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Digitale extreme Rechte
Wie aus Reichweite Macht und Einschüchterung werden
Rechte Politik nutzt digitale Räume, um Menschen zu erreichen, Feindbilder zu verbreiten und Zugehörigkeit herzustellen. Sie begegnet ihrem Publikum als Parteivideo, männliches Erfolgsversprechen, Familienidylle oder Unterhaltung. Zugleich dienen Onlinenetzwerke der organisierten Einschüchterung und der Verherrlichung von Gewalt. Wer nur nach offenen Naziparolen sucht, übersieht einen Teil dieser politischen Arbeit.
In Bremen verbinden sich junge Onlinegruppen mit älteren Neonazistrukturen. Bundesweit verbreiten AfD-Accounts und politische Dienstleister rechte Propaganda. Dieser Schwerpunkt untersucht die belegten Verbindungen und ihre Folgen. Die vertiefenden Dossiers zu Incels, rechten Tradwives, Gaming und rechten Onlinekulturen sowie NWO erschließen unterschiedliche Zugänge zu diesem Feld.
Stand der Verweisstruktur: 2026
Vier Zugänge zur digitalen extremen Rechten
Frauenfeindliche Foren, rechte Lifestyle-Angebote, Gaming-Communitys und organisierte Menschenjagd unterscheiden sich in Akteur:innen, Zielen und Methoden. Die Dossiers zeigen, wo gemeinsame Feindbilder, konkrete Kontakte oder politische Verstärkung Verbindungen schaffen.
Incels und digitale Frauenfeindlichkeit
Wie aus einem behaupteten Anspruch auf Frauen ein politisches Weltbild wird: Blackpill, Manosphäre, Vermarktung männlicher Unsicherheit und die Verbindungen zu rassistischen und autoritären Vorstellungen. Im Mittelpunkt stehen Selbstbestimmung und die Folgen für Angegriffene.
Rechte Tradwives: Unterwerfung als Lifestyle
Wie rechte Influencerinnen männliche Vorherrschaft als weibliche Erfüllung verkaufen. Das Dossier untersucht die Verbindung von Familienidylle, digitalem Geschäft und antifeministischer Politik sowie dokumentierte Bezüge zum Umfeld der christlichen Rechten in Bremen.
Gaming und rechte Onlinekulturen
Wie Rechte Communitys, Chats und Streams nutzen, Feindbilder als Humor verbreiten und Propaganda in digitale Freizeitwelten einbauen. Mit Forschung zu Steam, Discord und Roblox, den Angriffen auf Streamerinnen und der Verantwortung der Plattformen.
NWO: Organisierte Menschenjagd
Wie systematische Erniedrigung, die Veröffentlichung privater Daten und fingierte Notrufe Menschen verfolgen – und wie einzelne Akteure und Kampagnen an parteipolitische Interessen anschließen. Das Dossier rekonstruiert Methoden, Betroffenenfolgen und dokumentierte Verbindungen.
Was die digitale extreme Rechte ausmacht
Die digitale extreme Rechte umfasst unterschiedliche politische und organisatorische Zusammenhänge. Öffentliche Parteikommunikation, kommerzielle Propagandaprojekte, neonazistische Jugendgruppen und rechtsterroristische Netzwerke verfolgen unterschiedliche Ziele. An konkreten Personen, Aufträgen, Kampagnen und gemeinsamen Feindbildern werden Verbindungen sichtbar.
Reichweite und Deutungshoheit
Parteikonten, Influencer:innen und Medienprojekte verbreiten rechte Positionen. Plattformempfehlungen und die Wiederholung ähnlicher Botschaften können deren Sichtbarkeit verstärken.
Zugehörigkeit und Mobilisierung
Digitale Gruppen vermitteln Anerkennung, stellen Kontakte her und mobilisieren zu Treffen und Aktionen. Örtliche Neonazistrukturen können daran anknüpfen.
Geschäft und Propaganda
Dienstleister produzieren Kampagnen und KI-Inhalte. Politische Szeneerfahrung lässt sich dabei in bezahlte Aufträge übersetzen.
Einschüchterung und Gewalt
Organisierte Bloßstellung, Bedrohungen und Gewaltaufrufe können Menschen aus der Öffentlichkeit drängen. Einige Netzwerke verfolgen ausdrücklich terroristische Ziele.
Bremen: Junge Aufmachung, alte Neonazistrukturen
„weserems.aktion“: Ermittlungen und organisatorische Wurzeln
Am 21. Mai 2026 durchsuchte die Polizei sechs Objekte in Bremen und drei in Niedersachsen. Die Ermittlungen richteten sich gegen neun Beschuldigte zwischen 15 und 24 Jahren. Ausgangspunkt waren ausgewertete Chats aus dem Verfahren um die rechte Jugendgruppe „weserems.aktion“. Nach Mitteilung der Behörden sollen die Beschuldigten unter anderem nationalsozialistische Kennzeichen sowie rassistische und volksverhetzende Inhalte verbreitet haben. Sichergestellt wurden Datenträger, mehrere Messer, eine Schreckschusspistole und eine Softairwaffe.
„weserems.aktion“ zeigt, wie wenig das Erscheinungsbild einer Onlinegruppe über ihre organisatorischen Wurzeln verrät. Andrea Röpke und Johann Frerichs beschrieben im August 2025 bei Endstation Rechts die Verbindungen zur früheren NPD, heute „Die Heimat“, und ihrer Jugendorganisation Junge Nationalisten (JN). Sie dokumentierten außerdem Vernetzung mit „Verden verteidigen“ und Aktivitäten gegen alternative und queere Jugendliche. Der im Juni 2026 veröffentlichte Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 bezeichnet „weserems.aktion“ als Bremer JN-Ableger. Die jugendliche Selbstdarstellung verdeckt damit eine Kontinuität organisierter Neonazipolitik.
Telegram und gemeinsame Mobilisierungsräume
Digitale Vernetzung ist in Bremen schon länger Teil rechter Mobilisierung. Das Mobile Beratungsteam berichtete in seinem Rückblick auf 2020 über Telegram-Kommunikation im Umfeld der Coronaproteste und die Beteiligung unterschiedlicher rechter Milieus. Dazu gehörten Akteur:innen aus AfD, „Die Rechte“ und Reichsbürgerszene. Die Proteste boten ihnen einen gemeinsamen Mobilisierungsraum; zugleich blieben Konflikte und begrenzte Mobilisierungserfolge sichtbar. Wie sich unterschiedliche Organisationsformen und politische Kontakte im Nordwesten entwickeln, vertieft unser Dossier Organisationen und Netzwerke.
Wie aus Aufmerksamkeit Bindung wird
Schon 2020 erläuterte die Journalistin Karolin Schwarz im Gespräch mit Katharina Nocun bei netzpolitik.org, wie rechte Onlinenetzwerke Zugehörigkeit herstellen und Gewaltfantasien normalisieren. Die politische Wirkung entsteht auch im Alltag einer Gruppe: durch geteilte Witze, wiederkehrende Feindbilder und Anerkennung für Grenzüberschreitungen. Ein öffentlich verbreitetes Video kann Aufmerksamkeit erzeugen; persönliche Kontakte und kleinere Chatgruppen können diese Aufmerksamkeit in dauerhafte Bindung übersetzen.
Die AfD und der Kampf um Aufmerksamkeit
Die AfD erreicht ihr Publikum über Parteikonten, einzelne Politiker:innen und ein weiteres Umfeld unterstützender Accounts. Der CeMAS-Bericht zur Bundestagswahl 2025 untersucht dieses digitale Wahlkampfumfeld, einschließlich KI-Inhalten und externer Einflusskampagnen. Politisch bedeutsam ist die Arbeitsteilung: Parteibotschaften werden aufgegriffen, zugespitzt und in unterschiedlichen Formaten wiederholt. So kann eine Position allgegenwärtig wirken, obwohl die sichtbaren Beiträge aus einem vergleichsweise begrenzten politischen Spektrum stammen.
Ein Beispiel: Politisches TikTok in Sachsen-Anhalt
Eine Auswertung des Potsdam Social Media Monitor zeigt, wie stark sich Aufmerksamkeit konzentrieren kann. Untersucht wurden die Beiträge von 96 politischen TikTok-Accounts aus Sachsen-Anhalt im Zeitraum vom 1. Juni bis 30. August 2026.
| Messgröße | Ergebnis |
|---|---|
| Videoaufrufe insgesamt | rund 43,4 Millionen |
| Davon beim AfD-Politiker Ulrich Siegmund | rund 28 Millionen |
| Siegmunds Anteil an diesen Aufrufen | rund 64,5 Prozent |
Erhebungsstand der Untersuchung: 31. August 2026. Gezählt wurden Videoaufrufe. Die Zahlen sagen nicht, wie viele unterschiedliche Menschen erreicht oder politisch überzeugt wurden. Sie beziehen sich auf die untersuchten Accounts, nicht auf sämtliche politischen Inhalte bei TikTok.
Plattformen bestimmen Sichtbarkeit mit
Plattformen gestalten diese Sichtbarkeit mit. Die Organisation Global Witness richtete für einen Test vor der Bundestagswahl 2025 Konten ein, die Politiker:innen und Parteien unterschiedlicher Richtungen folgten. Unter den zusätzlich empfohlenen parteipolitischen Inhalten nicht abonnierter Accounts überwogen bei TikTok und X AfD-freundliche Beiträge. TikTok kritisierte die Aussagekraft der kleinen Untersuchung. Deren Befund gilt für die untersuchten Testkonten. Er wirft die politische Frage auf, welchen Inhalten Plattformen über die ausdrücklich gewählten Abonnements hinaus Reichweite verschaffen.
KI-Propaganda wird zum Geschäft
In der professionellen politischen Kommunikation werden Verbindungen zwischen Partei und extrem rechtem Aktivismus auch als Geschäftsbeziehungen greifbar. Dana Fuchs und Vera Henßler untersuchen für apabiz, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz bewertet und praktisch einsetzt. Sie beschreiben Alexander Kleine, bekannt als „Malenki“, der aus der Identitären Bewegung kommt, und seine Firma Tannwald Media. Nach ihrer Recherche produzierte die Firma KI-Wahlwerbung für die AfD im Bundestagswahlkampf 2025. Politische Szeneerfahrung wird hier zur vermarkteten Dienstleistung.
KI erleichtert die schnelle Herstellung zahlreicher Motive. Die politische Wirkung entsteht durch Auswahl, Wiederholung und Verbreitung: Bilder können rassistische Feindbilder oder idealisierte Vorstellungen nationaler Gemeinschaft in immer neuen Varianten transportieren. Damit werden Produktionsmittel günstiger, während politische Entscheidungen über Inhalte und Zielgruppen bei den beteiligten Akteur:innen liegen. Den größeren Zusammenhang von Verlagen, Medienprojekten und digitalen Formaten erschließt unser Dossier Rechte Medien und Propaganda.
Feindbilder verbinden unterschiedliche Milieus
Rassismus im vermeintlichen Namen des Schutzes
In Bremen lässt sich an einem konkreten AfD-Beitrag zeigen, wie politische Ausgrenzung kommuniziert wird. Der Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentiert einen Facebook-Post des Landesverbandes vom 11. September 2024. Darin wurde der Schutz deutscher Frauen mit einer pauschalen Bedrohungsdarstellung arabischer Männer verbunden. Eine solche Gegenüberstellung verteilt Schutzwürdigkeit und Gefährlichkeit entlang zugeschriebener Herkunft. Gewalt gegen Frauen wird damit zum Material rassistischer Mobilisierung.
Antifeminismus und Angriffe auf queere Menschen
Die Analyse „(R)echte Männer und Frauen“ der Amadeu Antonio Stiftung ordnet rechte Geschlechterbilder in einen größeren Zusammenhang ein. Vorstellungen männlicher Dominanz, die Abwertung von Feminismus und Angriffe auf geschlechtliche Vielfalt gehören zum politischen Angebot. Frauen, queere Menschen und trans* Personen werden dabei auf unterschiedliche Weise adressiert: als zu beschützende Angehörige einer nationalen Gemeinschaft, als vermeintliche Gefahr für eine behauptete natürliche Ordnung oder als konkrete Angriffsziele.
Verschwörungserzählungen und Antisemitismus
Verschwörungserzählungen können solche Feindbilder zusammenführen. Der Mythos einer „New World Order“, einer angeblichen „Neuen Weltordnung“, behauptet eine verborgene Macht hinter politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Rocío Rocha Dietz und Jan Rathje beschreiben bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wie solche Erzählungen während der Coronapandemie mit antisemitischen Unterstellungen verbunden wurden. Jüdinnen und Juden wurden für eine angeblich geplante Weltherrschaft verantwortlich gemacht. Hinter der vermeintlichen Aufklärung über geheime Mächte steht dann eine alte Form der Judenfeindschaft.
Die Psychologin Pia Lamberty erläutert in ihrer Forschungsübersicht zu Verschwörungserzählungen, welche Bedeutung Identität, soziale Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Erklärung haben. Katharina Nocun beschreibt in einem 2026 veröffentlichten Interview, wie alte Erzählmuster an neue Krisen angepasst und politisch genutzt werden. Der Vorwurf geheimer Steuerung kann eine Überzeugung gegen Nachprüfung abschirmen: Widerspruch erscheint dann selbst als Beweis der angeblichen Verschwörung.
Zwei Bedeutungen von „NWO“: Die Verschwörungserzählung einer angeblichen „New World Order“ und die Onlinegruppierung NWO sind unterschiedliche Gegenstände. Aus der gleichen Abkürzung lässt sich keine organisatorische Verbindung ableiten.
Incels: Frauenhass als Anspruch auf Herrschaft
In frauenfeindlichen Incel-Milieus wird weibliche Selbstbestimmung zum angeblichen Unrecht erklärt. Aus Zurückweisung soll ein Anspruch auf Vergeltung entstehen; die Blackpill-Ideologie ordnet Menschen nach vermeintlich unveränderlichen körperlichen Merkmalen. Verbindungen zur Manosphäre reichen bis zu Influencern, die Dominanz und finanziellen Erfolg als Lösung männlicher Unsicherheit vermarkten. Einsamkeit oder fehlende sexuelle Erfahrungen erklären diese Ideologie nicht. Politisch entscheidend ist die Abwertung anderer und die Bekämpfung ihrer Freiheit.
Unser Dossier untersucht die unterschiedlichen Milieus, ihre Feindbilder und Gewaltbezüge. Es trennt belegte Überschneidungen von pauschalen Zuschreibungen und ordnet ein, welche Befunde für Bremen vorliegen. Incels und digitale Frauenfeindlichkeit: die vollständige Recherche.
Rechte Tradwives: Die Hierarchie trägt eine Schürze
Rechte Tradwife-Influencerinnen präsentieren die Unterordnung unter einen Mann als selbstbestimmtes Glück. Die Botschaft wird über vertraute Bilder von Haushalt, Familie und religiöser Geborgenheit vermittelt. Zugleich betreiben die Influencerinnen eine öffentliche und teilweise kommerzielle Tätigkeit. Dieser Widerspruch gehört zum politischen Geschäftsmodell: Weibliche Selbstständigkeit wird genutzt, um weibliche Unterordnung zu bewerben. Die Kritik richtet sich gegen den Anspruch, eine ungleiche Geschlechterordnung für andere verbindlich zu machen.
Das Dossier untersucht die Vermarktung, antifeministische und queerfeindliche Positionen sowie dokumentierte Verbindungen zur christlichen Rechten. Für Bremen führt die Recherche in kirchliche Auseinandersetzungen und das Umfeld von St. Martini; daraus wird keine eigenständige lokale Tradwife-Szene abgeleitet. Rechte Tradwives: Unterwerfung als Lifestyle.
Gaming: Rechte Politik spielt im Alltag mit
Gaming-Communitys sind soziale Räume. Rechte Akteur:innen nutzen die dortigen Beziehungen zur Vernetzung, verbreiten Propaganda über Profile und Spielinhalte oder greifen andere Communitys an. Ein Teil dieser Politik tritt als vermeintlich unpolitischer Kulturkampf auf: Frauen, queere Menschen und nichtweiße Figuren sollen aus einer angeblich bedrohten Spielkultur gedrängt werden. Gamergate und die Angriffe auf Streamerinnen zeigen, wie aus behaupteten Besitzansprüchen auf eine Kultur organisierte Ausgrenzung werden kann.
Das Dossier unterscheidet Gemeinschaftspflege bereits überzeugter Rechter, gezielte Propaganda und mögliche Wege der Einflussnahme. Es wertet Studien und dokumentierte Fälle aus, ohne Gaming mit Rechtsextremismus gleichzusetzen. Die Verantwortung der Plattformen und der Schutz angegriffener Menschen gehören dabei zusammen. Gaming und rechte Onlinekulturen: die vollständige Recherche.
Wenn Onlinegruppen auf der Straße angreifen
Queere Veranstaltungen als Angriffsziele
Die Folgen solcher Feindbilder reichen über Kommentare hinaus. CeMAS beschreibt im Bericht „Keine Entwarnung“ vom November 2025, wie junge rechte Gruppen seit 2024 gegen Christopher Street Days mobilisierten und ältere extrem rechte Strukturen 2025 stärker hinzukamen. Queere Sichtbarkeit wird zum Anlass, sich zu vernetzen und Stärke vorzuführen. Für Betroffene verändert das die Bedingungen öffentlicher Teilhabe: Die Teilnahme an einer Veranstaltung erfordert plötzlich zusätzliche Schutzüberlegungen.
„Jung & Stark“ und „Deutsche Jugend Voran“
Am 6. Mai 2026 ließ die Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit „Jung & Stark“ sowie „Deutsche Jugend Voran“, auch „Neue Deutsche Welle“, rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern durchsuchen. Das Verfahren richtete sich gegen 36 Beschuldigte wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft, überwiegend auch Rädelsführerschaft, in kriminellen Vereinigungen. Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft vernetzten sich die Gruppen über soziale Medien und persönliche Treffen. Mitglieder sollen zu Gewalt gegen politische Gegner und Menschen aufgerufen haben, die sie für pädophil hielten. Einige Beschuldigte sollen entsprechende Angriffe ausgeführt haben. Durchsucht wurde auch im Landkreis Cuxhaven.
Die beschriebenen Fälle zeigen ein wiederkehrendes Muster: Gruppen geben sich digital eine Identität und greifen zugleich auf persönliche Kontakte, Treffpunkte und politische Traditionen zurück. Die Bremer Entwicklung vertieft unser Dossier über militante Neonazis und die aktionsorientierte extreme Rechte. Für Schulen, Jugendhilfe und Beratungsstellen stellt sich die praktische Frage, wie organisierte Einschüchterung früh erkannt wird, bevor Betroffene aus gemeinsamen Räumen verdrängt werden.
NWO: Wenn Demütigung zur politischen Kampagne wird
Organisierte Schikane gegen einzelne Menschen
Unter dem Namen „NWO“ wurde eine Onlinegruppierung bekannt, der organisierte Angriffe auf Menschen im Internet vorgeworfen werden. Am 3. September 2024 meldete das Bundeskriminalamt Durchsuchungen bei zehn Beschuldigten in sechs Bundesländern. Sie standen im Verdacht, sich als Rädelsführer an einer kriminellen Vereinigung beteiligt zu haben. Laut BKA richteten sich die mutmaßlichen Aktivitäten gegen Menschen, die öffentlich im Internet auftraten. Zu den beschriebenen Methoden gehörten die Veröffentlichung persönlicher Daten und fingierte Notrufe, die Polizeieinsätze gegen Betroffene auslösen sollten. Solche Übergriffe greifen in den Alltag der Angegriffenen ein und können ihre weitere öffentliche Beteiligung erschweren.
Eine Kampagne und ihre politischen Verstärker
Wie persönliche Demütigung politisch verwertet wird, rekonstruierte Lars Wienand am 9. April 2026 bei t-online anhand einer Kampagne vom Mai 2024. Er beschrieb Verbindungen von Patrick Kolek, bekannt als „Wuppi“, zu Teilen der NWO-Szene sowie Koleks Rolle bei der Verbreitung von Material gegen einen damaligen FDP-Kommunalwahlkandidaten. Tätigkeiten Koleks für AfD-Fraktionen hatte auch CORRECTIV dokumentiert.
Im Zuge der Kampagne erschienen auf dem Account des bayerischen AfD-Abgeordneten René Dierkes gefälschte Chatbilder. Laut t-online bestätigte die Staatsanwaltschaft Ellwangen die Fälschung; die Staatsanwaltschaft München I bestätigte damals Ermittlungen gegen Dierkes. Dieser bestritt die Vorwürfe und erklärte, ein früherer Mitarbeiter habe ohne sein Wissen und seine Zustimmung gepostet. Kolek erklärte, er habe die Bilder für echt gehalten und von einer Erpressung des Betroffenen nichts gewusst.
Gruppierung, Praktik und politische Verbindung
Die politische Brisanz liegt in der Verstärkung: Die öffentliche Bloßstellung eines Menschen wurde gegen eine Partei eingesetzt, der Account eines Abgeordneten vergrößerte ihre Reichweite. Daneben beschreibt der Begriff „Maskengames“ eine Praktik systematischer Manipulation und Erniedrigung von Menschen. Eine Analyse bei Belltower.News zeigt, wie das Quälen anderer zum gemeinschaftlichen Wettbewerb werden kann. Die Bezeichnungen erfassen unterschiedliche Ebenen: „NWO“ benennt hier eine Gruppierung, „Maskengames“ eine Form organisierter Schikane. Die öffentlich dokumentierten politischen Verbindungen betreffen einzelne Akteure und konkrete Kampagnen.
Das vertiefende NWO-Dossier
Die Gruppierung, die Folgen für Betroffene und die dokumentierten politischen Verbindungen werden im eigenen Dossier ausführlicher erschlossen.
Gewalt als Ziel und Gruppenbindung
Terrorgram: Rassistische Gewalt als politisches Programm
Andere Netzwerke verfolgen ausdrücklich rechtsterroristische Ziele. Thilo Manemann untersucht in der CeMAS-Studie zu Deutschen im Terrorgram-Netzwerk digitale Zusammenhänge, in denen rassistische Gewalt verherrlicht und ein gesellschaftlicher Zusammenbruch angestrebt wird. Die Feindbilder sind politisch ausformuliert; Gewalt erscheint als Mittel, diesen Zusammenbruch zu beschleunigen. Die internationale Vernetzung ermöglicht dabei ideologische Bindung auch ohne gemeinsame örtliche Organisation.
NVE: Gewalt, Zwang und Anerkennung in der Gruppe
Teilweise überschneiden sich solche Milieus mit Netzwerken, die Fachleute als „Nihilistic Violent Extremism“, kurz NVE, beschreiben. Gemeint sind hier Szenen, in denen extreme Gewalt und die Zerstörung anderer Menschen selbst zum verbindenden Zweck werden können. In ihrer CeMAS-Untersuchung vom Mai 2026 analysieren Manemann und Miro Dittrich die Bedeutung von Zwang, Gewaltdarstellungen und Anerkennung innerhalb dieser Szenen. Minderjährige können zugleich Opfer und Beteiligte werden. Die politischen Überzeugungen unterscheiden sich; Überschneidungen mit rechtsterroristischen Milieus betreffen Teile dieses Feldes.
Im August 2026 berichtete Konrad Litschko, dass die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen einen 19-Jährigen aus Rheinland-Pfalz wegen mutmaßlicher Aktivitäten in einer terroristischen Onlinegruppe übernommen hatte.
Bremen braucht handlungsfähige Gegenwehr
Verantwortung der Plattformen
Die Verantwortung liegt auch bei den Plattformunternehmen, die Reichweite verteilen und Regeln durchsetzen. Maik Fielitz und Karolin Schwarz untersuchten für das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft im Projekt „Hate not found“, wie sich Kontosperrungen auf rechte Akteur:innen auswirken. Die von Facebook Deutschland finanzierte Untersuchung beschreibt Reichweitenverluste und Ausweichbewegungen ebenso wie Probleme intransparenter Plattformentscheidungen. Das spricht für nachvollziehbare Regeln und überprüfbare Durchsetzung. Zugleich brauchen bedrohte Menschen Unterstützung, die unabhängig davon erreichbar ist, ob ein Unternehmen einen Beitrag löscht.
Unterstützung in Bremen und Bremerhaven
Für Betroffene: soliport
soliport berät Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt – auch bei Bedrohungen und Beleidigungen. Eine Anzeige ist keine Voraussetzung für die Beratung.
Für Einrichtungen und Initiativen: Mobile Beratung
Das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus unterstützt dabei, rechte Entwicklungen zu erkennen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Das hilft auch Schulen, Vereinen und anderen Einrichtungen.
Weitere Anlaufstellen für unterschiedliche Situationen finden Sie in unserer Übersicht der Beratungsstellen und Hilfsangebote.
Hilfe bei Angriffen im Gaming
Das Angebot Good Gaming Support der Amadeu Antonio Stiftung berät bei Hass, Diskriminierung und digitaler Gewalt im Gaming kostenlos und vertraulich. Es richtet sich auch an Communitys, Eltern und pädagogische Fachkräfte. Betroffene müssen die politische Einordnung eines Angriffs nicht erst selbst abschließend klären, bevor sie Unterstützung suchen.
Beratung braucht eine dauerhafte Grundlage
Ausgerechnet in dieser Lage steht ein spezialisiertes Bremer Angebot vor dem Aus: Die Fachstelle Rechtsextremismus und Familie erklärte am 26. Mai 2026, ihre Arbeit wegen einer Umstrukturierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zum Jahresende vorzeitig einstellen zu sollen. Das betrifft Beratung dort, wo Radikalisierung unmittelbar in Beziehungen und Familien hineinwirkt. Wer der digitalen extremen Rechten wirksam begegnen will, muss ihre Kommunikationswege und politischen Verbindungen untersuchen. Ebenso entscheidend ist, ob diejenigen dauerhaft Rückhalt erhalten, die ihre Folgen auffangen und ihr vor Ort entgegentreten.
Im Zusammenhang weiterlesen
Organisationen und Netzwerke
Gruppen, Strukturen und politische Kontakte der extremen Rechten im Nordwesten.
Rechte Medien und Propaganda
Verlage, Publikationen und Medienprojekte als Träger rechter Deutungen.
Aktionsorientierte extreme Rechte
Neonazistische Strukturen, Mobilisierung und militante Aktivitäten.
Rechte Straßenpräsenz und Strategien
Wie rechte Akteur:innen im öffentlichen Raum auftreten und politische Sichtbarkeit herstellen.
Verschwörungsideologie
Wie Erzählungen über geheime Mächte funktionieren und Feindbilder stabilisieren.
Rechte Zeichen lesen
Symbole, Codes und Zeichen erkennen und mit ihrem jeweiligen Kontext einordnen.
Quellen und weiterführende Recherchen
Bremen und Nordwesten
Polizei Bremen: Durchsuchungen vom 21. Mai 2026
Endstation Rechts: Dahinter steckt die NPD
Onlinebindung und Reichweite
netzpolitik.org: Karolin Schwarz über rechte Onlinenetzwerke
Potsdam Social Media Monitor: Landtagswahlen 2026
Global Witness: Plattformempfehlungen vor der Bundestagswahl
KI und Propagandageschäfte
Extrem rechte Perspektiven auf künstliche Intelligenz – Teil 1
Extrem rechte Perspektiven auf künstliche Intelligenz – Teil 2
Antifeminismus und Verschwörungsideologie
Amadeu Antonio Stiftung: (R)echte Männer und Frauen
bpb: Antisemitismus im Internet und den sozialen Medien
Pia Lamberty: Forschungsübersicht zu Verschwörungserzählungen
Social Media Watchblog: Wem Verschwörungserzählungen wirklich nutzen
Mobilisierung gegen queere Menschen
NWO und politische Verbindungen
BKA: Durchsuchungen gegen mutmaßliche NWO-Rädelsführer
t-online: Recherche zur Kampagne und zu René Dierkes
CORRECTIV: Meinungsfreiheit, Volksverhetzung und das AfD-Umfeld
Terrorgram und weitere Gewaltmilieus
Thilo Manemann: Deutsche im Terrorgram-Netzwerk
Manemann und Dittrich: Nihilistic Violent Extremism in Deutschland
taz: Ermittlungen der Bundesanwaltschaft gegen einen 19-Jährigen
Plattformverantwortung und regionale Beratung
IDZ: Hate not found – das Deplatforming der extremen Rechten
Mobiles Beratungsteam: Erkennen, verstehen, handeln
Fachstelle Rechtsextremismus und Familie: Stimmen für die Fachstelle
Die vier vertiefenden Dossiers
Incels und digitale Frauenfeindlichkeit
Rechte Tradwives: Unterwerfung als Lifestyle
Gaming und rechte Onlinekulturen
NWO: Organisierte Menschenjagd
Die einzelnen Dossiers enthalten weitere Studien, Fachstellenanalysen und Quellen zu den jeweiligen Fällen.
