„Journalisten wie Sie abknallen“: Gewaltfantasien aus dem AfD-Milieu
Erstveröffentlichung:
Im Oktober 2018 bedauerte Marcus Brünjes auf Twitter, dass die Gruppe „Revolution Chemnitz“ gestoppt worden war, bevor sie Journalist:innen erschießen konnte. Seine damalige Selbstdarstellung verband Unterstützung für die AfD mit Propaganda der Identitären Bewegung. Der dokumentierte Fall zeigt, wie Pressehass in die offene Zustimmung zu tödlicher Gewalt umschlagen kann.

Ein Mordwunsch als politische Ansage
Am 7. Oktober 2018 reagierte das Konto „MarcBruenjes“ (@MarcHBDE) auf eine Ausgabe des ARD-Presseclubs. Brünjes beklagte, dass „Revolution Chemnitz“ aufgeflogen sei, „bevor sie Journalisten wie Sie abknallen konnten“. Er fügte hinzu: „Ich stehe zu deren Zielen.“ Den verlangten politischen und gesellschaftlichen Wechsel wollte er „zur Not mit Gewalt“ durchsetzen. [1]
Die Aussage richtete sich unmittelbar an die adressierten Medienleute. Brünjes erklärte ihre mögliche Ermordung zum verpassten politischen Erfolg. Darin liegt die autoritäre Logik dieses Pressehasses: Wer die eigene Weltsicht stört, wird zum Angriffsziel. Die Zustimmung zur Gewalt lieferte Brünjes ausdrücklich selbst.
Berichtigung: Bereits am 8. November 2018 meldete DIE ZEIT die Löschung seiner AfD-Mitgliedschaft. [2]
„Revolution Chemnitz“: Terror als Bezugspunkt
Brünjes bezog sich auf eine Gruppe mit konkreten Umsturzplänen. Die spätere Gerichtsberichterstattung der taz beschreibt, wie sich Neonazis nach den Chemnitzer Aufmärschen 2018 in einer Chatgruppe organisierten, nach Waffen suchten und Anschläge diskutierten. Ein Teil der Männer hatte zuvor eine Gruppe Iraner auf der Chemnitzer Schlossteichinsel angegriffen. [3]
Spätere Entwicklung: Am 24. März 2020 verurteilte das Oberlandesgericht Dresden die acht Angeklagten zu Haftstrafen zwischen zwei Jahren und drei Monaten und fünfeinhalb Jahren. Nach der von der taz wiedergegebenen Urteilsbegründung hatten sie einen gewaltsamen Umsturz verfolgt und dafür nach Schusswaffen gesucht. Auf diese Gruppe hatte sich Brünjes im Oktober 2018 zustimmend bezogen. [3]
AfD-Unterstützung und identitäre Selbstverortung
Die damalige Profildokumentation zeigt ein weiteres Brünjes zugeordnetes Twitter-Konto unter dem Namen @MarcBrunjes. Seine Kurzbeschreibung lautete „Schwul, patriotisch, völkisch!“. Dazu bekannte sich das Profil zur Unterstützung von AfD, Pegida, Identitärer Bewegung, „Zukunft Heimat“, „Ein Prozent“ und „120 Dezibel“. Profil- und Titelbild verwendeten Symbolik und Kampagnenmotive der Identitären Bewegung. [4]

Brünjes stellte diese Organisationen und Kampagnen selbst nebeneinander. In seiner politischen Selbstdarstellung gehörten parlamentarische Partei, identitäre Propaganda und völkisches Selbstverständnis zusammen. Ein weiterer archivierter Screenshot zeigt das Profil „Marc Brunjes“ in Alexander Tassis’ Facebook-Freundesliste. Damit ist eine damalige digitale Verbindung zum Bremer AfD-Politiker dokumentiert. [5]
Als Journalist:innen beim „Flügel“ angegriffen wurden
Gewalt gegen die Presse war im AfD-Umfeld 2018 bereits konkret geworden. Beim Kyffhäusertreffen des damaligen „Flügels“ am 23. Juni in Burgscheidungen wurden zwei Journalist:innen bei Aufnahmen vor dem Veranstaltungsgelände bedrängt und angegriffen. Übermedien dokumentierte Beschimpfungen, einen Angriff auf die Kamera und eine Drohung mit einer Geste des Halsdurchschneidens. Die Aufnahmen entstanden auf öffentlichem Grund. [6]
Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union in ver.di benannte die Betroffenen als zwei Bremer Fachjournalist:innen. Ihr Bericht hielt Schläge mit einem Regenschirm und eine beschädigte Kamera fest. Die Gewerkschaft verlangte wirksamen Schutz der Berichterstattung und warf der AfD vor, journalistische Arbeit systematisch zu behindern. [7]
Belltower.News ordnete das Treffen politisch ein: Eingeladen hatten Björn Höcke und André Poggenburg; unter den Gästen waren Alexander Gauland, Jörg Meuthen, Lutz Bachmann und Jürgen Elsässer. Die angegriffene Journalistin Andrea Röpke beschrieb gegenüber dem Fachportal eine zunehmende Heftigkeit der Übergriffe und den Anspruch von Teilnehmer:innen, der Presse ihre Arbeitsweise vorzuschreiben. [8]
Pressehass greift demokratische Kontrolle an
Brünjes’ Mordwunsch und die Angriffe in Burgscheidungen trafen dieselbe demokratische Funktion: unabhängige Berichterstattung. Im einen Fall wurden Journalist:innen als erwünschte Opfer politischer Gewalt bezeichnet; im anderen wurden sie bei ihrer Arbeit eingeschüchtert und attackiert. Die dokumentierten Vorgänge zeigen, welche Gefahr ein politisches Feindbild entfaltet, das Medienleute zu verachteten Gegner:innen erklärt.
Wer journalistische Kontrolle mit Gewalt bedroht, beansprucht Macht darüber, was öffentlich sichtbar wird. Für eine Partei, deren Akteur:innen und Verbindungen Gegenstand dieser Recherchen sind, ist der Umgang mit kritischen Reporter:innen deshalb eine Machtfrage. Brünjes’ Äußerung machte die äußerste Konsequenz seines Pressehasses unmissverständlich: Er wünschte den Adressierten den Tod.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Die archivierten Screenshots dokumentieren die damaligen Äußerungen und Profilansichten. Die verlinkten Recherchen erschließen den historischen Kontext und die spätere Entwicklung des Terrorverfahrens.
Twitter-Beitrag des Kontos @MarcHBDE
Dokumentiert die Zustimmung zur Gewalt gegen Journalist:innen und die Bezugnahme auf „Revolution Chemnitz“.
Haftstrafen gegen rechte Terrorgruppe: Der Hass von Chemnitz
Gerichtsreportage zu den acht Angeklagten, den Gewaltplänen und der Urteilsbegründung im Verfahren gegen „Revolution Chemnitz“.
Politische Selbstdarstellung des Kontos @MarcBrunjes
Archivcollage mit Unterstützerliste und identitärer Symbolik. Die daneben montierten Politikerprofile gehören zur damaligen Zusammenstellung.
Marc Brunjes in Alexander Tassis’ Facebook-Freundesliste
Dokumentiert die zum Zeitpunkt der Aufnahme angezeigte Facebook-Verbindung.
AfD-Treffen: Teilnehmer bedrohen und attackieren Journalisten
Bericht mit Videoaufnahmen der Übergriffe am Rand des Kyffhäusertreffens in Burgscheidungen.
Berichterstatter vor AfD-Gewalt schützen
Gewerkschaftlicher Bericht über die Angriffe auf zwei Bremer Fachjournalist:innen und die Forderung nach wirksamem Schutz ihrer Arbeit.
Kyffhäusertreffen der AfD: Die Maske ist mal wieder verrutscht
Einordnung des Treffens, seiner prominenten Teilnehmer und der Übergriffe; mit Aussagen der betroffenen Journalistin Andrea Röpke.

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