Guido Thieme (Bildmitte). Beim Aufmarsch in Stuhr 2017. Bild: Recherche Nord

Vom BiW-Kandidaten zum AfD-Schatzmeister: Guido Thieme und der Bremer Machtkampf

Guido Thieme gehörte nie zu den öffentlich profilierten Köpfen der Bremer AfD. Politisch interessant wird seine Rolle dort, wo es um Organisation, Mehrheiten und Geld ging. 2015 kandidierte er noch für Bürger in Wut in Bremerhaven, später stieg er zum Schatzmeister des AfD-Landesverbandes auf. 2019 gehörte er zu den Funktionären, die sich gegen Frank Magnitz stellten – und erhob als ehemaliger Schatzmeister einen der schwersten Vorwürfe aus dem Inneren der Partei.

Guido Thieme, Jahrgang 1968, tauchte politisch zunächst nicht bei der AfD, sondern bei Bürger in Wut auf. Bei der Wahl zur Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung 2015 kandidierte er für BiW und erhielt nach dem amtlichen Wahlergebnis 64 Personenstimmen. Damit beginnt Thiemes öffentlich dokumentierte politische Laufbahn in einem rechten kommunalpolitischen Umfeld, das in Bremerhaven bereits vor dem Aufstieg der AfD etabliert war. Später wechselte er zur AfD und übernahm dort eine Funktion, die öffentlich weniger sichtbar, für die inneren Machtverhältnisse einer Partei aber zentral ist: Thieme wurde Schatzmeister des Bremer Landesverbandes.

Als Schatzmeister stand Thieme nicht auf der großen politischen Bühne. Seine Bedeutung lag im organisatorischen Zentrum des Landesverbandes. Gerade deshalb bekam der Konflikt um Frank Magnitz 2019 besonderes Gewicht. Drei Wochen vor einem geplanten Landesparteitag berichtete der Weser-Kurier über einen offenen Machtkampf im sechsköpfigen Landesvorstand. Magnitz hatte dort seine Mehrheit verloren. Zu seinen Kritikern gehörten der Bremerhavener AfD-Chef Thomas Jürgewitz und der bisherige Schatzmeister Guido Thieme. Beide griffen Magnitz’ Führungsstil an. Konflikte gab es unter anderem um dessen gleichzeitige Mandate im Bundestag und in der Bremischen Bürgerschaft sowie um den Kauf zweier Fahrzeuge für die Partei. Thieme befand sich damit mitten in einem Führungskampf, der den Landesverband nur wenige Monate nach der Bürgerschaftswahl erfasste.

Der Schatzmeister gegen den Landeschef

Der Konflikt ging weit über persönliche Animositäten hinaus. Thieme gehörte zu jener Vorstandsmehrheit, die Magnitz zunehmend die Gefolgschaft verweigerte. Damit geriet ein Funktionär gegen den Landesvorsitzenden, der durch seine Aufgabe als Schatzmeister Einblick in einen besonders sensiblen Bereich der Partei hatte. Die Auseinandersetzung machte sichtbar, wie eng Fragen von Geld, organisatorischer Kontrolle und innerparteilicher Macht im Bremer Landesverband miteinander verbunden waren.

Im weiteren Verlauf erhob Thieme gegen Magnitz den Vorwurf, Parteimittel in fünfstelliger Höhe veruntreut zu haben. Magnitz wies diesen Vorwurf zurück. Politisch ist die Auseinandersetzung deshalb besonders bemerkenswert, weil die Anschuldigung nicht von einem politischen Gegner außerhalb der Partei kam, sondern aus der Führung des eigenen Landesverbandes. Thieme hatte als Schatzmeister selbst mit den Finanzen der Partei zu tun. Der Konflikt erreichte damit eine Dimension, in der nicht mehr allein über politischen Stil oder Personalentscheidungen gestritten wurde, sondern über den Umgang mit Parteigeldern. Der Streit zwischen Thieme, Jürgewitz und Magnitz war dabei kein erkennbarer ideologischer Richtungsstreit gegen den Rechtskurs der AfD. Die dokumentierten Konflikte drehten sich um Führungsstil, Mandate, Finanzen und Machtverhältnisse. Thieme stellte sich gegen Magnitz, ohne sich damit öffentlich von den politischen Positionen des Landesverbandes oder der AfD insgesamt zu distanzieren. Der Bruch verlief organisatorisch und personell, nicht programmatisch.

Auch Thiemes vorherige Kandidatur für Bürger in Wut fügt sich in diese politische Biografie ein. 2015 gehörte er noch zu einem rechten Konkurrenzangebot der AfD in Bremerhaven. Innerhalb der AfD gelang ihm später der Aufstieg in die Führungsebene. Aus einem Kandidaten mit lediglich 64 Personenstimmen bei der Stadtverordnetenwahl wurde ein Funktionär, der als Schatzmeister unmittelbar an den inneren Strukturen des Landesverbandes beteiligt war.

Macht, Geld und der Zerfall der Bremer AfD

Der Konflikt im Landesvorstand blieb nicht isoliert. Nur wenige Monate nach der Bürgerschaftswahl zerfiel auch die AfD-Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft. Frank Magnitz, Uwe Felgenträger und Mark Runge verließen die fünfköpfige Fraktion; Thomas Jürgewitz und Peter Beck blieben zurück. Damit verlor die AfD ihren Fraktionsstatus und einen erheblichen Teil ihrer parlamentarischen Möglichkeiten. Die Auseinandersetzungen um Magnitz, seine Führung des Landesverbandes und die Parteifinanzen gehörten zu demselben Machtkampf, der die Bremer AfD innerhalb kürzester Zeit organisatorisch beschädigte. Thieme saß selbst nicht in der Bürgerschaft. Seine Rolle lag an anderer Stelle: Er gehörte zur Parteiführung und war damit Teil jener Ebene, auf der die Konflikte vorbereitet und ausgetragen wurden. Als Schatzmeister und späterer Gegner Magnitz’ gehörte er zu den Funktionären, die öffentlich machten, wie tief der Bruch innerhalb der Partei bereits ging. Aus dem gemeinsamen politischen Projekt wurde ein Kampf rivalisierender Lager um Kontrolle, Positionen und Ressourcen.

Guido Thieme gehört damit zu den weniger sichtbaren, aber für das Funktionieren einer Partei wichtigen Akteuren. Seine politische Bedeutung ergibt sich nicht aus programmatischen Texten, großen Reden oder einer hervorgehobenen parlamentarischen Rolle. Sie liegt im Maschinenraum des Landesverbandes. Dort war Thieme für die Finanzverwaltung mitverantwortlich, gehörte zur Führung und stellte sich schließlich gegen den eigenen Landesvorsitzenden.

Thiemes Laufbahn führt vom BiW-Kandidaten in Bremerhaven in die Führung der AfD Bremen und schließlich mitten hinein in den Machtkampf, der den Landesverband 2019 erschütterte. Er steht damit weniger für ein eigenständiges politisches Projekt als für jene Ebene der AfD, auf der aus ideologischer Gemeinsamkeit noch lange keine organisatorische Stabilität folgt. Als es um Mandate, Geld und Kontrolle ging, wurde aus dem Funktionär im Hintergrund ein Akteur eines Landesverbandes, der begann, sich selbst zu zerlegen.

Redaktion
AfD Watch Bremen