Außer Kontrolle: Bedrohungen und Messer beim „Querdenken“-Aufmarsch in Findorff
Ein als „Spaziergang“ beworbener Aufmarsch brachte am 19. Dezember 2021 rund 100 Menschen aus dem Bremer Corona-Protestmilieu nach Findorff. Gegendemonstrant:innen berichteten über Bedrohungen mit einem Cuttermesser, Pfefferspray und eine an der Hand verletzte Antifaschistin. Die Polizei bestätigte am Folgetag Messerfunde bei zwei Männern und Strafanzeigen; den berichteten Einsatz gegen Menschen konnte sie damals nicht bestätigen.
Rechte Mobilisierung unter dem Spaziergangslabel

Der Aufruf zum „Spaziergang“ mobilisierte nach unserer damaligen Vor-Ort-Recherche ein bereits von den Kundgebungen von „Querdenken 421“ bekanntes Umfeld. Wir dokumentierten Beteiligte aus dem Umfeld von „Die Basis“, Reichsbürger- und QAnon-Bezüge sowie AfD-Unterstützer:innen. Antifaschist:innen stellten sich dieser Mobilisierung mit Gegenprotest entgegen.
Die Verbindungen zwischen diesen Milieus waren in Bremen schon zuvor Gegenstand antifaschistischer Recherche. antifa-bremen.org beschrieb im April 2021 einen festen Organisationskreis, die Mobilisierung über Chatgruppen und Anknüpfungspunkte an Reichsbürger-Ideologie. Der Protest gegen die Corona-Maßnahmen bot unterschiedlichen rechten und verschwörungsideologischen Strömungen eine gemeinsame Öffentlichkeit. [3]
Durch Wohnstraßen und zurück zum Markt
Nach unserer Beobachtung gelang es ungefähr 100 Teilnehmer:innen zunächst, vom Findorffmarkt in umliegende Wohnstraßen zu ziehen. Polizeikräfte stoppten den Zug; später stand die Gruppe wieder im Bereich des Marktes. Wir berichteten über weitere Versuche, durch Seitenstraßen zu gehen, über eine polizeiliche Umringung und über massive Beleidigungen gegen Beamt:innen und antifaschistische Gegendemonstrant:innen.
Die Polizei gab in ihrer Mitteilung vom 19. Dezember an, ihr seien gegen 15.15 Uhr etwa 100 Personen in der Herbststraße gemeldet worden. Nach erfolglosen Aufforderungen, eine Versammlungsleitung zu benennen, habe sie zum Verlassen des Bereichs aufgefordert. Die Menschen seien anschließend in Kleingruppen gegangen. Außerdem meldete sie Platzverweise und Anzeigen. [4]
Der Name „Spaziergang“ passte zu dem Versuch, eine organisierte politische Mobilisierung als unverfängliche Alltagsaktivität erscheinen zu lassen. Die dokumentierten Aufrufe, der gemeinsame Zug und die Auseinandersetzung mit dem Gegenprotest machten ihren politischen Charakter sichtbar.
Zeug:innen berichten von einem Messerangriff

Mehrere Augenzeug:innen berichteten uns damals, dass eine Gruppe aus dem „Querdenken“-Umfeld nahe der polizeilichen Umringung Antifaschist:innen mit einem Cuttermesser bedroht und Pfefferspray eingesetzt habe. Ein Mann soll eine Gegendemonstrantin mit dem Messer an der Hand verletzt haben. Diese Schilderung bildete die Grundlage unserer damaligen Berichterstattung über den Angriff.
Nach den uns vorliegenden Zeug:innenangaben zog sich die Gruppe anschließend in die polizeilich umringte Ansammlung zurück. Wir dokumentierten eine spätere Kontrolle und die Sicherstellung eines Messers. Die Aufnahme zeigt die Situation am Polizeifahrzeug. [2]
Die berichtete Bedrohung traf Menschen, die öffentlich gegen rechte und verschwörungsideologische Mobilisierung protestierten. Darin liegt ihre politische Bedeutung: Gewalt gegen den Gegenprotest kann Widerspruch einschüchtern und die Beteiligung an künftigen Protesten erschweren.
Messerfunde und der polizeiliche Nachtrag
Am 20. Dezember 2021 veröffentlichte die Polizei eine ergänzende Mitteilung. Sie verwies auf Berichte in sozialen Netzwerken über eine Auseinandersetzung mit Pfefferspray und einem Messer. Bei zwei Männern seien Messer sichergestellt und Strafanzeigen gefertigt worden. Einen Einsatz der Messer oder Verletzte habe sie bis dahin nicht feststellen können; sie bat mögliche Beteiligte, sich zu melden. [5]
Die beiden Quellenstände unterscheiden sich damit: Unsere Erstberichterstattung stützte den Angriffsvorwurf auf mehrere Zeug:innen. Die Polizei bestätigte am Folgetag die Messerfunde und Anzeigen und suchte zugleich weitere Angaben zum berichteten Geschehen. Für den historischen Bericht bleiben der konkrete Angriffsvorwurf und diese zeitlich zugeordnete behördliche Darstellung gemeinsam relevant.
Korrektur zur Erstfassung: Die damalige Formulierung, der kontrollierte Mann habe den Ort „ohne Konsequenzen“ verlassen, war zu weitgehend. Die Polizeimitteilung vom 20. Dezember dokumentiert Strafanzeigen im Zusammenhang mit den Messerfunden. [5]
Die Mobilisierung in Findorff setzte sich Anfang Januar fort. Beim Treffen am 2. Januar 2022 dokumentierten wir auch den damaligen AfD-Bürgerschaftsabgeordneten Heiner Löhmann. Die Szene blieb damit ein gemeinsamer Auftrittsort für verschwörungsideologische Straßenmobilisierung und Akteure der parlamentarischen Rechten.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Eigene Vor-Ort-Beobachtungen und damals gegenüber der Redaktion abgegebene Zeug:innenberichte bilden die Grundlage der Ereignisschilderung. Die Polizeimitteilungen vom 19. und 20. Dezember 2021 dokumentieren den jeweiligen behördlichen Erkenntnisstand.
Im ursprünglichen Beitrag verwendete Aufnahme des Protestschildes.
Polizeiliche Kontrolle und dokumentierte Messersicherstellung
Originalaufnahme mit der bereits damals enthaltenen Pfeilmarkierung. Dokumentiert die Kontrollsituation, nicht den geschilderten Angriff.
Recherche zu Organisation, Mobilisierung und ideologischen Verbindungen im Bremer Corona-Protestmilieu.
Erneut größerer Polizeieinsatz
Behördliche Erstmitteilung zu Teilnehmer:innenzahl, Ablauf und polizeilichen Maßnahmen.
Beteiligte einer möglichen Auseinandersetzung gesucht
Nachtrag: zwei Männer mit Messern, Sicherstellungen und Strafanzeigen. Die Polizei suchte weitere Angaben zum berichteten Einsatz gegen Menschen.

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