Gefährliche Lügen: Hetze gegen Bremens Kinder-Impfzentrum

Erstveröffentlichung:

Im Januar 2022 verbreitete das Bremer Corona-Protestmilieu ein Video, das das Kinder-Impfzentrum an der Sögestraße als „Tötungszentrum“ diffamierte. Eine Aktivistin unterstellte den Verantwortlichen, Kinder absichtlich zu töten. Der Fall zeigt, wie medizinische Desinformation und die Beschwörung einer angeblichen Rettungsmission Beschäftigte und Hilfsorganisationen zu Feindbildern machen.

Ein Impfzentrum wird zum angeblichen Tatort erklärt

Glasfassade des Kinder-Impfzentrums mit den Schriftzügen „Freie Hansestadt Bremen“ und „Ausgang“. Auf den Scheiben sind außerdem die teilweise verdeckte Beschriftung des Kinder-Impfzentrums, ein rotes Einfahrtsverbotssymbol und das Johanniter-Logo zu sehen.
Das Kinder-Impfzentrum an der Sögestraße im Januar 2022. Die Einrichtung wurde in einem im Corona-Protestmilieu verbreiteten Video zum Schauplatz angeblicher Kindstötungen erklärt. Bild: AfD Watch Bremen.

Nach unserer damaligen Dokumentation entstand die Aufnahme am 17. Januar 2022. Am folgenden Tag wurde sie im Telegram-Kanal „Freie Bremer (FB)“ verbreitet. Die filmende Frau zeigte das Kinder-Impfzentrum an der Ecke Sögestraße/Am Wall und benannte die beteiligten Hilfsorganisationen Johanniter und Arbeiter-Samariter-Bund. Unsere Originalaufnahme dokumentiert die damals öffentlich erkennbare Einrichtung. [1]

Die im Januar 2022 von uns wiedergegebenen Aussagen lassen die Stoßrichtung erkennen. Die Frau bezeichnete das Zentrum als „Tötungszentrum“ und sprach von „schwerste[r] Körperverletzung mit dem Ziel einer Herbeiführung des Todes“. Sie behauptete außerdem eine „Sterilisation“ und erklärte, dort geschehe „das größte Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Zum Schluss warb sie für eine stärkere Beteiligung an den folgenden Protesten in der Innenstadt.

Die Verbindung aus Ortsaufnahme, Benennung der Organisationen und Mordvorwurf gab der Verschwörungserzählung eine konkrete Adresse. Menschen, die dort medizinische Versorgung leisteten, erschienen in dieser Darstellung als Beteiligte eines vorsätzlichen Verbrechens. Der anschließende Mobilisierungsaufruf übersetzte die behauptete Katastrophe unmittelbar in politische Aktion.

Was die Einrichtung tatsächlich anbot

Für die Sögestraße war ab dem 14. Dezember 2021 ein Impfangebot für Fünf- bis Elfjährige vorgesehen. BremenNews berichtete über die Umwandlung der bisherigen Impfstelle Bremen-Mitte in ein Kinder-Impfzentrum, betrieben von Johanniter-Unfall-Hilfe und Arbeiter-Samariter-Bund. Das Angebot umfasste kinderärztliche Beratung, einen altersgerecht dosierten Impfstoff und die Einwilligung der Sorgeberechtigten. [2]

Die damalige Ankündigung griff auch die unterschiedliche Situation der Familien auf: Für chronisch kranke Kinder und Familien mit besonders gefährdeten Angehörigen konnte der Zugang zur Impfung besonders relevant sein. Andere Eltern wollten zunächst die Empfehlung der Ständigen Impfkommission abwarten. Solche Abwägungen gehörten zur medizinischen Beratung. Die im Video erhobene Mordanklage verwandelte diese Versorgung in ein vermeintliches Verbrechen.

Was im Januar 2022 medizinisch galt

Die Ende 2021 veröffentlichte STIKO-Empfehlung unterschied nach Risiken. Sie empfahl die Impfung für Fünf- bis Elfjährige mit bestimmten Vorerkrankungen sowie für Kinder mit besonders gefährdeten Kontaktpersonen, die durch eine eigene Impfung keinen ausreichenden Schutz erreichen konnten. Auch Kinder ohne Vorerkrankung konnten auf individuellen Wunsch nach ärztlicher Aufklärung geimpft werden. Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen erläuterte diese Abstufung am 21. Dezember 2021. [3]

Bereits im November 2021 war im New England Journal of Medicine die Studie von Emmanuel B. Walter und Kolleg:innen erschienen. Im randomisierten Studienabschnitt erhielten 1.517 Kinder den Impfstoff und 751 ein Placebo. Die Untersuchung zeigte eine Schutzwirkung gegen symptomatische COVID-19-Erkrankungen unter den damaligen Studienbedingungen. Schwerwiegende, der Impfung zugeschriebene unerwünschte Ereignisse wurden in dieser Untersuchung nicht beobachtet. Die mediane Nachbeobachtung betrug zum Auswertungszeitpunkt 2,3 Monate. [4]

Diese Daten stützten die damalige Bewertung des Impfstoffs. Zugleich begrenzten Teilnehmerzahl und Beobachtungsdauer die Aussagekraft zu sehr seltenen oder erst später erkennbaren Risiken. Die von BioNTech und Pfizer finanzierte Studie war ein Baustein der medizinischen Nutzen-Risiko-Abwägung. Die Behauptung einer beabsichtigten Tötung von Kindern hatte damit keine medizinische Grundlage.

Der Mythos von der „Sterilisation“

Auch die Unfruchtbarkeitsbehauptung gehörte bereits vor dem Bremer Video zur Impfdesinformation. In einer gemeinsamen Stellungnahme erklärten gynäkologische und reproduktionsmedizinische Fachgesellschaften im Februar 2021, dass ihnen keine Hinweise auf eine Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit durch mRNA-Impfstoffe vorlagen. Sie befürworteten eine Impfung von Frauen mit Kinderwunsch. [5]

Diese Stellungnahme betraf Frauen mit Kinderwunsch; sie war keine Langzeituntersuchung der späteren Fruchtbarkeit geimpfter Kinder. Sie widersprach jedoch dem pauschalen Mythos einer durch die Impfung verursachten Unfruchtbarkeit. Im Bremer Video wurde eine „Sterilisation“ als weiteres Schreckensbild an den Mordvorwurf angehängt. So entstand die Erzählung einer existenziellen Bedrohung, die jede individuelle medizinische Abwägung überlagerte.

Telegram verbindet lokale Hetze mit rechten Netzwerken

Unsere Recherche vom Januar 2022 dokumentierte im Umfeld der „Freien Bremer“ Verweise auf weitere Protestkanäle, darunter die „Freien Sachsen“, die „Freiheitsboten Bremerhaven“ und „Querdenken 411“. Solche Verknüpfungen erleichterten die Weitergabe von Mobilisierungsaufrufen und Desinformation über einzelne örtliche Gruppen hinaus.

Wie diese Infrastruktur aufgebaut wurde, beschrieben taz und Belltower.News bereits 2021 am Beispiel von Frank Schreibmüller, bekannt als „Frank der Reisende“. Er legte zahlreiche Telegram-Gruppen und -Kanäle an und vernetzte unterschiedliche verschwörungsideologische und rechte Milieus. Belltower.News dokumentierte dabei auch seine QAnon-Propaganda und die Verbindung vermeintlicher „Kinderrettung“ mit antisemitischen Verschwörungserzählungen. [6] [7]

Der Fall Schreibmüller zeigt die politische Bedeutung technischer Vernetzung: Zugänge, Weiterleitungen und gemeinsame Mobilisierungsangebote bringen lokale Proteste mit bereits radikalisierten Szenen zusammen. Im Bremer Video erfüllte die behauptete Kindstötung eine entsprechende mobilisierende Funktion. Wer das Personal eines Impfzentrums zu Täter:innen eines Menschheitsverbrechens erklärt, stellt den Protest dagegen als moralische Pflicht dar.

Ein Feindbild mit Adresse schafft Bedrohungspotenzial

Der CeMAS-Forscher Jan Rathje beschrieb 2021 gegenüber der taz, wie sich verschwörungsideologische Telegram-Gruppen durch fortgesetzte Untergangsbotschaften und gegenseitige Handlungsappelle radikalisieren können. Widerspruch werde dabei häufig abgewehrt oder selbst als Teil einer Verschwörung gedeutet. [6] Das erklärt, weshalb die Kombination aus dramatischer Anklage und konkretem Zielort gefährlich ist.

Wir bewerten das Bremer Video als öffentliche Diffamierung mit Einschüchterungspotenzial. Es markierte eine erreichbare Einrichtung und ihre Träger als Verantwortliche eines angeblichen Verbrechens an Kindern. Wer diese Erzählung übernimmt, kann Feindseligkeit gegen die dort Beschäftigten als Hilfe für bedrohte Kinder rechtfertigen. Darin liegt das Risiko einer solchen Mobilisierung.

Die Sorge um Kinder wurde hier zum Mittel, medizinische Versorgung zu delegitimieren und Hass auf ihre Beschäftigten zu richten. Eltern brauchen verständliche Informationen über Nutzen, Risiken und offene Fragen. Mitarbeiter:innen von Hilfsorganisationen brauchen Schutz vor einer Agitation, die ihre Arbeit zur Mordhandlung umdeutet. Genau diese Umdeutung macht die Bremer Aufnahme zu einem Beispiel gefährlicher Impfdesinformation.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Datierung, Videozitate und Beobachtungen zum Bremer Telegram-Milieu beruhen auf unserer am 20. Januar 2022 veröffentlichten Recherche. Die medizinische Einordnung bezieht sich auf den damaligen Erkenntnisstand. Die folgenden Quellen ergänzen die lokale Dokumentation und die Analyse der Vernetzung.

1. AfD Watch Bremen · Januar 2022 · Bilddokumentation

Bremer Kinder-Impfzentrum: Originalaufnahme

Archivaufnahme der Einrichtung an der Sögestraße. Sie dokumentiert die Fassade und die sichtbare Kennzeichnung des Kinder-Impfzentrums.

5. DGGG und weitere Fachgesellschaften · Februar 2021 · PDF

COVID-19-Impfung von Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch

Gemeinsame fachmedizinische Stellungnahme. Für die Fruchtbarkeitsbehauptung relevant sind die Ausführungen zu Frauen mit Kinderwunsch auf Seite 3; der Text gibt den Stand von Anfang 2021 wieder.

6. taz · Nora Belghaus und Christian Jakob · 13. Juli 2021

Corona-Leugnung auf Telegram: Der digitale Strippenzieher

Recherche über Frank Schreibmüllers Aufbau und Vernetzung von Telegram-Gruppen. Enthält die Einordnung des CeMAS-Forschers Jan Rathje zu Radikalisierung, Untergangsbotschaften und dem Umgang mit Widerspruch.