bundesverwaltungsgericht hatte ein Schreiben an die Gruppe unter deren selbst gewählter Bezeichnung adressiert. Angehörige deuteten diese Adressierung als Anerkennung ihres vermeintlichen Volkes und verbreiteten das Dokument gegenüber Gerichten und Behörden als Bestätigung eines Sonderstatus. [4]
Das Gericht stellte daraufhin klar, dass die verwendete Anschrift allein der Zustellung diente. Weder die behauptete Staatlichkeit noch besondere Rechte außerhalb der deutschen Rechtsordnung waren dadurch anerkannt worden. Die journalistisch dokumentierte Episode zeigt ein Verfahren der Scheinautorisierung: Ein alltäglicher Verwaltungsakt wird mit einer Bedeutung aufgeladen, die er nicht besitzt. Der Briefkopf einer realen Institution soll einem erfundenen Rechtsanspruch Glaubwürdigkeit verschaffen. [4]
Die behauptete Ursprünglichkeit hat ein völkisches Ziel
Der Journalist Andreas Speit beschreibt in einem Beitrag für die Heinrich Böll Stiftung Baden-Württemberg die Entstehung des „Indigenen Volkes Germaniten“ im Jahr 2007 in Schorndorf. Das Netzwerk um seine Gründerin Maria K. entwarf demnach eine Staatsgründung innerhalb der deutschen Grenzen von 1937. Zur Selbstinszenierung gehörten eigene Fahnen und eine eigene politische Symbolwelt. [5]
Der Rückgriff auf 1937 macht den revisionistischen Gehalt dieses Staatsentwurfs sichtbar. Die heutige politische Ordnung soll einem angeblich älteren Anspruch weichen. Das Etikett „indigen“ verleiht dieser Konstruktion den Anschein einer ursprünglichen Berechtigung. So wird aus dem selbst verliehenen Status die Begründung für eine Herrschaft, deren Legitimation gerade vorausgesetzt statt nachgewiesen wird. [5]
Speit ordnet die „Germaniten“ in eine heterogene Szene ein, deren gemeinsame Stoßrichtung die Delegitimierung der Bundesrepublik ist. [5]
Anwerbung zwischen Kulturzentrum und Verschwörungsmilieu
Die Mobile Beratung Niedersachsen dokumentierte für 2022 eine auf Norddeutschland gerichtete Mitgliederwerbung der „Germaniten“. Veranstaltungen fanden unter anderem in einem Theater in Hannover und einem Kulturzentrum in Leer statt. Solche Räume schaffen Öffentlichkeit jenseits einer abgeschlossenen Szene. Ein politisches Projekt tritt dort in einen Alltag ein, in dem Veranstaltungen zunächst mit Austausch, Kultur oder persönlicher Orientierung verbunden werden. [6]
Die Fachstelle ordnete diese Aktivitäten in ein fortbestehendes verschwörungsideologisches Protestmilieu ein. Nachlassende Mobilisierung gegen die Coronamaßnahmen bedeutete dessen Auflösung keineswegs. Antisemitische Deutungen und antidemokratische Positionen blieben anschlussfähig; Themen wie Inflation, Energiepreise und der russische Angriffskrieg wurden in die Proteste aufgenommen. In diesem Umfeld konnten reichsideologische Angebote auf bereits vorhandenes Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen aufbauen. [6]
Der Bericht beschreibt die Beständigkeit der während der Pandemie geknüpften Verbindungen. Für die Anwerbung zählt, dass Kontakte und Kommunikationswege nach dem Ende des ursprünglichen Mobilisierungsthemas verfügbar bleiben. [6]
Bremen erschien 2022 ebenfalls auf einer von der „Missionsleiterin“ Uta B. genannten Standortliste, wie Andreas Speit und Andrea Röpke in der taz berichteten. Das belegt eine Selbstdarstellung der Gruppe, keinen unabhängig bestätigten Bremer Standort. [7]
Vom Sonderstatus zur Vorstellung von Lynchgewalt
Besonders deutlich dokumentierten Speit und Röpke den Herrschaftsanspruch in einem Onlinevortrag Uta B.s: Für Angehörige, die nach ihrer Aufnahme etwa zu Sexualstraftäter:innen würden, entwarf sie ein Szenario aus Ausschluss, angeblicher Staatenlosigkeit und möglicher Lynchgewalt. Sie bezeichnete dies als „Volkskörperbereinigung“. Die „Missionsleiterin“ erklärt Menschen damit gedanklich für vogelfrei und verbindet völkische Zugehörigkeit mit der Vorstellung tödlicher Gewalt. [7]
Die Recherche dokumentiert zudem Uta B.s Behauptung, eine „Hochfinanz“ betreibe seit Jahrhunderten einen „Weltherrschaftsanspruch“. Politische Wirklichkeit erscheint als Werk einer verborgenen Macht. Diese Erzählung bedient ein antisemitisch anschlussfähiges Feindbild. [7]
Auch die Zugehörigkeit hatte nach der taz-Recherche einen Preis: 2022 wurden 500 Euro Aufnahmebeitrag, 120 Euro jährlich und 50 Euro für eine sogenannte Fahrlizenz genannt. [7]
Die entscheidende Grenze: Gleiche Rechte gelten auch außerhalb der eigenen Gruppe
Aus dem Umgang mit dem Gerichtsbrief ergibt sich ein scharfer Widerspruch: Die Gruppe beansprucht Anerkennung durch die Rechtsordnung und will gerade daraus eine Sonderstellung ableiten. Der geliehene Anschein institutioneller Autorität soll die eigene Selbstermächtigung beglaubigen. [4]
Der Fall Lehe zeigt, wo die Auseinandersetzung vor Ort ankommt. Die öffentlich dokumentierte Abgrenzung des Vereins widerspricht der Erwartung, reichsideologische Zugehörigkeit könne im gesellschaftlichen Alltag folgenlos bleiben. [2]
Der Beitrag vertieft den Schwerpunkt Reichsbürger:innen und Selbstverwalter:innen. Im Zentrum steht ein Netzwerk, das seine eigene Rechtsstellung behauptet und daraus Macht ableitet. Genau dort liegt der Angriff auf demokratische Gleichheit: Wer nur die eigene Gemeinschaft als Quelle legitimer Rechte gelten lässt, macht die Rechte aller anderen verhandelbar.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Grundlage sind journalistische Recherchen und zivilgesellschaftliche Fachpublikationen. Historische Vorgänge und damalige Selbstangaben werden zeitlich kenntlich gemacht. Die Quellenkarten benennen den jeweiligen Belegumfang.
Bremerhavener Schützenverein schmeißt Reichsbürger raus
Bericht von Till Kohlwes, wiedergegeben im Pressespiegel von Sonnenstaatland am 19. März 2024. Belegt Ausschluss, Waffenbesitzkartenentzug und Versammlungsabsage. Die ursprüngliche Seite war nicht mehr abrufbar.
Reichsbürger beim Schützenverein: So lief der Rausschmiss in Lehe
Der frei zugängliche Vorspann und die Bildunterschrift bestätigen die Zugehörigkeit des ausgeschlossenen Mitglieds, den Ausschluss nach der Versammlungsabsage und die angekündigte Satzungsänderung. Der kostenpflichtige Volltext wurde nicht als Beleg verwendet.
Im Verein – gegen Vereinnahmung
Zivilgesellschaftliche Handreichung über Einflussgewinn, persönliche Bindungen und demokratische Abgrenzung im Vereinsleben, besonders Seiten 4–10. Allgemeine Analyse; keine Untersuchung des Schützenvereins Lehe.
Kein Volk, kein Staat, keine Sonderrechte
Juristische Fachberichterstattung über die als Anerkennung ausgegebene Gerichtsanschrift und die anschließende Klarstellung des Bundesverwaltungsgerichts.
Reichsträume – Reichsbewegte im »Ländle« zwischen »Tag X« und »Corona-Protest«
Fachbeitrag zur Geschichte, politischen Zielsetzung und Einordnung reichsideologischer Gruppen; enthält einen eigenen Abschnitt über die „Germaniten“.
Jahresrückblick 2022: Niedersachsen – Extreme Rechte zwischen Nordsee und Harz
Dokumentiert die norddeutsche Anwerbung und beschreibt das Fortbestehen verschwörungsideologischer Protestnetzwerke.
Germaniten in Norddeutschland: Urdeutsche Indigene auf Mission
Recherche zu damaligen Standortbehauptungen, Beiträgen und dokumentierter Gewaltrede. Bremen wird als Selbstangabe eingeordnet.
