Wer der Rechten die Türen öffnet: Immobilien als politische Machtressource
Recherche und Analyse · Redaktioneller Stand: 2026
Ein vermieteter Saal ermöglicht die Aufstellung einer Wahlliste. Ein eigenes Haus erleichtert den Aufbau eines Abgeordnetenbüros. Ein Bunker bietet politischen und subkulturellen Netzwerken einen Treffpunkt. In Bremen und Bremerhaven lässt sich zeigen, wie Raumgeber rechte Organisierung ermöglichen – und wie aus der Verfügung über Immobilien politischer Einfluss entsteht. Zur Verantwortung gehören die Entscheidungen der Eigentümer:innen, Verwalter:innen und Veranstaltungsbetriebe.
Bremerhaven: Die AfD bekommt den Saal, die Presse bleibt draußen
Am 22. August 2026 versammelte sich die AfD in Räumen des Havenhostels, um ihre Liste für den Wahlbereich Bremerhaven zur Bürgerschaftswahl 2027 aufzustellen. Rund 400 Menschen demonstrierten vor dem Veranstaltungsort. Die Partei schloss die Presse aus. Damit erhielt sie einen Raum für eine zentrale Wahlvorbereitung und konnte zugleich die journalistische Beobachtung im Saal unterbinden. Der AfD-Landesvorsitzende Sergej Minich verteidigte den Ausschluss mit einer behaupteten Gefährdungslage und der Gleichbehandlung aller Medien. Den Protest bezeichnete er als „zutiefst undemokratisch“. [1]
Geschäftsführer Jens Grotelüschen, früher FDP-Fraktionsvorsitzender in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung, hatte die Vermietung bereits zuvor als Ausdruck demokratischer Offenheit dargestellt. Gegenüber buten un binnen trennte er Politik und Wirtschaft voneinander. SPD, Grüne und Linke kritisierten die Entscheidung; auch die örtliche FDP distanzierte sich. CDU-Fraktionschef Thorsten Raschen hielt sich mit Kritik zurück und verwies darauf, dass die AfD Versammlungen abhalten dürfe. Bündnis Deutschland argumentierte mit der Pflicht zu Aufstellungsversammlungen. [2]
Diese Rechtfertigung blendet die konkrete unternehmerische Entscheidung aus. Der vermietete Raum verschaffte der AfD die praktische Möglichkeit, ihre Kandidat:innenaufstellung durchzuführen. Wer das als gewöhnliches Kundengeschäft behandelt, macht den politischen Nutzen der Dienstleistung unsichtbar. Die Partei erhält Arbeitsbedingungen; der Betrieb trägt dafür politische Verantwortung. Die beschworene Offenheit endete an diesem Tag ausgerechnet dort, wo unabhängige Berichterstattung beginnen sollte. [1], [2]
Räume machen aus Zustimmung eine organisierte Struktur
Das Kulturbüro Sachsen beschreibt in seiner Handreichung „Das ist unser Haus“ die Bedeutung solcher Zugänge: Immobilien ermöglichen Treffen, organisatorischen Aufbau, Schulungen und Absprachen. Konzerte und andere Freizeitangebote stärken die Bindung an die Szene; Veranstaltungen können zugleich Einnahmen erschließen. Die Fachstelle gewinnt diese Analyse aus langjähriger Mobiler Beratung. Auf Bremen übertragen lenkt sie den Blick auf eine konkrete Frage: Wer schafft die Bedingungen, unter denen aus einzelnen Anhänger:innen eine dauerhaft arbeitsfähige politische Struktur wird? [3]
Dabei erfüllt ein angemieteter Konferenzraum eine andere Funktion als eine dauerhaft verfügbare Immobilie. Die kurzfristige Miete ermöglicht einen bestimmten Termin. Eigentum oder langfristiger Zugang erleichtern wiederkehrende Treffen und verlässliche Planung. Eine Partei, deren eigene Funktionär:innen Räume besitzen oder verwalten, kann diese Beziehungen für ihren organisatorischen Aufbau einsetzen. Die Geschichte der Bremer AfD liefert dafür anschauliche Beispiele.
Der Waller Bunker: Ein Raumgeber hält der AfD die Tür offen
Am Bunker in der Grenzstraße 108 treffen mehrere dieser Ebenen zusammen. Die Fachjournalistin Andrea Röpke berichtete 2016 über ein Treffen von 27 Motorradgruppen in einem von Gerald Höns bereitgestellten Bunker. Ihr Bericht beschrieb zugleich dessen Kontakte zu den Hells Angels und frühere Raumangebote an den Club. Höns war damals AfD-Beiratsmitglied in Walle. Seine politische Funktion und seine Verfügung über Veranstaltungsräume lagen damit in einer Hand. [4]
Unter dem Namen „Bunker F76 Bremen“ wurden an der Grenzstraße auch später Partys beworben. Unsere Recherche zur rechten Rockerszene dokumentiert unter anderem eine für März 2025 ausgewiesene Jubiläumsfeier und Veröffentlichungen zu Besuchen aus dem Motorradmilieu. In der dort ausgewerteten E-Mail vom 10. September 2026 erklärte Höns gegenüber unserer Redaktion außerdem, der AfD weiterhin Räume zur Verfügung stellen zu wollen. Hier ist die politische Unterstützung ausdrücklich ausgesprochen: Der Raumgeber will den Zugang für die Partei sichern. [5]
Wenige Tage zuvor hatten sich Antifaschist:innen vor dem Bunker versammelt. Anlass waren Hinweise auf eine dort für den 6. September vorgesehene AfD-Wahlfeier. Unser Bericht über den Protest dokumentiert diese Auseinandersetzung. Höns war bereits 2022 von der AfD zu Bürger in Wut gewechselt. Seine später erklärte Bereitschaft zur Raumüberlassung zeigt, wie politische Unterstützung über einen Parteiwechsel hinweg fortbestehen kann. Die Immobilie bleibt als Ressource verfügbar, weil derjenige, der über sie verfügt, die Verbindung aufrechterhält. [6], [5]
Eigene Treffpunkte ermöglichen, alternative Kultur angreifen
Zu Gerald Höns’ politischer Bilanz gehört zugleich sein Vorgehen gegen den Kulturverein Zuckerwerk. Dieser verhandelte über den Erwerb eines anderen Bunkers, an der Hans-Böckler-Straße. Höns rückte den Verein in einem Beiratsantrag und weiteren Äußerungen in die Nähe von Straftaten und Brandstiftungen. Das Landgericht Bremen gab 2019 der Unterlassungsklage des Vereins statt. Die taz berichtete, Höns habe die beanstandeten Zuschreibungen nach einer Abmahnung wiederholt; das Gericht bewertete sein Verhalten als rechtswidrig. [7]
Der Angriff traf das Zuckerwerk während seiner Verhandlungen über einen dauerhaften Kulturort. Die Unterstellung krimineller Zusammenhänge konnte seine Verhandlungsposition beschädigen und die öffentliche Unterstützung untergraben. Darin liegt die politische Schärfe dieses Falls: Ein Raumgeber mit Verbindungen ins rechte und Rockermilieu nutzte seine kommunalpolitische Stellung, um die Raumsuche eines alternativen Kulturvereins mit Kriminalitätsverdacht zu belasten. Wer solche Konflikte als gewöhnlichen Streit über Gebäudenutzung behandelt, verkennt den Kampf darum, welche gesellschaftlichen Kräfte sich dauerhaft vor Ort organisieren können. [7]
Falkenstraße: Eine Parteizentrale hinter der Sozialberatungsfassade
2017 entstand in der Falkenstraße eine neue Geschäftsstelle der Bremer AfD. Nach unserer damaligen Veröffentlichung recherchierte auch die taz. Landeschef Frank Magnitz stellte den Standort öffentlich als Raum für gelegentliche Treffen dar und verwies auf einen angeblichen Sozialberatungsverein als Hauptmieter. Interne E-Mails zeichneten ein anderes Bild: Magnitz verkündete den Parteimitgliedern eine neue Landesgeschäftsstelle, nannte den Beginn des Mietvertrags und kündigte an, aus Sicherheitsgründen auf äußere AfD-Kennzeichnungen zu verzichten. Die Partei organisierte ihren Standort und kontrollierte zugleich, was die Nachbarschaft darüber erfahren sollte. [8]
Magnitz war selbst Hausverwalter der Immobilie. Die Verbindung zwischen Immobilienwirtschaft und Parteifunktion wurde dadurch unmittelbar wirksam. Das Büro lag neben einem Geschäft für afrikanische Waren; wenige Häuser weiter befanden sich die Räume einer Moschee. Anwohner:innen organisierten mehrsprachige Informationen und Protest. In der taz schilderten sie ihre Sorge um das Zusammenleben in einer vielfältigen Straße. Der Konflikt betraf damit auch die Menschen und Einrichtungen, gegen deren gesellschaftliche Zugehörigkeit sich rechte Agitation richtet. [9]
Magnitz’ Immobilienkontakte wurden zur Parteiinfrastruktur
2018 rückte die Helgolander Straße in Walle in den Blick. Dort sollte ein Regionalbüro des Bundestagsabgeordneten Magnitz entstehen. Das Haus gehörte ihm. Die taz berichtete über die regelmäßige Anwesenheit von Jonas Schick und Robert Teske am Standort; unsere Recherche „Unter identitärer Leitung“ dokumentierte die personellen Verbindungen. Eigenes Immobilieneigentum eröffnete hier einen Arbeitsort für das Umfeld des Mandatsträgers. Der erste Beitrag dieser Reihe, „Bezahlte Netzwerke“, verfolgt die späteren parlamentarischen Laufbahnen dieser Akteure. [10]
Im Februar 2019 dokumentierten wir mit „Nicht noch ein AfD-Büro“ einen weiteren Standort: das damalige Büro des Kreisverbands Bremerhaven an der Straße An der Mühle in Geestemünde. Es befand sich nach unserer Recherche in einem von Magnitz verwalteten Mehrfamilienhaus. Zusammengenommen zeigen die historischen Standorte, wie Immobilienbesitz, Hausverwaltung und Parteifunktion einander ergänzten. Wer beruflich über Zugänge und Nutzungsmöglichkeiten verfügte, konnte daraus organisatorische Vorteile für die Partei schaffen. Die Bedeutung dieser Verflechtung liegt in den praktisch eröffneten Handlungsmöglichkeiten. [11]
Die Partei beansprucht Räume – und erklärt den Protest zum Feind
Die Öffentlichkeit reagierte auf diese Infrastruktur. Im Juni 2018 berichtete die taz, dass beim Waller Stadtteilfest an einem Nachmittag mehr als 2.000 Menschen gegen das geplante AfD-Büro unterschrieben hatten. Magnitz griff die Gegnerschaft in einem Flugblatt mit Begriffen wie „linksfaschistische Demokratiefeinde“ an. Er brachte die Aktionen in Verbindung mit der Vorbereitung eines Anschlags. Nachbarschaftlicher Widerspruch wurde so mit einer Bedrohungserzählung überzogen. Die taz berichtete zugleich über die damalige baurechtliche Auskunft: Für regelmäßige Veranstaltungen einer Organisation war in dem als Wohnhaus genehmigten Gebäude eine Nutzungsänderung erforderlich. [12]
Der Konflikt um einen rechten Standort hat damit zwei Ebenen: die tatsächliche Nutzung des Gebäudes und den politischen Umgang mit seiner Umgebung. Eigentümer:innen und Nutzer:innen schaffen einen organisatorischen Stützpunkt; Nachbar:innen machen dessen Bedeutung öffentlich. Die Abwertung des Protests soll diese öffentliche Auseinandersetzung delegitimieren. In Bremerhaven zeigte sich 2026 erneut dieser Anspruch: Die AfD organisierte ihre Wahlvorbereitung im gemieteten Saal und erklärte den Protest davor für undemokratisch. Kritik an ihrer Infrastruktur behandelte sie als Angriff auf die Demokratie. [12], [1]
Verlässliche Orte verschaffen der Rechten politischen Rückhalt
Die Amadeu Antonio Stiftung und das Kulturbüro Sachsen arbeiten heraus, dass rechte Immobilien wirtschaftliche, strategische und ideologische Funktionen verbinden können. Ihre Untersuchung aus Sachsen beschreibt Orte für Vernetzung und Rekrutierung ebenso wie Räume, in denen politische Angebote alltäglich werden. Sie betont außerdem, dass öffentliche Aufmerksamkeit die ungestörte Etablierung solcher Strukturen erschwert. Dieser fachliche Befund hilft, auch in Bremen die Bedeutung wiederkehrender Treffpunkte und unterstützender Geschäftsbeziehungen zu verstehen. [13]
Die hier untersuchten Fälle zeigen unterschiedliche Formen dieser Ermöglichung: Höns erklärt seine Bereitschaft, der AfD Räume zu geben. Magnitz verband Parteiarbeit mit eigenem Besitz und Hausverwaltung. Die Vermietung im Havenhostel ermöglichte eine konkrete Wahlversammlung. Politisch entscheidend ist jeweils die geschaffene Möglichkeit zur Organisation. Ein Mietvertrag kann der extremen Rechten genau den Raum verschaffen, den sie für ihren nächsten Schritt benötigt. Ein dauerhaft verfügbarer Standort erleichtert es, solche Schritte zu wiederholen.
Wer Türen öffnet, trägt Verantwortung
Gegen die Bremerhavener Wahlversammlung mobilisierten das Aktionsbündnis gegen Rechts und die Omas gegen Rechts; die GEW veröffentlichte den Aufruf. Dieser stellte Menschenwürde, die Rechte Zugewanderter und Geflüchteter sowie den Schutz einer offenen Gesellschaft ins Zentrum. Damit benannte der Protest, was bei der Debatte über Vermietungen auf dem Spiel steht: die gesellschaftlichen Folgen einer Politik der Ausgrenzung und die materiellen Bedingungen ihres Aufstiegs. [14]
Der Schwerpunkt Rechte Räume, Finanzierung und Infrastruktur richtet den Blick deshalb auch auf diejenigen, die rechte Organisierung praktisch ermöglichen. Ein Eigentümer, der gezielt Zugang schafft, ein Funktionär, der seine Immobilienkontakte einsetzt, und ein Betrieb, der einen politischen Parteitag beherbergt, treffen wirksame Entscheidungen. Ihre Verantwortung beginnt mit der Bereitstellung dieser Ressourcen. Wer der extremen Rechten die Tür öffnet, stärkt ihre Fähigkeit, sich zu organisieren, Einfluss zu gewinnen und ihre menschenfeindliche Politik durchzusetzen.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Die Recherche verbindet journalistische Originalberichte, zivilgesellschaftliche Fachanalysen und eigene veröffentlichte Dokumentationen. Historische Standorte und aktuelle Vorgänge sind jeweils zeitlich zugeordnet. Die Fachpublikationen aus Sachsen dienen der Analyse der politischen Funktion von Räumen; die Bremer und Bremerhavener Fälle werden durch die jeweiligen Ortsrecherchen belegt.
Rund 400 Menschen in Bremerhaven bei Demo gegen AfD-Listenparteitag
Bericht über Wahlversammlung, Protest und Presse-Ausschluss sowie Minichs öffentliche Begründung.
Räume für Bremerhavener AfD: Vermieter wehrt sich gegen Kritik
Dokumentiert Grotelüschens Vermietungsentscheidung und die Reaktionen der örtlichen Parteien.
Das ist unser Haus. Handreichung zum Umgang mit Immobiliennutzungen durch die extreme Rechte
Analyse der organisatorischen Bedeutung rechter Treffpunkte und Veranstaltungsorte aus der Mobilen Beratung, insbesondere Seiten 6–7.
Fachjournalistischer Bericht über rechte Rockerkontakte, Höns’ Raumangebote und das Treffen von Motorradgruppen.
Rechte Rockerszene in Bremen: Kutten, Kontakte und politische Macht
Dokumentation zu F76 und zur erklärten Bereitschaft Höns’, der AfD weiterhin Räume zur Verfügung zu stellen; Korrespondenz vom 10. September 2026.
Nichts zu feiern: Antifaschistischer Protest vor dem Bunker in Walle
Bericht über den Protest anlässlich von Hinweisen auf eine vorgesehene AfD-Wahlfeier und den politischen Hintergrund des Raumgebers.
Kulturverein in Bremen verleumdet: AfD verliert gegen Zuckerwerk
Gerichtsbericht über die erfolgreiche Unterlassungsklage und den Konflikt um den Bunkerkauf des Kulturvereins.
Die Lügen der AfD: Man bleibt lieber unter sich
Auswertung interner AfD-E-Mails zur Geschäftsstelle in der Falkenstraße und zu deren Außendarstellung.
Tür an Tür mit der AfD: Mit den Nachbarn klappt es nicht
Bericht über Magnitz’ Hausverwaltung, die Nachbarschaft und den entstehenden Protest in der Falkenstraße.
Identitären-Kader als AfD-Mitarbeiter: Das rechtsextreme Regionalbüro
Recherche zum Standort in Walle, Magnitz’ Eigentum und den dort dokumentierten personellen Verbindungen.
Dokumentation des damaligen Kreisverbandsbüros in Geestemünde und der Verbindung zu Magnitz’ Hausverwaltung.
Protest gegen AfD-Büro in Bremen: Linker Terror in Walle
Bericht über die Unterschriftensammlung, Magnitz’ Reaktion und den damaligen baurechtlichen Nutzungskonflikt.
„Sachsen Rechtsunten“: Öffentlichkeit schaffen gegen die rechtsextreme Landnahme
Einordnung des Kulturbüros Sachsen zur strategischen, wirtschaftlichen und ideologischen Bedeutung rechter Immobilien.
Zivilgesellschaftlicher Aufruf zur Menschenkette gegen die AfD-Wahlversammlung mit den politischen Anliegen des Protests.
