Neonazis in Kutten: Wie rechte Bruderschaften Kameradschaft organisieren
Redaktionsstand: 2026
„Brigade 8“ und „Nordic 12“ verbinden neonazistische Ideologie mit der Hierarchie und Selbstdarstellung von Rockerclubs. Ihre Geschichte in Bremen und dem Umland führt von verhinderten Szenefeiern über rassistische Mobilisierung in Woltmershausen bis zu einem Wachmann im Unternehmen zweier BIW-Abgeordneter. Sie zeigt, wie aus Zugehörigkeit politische Handlungsfähigkeit werden soll.
Eine Schützenhalle als Ausweichquartier
Im Juni 2013 wollte die „Brigade 8 Crew Bremen“ eine Party veranstalten. Der Bremer Innensenator untersagte die Veranstaltung für das Wochenende des 22. und 23. Juni im Stadtgebiet: Die Behörden erwarteten nationalsozialistische Propaganda und entsprechende Straftaten. Es handelte sich um ein Veranstaltungsverbot, nicht um ein Verbot der gesamten Organisation. [1]
Die Organisatoren suchten einen anderen Ort. In Horstedt, einem Ortsteil der niedersächsischen Gemeinde Prinzhöfte, mieteten sie eine Schützenhalle unter dem Vorwand einer privaten Geburtstagsfeier. Am 22. Juni traf die Polizei dort ungefähr ein Dutzend Rechtsextreme bei den Vorbereitungen an. Nachdem der Schützenverein über den tatsächlichen Hintergrund informiert worden war, löste er das Mietverhältnis auf. Auch die Ausweichveranstaltung wurde unterbunden. [2]
Der Vorgang zeigt, wie praktisch rechte Infrastruktur entsteht: über Räume, Mietverträge und ein gegenüber Vermieter:innen verschwiegenes politisches Programm. Die Landesgrenze bot eine Ausweichmöglichkeit. Erst das Zusammenwirken von Aufklärung, behördlichem Eingreifen und der Entscheidung des Vermieters entzog der Veranstaltung ihren Raum.
Nordic 12: Die Kameradschaft trägt Leder
Nach Darstellung des Bremer Senats gingen Teile des örtlichen Brigade-8-Umfelds nach internen Differenzen 2014 in „Nordic 12“ über. Die Bruderschaft übernahm Erscheinungsbild und Rangordnung von Rockerclubs, einschließlich der Unterscheidung zwischen Vollmitgliedern und Unterstützer:innen. Ein Motorradclub war sie damit nicht. [3]
Auch die Symbolik war eindeutig: Die „12“ bezog sich auf die zwölf Strahlen der Schwarzen Sonne; die zusätzlich verwendete „14“ auf die rassistische Parole der „Fourteen Words“. Die Kutte markierte Zugehörigkeit zu einer neonazistischen Gemeinschaft. Der Senatsbericht dokumentiert zudem Kontakte einzelner Mitglieder zum militanten Netzwerk „Combat 18“. [3]
Diese Organisationsform verbindet ein Versprechen nach innen mit einer Botschaft nach außen: Anerkennung und Zusammenhalt für die Angehörigen, demonstrative Geschlossenheit gegenüber anderen. Hierarchie macht aus gemeinsamem Hass eine dauerhaftere soziale Bindung. Der politische Zweck steckt deshalb ebenso in den Symbolen wie in der Struktur, die sie sichtbar machen.
Rechtsrock hält die Bruderschaft zusammen
Zu den bekannten Akteuren von Nordic 12 zählten 2015 Andreas und Robert Lohei. Andrea Röpke dokumentierte ihre Verbindungen zu den Bandprojekten „Endlöser“ und „Legion Germania“. Gemeinsam mit weiteren Angehörigen der Bruderschaft arbeiteten sie am Projekt Legion Germania und dessen Tonträger „BRDigung“. Bei Endlöser zeigte bereits die Verbindung des Titels „Wir geben Gas“ mit einer Abbildung der Verbrennungsöfen des Konzentrationslagers Dachau, welche Menschenverachtung als Musik vermarktet wurde. [4]
In dieser Verbindung von Band und Bruderschaft liegt eine wesentliche politische Funktion: Dieselben persönlichen Beziehungen tragen Musikproduktion, gemeinsame Auftritte und Szenezugehörigkeit. Ein Konzert bietet Gelegenheit, Kontakte zu pflegen und die eigene Weltanschauung gemeinsam zu bestätigen. Der Zusammenhalt muss deshalb nicht an einer Parteimitgliedschaft hängen.
Zum Umfeld gehörten zeitweise auch die „Nordic Valkyrien“, ein Zusammenschluss von Frauen, der Aktionen und Kampagnen unterstützte. Die Männerbund-Inszenierung der Bruderschaft darf deren Beteiligung nicht unsichtbar machen. [3]
Pusdorf: Rassismus beansprucht den Stadtteil
Im Sommer 2015 wurde die politische Funktion von Nordic 12 in Woltmershausen offen sichtbar. Gegen eine für zwei Monate geplante Notunterkunft auf dem ehemaligen Brinkmann-Gelände mobilisierte die Gruppe mit dem Transparent „Nein zum Heim – Pusdorf ist voll“. Nach dem damaligen taz-Bericht erschienen ungefähr zwölf Neonazis bei einer Einwohnerversammlung. Zeug:innen berichteten von der rassistischen Bezeichnung der Geflüchteten als „Barbaren“. [5]
Der Angriff richtete sich gegen die Anwesenheit der Menschen selbst. Der Stadtteilname wurde zum Besitzanspruch: Neonazis beanspruchten, darüber zu entscheiden, wer dort leben dürfe. Eine Informationsversammlung bot dafür Publikum und Bühne.
Ein Szeneangehöriger gründete außerdem die Facebook-Gruppe „Wir sind Pusdorf“. Dort war auch die damalige BIW-Beirätin Nina Schaardt Mitglied. Sie erklärte der taz, von dessen Neonazi-Hintergrund gehört zu haben, aber lediglich mitzulesen. Das belegt ihre Anwesenheit in diesem digitalen Protestumfeld; eine gemeinsame Organisation der Kampagne ist damit nicht nachgewiesen. [5]
Der Fall vertieft den bereits beschriebenen Zusammenhang in Pogromstimmung gegen Geflüchtete: Organisierte Neonazis versuchten, die Debatte über eine Unterkunft in eine rassistische Mobilisierung gegen ihre künftigen Bewohner:innen zu verwandeln.
Mit Kränzen und Kreuzen gegen die Gegenwart
Die Bruderschaften nutzten auch Gedenkorte für ihre politischen Auftritte. Am Volkstrauertag 2021 legten Unbekannte auf dem Dötlinger Friedhof nach der offiziellen Gedenkstunde kommunale und kirchliche Kränze zur Seite und stellten eigene Kränze und Grablichter auf. Die Aufschriften verwiesen auf Brigade 8. Kirchenmitarbeitende entfernten die Gegenstände; die Kirchengemeinde wies die rechte Propaganda ausdrücklich zurück. Die Polizei nahm die Kränze mit und prüfte den Vorgang. [6]
Der Eingriff war symbolisch unmissverständlich: Die eigene Inszenierung sollte den Platz des öffentlichen Gedenkens einnehmen. Die namentliche Identität der Handelnden geht aus dem damaligen Bericht allerdings nicht hervor.
Für Nordic 12 dokumentiert der Bremer Verfassungsschutz noch 2023 vergleichbare politische Aktivitäten: Am 11. März legten Mitglieder am Kriegsmahnmal in Lemwerder einen Kranz nieder. Die Behörde bewertet dies als geschichtsrevisionistische Umdeutung des nationalen Gedenktages für die Opfer terroristischer Gewalt. Am 13. Juli beteiligten sich Mitglieder an der Aktion „Schwarze Kreuze“. [7]
Diese Kampagne rahmt Gewalttaten als Folge einer multikulturellen Gesellschaft. Einzelne Opfer werden damit für eine pauschale Anklage gegen Migration vereinnahmt. Trauer erhält eine rassistische Auswahlregel; aus der Verantwortung konkreter Täter:innen wird eine Schuldzuweisung an gesellschaftliche Gruppen. Das ist die propagandistische Leistung solcher Rituale.
Bremerhaven: Ein Nordic-12-Anhänger im Sicherheitsdienst
Eine weitere Verbindung führte 2018 ins Columbus-Center. Nach unserer Recherche zur Sicherheitsfirma von Jan Timke und Piet Leidreiter dokumentierte der Beitrag „Sicherer shoppen mit Hitler“ die Beschäftigung von Lars H. bei Brewag. Die taz bestätigte anschließend sowohl das Arbeitsverhältnis als auch seine Nähe zur Bruderschaft Nordic 12. Geschäftsführer waren die beiden damaligen BIW-Abgeordneten. Die für die Verwaltung im Center zuständige Gewoba verlangte eine Stellungnahme. [8], [9], [10]
Timke erklärte laut Nord24, der Beschäftigte sei mit dem Bewachungsauftrag vom vorherigen Dienstleister übernommen worden; von den Verbindungen zu Nordic 12 habe er nichts gewusst. Nach deren Bekanntwerden sei dem Mann fristgerecht gekündigt worden. Im März teilte Brewag der taz mit, Lars H. werde bis zu seinem Ausscheiden nicht mehr als Sicherheitskraft eingesetzt. [11], [12]
Die taz berichtete zugleich über einen weiteren Brewag-Mitarbeiter, der auf Facebook Unterstützung für die NPD Bremen und Nordic 12 bekundete. Auch seine Zuverlässigkeit werde behördlich geprüft. Dabei handelt es sich um den damaligen Berichtsstand, nicht um eine Aussage über heutige Beschäftigungsverhältnisse. [12]
Politisch bleibt der Vorgang erheblich: Im Unternehmen zweier rechter Abgeordneter war ein Anhänger einer neonazistischen Bruderschaft als Wachmann eingesetzt. Die mitgeteilte Kündigung war eine Konsequenz der Aufdeckung. Sie beseitigt die Frage nach Auswahl und Kontrolle des Personals nicht. Wer Sicherheit verkauft, trägt Verantwortung dafür, wem er gegenüber Kund:innen und Beschäftigten Autorität überträgt. Eine neonazistische Weltanschauung steht dem Anspruch entgegen, alle Menschen unabhängig von Herkunft und zugeschriebener Zugehörigkeit gleich zu behandeln.
Weniger sichtbar heißt nicht politisch verschwunden
Der Verfassungsschutzbericht 2024 vermerkt für Nordic 12 in jenem Jahr kein öffentliches Auftreten. Der Bericht 2025 beschreibt ebenfalls einen Rückzug aus der Öffentlichkeit, ordnet die Gruppierung aber weiterhin der strategischen Vernetzung der Bremer rechtsextremistischen Szene gegen das politische System zu. [7], [13]
Für rechtsextremistische Bruderschaften insgesamt nennt der Bericht 2025 neonationalsozialistische Orientierung, hohe Gewaltorientierung und die Pflege interner Musikveranstaltungen. Als einen Grund für zurückhaltendes Auftreten benennt die Behörde die Sorge vor vereinsrechtlichen Verbotsmaßnahmen. Das erklärt ein Organisationsprinzip; es ersetzt keine Kenntnis darüber, wie viele Mitglieder Nordic 12 heute tatsächlich mobilisieren kann. [13]
Die dokumentierte Entwicklung verlangt deshalb einen Blick auf Aktivitäten und Verbindungen über einzelne Gruppennamen hinaus. Eine verhinderte Party beendet keine persönlichen Beziehungen. Eine Abspaltung löscht keine gemeinsame politische Vorgeschichte. Und eine Phase ohne öffentliche Aufmärsche belegt keine Abkehr von der Ideologie.
Was die Kutte politisch leistet
Die Beiträge zu Radikal Kameraden und zum West Side Place untersuchen weitere Überschneidungen zwischen Rockermilieu und organisierter Rechter. Brigade 8 und Nordic 12 ergänzen dieses Bild um die gezielte Übernahme von Rockerstrukturen durch Neonazis.
Ihre Geschichte verbindet die Suche nach Veranstaltungsräumen, Rechtsrock, rassistische Stadtteilmobilisierung und politisch aufgeladenes Gedenken. Hinzu kommt der dokumentierte Zugang eines Anhängers zum privaten Sicherheitsgewerbe. Das sind unterschiedliche Verbindungen mit unterschiedlicher Beweislage. Zusammen zeigen sie, wie eine kleine Gruppe politische Wirkung über den eigenen Mitgliederkreis hinaus suchen kann.
Die Kutte macht Zugehörigkeit sichtbar, die Bruderschaft organisiert Verbindlichkeit, die Aktion übersetzt beides in öffentlichen Druck. Genau darin liegt die Gefahr: Rassismus bekommt eine Gemeinschaft, ein Repertoire und Menschen, die ihn gemeinsam auf die Straße tragen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Zeitgenössische Recherchen, behördliche Berichte und ergänzende Beiträge. Die Angaben zu 2013, 2015, 2018, 2021 und 2023 beschreiben den jeweiligen damaligen Stand; die jüngste hier ausgewertete behördliche Einordnung stammt aus dem Bericht 2025.
Verbot der Party der „Brigade 8 Crew Bremen“
Belegt das Veranstaltungsverbot für das betreffende Wochenende; kein Verbot der gesamten Vereinigung.
Nazi-Propagandafete der „Brigade 8“ vereitelt
Dokumentiert die unter einem Vorwand angemietete Schützenhalle in Horstedt und die verhinderte Ausweichveranstaltung.
Sechster Bericht über Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit
Seiten 27–28: Entstehung von Nordic 12, Mitgliedschaftsstruktur, Symbolik, Aktionen, Nordic Valkyrien und Kontakte einzelner Mitglieder.
Zeitgenössische Recherche zu den Brüdern Lohei, Rechtsrockprojekten und dem Umfeld von Nordic 12.
Dokumentiert die rassistische Mobilisierung in Woltmershausen und Schaardts Erklärung zu ihrer Facebook-Gruppenmitgliedschaft.
Polizei nimmt Kränze der „Brigade 8“ mit
Die Zuordnung der Kränze beruht auf ihren Aufschriften; die handelnden Personen werden als unbekannt beschrieben.
Nordic 12: Aktionen 2023 und öffentlicher Rückzug 2024
Abschnitt 3.6.2: Schwarze Kreuze, Kranzniederlegung in Lemwerder und Vernetzung der Gruppierung.
BiW-Abgeordnete gründen Sicherheitsunternehmen
Frühere Recherche zur Sicherheitsfirma von Jan Timke und Piet Leidreiter.
Die damalige Veröffentlichung zur Beschäftigung eines Nordic-12-Anhängers bei Brewag; ergänzt durch die nachfolgende Berichterstattung.
Bestätigt Arbeitsverhältnis, Nordic-12-Bezug, Nachfrage der Gewoba und die vom Unternehmen mitgeteilte Entlassung.
„Bürger in Wut“: Rechtsextremist auf Gehaltsliste von Timkes Firma?
Enthält Timkes Erklärung zur Personalübernahme, seiner fehlenden Kenntnis und der Kündigung.
Schwarze Sheriffs, schwarze Schafe
Nachfolgebericht zur Kündigung und zu einem weiteren Mitarbeiter mit öffentlich bekundeter Unterstützung für NPD und Nordic 12.
Rechtsextremistische Bruderschaften
Seite 116: Organisationsmodell, Gewaltorientierung, zurückhaltendes Auftreten und Einordnung von Nordic 12.
Überblick über rechte Akteur:innen und Überschneidungen zwischen Rocker- und Neonaziszene.
Radikal Kameraden: Die Ausrede vom unpolitischen Motorradclub
Ergänzender Beitrag über rechte Kontinuitäten und die Selbstdarstellung als Motorradclub.
West Side Place: Wo Hells Angels Neonazis eine Bühne bieten
Ergänzende Recherche über Veranstaltungsräume und Kontakte zwischen Rocker- und Neonazimilieus.
Pogromstimmung gegen Geflüchtete
Übergreifende Analyse rassistischer Agitation gegen die Unterbringung geflüchteter Menschen.
