West Side Place: Wo Hells Angels Neonazis eine Bühne bieten
Das Netzwerk · Rechte Rockerszene · Stand: 2026
Ein Boxring vor dem Rockerclub, bekannte Neonazis im Publikum und unter den Kämpfern, daneben das Bild vom geselligen Dorftreff: Am West Side Place in Dünsen zeigt sich, wie Rocker-Infrastruktur der extremen Rechten Räume und Öffentlichkeit verschafft. Die Verbindungen reichen nach Bremen. Die politische Verharmlosung beginnt dort, wo ein störungsfreier Veranstaltungstag als Antwort auf ein gefährliches Netzwerkproblem genügt.
Ein Sonntag im Ring – mit Personal der extremen Rechten
Am 20. Juli 2025 veranstaltete das Hells-Angels-Charter „West Side“ am „West Side Place“ in Dünsen ein Boxevent unter freiem Himmel. Der Ort liegt im niedersächsischen Landkreis Oldenburg, gehört aber zu einem Beziehungsgeflecht, das eng mit Bremen verbunden ist. Nach Angaben der Polizei kamen etwa 350 bis 400 Besucher:innen. Unter ihnen waren Menschen aus dem bürgerlichen Spektrum, Rocker und Angehörige der politischen Rechten. [1] [3] [4]
Otto Belina dokumentierte für Endstation Rechts unter anderem die Anwesenheit von Alexander Deptolla, Organisator des neonazistischen „Kampf der Nibelungen“, und Hannes Ostendorf, Sänger der Rechtsrockband „Kategorie C“. Michael Wellering moderierte die Veranstaltung. Als einen ihrer Initiatoren beschreibt der Bericht Christoph Mohrmann, früher aktiv bei der extrem rechten Bremer Hooligangruppe NSHB. Auch der als Rechtsextremist bekannte Lasse Richei trat als Boxer an. [1]
Damit beschränkt sich der Befund nicht auf einzelne problematische Zuschauer. Die dokumentierten Rollen reichen von der Mitinitiierung über die Moderation bis zur Teilnahme am sportlichen Programm. Der Rockerclub stellte einen Rahmen bereit, in dem bekannte Akteure der extremen Rechten selbstverständlich auftreten konnten. Diese konkrete Öffnung macht die Veranstaltung politisch relevant. [1]
Zwei Länderberichte dokumentieren den gemeinsamen Treffpunkt
Der Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 führt das Event als „West Side Cup“ an. Er beschreibt die Teilnahme von Rechtsextremist:innen aus der Region und dem Bundesgebiet neben Rockern und Personen ohne erkennbare Szeneanbindung. Der niedersächsische Bericht bestätigt die neonazistische Beteiligung und nennt den 20. Juli 2025 als Datum. [2] [3]
Bremens Verfassungsschutz ordnet solche Treffen in eine länger bestehende Mischszene ein. Frühere rechte Hooligans fungieren darin als Verbindungsleute zwischen Rockern, Musik- und Kampfsportmilieu. Gemeinsame Veranstaltungen können Kontakte festigen und neue Beziehungen ermöglichen. Politische Wirksamkeit entsteht damit auch außerhalb von Parteibüros und Demonstrationen: durch verfügbare Orte, wiederkehrende Begegnungen und persönliche Verlässlichkeit. [2]
Kampfsport ist hier eine politische Ressource
Deptollas Anwesenheit verbindet das Treffen mit einem überregionalen Netzwerk des neonazistischen Kampfsports. Welche Funktion ein solches Netzwerk übernehmen kann, hat das Verwaltungsgericht Dresden am „Kampf der Nibelungen“ untersucht. Es bestätigte 2022 das Verbot der für Oktober 2019 in Ostritz geplanten Veranstaltung. Nach seiner Bewertung stand die Vermittlung körperlicher Fähigkeiten zur gewaltsamen Durchsetzung politischer Ziele im Vordergrund. [1] [6]
Diese Entscheidung betrifft das damalige KdN-Turnier. Sie erklärt jedoch die politische Bedeutung des Umfelds, aus dem ein prominenter Besucher des Dünsener Events kam. Kampfsport kann der extremen Rechten körperliche Fähigkeiten, Anerkennung und neue Kontakte verschaffen. Der Bremer Bericht beschreibt zudem seine Funktion bei der Ansprache junger Menschen und als Geschäftsfeld der Szene. [2] [6]
Ein gemeinsamer Boxabend muss keine Parteiversammlung sein, um einem solchen Milieu zu nutzen. Sichtbarkeit und Anerkennung werden auch darüber vermittelt, wer im Ring steht, wer begrüßt wird und mit wem man gemeinsam auftritt. Die politische Grenze verläuft deshalb nicht zwischen Sport und Politik, sondern dort, wo Sportstrukturen bekannten Neonazis Zugang und Ansehen verschaffen.
Die schöne Geschichte vom gelungenen Sportfest
Wie sich das Ereignis entpolitisieren lässt, zeigt der Bericht des szenenahen Magazins „Bikes, Music & More“ vom 23. Juli 2025. Autor Lars Petersen würdigte Organisation, Ringrichterin, medizinische Betreuung und Publikumszuspruch. Er berichtete von 18 Kämpfern in neun Begegnungen und wünschte sich eine Wiederholung. Die von Endstation Rechts dokumentierten politischen Verbindungen blieben in diesem Veranstaltungsbericht unerwähnt. [5]
Das ergibt eine folgenreiche Auswahl: Die professionelle Durchführung wird ausführlich sichtbar, die neonazistischen Akteure verschwinden aus der Erzählung. So entsteht ein Bild, in dem es nur um Einsatz, Sport und Gemeinschaft geht. Der politische Charakter des Teilnehmerkreises wird durch die Beschreibung eines gelungenen Ablaufs überdeckt. Gute Organisation beantwortet aber nicht die Frage, wem sie zugutekommt. [5]
Keine registrierten Straftaten sind keine politische Entwarnung
Die Polizei erklärte gegenüber der Kreiszeitung, sie habe die öffentlich beworbene Veranstaltung begleitet und keine Rechtsverstöße registriert. Zugleich bestätigte sie die Anwesenheit von Rockern und Personen aus der rechten Szene. Eine strukturierte Zusammenarbeit lasse sich in ihrem Zuständigkeitsbereich bislang nicht feststellen, erklärte ihr Sprecher im Juli 2025. [4]
Diese damalige Einschätzung beschreibt die Erkenntnislage der Polizei. Die späteren Verfassungsschutzberichte halten das Treffen ausdrücklich als Beispiel einschlägiger Szenekontakte fest. Beides lässt sich unterscheiden: Ein störungsfreier Tag sagt etwas über den unmittelbaren Ablauf aus. Er widerlegt weder die Beteiligung von Neonazis noch den Nutzen gemeinsamer Veranstaltungen für deren Vernetzung. Wer politische Gefahren ausschließlich an Anzeigen dieses einen Tages misst, erfasst diese Funktion nicht. [2] [3] [4]
Dorffest und Neonazitreffen nutzen dieselbe Adresse
Der West Side Place wird zugleich als geselliger Ort im Dorfleben präsentiert. Bereits am 1. Juli 2025 hatte „Bikes, Music & More“ über ein Dorffest mit Familien und Schützen berichtet. Die Darstellung stellte gute Stimmung und großen Zuspruch heraus. Der Autor erklärte sinngemäß, bei einem harmonischen Ablauf gebe es keinen Anlass, die Veranstaltung infrage zu stellen. [7]
Hier liegt die gesellschaftliche Bedeutung des Ortes: Bürgerliche Freizeitkontakte und Treffen mit Neonazis finden in derselben Infrastruktur statt. Daraus folgt keine gemeinsame politische Haltung aller Gäste. Es entsteht aber ein Ort, dessen Akzeptanz durch unauffällige Veranstaltungen wachsen kann und dessen Ressourcen zugleich Akteuren der extremen Rechten offenstehen. Das freundliche Dorffest widerlegt den problematischen Boxabend nicht. [3] [7]
Die gesellschaftliche Einbindung ist deshalb Teil der Analyse. Ein etablierter Treffpunkt verfügt über Bekanntheit, Publikum und gewachsene Kontakte. Wenn Neonazis dort als Teilnehmer und Kämpfer auftreten können, profitieren sie von einer Bühne, die über ihr eigenes politisches Milieu hinausreicht.
Wer Kritik äußert, darf nicht zum eigentlichen Problem werden
Ende Juli 2025 veröffentlichte die Kreiszeitung Auszüge aus einem anonymen Brief. Die Verfasser:innen bezeichneten sich als besorgte Menschen aus Dünsen und schrieben: „Viele haben einfach Angst, etwas zu sagen“. Sie kritisierten eine Verharmlosung des Geschehens und die Nutzung gemeindeeigener Flächen. Ihre Identität blieb unbekannt; mehrere weitere Vorwürfe des Schreibens waren nicht belegt. [8]
Der Brief dokumentiert damit geäußerte Sorge, keinen Nachweis konkreter Drohungen. Politisch relevant ist dennoch der Konflikt um öffentliche Kritik: Während der Veranstaltungsort offensiv um Publikum wirbt, wählten diese Kritiker:innen die Anonymität. Ihre Bedenken lassen sich nicht dadurch erledigen, dass beim Boxevent keine Straftaten registriert wurden. [8] [4]
Bürgermeister Hartmut Post erklärte Anfang August, niemand müsse Angst haben oder anonym schreiben; er sei für Anliegen erreichbar. Die Nutzung einer Gemeindewiese als Parkplatz verteidigte er mit der Vermeidung von Verkehrsproblemen. Zugleich berichtete er von Pflegearbeiten des West Side Place, von denen die Gemeinde profitiert habe. Verträge über die unentgeltliche Mitnutzung gebe es nach seiner Darstellung nicht. [9]
Diese Antwort erklärt praktische Arrangements. Die politische Frage reicht weiter: Welche Akteure profitieren von den verfügbaren Flächen und der örtlichen Akzeptanz? Ein freier Straßenrand und eine gemähte Wiese beantworten nicht, wie eine Kommune mit einem Veranstaltungsort umgeht, an dem Neonazis öffentlich auftreten. Die Verantwortung für das demokratische Klima lässt sich nicht vollständig an die Polizei delegieren.
Die Verbindung nach Bremen bleibt sichtbar
Die Bremer Vorgeschichte ist konkret. 2013 verbot das Innenressort den Verein „Hells Angels MC Bremen“ wegen strafgesetzwidriger Zwecke und Tätigkeiten. Nach der damaligen Verbotsbegründung hatte er wesentliche Aktivitäten des früheren „Hells Angels MC Westside“ aufgegriffen, der sich 2012 nach eigener Erklärung aufgelöst hatte. Der Vorgang betraf einen bestimmten Verein; die persönlichen Verbindungen des Milieus sind damit nicht automatisch beendet. [10]
Für das Boxevent 2025 berichtete „Bikes, Music & More“ über eine gemeinsame Frühstückstour ab Franky’s Diner in Bremen. Die räumliche Verbindung wurde auch 2026 weiter beworben: Am 24. August kündigte das Magazin für den 6. September erneut eine Ausfahrt ab Bremen-Habenhausen zum Bikerfrühstück in Dünsen an. Schon der Jahresausblick hatte offene Clubabende, Frühstückstermine und einen Termin mit dem örtlichen Schützenverein angekündigt. [5] [11] [12]
Diese Veröffentlichungen belegen die fortgesetzte Ansprache eines Publikums aus Bremen. Der Ausgangspunkt einer Ausfahrt belegt für sich genommen keine politische Mitverantwortung des genannten Gastronomiebetriebs. Sichtbar wird vielmehr, dass die Landesgrenze den sozialen Einzugsbereich des Treffpunkts nicht begrenzt. [12]
Die Bühne ist Teil der Macht
Der West Side Place zeigt, wie rechte Vernetzung von vorhandener Rocker-Infrastruktur profitieren kann: Ein Gelände steht bereit, Veranstaltungen bringen Menschen zusammen, bekannte Szeneakteure erhalten öffentliche Auftritte. Gleichzeitig vermitteln Freizeitangebote ein Bild örtlicher Normalität. Diese Funktionen bestehen nebeneinander und können einander verstärken.
Wer Neonazis einen Ring und ein Publikum bietet, verschafft ihnen mehr als einen sportlichen Nachmittag. Er eröffnet ihnen einen anerkannten Platz im gemeinsamen Geschehen. Genau dort wird aus dem vermeintlich unpolitischen Treffpunkt eine politische Ressource.
Zum Schwerpunkt: Rechte Rockerszene. Die Verbindungen zu Hooligans, Kampfsport und Rechtsrock vertieft Militante Neonazis und aktionsorientierte extreme Rechte. Zur Bedeutung verfügbarer Treffpunkte: Rechte Räume, Finanzierung und Infrastruktur.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Grundlage sind eine journalistische Vor-Ort-Recherche, amtliche Berichte, öffentliche Polizei- und Kommunalauskünfte sowie Veranstaltungsberichte und Ankündigungen aus dem Rockermilieu. Letztere belegen Darstellung und Aktivität des Umfelds.
Hells Angels, Neonazis und ein Box-Event
Vor-Ort-Recherche zur Veranstaltung, zu identifizierten Beteiligten und ihren Rollen. Grundlage der namentlichen Zuordnungen.
West Side Cup und rechtsextremistische Mischszene
Bestätigt das Zusammentreffen von Rockern, Rechtsextremist:innen und Personen ohne erkennbare Szeneanbindung; erläutert Vernetzung und Kampfsportfunktionen.
Neonazistische Beteiligung am West Side Cup
Belegt den 20. Juli 2025 als Veranstaltungstag und die Ausrichtung durch ein regionales Motorradclub-Charter.
Boxevent und polizeiliche Bewertung
Enthält die Polizeiauskunft zu Besucher:innenzahl, rechtem Publikum, Begleitung der Veranstaltung und ausgebliebenen registrierten Rechtsverstößen.
Bericht aus dem Rockermilieu über das Boxturnier
Dokumentiert sportlichen Ablauf, positive Inszenierung und die Frühstückstour ab Bremen. Der Autor beschreibt sich selbst als MC-Mitglied.
Gericht bestätigt Verbot des KdN-Turniers von 2019
Amtliche Erläuterung der gerichtlichen Bewertung von Kampfertüchtigung und politischen Zielen. Die Entscheidung betrifft Ostritz, nicht das spätere Event in Dünsen.
Bericht über Familienpublikum und Schützen; belegt die öffentliche Darstellung als örtlicher Begegnungsort.
Anonymer Brief schildert Sorgen aus Dünsen
Dokumentiert geäußerte Angst und Kritik. Identität und Repräsentativität der Verfasser:innen sind nicht belegt; weitere Vorwürfe im Brief werden nicht als Tatsachen übernommen.
Bürgermeister verteidigt Mitnutzung der Gemeindewiese
Öffentliche Erklärung von Bürgermeister Hartmut Post zu Parkflächen, Pflegearbeiten und Kritik am Veranstaltungsort.
Verbot des Hells Angels MC Bremen
Amtliche Darstellung des Vereinsverbots und der Vorgeschichte. Der frühere Hells Angels MC Westside hatte sich 2012 nach eigener Erklärung aufgelöst.
Veranstaltungsankündigungen für 2026
Angekündigt wurden offene Clubabende, Bikerfrühstücke und ein Termin mit dem örtlichen Schützenverein; Ankündigung und Durchführung werden unterschieden.
Erneute Einladung zur Ausfahrt ab Bremen
Ankündigung für den 6. September 2026 mit Start in Bremen-Habenhausen und Ziel West Side Place. Belegt die fortgesetzte Werbung für diese Verbindung.
