Auf Worte folgen Taten: Hetze und Mobilisierung im Bremer Corona-Protestmilieu

Erstveröffentlichung: 9. Dezember 2021

Holocaustrelativierung im Chat, rassistische Plakate auf der Straße und Vorschläge zur Störung des Parlaments: Unsere Dokumentation vom Dezember 2021 zeigt, welche Inhalte hinter unverfänglichen Gruppennamen wie „Ich wohne in Bremen“ verbreitet wurden. Telegram verband lokale Mobilisierung mit einem überregionalen Netzwerk. Die damals bereits bekannten Gewalttaten und Morddrohungen machten deutlich, wie ernst die Feindbilder der Szene zu nehmen waren.

Rassistische Inszenierung in Bremerhaven

Menschen vor einem Plakat mit der rassistischen Aufschrift Whites only, Slegs blankes, Nur für Weisse.
Bei der Kundgebung der „Corona-Rebellen“ am 1. Dezember 2021 in Bremerhaven hing dieses rassistische Plakat. Foto: © Recherche Nord, CC BY-NC 4.0. [1]

Am 1. Dezember 2021 dokumentierte Recherche Nord eine Kundgebung der „Corona-Rebellen Bremerhaven“ in einem Seitenhof an der Lessingstraße. Zum Veranstaltungsumfeld gehörten rassistische Plakate und Gleichsetzungen der Corona-Maßnahmen mit der nationalsozialistischen Verfolgung. Auch eine Gruppe aus Bremen nahm teil. Recherche Nord berichtete über polizeiliche Anzeigen wegen des Verdachts der Volksverhetzung. [1]

Die Bildsprache gab den politischen Gehalt des Protests zu erkennen: Mit historischen Zeichen rassistischer Ausgrenzung und nationalsozialistischer Verfolgung wurde eine eigene Opferrolle inszeniert. Wer pandemiebedingte Einschränkungen in diese Tradition stellt, verharmlost die tatsächliche Entrechtung und Verfolgung der damaligen Opfer.

Wer die Telegram-Gruppen verband

Unsere erhaltenen Screenshots zeigen „Frank der Reisende“ als Administrator der Gruppe „Ich wohne in Bremen“ und der überregionalen Gruppe „Ich bin in Deutschland“. Damit ist eine konkrete personelle Verbindung zwischen dem lokalen Chat und einem größeren Telegram-Netz dokumentiert. [2]

Hinter dem Namen steht Frank Schreibmüller. Eine gemeinsame Recherche von t-online und dem ARD-Magazin „Kontraste“ beschrieb im April 2021 seine Arbeit am Aufbau solcher Netzwerke und seine Verbindungen in das Reichsbürger-Milieu. Schreibmüller erklärte den Reporter:innen, er habe auch „Querdenken“-Gründer Michael Ballweg den Umgang mit Telegram vermittelt. [4]

Der an dieser Recherche beteiligte Datenanalyst „Datenliebe“ erläuterte bei Volksverpetzer, Schreibmüllers Spuren in mehr als 70 Gruppen gefunden zu haben, häufig als Administrator oder Gründer. Die oft wiederholte Zahl von 4.000 betreuten „Projekten“ war dagegen Schreibmüllers eigene Angabe. [3]

Politisch bedeutsam war die gemeinsame Infrastruktur: Ein lokaler Gruppenname erleichterte den Einstieg; dieselben Administratoren verbanden solche Räume mit überregionalen Kanälen. So konnten Inhalte und Mobilisierungen über Stadtgrenzen hinweg zirkulieren.

Opferinszenierung und verdeckte Mobilisierung

In „Ich wohne in Bremen“ wurde ausdrücklich geraten, Flaggen und QAnon-Bezüge bei öffentlichen Auftritten wegzulassen, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Ein anderer Beitrag bot an, den Link zu einer noch wenig bekannten Bremer Untergruppe privat zu verschicken; dort werde bereits über Aktionen nachgedacht. Die Screenshots zeigen eine Diskussion über Außendarstellung und weniger sichtbare Vernetzung. [5]

Die dokumentierten Inhalte standen zum harmlosen Gruppennamen in scharfem Gegensatz. Eine Nutzerin mit einem gelben Stern und der Aufschrift „Ungeimpft“ als Profilbild kündigte an, einen Stern mit „Gesunde unerwünscht“ beim „Spaziergang“ zu tragen. Eine Bildmontage setzte Karl Lauterbach in die Rolle Joseph Goebbels’. Ein weiterer Beitrag stellte die Frauenrechtsbewegung als gesteuertes Projekt zur Kontrolle von Familien dar. [6]

Diese Motive erfüllen unterschiedliche, miteinander vereinbare Funktionen: Die Sternsymbolik eignet sich die Verfolgung jüdischer Menschen für die eigene Selbstdarstellung an. Die Goebbels-Montage setzt demokratische Gesundheitspolitik mit NS-Propaganda gleich. Die Erzählung über Frauenrechte macht gesellschaftliche Emanzipation zum angeblichen Werk verborgener Drahtzieher. Zusammen erzeugen sie ein Weltbild, in dem politische Gegner:innen als Teil einer umfassenden Bedrohung erscheinen.

Störungspläne, Morddrohungen und Gewalt

Ein weiterer Screenshot stammt aus der Gruppe „GemEINSam stark – Bremen und …“. Darin schlug ein Nutzer vor, parlamentarische Abläufe oder Liveübertragungen durch Lautsprechergeräusche zu stören. Der erhaltene Beitrag dokumentiert einen Handlungsvorschlag; eine Umsetzung geht daraus nicht hervor. [7]

Wie weit die Radikalisierung andernorts bereits reichte, zeigte die am 7. Dezember 2021 ausgestrahlte ZDF-Recherche zur Gruppe „Dresden Offlinevernetzung“. Mitglieder sprachen über die Ermordung des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer und über Waffen. Die Leipziger Zeitung berichtete am Folgetag über die daraufhin eingeleiteten Ermittlungen. [8]

Tödliche Gewalt war zu diesem Zeitpunkt längst Realität: Am 18. September 2021 erschoss Mario N. den 20-jährigen Tankstellenmitarbeiter Alexander W. in Idar-Oberstein nach einem Streit um die Maskenpflicht. Spätere Entwicklung: Das Landgericht Bad Kreuznach verurteilte ihn am 13. September 2022 zu lebenslanger Haft. Nach dem taz-Gerichtsbericht sah das Gericht in dem Opfer für den Täter einen Stellvertreter der abgelehnten staatlichen Schutzmaßnahmen. [9]

Diese Fälle bilden den bundesweiten Kontext der Bremer Dokumentation. Sie zeigen die Gefahr einer Ideologie, die konkrete Menschen zu Stellvertreter:innen eines vermeintlich allmächtigen Feindes macht. Für Bremen belegen die erhaltenen Beiträge die Verbreitung solcher Feindbilder und den Übergang von Empörung zu konkreten Aktionsvorschlägen.

Die damaligen Aufrufe im Bremer Raum

Unsere Erstfassung vom 9. Dezember 2021 hielt mehrere damals verbreitete Ankündigungen fest. Sie zeigen die zeitliche Verdichtung der Mobilisierung; die folgende Liste dokumentiert Aufrufe, nicht den tatsächlichen Verlauf der Veranstaltungen:

  • 10. Dezember 2021: „Corona-Rebellen“, 18 Uhr, Waldemar-Becke-Platz in Bremerhaven.
  • 11. Dezember 2021: „Ich wohne in Bremen“, 14 Uhr, Kunsthalle Bremen.
  • 12. Dezember 2021: „Spaziergang“, 14 Uhr, Torfhafen an Eickedorfer Straße/Findorffallee.
  • 13. Dezember 2021: „Freie Bremer Bürger“, 18 Uhr, Martinianleger.

Die Verbindung von Chatgruppen, wechselnden Protestnamen und wiederkehrenden Treffpunkten machte eine Szene mobilisierungsfähig, in der Holocaustrelativierung und demokratiefeindliche Vorstellungen verbreitet wurden. Den späteren Aufmarsch in Findorff und die dort berichteten Bedrohungen dokumentiert unser Beitrag „Außer Kontrolle“ vom 19. Dezember 2021.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Grundlage sind unsere im Dezember 2021 gesicherten Screenshots und die damalige Berichterstattung. Überregionale Fälle und spätere Entwicklungen sind zeitlich zugeordnet. Alle ursprünglich verlinkten Telegram-Bildbelege bleiben unten zugänglich.

9 · taz · Christoph Schmidt-Lunau · 13.09.2022

Lebenslang für Tankstellenmord

Gerichtsbericht aus Bad Kreuznach zur Tat in Idar-Oberstein und zur Urteilsbegründung.