Claudia Baltrusch – stellvertretende Sprecherin der „AfD Bremerhaven Gruppe“

Claudia Baltrusch zog 2023 über Bürger in Wut in die Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung ein. Seit Juni 2026 ist sie stellvertretende Sprecherin einer parlamentarischen Gruppe, die den Namen der AfD trägt. Eine Mitgliedschaft Baltruschs in der AfD ist aktuell jedoch nicht belegt.

Claudia Baltrusch gehört nicht zu den programmatisch profilierten oder öffentlich besonders sichtbaren Akteur:innen des rechten Parteienspektrums in Bremerhaven. Ihre politische Bedeutung liegt vor allem in der wiederholten Neuorganisation ihres Mandats. Seit der Wahl 2023 wechselte sie aus der damaligen Fraktion von Bürger in Wut beziehungsweise Bündnis Deutschland zunächst in den Status einer Einzelstadtverordneten, gründete anschließend mit Bianca Ax und Kevin Schäfer die Fraktion „Wir für Bremerhaven“, wurde nach deren Auflösung erneut Einzelstadtverordnete und versuchte Ende 2025, gemeinsam mit Sven Lichtenfeld und Schäfer eine AfD-benannte Fraktion zu bilden. Seit Mitte Juni 2026 bildet sie mit dem AfD-Mitglied Lichtenfeld die „AfD Bremerhaven Gruppe“.

Baltrusch zeigt, wie ein über eine andere Wählervereinigung gewonnenes Mandat der AfD zu parlamentarischer Sichtbarkeit, Ausschusssitzen und öffentlichen Mitteln verhelfen kann. Baltruschs Rolle ist deshalb gegenwärtig vor allem institutionell zu bewerten.

Persönlicher Hintergrund und politischer Einstieg

Nach der früheren Selbstdarstellung auf der Website von „Wir für Bremerhaven“ wurde Baltrusch am 19. Juli 1972 in Bremerhaven geboren. Dort gab sie an, unter anderem in der Baureinigung, im Reinigungsdienst und in der Sicherheitsbranche gearbeitet zu haben. Ihren politischen Einstieg beschrieb sie über Bianca Ax, die sie zu einem Stammtisch einer Wählervereinigung mitgenommen habe. Diese biografischen Angaben stammen aus Baltruschs eigener politischen Vorstellung und sind keine unabhängig überprüfte Darstellung. Selbstdarstellung bei „Wir für Bremerhaven“

Zur Wahl der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung am 14. Mai 2023 kandidierte Baltrusch für Bürger in Wut auf Listenplatz neun. Sie erhielt 129 Personenstimmen und zog über die Listenwahl in das Kommunalparlament ein. Anders als Sven Lichtenfeld gewann sie ihr Mandat damit nicht durch Personenwahl. Parallel kandidierte Baltrusch auf Platz elf der BIW-Liste im Wahlbereich Bremerhaven für die Bremische Bürgerschaft. Dort erhielt sie 164 Personenstimmen und errang kein Mandat. Amtliches Ergebnis der Stadtverordnetenwahl, amtliches Ergebnis der Bürgerschaftswahl im Wahlbereich Bremerhaven

Von Bürger in Wut und Bündnis Deutschland zum Einzelmandat

Zu Beginn der Wahlperiode gehörte Baltrusch der Fraktion an, die nach dem bundespolitischen Zusammenschluss von Bürger in Wut unter dem Namen Bündnis Deutschland auftrat. Im September 2023 schlug die BD-Fraktion sie als fünftes Mitglied des Wahlprüfungsgerichts vor. Baltrusch erhielt zwölf Stimmen und unterlag dem Kandidaten der Linken. Der Streit um die gesetzlich vorgeschriebene Berücksichtigung der Stärkeverhältnisse führte zu einem verwaltungsgerichtlichen Verfahren. Aus dem späteren Gerichtsbeschluss geht zugleich hervor, dass Baltrusch zu den vier Stadtverordneten gehörte, die die BD-Fraktion bis Dezember 2023 verlassen hatten. Beschluss des Verwaltungsgerichts Bremen vom 12. Januar 2024

Öffentlich dokumentiert ist damit der Austritt aus der Fraktion. Nicht hinreichend dokumentiert sind der genaue Zeitpunkt, die Gründe und die damalige Entwicklung ihrer persönlichen Parteimitgliedschaft.

„Wir für Bremerhaven“: eine neue Fraktion ohne eigenes Wahlmandat

Am 21. April 2024 zeigten Bianca Ax, Claudia Baltrusch und Kevin Schäfer ihren Zusammenschluss zur Fraktion „Wir für Bremerhaven“ an. Die Stadtverordnetenversammlung erkannte die Fraktion am 13. Juni 2024 an. Keines ihrer Mitglieder war unter diesem Namen zur Kommunalwahl angetreten: Ax und Baltrusch waren über Bürger in Wut gewählt worden, Schäfer über die AfD. Die neue Fraktion entstand damit vollständig aus nachträglichen Abspaltungen. Amtliche Vorlage zur Anerkennung von „Wir für Bremerhaven“

Baltrusch gehörte dem Fraktionsvorstand nach der veröffentlichten WfB-Darstellung nicht an. Ax war Fraktionsvorsitzende, Schäfer ihr Stellvertreter. Baltrusch übernahm Ausschussarbeit, unter anderem im Ausschuss für öffentliche Sicherheit, im Personal- und Organisationsausschuss sowie im Ausschuss für Sport und Freizeit. Die öffentliche Kommunikation der WfB verband soziale Themen wie Kinderarmut, Jugendangebote und Schulbeförderung mit ordnungs- und sicherheitspolitischen Themen. Die amtlich veröffentlichten Anfragen der Fraktion wurden allerdings überwiegend von Ax eingereicht. Sie können deshalb nicht ohne Weiteres als persönliche Positionen Baltruschs behandelt werden. Frühere WfB-Fraktionsseite

Baltruschs eigene Wortbeiträge in den veröffentlichten Plenarprotokollen sind selten. Einen längeren Beitrag hielt sie am 25. April 2024 während der Auseinandersetzung über die Rechte von Einzelstadtverordneten. Sie bezeichnete den Umgang mit ihnen als empörend, kritisierte den Entzug des Stimmrechts in Ausschüssen und kündigte an, alle rechtlichen Möglichkeiten auszuschöpfen. Der Beitrag dokumentiert eine klare Position zu den institutionellen Rechten ihres Mandats, enthält aber keine weitergehende programmatische Einordnung. Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom 25. April 2024

Auflösung der WfB-Fraktion und offene Rechnungsprüfung

Im September 2025 zerfiel „Wir für Bremerhaven“. Bianca Ax legte ihr Mandat nieder; Baltrusch und Schäfer verließen die Fraktion und wurden wieder als Einzelstadtverordnete geführt. Radio Bremen berichtete damals, das Rechnungsprüfungsamt beschäftige sich mit der Frage, ob die der Fraktion gezahlten öffentlichen Mittel ordnungsgemäß verwendet worden seien. Ax, Schäfer und Baltrusch äußerten sich gegenüber dem Sender zunächst nicht dazu, ob die Auflösung mit der Prüfung zusammenhing. Radio Bremen zur Auflösung der WfB-Fraktion

Aus dem Prüfauftrag folgt kein Nachweis einer zweckwidrigen Mittelverwendung durch Baltrusch. Sie war nach der öffentlich dokumentierten Aufgabenverteilung auch kein Mitglied des Fraktionsvorstands. In der Debatte vom Dezember 2025 erhoben andere Stadtverordnete Vorwürfe gegen die frühere Fraktion und verlangten Aufklärung. Das sind politische Wortbeiträge, keine Feststellungen des Rechnungsprüfungsamtes.

Der gescheiterte Versuch einer AfD-benannten Fraktion

Mit Datum vom 1. November 2025 zeigten Baltrusch, Lichtenfeld und Schäfer einen neuen Fraktionszusammenschluss an. Die vorgesehene Bezeichnung lautete „Alternative für Deutschland plus Schäfer und Baltrusch“. Da die drei weder überwiegend derselben Partei angehörten noch über denselben Wahlvorschlag gewählt worden waren, bedurfte die Anerkennung nach der Geschäftsordnung der Zustimmung der Stadtverordnetenversammlung. Zu diesem Zeitpunkt war nur Lichtenfeld als AfD-Mitglied belegt. Baltrusch und Schäfer wurden in der unabhängigen Berichterstattung als parteilos bezeichnet. Lichtenfeld sprach gegenüber der taz von einem „Zweckbündnis“. Radio Bremen berichtete, der Zusammenschluss sollte den Beteiligten Stimmrechte in Ausschüssen, längere Redezeiten und die mit dem Fraktionsstatus verbundenen finanziellen Beiträge verschaffen. taz zur geplanten Fraktion, Radio Bremen zum Fraktionsversuch

Die Stadtverordnetenversammlung verweigerte am 4. Dezember 2025 die Anerkennung. Nur Baltrusch, Lichtenfeld und Schäfer stimmten dafür; ein weiterer Stadtverordneter enthielt sich. Während der ausführlichen Debatte begründete Lichtenfeld den Zusammenschluss. Baltrusch gab trotz mehrfacher Aufforderungen anderer Redner keine eigene politische Erklärung ab. Belegt ist daher ihre aktive Zustimmung zur AfD-benannten Fraktion. Nicht belegt ist, welches programmatische Verhältnis sie selbst zur AfD oder zu deren politischen Positionen formulierte. Niederschrift der Stadtverordnetenversammlung vom 4. Dezember 2025

Seit Juni 2026 stellvertretende Sprecherin der „AfD Bremerhaven Gruppe“

Der gescheiterte Fraktionsversuch blieb nicht folgenlos. Im Juni 2026 traten Thomas Jürgewitz und Wolfgang Koch aus der AfD aus und schlossen sich der damaligen BD-Fraktion an. Damit erlosch der Status ihrer bisherigen AfD-Gruppe. Unmittelbar danach schlossen sich Baltrusch und Lichtenfeld zur „AfD Bremerhaven Gruppe“ zusammen. Das Ratsinformationssystem führt Lichtenfeld als Sprecher und Baltrusch seit dem 15. Juni 2026 als stellvertretende Gruppensprecherin. Personendetails Claudia Baltrusch im Ratsinformationssystem

Die Gruppe beantragte am 13. Juni die Neubildung der Ausschüsse. Die Stadtverordnetenversammlung setzte die Ausschüsse am 18. Juni neu zusammen. Dadurch erhielt die Zweiergruppe in jedem Ausschuss einen Sitz. Baltrusch übernahm die Sitze im Ausschuss für Schule und Kultur, im Bau- und Umweltausschuss, im Sozialausschuss, im Gesundheitsausschuss, im Ausschuss für öffentliche Sicherheit und im Ausschuss für Jugend, Familie und Frauen. Der Ausschuss für öffentliche Sicherheit ist zugleich Betriebsausschuss des Wirtschaftsbetriebes Rettungsdienst. Lichtenfeld besetzte die übrigen Ausschüsse. Zusammen verfügt die Gruppe damit über eine Präsenz in der gesamten kommunalen Ausschussstruktur. Amtliche Vorlage zur Neubildung der Ausschüsse, amtliche Ausschussliste vom 15. Juni 2026

Seit dem 1. Juli 2026 stehen der Gruppe nach den angepassten gesetzlichen Beiträgen monatlich insgesamt 1.434,06 Euro zu. Der Betrag setzt sich aus den Zuschlägen für zwei Gruppenmitglieder und dem erhöhten Gruppenzuschlag zusammen. Es handelt sich um zweckgebundene öffentliche Mittel für die parlamentarische Arbeit, nicht um persönliche Einkünfte Baltruschs und nicht um frei verfügbare Parteimittel. Amtliche Vorlage zur Anpassung der Fraktions- und Gruppenbeiträge

Begrenztes eigenständiges politisches Profil

Die ausgewerteten öffentlichen Unterlagen ergeben bislang kein geschlossenes programmatisches Profil Baltruschs. Weder in den Plenarprotokollen noch in den recherchierten Anfragen findet sich eine kontinuierliche Reihe eigener Stellungnahmen zu Migration, Geschlechterpolitik, Demokratie, Nationalismus oder anderen ideologischen Kernfeldern der extremen Rechten. Dokumentiert sind einzelne Abstimmungen. So stimmte Baltrusch im Dezember 2025 gegen das Ortsgesetz und die Gebührenordnung zur rechtssicheren Nutzung kommunaler Übergangsunterkünfte für zugewiesene ausländische Personen und Spätaussiedelnde.

Auch seit der Bildung der „AfD Bremerhaven Gruppe“ ist die öffentlich erkennbare Arbeitsteilung ungleich. Die vor der Gruppengründung eingereichten Fragestundenanfragen der Sitzung vom 18. Juni 2026 – unter anderem zu einer Sportanlage, einer Umweltbildungsstätte und zum Schächten – liefen allein unter Lichtenfelds Namen. Als erste klar dokumentierte gemeinsame institutionelle Initiative der neuen Gruppe erscheint der Antrag auf Neubildung der Ausschüsse. Daraus lässt sich bislang eher ein Organisations- als ein eigenständiges Politikprofil Baltruschs ableiten.

Kritische Einordnung

Baltrusch stellt ihr über Bürger in Wut gewonnenes Mandat wiederholt für parlamentarische Organisationsformen unter dem Namen der AfD zur Verfügung. Dadurch erhält die Partei eine kommunalpolitische Präsenz, die nicht aus ihrem eigenen Wahlergebnis hervorgegangen ist. Die neue Gruppe verfügt über Redezeit, Sitze in sämtlichen Ausschüssen und öffentliche Beiträge. Baltrusch selbst besetzt dabei sechs zentrale Fachausschüsse und fungiert als stellvertretende Sprecherin. Ihre Bedeutung liegt damit gegenwärtig nicht in einer nachgewiesenen persönlichen Radikalisierung oder einer eigenständigen extrem rechten Programmatik. Sie liegt in der institutionellen Ermöglichung: Baltrusch trägt dazu bei, dass der AfD-Name und eine von einem AfD-Mitglied geführte parlamentarische Struktur im Bremerhavener Stadtparlament fortbestehen, obwohl die AfD 2023 nur drei eigene Mandate gewann und bis Juni 2026 sämtliche damals gewählten Stadtverordneten aus der Partei verloren hatte.

Baltrusch ist nach unseren Recherchen aktuell keine offizielle AfD-Funktionärin, aber eine zentrale parlamentarische Partnerin des AfD-Mitglieds Sven Lichtenfeld. Ihre Kooperation verschafft der Partei konkrete institutionelle Vorteile. Ob daraus künftig auch eine erkennbare programmatische Annäherung, eine offene Parteimitgliedschaft oder eine eigenständige politische Profilierung entsteht, ist derzeit offen.

Redaktion
AfD Watch Bremen