Benedikt Kaiser: Soziale Versprechen für ein völkisches Projekt
Benedikt Kaiser liefert der extremen Rechten eine Sprache der sozialen Fürsorge – und bindet sie an ethnische Zugehörigkeit. In Bremen erhielt der Publizist 2018 eine Bühne im Landesparlament. 2025 wurde seine Beschäftigung beim früheren Bremer AfD-Jugendchef Robert Teske im Bundestag bekannt. Seine Laufbahn zeigt, wie völkische Ideologie über Publizistik, Parteinetzwerke und parlamentarische Stellen politische Wirkung entfalten soll.
Bremen bot die Bühne für völkische Politik
Am 25. Oktober 2018 trat Kaiser bei einer von Frank Magnitz organisierten Podiumsdiskussion in der Bremischen Bürgerschaft auf. Nach dem Bericht des anwesenden taz-Reporters Gareth Joswig warb er dort für einen sozialen Nationalismus; gemeinsam mit Marc Jongen verlangte er völkische Homogenität als Grundlage von Demokratie. Der Anspruch auf politische Gleichberechtigung wird damit an eine Vorstellung ethnischer Gemeinsamkeit gebunden. Menschen unterschiedlicher Herkunft erscheinen als Problem für die demokratische Ordnung.
Robert Teske, damals Vorsitzender der Jungen Alternative Bremen, wirkte am Einlass mit. Die Veranstaltung brachte damit einen extrem rechten Publizisten, AfD-Abgeordnete und die lokale Nachwuchsorganisation im Landesparlament zusammen. Kaisers Auftritt gehört zur Geschichte jener Öffnung, durch die die Bremer AfD ihrem außerparlamentarischen Umfeld institutionelle Sichtbarkeit verschaffte. Sein späterer beruflicher Anschluss an Teske gibt dieser Verbindung eine weitere, konkrete Dimension.
Vom Neonazimilieu zur intellektuellen Autorität
Der Rechtsextremismusexperte Volkmar Wölk beschrieb Kaiser anlässlich des Bremer Auftritts als einen aus der regionalen Kameradschaftsszene kommenden Akteur. Er verwies auf dessen Tätigkeit im neonazistischen „Freien Netz“ und enge Kontakte zu führenden Personen des Chemnitzer Ablegers. Zugleich ordnete er ihn bereits 2018 als einen wichtigen jüngeren Theoretiker der Neuen Rechten ein. Wölks Einordnung beschreibt einen Wechsel der politischen Arbeitsweise innerhalb der extremen Rechten.
Die Arbeit für Verlage, Zeitschriften und politische Bildungsformate eröffnet andere Zugänge als der Straßenaufmarsch: Bücher liefern Begriffe, Vorträge schaffen Kontakte, die Rolle des Experten verschafft Gehör. Entscheidend bleibt, welches Gesellschaftsbild damit verbreitet wird. Bei Kaiser lässt sich das an seinen eigenen programmatischen Texten prüfen. Dort bildet die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung weiterhin einen Maßstab dafür, wie Gesellschaft und Solidarität organisiert werden sollen.
Solidarität unter ethnischem Vorbehalt
In seinem programmatischen Text von 2020 erklärt Kaiser „relative ethnische Homogenität“ zu einer Konstante seines solidarischen Patriotismus. Er behauptet einen dauerhaften Widerspruch zwischen umfangreicher Einwanderung und Sozialstaat. Gesellschaftliche Vielfalt verbindet er mit wachsender Unsicherheit und dem Verlust sozialer Bindung. Damit werden Verteilungsfragen ethnisiert: Wer Unterstützung verdient und zum solidarischen Gemeinwesen gehört, wird entlang einer völkischen Vorstellung von Zusammengehörigkeit verhandelt.
Das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschungsprojekt Re-DiSS der Universität Siegen arbeitet den Kern dieser Begriffsaneignung heraus: Die entworfene Solidarität bleibt weitgehend auf ein ethnisch bestimmtes Volk begrenzt. Armut und soziale Unsicherheit werden aufgegriffen, während die gemeinsame Interessenlage von Beschäftigten unterschiedlicher Herkunft zurücktritt. Armin Pfahl-Traughber kritisiert bei Endstation Rechts zudem die Unbestimmtheit von Kaisers ethnischen Abgrenzungen und das Fehlen eines ausgearbeiteten wirtschaftspolitischen Alternativprogramms. Das soziale Versprechen gewinnt seine rechte Kontur durch die Festlegung, wer zum Kollektiv gehören soll. Gerade darin liegt sein ausgrenzender Gehalt.
Das rechte Netzwerk soll Radikalisierung sichern
Mit dem Konzept der „Mosaik-Rechten“ entwirft Kaiser eine Arbeitsteilung zwischen Partei, Publizistik und außerparlamentarischem Aktivismus. Der Politikwissenschaftler Markus Linden analysiert diese Strategie als machtpolitisches Instrument: Unterschiedliche rechte Milieus sollen gemeinsame Wirkung entfalten, ohne ihre organisatorische Eigenständigkeit aufzugeben. Die AfD gewinnt parlamentarische Zugänge; das Umfeld verschiebt Debatten, liefert Personal und hält ideologischen Druck auf die Partei aufrecht.
Nach Lindens Analyse soll diese Verbindung gerade verhindern, dass parlamentarische Einbindung die AfD mäßigt. Die Eigenständigkeit des Umfelds wird zur Absicherung ihrer Radikalität. Auch Akteur:innen außerhalb des engeren Milieus können zeitweise nützlich sein, wenn sie rechte Begriffe in weitere gesellschaftliche Kreise tragen. Politische Anschlussfähigkeit bedeutet in diesem Modell, den Einflussbereich zu erweitern und dabei am antiliberalen Ziel festzuhalten. Die Vielfalt der beteiligten Organisationen dient einer gemeinsamen Machtstrategie gegen die offene Gesellschaft.
Der Bundestag finanziert den Zugang zur Macht
Im Juni 2025 berichtete Annika Leister nach Gesprächen mit Kaiser und Teske, dass Kaiser seit April als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Teskes Bundestagsbüro beschäftigt war. Zuvor hatte er für den AfD-Abgeordneten Jürgen Pohl gearbeitet. Teske begründete die Übernahme mit ihrer langjährigen Bekanntschaft und Kaisers Expertise. Der frühere Bremer Jugendfunktionär verschaffte dem Publizisten damit eine bezahlte Position im parlamentarischen Betrieb. Die Verbindung von Partei und außerparlamentarischer Ideologie erhielt eine materielle Grundlage.
Aus einer solchen Stelle folgt nicht automatisch, dass sämtliche Forderungen Kaisers zu parlamentarischen Initiativen werden. Ihre politische Bedeutung liegt bereits im institutionellen Zugang: Ein Autor, der ethnische Homogenität propagiert und die Zusammenarbeit der extremen Rechten strategisch ausarbeitet, wird als fachliche Ressource in ein Abgeordnetenbüro aufgenommen. Für Bremen führt die Spur von der Veranstaltung im Landesparlament zur späteren Zusammenarbeit mit Teske. Kaisers soziale Rhetorik macht das völkische Projekt anschlussfähiger. Seine Vernetzung mit der AfD verschafft ihm die Räume und Ressourcen, um daran weiterzuarbeiten.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Wissenschaftliche und antifaschistische Einordnungen, journalistische Originalberichte und Kaisers eigener programmatischer Text.
Re-DiSS · Universität Siegen · Überarbeitung 19. Februar 2024
Solidarität als rechte Aneignung: Analyse des solidarischen Patriotismus
Armin Pfahl-Traughber · Endstation Rechts · 16. September 2020
Markus Linden · Blätter für deutsche und internationale Politik · Juni 2024
Der Aufstieg der Mosaik-Rechten: Strategie gegen die liberale Demokratie
Volkmar Wölk im Interview mit Sebastian Heidelberger · taz · 27. Oktober 2018
Militante Strukturen: Kaisers Herkunft aus der extremen Rechten
Gareth Joswig · taz · 26. Oktober 2018
Rechte Türpolitik: Kaiser auf dem AfD-Podium in der Bremischen Bürgerschaft
Annika Leister · t-online · 7. Juni 2025
Rechtsextremer Personalwechsel: Kaiser als Mitarbeiter Robert Teskes
Benedikt Kaiser · Eigener programmatischer Text · 1. August 2020
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