Cord Degenhard: Die Wut schüren, die Härte predigen

Cord Degenhard gehört zu den langjährigen Akteuren von Bürger in Wut. Der frühere CDU-Kommunalpolitiker bestärkte 2013 ein aufgebrachtes Publikum im Streit um eine Geflüchtetenunterkunft. In der Bürgerschaft wirbt er für eine Politik rigoroser Bestrafung. Sein politisches Profil zeigt, wie sich lokale Verankerung, ausgrenzende Sicherheitsrhetorik und der Ruf nach staatlicher Härte verbinden.

Von der CDU zur organisierten Wut

Degenhard ist Lehrer für die Sekundarstufe I im Ruhestand. Nach seiner amtlichen Biografie bei der Bremischen Bürgerschaft gehörte er von 2003 bis 2012 der CDU an und wechselte anschließend zu Bürger in Wut. Von 2003 bis 2019 saß er im Beirat Vegesack. Seit dem 9. Juni 2023 ist er Mitglied der Bremischen Bürgerschaft. Sein Einzug ins Landesparlament folgte damit auf eine langjährige kommunalpolitische Tätigkeit im Bremer Norden.

Heute führt ihn die BIW-Fraktion als innen- und klimapolitischen Sprecher. Zu seinen parlamentarischen Aufgaben gehören außerdem Bildungs- und Petitionsgremien. Degenhard wirkt damit an Politikfeldern mit, die den Alltag vieler Menschen unmittelbar betreffen: Schule, Sicherheit, öffentliche Dienstleistungen und Klimaanpassung. Seine Laufbahn steht für die personelle Kontinuität einer rechten Wählervereinigung, die im Stadtteil verankert war, bevor sie 2023 Fraktionsstärke im Landtag erreichte.

Wohlfühlen im aufgeheizten Saal

Am 4. Juli 2013 beriet der Beirat Vegesack über eine Unterkunft für 120 Geflüchtete auf dem Sportplatz Fährer Flur. Der zeitgenössische taz-Bericht von Jean-Philipp Baeck schildert eine aggressive Atmosphäre: Besucher übertönten Befürworter der Aufnahme, aus dem Publikum kamen rassistische und NS-bezogene Zwischenrufe. Degenhard wandte sich demnach an die Gäste: „Ich fühle mich ausgesprochen wohl, weil ich noch andere Wutbürger sehe.“ Er erhielt breiten Applaus. Zum Ende stellte er Staatsrat Horst Frehe Protest auf dem Sedanplatz in Aussicht und bezog sich dabei auf die damaligen Proteste in Istanbul.

SPD, CDU, FDP und BIW lehnten den Standort gemeinsam ab. Degenhards Beitrag ging über diese Standortentscheidung hinaus: Er bot dem aufgebrachten Publikum politische Identifikation. Während Menschen, die für die Aufnahme Schutzsuchender eintraten, kaum Gehör fanden, erklärte ein gewählter Vertreter sein Wohlbefinden unter den Wütenden. Darin liegt die politische Bedeutung seines Auftritts. Die Aufnahme von Geflüchteten wurde zur Gelegenheit, sich als Sprachrohr einer empörten örtlichen Gemeinschaft zu präsentieren.

Sicherheit durch Strafe – bis zum Betteln

In der Stadtbürgerschaft am 10. Oktober 2023, Seiten 227 bis 230, entwarf Degenhard das Bild einer von Angst beherrschten Stadt. Schwere Gewaltdelikte schrieb er überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund zu; eine statistische Grundlage nannte er in diesem Redebeitrag nicht. Als Vorbild präsentierte er die New Yorker Nulltoleranzstrategie unter Bürgermeister Rudolph Giuliani. Zustimmend schilderte er dabei auch, dass Menschen wegen Bettelns in öffentlichen Verkehrsmitteln für einige Tage in Haft genommen worden seien.

Damit rückte Degenhard sichtbare Armut in denselben sicherheitspolitischen Zusammenhang wie Gewaltkriminalität. Sein Vorbild zielte auf eine rigorose Kontrolle des öffentlichen Raums. Konkret verlangte er unter anderem eine mobile Polizeiwache am Hillmannplatz, mehr Polizeipersonal und die Prüfung weiterer Waffenverbotszonen. Die pauschale Verknüpfung schwerer Gewalt mit einer breiten Bevölkerungsgruppe verschärft dabei den Verdacht gegen Menschen aufgrund ihrer zugeschriebenen Herkunft. Sein Sicherheitsversprechen verbindet zusätzliche Polizeipräsenz mit einer Rhetorik, die gesellschaftliche Probleme vorrangig als Aufgaben für Kontrolle und Bestrafung behandelt.

Klimapolitik als Rückzugsprogramm

Auch in der Klimapolitik argumentiert Degenhard mit der Belastung der Bevölkerung. In einer Fraktionsmitteilung vom Februar 2025 erklärte er Bremens Maßnahmen zur CO₂-Senkung für wirkungslos im Hinblick auf das Weltklima. Er forderte, sich stattdessen auf den Schutz vor Klimafolgen zu konzentrieren, etwa durch höhere Deiche. Das Bremer Ziel der Klimaneutralität bis 2038 stellte er als wirtschaftsschädlich dar. Die Mitteilung erhebt die vermeintliche Nutzlosigkeit örtlicher Emissionsminderung zum Argument für einen Kurswechsel.

Im Juni 2026 bekräftigte er diese Position im Zusammenhang mit dem Fraktionspodcast. Nach der zugehörigen Pressemitteilung verlangte er eine Rücknahme der Bremer Ambitionen und verwies auf Energiepreise und Schulden. Als bevorzugte Maßnahmen nannte die Veröffentlichung unter anderem Hochwasserschutz, Entsiegelung und Begrünung. Politisch setzt er damit auf Anpassung und einen Rückzug bei den Klimazielen. Die geringe Größe Bremens dient ihm als Begründung, den eigenen Beitrag zur Emissionsminderung abzuwerten.

Bürgernähe mit ausgrenzender Rhetorik

Degenhard bearbeitet zugleich konkrete Versorgungsprobleme. Am 8. September 2026 kritisierte er Unterrichtsausfälle bei inklusiv beschulten Kindern und verlangte Auskunft über fehlendes Personal sowie Maßnahmen zur Sicherstellung des Unterrichts. Die Fraktion kündigte dazu eine Berichtsbitte in der Bildungsdeputation an. Solche Interventionen gehören zu seiner parlamentarischen Arbeit und können an berechtigte Erwartungen von Eltern und Kindern anknüpfen.

Gerade diese Verbindung verdient kritische Aufmerksamkeit: Ein Politiker kann konkrete Missstände aufgreifen und zugleich mit ausgrenzenden Deutungen arbeiten. Bei Degenhard stehen kommunale Erfahrung und Forderungen nach funktionierenden öffentlichen Einrichtungen neben Auftritten, die Empörung bestärken und soziale Konflikte verschärfen. Sein politischer Aufstieg zeigt, wie rechte Politik über vertraute Alltagsthemen Akzeptanz gewinnen kann – und dabei Vorstellungen darüber verbreitet, wessen Anwesenheit als Problem erscheint und gegen wen der Staat besonders hart vorgehen soll.

Redaktion
AfD Watch Bremen