Digitale extreme Rechte: Wie aus Reichweite Macht und Einschüchterung werden

In Bremen verbinden sich junge Onlinegruppen mit älteren Neonazistrukturen. Bundesweit verbreiten AfD-Accounts und politische Dienstleister rechte Propaganda. Neonazistische Jugendgruppen organisieren sich über soziale Medien. In abgeschotteten Onlinenetzwerken werden Menschen eingeschüchtert und Gewalttaten verherrlicht. Das Dossier zeigt, wie diese Aktivitäten wirken und wo politische Verbindungen bestehen.

Am 21. Mai 2026 durchsuchte die Polizei sechs Objekte in Bremen und drei in Niedersachsen. Die Ermittlungen richteten sich gegen neun Beschuldigte zwischen 15 und 24 Jahren. Ausgangspunkt waren ausgewertete Chats aus dem Verfahren um die rechte Jugendgruppe „weserems.aktion“. Nach Mitteilung der Behörden sollen die Beschuldigten unter anderem nationalsozialistische Kennzeichen sowie rassistische und volksverhetzende Inhalte verbreitet haben. Sichergestellt wurden Datenträger, mehrere Messer, eine Schreckschusspistole und eine Softairwaffe.

Der Bremer Fall zeigt, wie digitale Gruppenbildung und örtliche Neonazistrukturen ineinandergreifen. Über Plattformen werden Kontakte geknüpft, Zugehörigkeit hergestellt und Propaganda verbreitet. Die Folgen treffen Menschen und Einrichtungen vor Ort. Zur digitalen extremen Rechten gehören dabei unterschiedliche Organisationsformen: öffentliche Parteikommunikation, kommerzielle Propagandaprojekte und gewaltorientierte Netzwerke. Ihre jeweiligen Interessen und die Verbindungen zwischen ihnen entscheiden darüber, wie aus Aufmerksamkeit politischer Einfluss oder gezielte Einschüchterung wird.

Junge Aufmachung, alte Neonazistrukturen

„weserems“ zeigt, wie wenig das Erscheinungsbild einer Onlinegruppe über ihre organisatorischen Wurzeln verrät. Andrea Röpke und Johann Frerichs beschrieben im August 2025 bei Endstation Rechts die Verbindungen zur früheren NPD, heute „Die Heimat“, und ihrer Jugendorganisation Junge Nationalisten (JN). Sie dokumentierten außerdem Vernetzung mit „Verden verteidigen“ und Aktivitäten gegen alternative und queere Jugendliche. Der im Juni 2026 veröffentlichte Bremer Verfassungsschutzbericht 2025 bezeichnet „weserems“ als Bremer JN-Ableger. Die jugendliche Selbstdarstellung verdeckt damit eine Kontinuität organisierter Neonazipolitik. Digitale Vernetzung ist in Bremen schon länger Teil rechter Mobilisierung. Das Mobile Beratungsteam berichtete in seinem Rückblick auf 2020 über Telegram-Kommunikation im Umfeld der Coronaproteste und die Beteiligung unterschiedlicher rechter Milieus. Dazu gehörten Akteur aus AfD, „Die Rechte“ und Reichsbürgerszene. Die Proteste boten ihnen einen gemeinsamen Mobilisierungsraum; zugleich blieben Konflikte und begrenzte Mobilisierungserfolge sichtbar. Wie sich unterschiedliche Organisationsformen und politische Kontakte im Nordwesten entwickeln, vertieft unser Dossier Organisationen und Netzwerke.

Schon 2020 erläuterte die Journalistin Karolin Schwarz im Gespräch mit Katharina Nocun bei netzpolitik.org, wie rechte Onlinenetzwerke Zugehörigkeit herstellen und Gewaltfantasien normalisieren. Die politische Wirkung entsteht auch im Alltag einer Gruppe: durch geteilte Witze, wiederkehrende Feindbilder und Anerkennung für Grenzüberschreitungen. Ein öffentlich verbreitetes Video kann Aufmerksamkeit erzeugen; persönliche Kontakte und kleinere Chatgruppen können diese Aufmerksamkeit in dauerhafte Bindung übersetzen.

Die AfD und der Kampf um Aufmerksamkeit

Die AfD erreicht ihr Publikum über Parteikonten, einzelne Politiker und ein weiteres Umfeld unterstützender Accounts. Der CeMAS-Bericht zur Bundestagswahl 2025 untersucht dieses digitale Wahlkampfumfeld, einschließlich KI-Inhalten und externer Einflusskampagnen. Politisch bedeutsam ist die Arbeitsteilung: Parteibotschaften werden aufgegriffen, zugespitzt und in unterschiedlichen Formaten wiederholt. So kann eine Position allgegenwärtig wirken, obwohl die sichtbaren Beiträge aus einem vergleichsweise begrenzten politischen Spektrum stammen. Wie ungleich Aufmerksamkeit verteilt sein kann, zeigt eine Auswertung des Potsdam Social Media Monitor. Für 96 untersuchte politische TikTok-Accounts aus Sachsen-Anhalt erfasste sie Beiträge vom 1. Juni bis 30. August 2026. Von rund 43,4 Millionen Videoaufrufen entfielen zum Erhebungsstand 31. August etwa 28 Millionen auf den AfD-Politiker Ulrich Siegmund – rund 64,5 Prozent. Die Zahlen erfassen Videoaufrufe der untersuchten Accounts; wie viele Menschen damit erreicht oder politisch überzeugt wurden, lässt sich daraus nicht ablesen. Sie zeigen aber eine erhebliche Konzentration politischer Sichtbarkeit.

Plattformen gestalten diese Sichtbarkeit mit. Die Organisation Global Witness richtete für einen Test vor der Bundestagswahl 2025 Konten ein, die Politiker und Parteien unterschiedlicher Richtungen folgten. Unter den zusätzlich empfohlenen parteipolitischen Inhalten nicht abonnierter Accounts überwogen bei TikTok und X AfD-freundliche Beiträge. TikTok kritisierte die Aussagekraft der kleinen Untersuchung. Deren Befund gilt für die untersuchten Testkonten. Er wirft die politische Frage auf, welchen Inhalten Plattformen über die ausdrücklich gewählten Abonnements hinaus Reichweite verschaffen.

Propaganda wird zum Geschäft

In der professionellen politischen Kommunikation werden Verbindungen zwischen Partei und extrem rechtem Aktivismus auch als Geschäftsbeziehungen greifbar. Dana Fuchs und Vera Henßler untersuchen für apabiz, wie die extreme Rechte künstliche Intelligenz bewertet und praktisch einsetzt. Sie beschreiben Alexander Kleine, bekannt als „Malenki“, der aus der Identitären Bewegung kommt, und seine Firma Tannwald Media. Nach ihrer Recherche produzierte die Firma KI-Wahlwerbung für die AfD im Bundestagswahlkampf 2025. Politische Szeneerfahrung wird hier zur vermarkteten Dienstleistung.

KI erleichtert die schnelle Herstellung zahlreicher Motive. Die politische Wirkung entsteht durch Auswahl, Wiederholung und Verbreitung: Bilder können rassistische Feindbilder oder idealisierte Vorstellungen nationaler Gemeinschaft in immer neuen Varianten transportieren. Damit werden Produktionsmittel günstiger, während politische Entscheidungen über Inhalte und Zielgruppen bei den beteiligten Akteur liegen. Den größeren Zusammenhang von Verlagen, Medienprojekten und digitalen Formaten erschließt unser Dossier Rechte Medien und Propaganda.

Feindbilder verbinden unterschiedliche Milieus

In Bremen lässt sich an einem konkreten AfD-Beitrag zeigen, wie politische Ausgrenzung kommuniziert wird. Der Verfassungsschutzbericht 2025 dokumentiert einen Facebook-Post des Landesverbandes vom 11. September 2024. Darin wurde der Schutz deutscher Frauen mit einer pauschalen Bedrohungsdarstellung arabischer Männer verbunden. Eine solche Gegenüberstellung verteilt Schutzwürdigkeit und Gefährlichkeit entlang zugeschriebener Herkunft. Gewalt gegen Frauen wird damit zum Material rassistischer Mobilisierung.

Die Analyse „(R)echte Männer und Frauen“ der Amadeu Antonio Stiftung ordnet rechte Geschlechterbilder in einen größeren Zusammenhang ein. Vorstellungen männlicher Dominanz, die Abwertung von Feminismus und Angriffe auf geschlechtliche Vielfalt gehören zum politischen Angebot. Frauen, queere Menschen und trans* Personen werden dabei auf unterschiedliche Weise adressiert: als zu beschützende Angehörige einer nationalen Gemeinschaft, als vermeintliche Gefahr für eine behauptete natürliche Ordnung oder als konkrete Angriffsziele. Verschwörungserzählungen können solche Feindbilder zusammenführen. Der Mythos einer „New World Order“, einer angeblichen „Neuen Weltordnung“, behauptet eine verborgene Macht hinter politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Rocío Rocha Dietz und Jan Rathje beschreiben bei der Bundeszentrale für politische Bildung, wie solche Erzählungen während der Coronapandemie mit antisemitischen Unterstellungen verbunden wurden. Jüdinnen und Juden wurden für eine angeblich geplante Weltherrschaft verantwortlich gemacht. Hinter der vermeintlichen Aufklärung über geheime Mächte steht dann eine alte Form der Judenfeindschaft.

Die Psychologin Pia Lamberty erläutert in ihrer Forschungsübersicht zu Verschwörungserzählungen, welche Bedeutung Identität, soziale Zugehörigkeit und das Bedürfnis nach Erklärung haben. Katharina Nocun beschreibt in einem 2026 veröffentlichten Interview, wie alte Erzählmuster an neue Krisen angepasst und politisch genutzt werden. Der Vorwurf geheimer Steuerung kann eine Überzeugung gegen Nachprüfung abschirmen: Widerspruch erscheint dann selbst als Beweis der angeblichen Verschwörung.

Wenn Onlinegruppen auf der Straße angreifen

Die Folgen solcher Feindbilder reichen über Kommentare hinaus. CeMAS beschreibt im Bericht „Keine Entwarnung“ vom November 2025, wie junge rechte Gruppen seit 2024 gegen Christopher Street Days mobilisierten und ältere extrem rechte Strukturen 2025 stärker hinzukamen. Queere Sichtbarkeit wird zum Anlass, sich zu vernetzen und Stärke vorzuführen. Für Betroffene verändert das die Bedingungen öffentlicher Teilhabe: Die Teilnahme an einer Veranstaltung erfordert plötzlich zusätzliche Schutzüberlegungen. Am 6. Mai 2026 ließ die Bundesanwaltschaft im Zusammenhang mit „Jung & Stark“ sowie „Deutsche Jugend Voran“, auch „Neue Deutsche Welle“, rund 50 Objekte in zwölf Bundesländern durchsuchen. Das Verfahren richtete sich gegen 36 Beschuldigte wegen mutmaßlicher Mitgliedschaft, überwiegend auch Rädelsführerschaft, in kriminellen Vereinigungen. Nach Darstellung der Bundesanwaltschaft vernetzten sich die Gruppen über soziale Medien und persönliche Treffen. Mitglieder sollen zu Gewalt gegen politische Gegner und Menschen aufgerufen haben, die sie für pädophil hielten. Einige Beschuldigte sollen entsprechende Angriffe ausgeführt haben. Durchsucht wurde auch im Landkreis Cuxhaven.

Die beschriebenen Fälle zeigen ein wiederkehrendes Muster: Gruppen geben sich digital eine Identität und greifen zugleich auf persönliche Kontakte, Treffpunkte und politische Traditionen zurück. Die Bremer Entwicklung vertieft unser Dossier über militante Neonazis und die aktionsorientierte extreme Rechte. Für Schulen, Jugendhilfe und Beratungsstellen stellt sich die praktische Frage, wie organisierte Einschüchterung früh erkannt wird, bevor Betroffene aus gemeinsamen Räumen verdrängt werden.

NWO: Wenn Demütigung zur politischen Kampagne wird

„NWO“ ist außerdem der Name einer konkreten Onlinegruppierung. Am 3. September 2024 meldete das Bundeskriminalamt Durchsuchungen bei zehn Beschuldigten in sechs Bundesländern. Sie standen im Verdacht, sich als Rädelsführer an einer kriminellen Vereinigung beteiligt zu haben. Laut BKA richteten sich die mutmaßlichen Aktivitäten gegen Menschen, die öffentlich im Internet auftraten. Zu den beschriebenen Methoden gehörten die Veröffentlichung persönlicher Daten und fingierte Notrufe, die Polizeieinsätze gegen Betroffene auslösen sollten. Solche Übergriffe greifen in den Alltag der Angegriffenen ein und können ihre weitere öffentliche Beteiligung erschweren. Wie persönliche Demütigung politisch verwertet wird, rekonstruierte Lars Wienand am 9. April 2026 bei t-online anhand einer Kampagne vom Mai 2024. Er beschrieb Verbindungen von Patrick Kolek, bekannt als „Wuppi“, zu Teilen der NWO-Szene sowie Koleks Rolle bei der Verbreitung von Material gegen einen damaligen FDP-Kommunalwahlkandidaten. Tätigkeiten Koleks für AfD-Fraktionen hatte auch CORRECTIV dokumentiert. Im Zuge der Kampagne erschienen auf dem Account des bayerischen AfD-Abgeordneten René Dierkes gefälschte Chatbilder. Laut t-online bestätigte die Staatsanwaltschaft Ellwangen die Fälschung; die Staatsanwaltschaft München I bestätigte damals Ermittlungen gegen Dierkes. Dieser bestritt die Vorwürfe und erklärte, ein früherer Mitarbeiter habe ohne sein Wissen und seine Zustimmung gepostet. Kolek erklärte, er habe die Bilder für echt gehalten und von einer Erpressung des Betroffenen nichts gewusst.

Die politische Brisanz liegt in der Verstärkung: Die öffentliche Bloßstellung eines Menschen wurde gegen eine Partei eingesetzt, der Account eines Abgeordneten vergrößerte ihre Reichweite. Daneben beschreibt der Begriff „Maskengames“ eine Praktik systematischer Manipulation und Erniedrigung von Menschen. Eine Analyse bei Belltower.News zeigt, wie das Quälen anderer zum gemeinschaftlichen Wettbewerb werden kann. Die Bezeichnungen erfassen unterschiedliche Ebenen: „NWO“ benennt hier eine Gruppierung, „Maskengames“ eine Form organisierter Schikane. Die öffentlich dokumentierten politischen Verbindungen betreffen einzelne Akteure und konkrete Kampagnen.

Gewalt als Ziel und Gruppenbindung

Andere Netzwerke verfolgen ausdrücklich rechtsterroristische Ziele. Thilo Manemann untersucht in der CeMAS-Studie zu Deutschen im Terrorgram-Netzwerk digitale Zusammenhänge, in denen rassistische Gewalt verherrlicht und ein gesellschaftlicher Zusammenbruch angestrebt wird. Die Feindbilder sind politisch ausformuliert; Gewalt erscheint als Mittel, diesen Zusammenbruch zu beschleunigen. Die internationale Vernetzung ermöglicht dabei ideologische Bindung auch ohne gemeinsame örtliche Organisation.

Teilweise überschneiden sich solche Milieus mit Netzwerken, die Fachleute als „Nihilistic Violent Extremism“, kurz NVE, beschreiben. Gemeint sind hier Szenen, in denen extreme Gewalt und die Zerstörung anderer Menschen selbst zum verbindenden Zweck werden können. In ihrer CeMAS-Untersuchung vom Mai 2026 analysieren Manemann und Miro Dittrich die Bedeutung von Zwang, Gewaltdarstellungen und Anerkennung innerhalb dieser Szenen. Minderjährige können zugleich Opfer und Beteiligte werden. Die politischen Überzeugungen unterscheiden sich; Überschneidungen mit rechtsterroristischen Milieus betreffen Teile dieses Feldes. Im August 2026 berichtete Konrad Litschko, dass die Bundesanwaltschaft Ermittlungen gegen einen 19-Jährigen aus Rheinland-Pfalz wegen mutmaßlicher Aktivitäten in einer terroristischen Onlinegruppe übernommen hatte.

Bremen braucht handlungsfähige Gegenwehr

Die Verantwortung liegt auch bei den Plattformunternehmen, die Reichweite verteilen und Regeln durchsetzen. Maik Fielitz und Karolin Schwarz untersuchten für das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft im Projekt „Hate not found“, wie sich Kontosperrungen auf rechte Akteur auswirken. Die von Facebook Deutschland finanzierte Untersuchung beschreibt Reichweitenverluste und Ausweichbewegungen ebenso wie Probleme intransparenter Plattformentscheidungen. Das spricht für nachvollziehbare Regeln und überprüfbare Durchsetzung. Zugleich brauchen bedrohte Menschen Unterstützung, die unabhängig davon erreichbar ist, ob ein Unternehmen einen Beitrag löscht.

In Bremen und Bremerhaven berät soliport Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt – auch bei Bedrohungen und Beleidigungen, unabhängig von einer Anzeige. Das Mobile Beratungsteam gegen Rechtsextremismus unterstützt beim Erkennen rechter Entwicklungen und beim gemeinsamen Handeln. Solche Angebote verbinden die Analyse mit dem Alltag von Schulen, Einrichtungen und Angehörigen. Sie helfen, Vorfälle einzuordnen und Betroffene zu stärken. Weitere Anlaufstellen im Land Bremen finden sich in unserer Übersicht der Beratungsstellen und Hilfsangebote.

Ausgerechnet in dieser Lage steht ein spezialisiertes Bremer Angebot vor dem Aus: Die Fachstelle Rechtsextremismus und Familie erklärte am 26. Mai 2026, ihre Arbeit wegen einer Umstrukturierung des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ zum Jahresende vorzeitig einstellen zu sollen. Das betrifft Beratung dort, wo Radikalisierung unmittelbar in Beziehungen und Familien hineinwirkt. Wer der digitalen extremen Rechten wirksam begegnen will, muss ihre Kommunikationswege und politischen Verbindungen untersuchen. Ebenso entscheidend ist, ob diejenigen dauerhaft Rückhalt erhalten, die ihre Folgen auffangen und ihr vor Ort entgegentreten.

Redaktion 
AfD Watch Bremen