Kriminalisiertes Engagement: Wie BIW antirassistische Fans unter Druck setzte

Recherche und Analyse · Rückblick auf September bis November 2018

Die Werder-Ultras von Caillera protestierten gegen rechte Gewalt. Jan Timke von „Bürger in Wut“ machte daraus eine parlamentarische Sanktionsfrage. Ins Visier geriet auch das öffentlich geförderte Fanprojekt Bremen. Der Vorgang zeigt, wie antirassistischer Protest zum Anlass genommen wurde, eine unterstützende Einrichtung politisch unter Druck zu setzen.

Jan Timke spricht in der Bremischen Bürgerschaft; die Einblendung nennt ihn als Abgeordneten von Bürger in Wut.
Jan Timke in der Bremischen Bürgerschaft im November 2018. Screenshot der Parlamentsübertragung, gesichert im Bildbestand von AfD Watch Bremen.

Ein Banner gegen rechte Gewalt

Beim Werder-Auswärtsspiel in Frankfurt am 1. September 2018 zeigte Caillera ein provokantes Spruchband: „Deutschland, du mieses Stück Scheisze!“ Weitere Transparente nannten Heidenau, Hoyerswerda, Chemnitz, Lichtenhagen und Connewitz. Dazu kam der Satz „Der Nazimob wütet, der Staat spielt mit“. Die Aktion stellte die damaligen rechten Ausschreitungen in Chemnitz in eine Geschichte rassistischer und neonazistischer Gewalt. Auch die Sportberichterstattung ordnete die Choreografie als Protest gegen rechte Übergriffe und den Umgang von Politik und Polizei damit ein. [1]

Antirassistische Choreografie im Frankfurter Gästeblock mit Ortsnamen und mehreren Spruchbändern.
Die gesamte Choreografie zeigt den Zusammenhang des umstrittenen Banners. Frankfurt, 1. September 2018. Historische Bildquelle: meinwerder.de; Bildbestand AfD Watch Bremen. [1]

Caillera setzte das Engagement im selben Monat fort. Die Gruppe rief für das Heimspiel gegen Nürnberg am 16. September zu einem gemeinsamen Aktionsspieltag gegen Faschismus auf. Fans sollten eigene Transparente gestalten und deren Wortlaut vorher mit der Fanbetreuung oder Caillera abstimmen. Die DeichStube dokumentierte den Aufruf am 12. September. [2]

Timke verband den Protest mit der Förderfrage

Die Anfrage von Jan Timke und der BIW-Gruppe vom 20. September 2018 trug den Titel „Linksextremes Banner der Werder-Fangruppe Caillera“. Sie fragte nach der Bewertung des Spruchbands, nach der im Impressum genannten Fanprojekt-Adresse und nach möglichen Sanktionen gegen beide Organisationen. Dabei verwies sie ausdrücklich auf die öffentliche Förderung des Fanprojekts. [3]

Damit bekam die politische Etikettierung einen praktischen Hebel: Über die Kontaktadresse wurde eine geförderte Einrichtung für die Aktion eigenständig handelnder Fans in Anspruch genommen.

In seiner Antwort stellte der Senat klar, dass Caillera keine öffentlichen Mittel erhielt und das Fanprojekt die Auftritte der Fangruppen nach seinem Selbstverständnis nicht verantwortete. Zugleich verwies er auf eine an die Frankfurter Staatsanwaltschaft übermittelte Anzeige. Bewertung und mögliche Konsequenzen wollte er nach Abschluss der Ermittlungen prüfen. Das war der dokumentierte Verfahrensstand im November 2018. [3]

BIW machte aus der Anfrage eine öffentliche Kampagne

Wie BIW den Vorgang politisch einsetzen wollte, zeigt eine spätere Anzeige im Weser Report vom 25. November 2018. In der von Gruppenchef Piet Leidreiter gezeichneten „KLARTEXT-Kolumne“ wurden Cailleras Parolen als verfassungsfeindlich bezeichnet. Leidreiter beklagte ausgebliebene Sanktionen gegen das Fanprojekt und brachte eine Kürzung seiner Zuschüsse zur Sprache. Die Anzeige behauptete zudem, die Fangruppe verstecke sich hinter dem Verein. [4]

So wurde aus einer Impressumsadresse ein Verdacht gegen die gesamte Einrichtung. Die BIW-Darstellung verschob den Konflikt: Im Mittelpunkt standen die Bestrafung der Protestierenden und die Finanzierung ihres Umfelds. Die rassistische Gewalt, auf die sich die Transparente bezogen, trat dahinter zurück.

Die Verbindung von Extremismusvorwurf und Förderdruck kann Einrichtungen dazu drängen, sich von unbequemen Initiativen zu distanzieren. Genau diese politische Funktion hatte die Kampagne: Sie machte die Unterstützung antirassistischer Fans zum Rechtfertigungsproblem.

Öffentlich Haltung zeigen

Zur selben Zeit war antirassistisches Engagement auch für Werder öffentlich sichtbar. Präsident Hubertus Hess-Grunewald sprach am 14. November 2018 bei der Kundgebung gegen Rassismus und Gewalt auf dem Bremer Marktplatz. Der Verein dokumentierte seinen Aufruf, weiter Gesicht zu zeigen. [5]

Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald am Rednerpult auf dem Bremer Marktplatz.
Hubertus Hess-Grunewald bei der Kundgebung am 14. November 2018. Foto: AfD Watch Bremen.

Der Konflikt um Caillera berührte damit eine grundlegende Frage: Welchen Rückhalt erhalten Menschen, die sich rechter Gewalt öffentlich entgegenstellen? BIW beantwortete sie mit Sanktionsforderungen und Druck auf das Fanprojekt. Antirassistische Arbeit braucht dagegen politische Unterstützung und die Freiheit, staatliches Handeln auch scharf zu kritisieren.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Berichte, dokumentierte Aussagen und fachjournalistische Einordnungen. Quellen geprüft am 1. Oktober 2026.

[1] watson sport · 3. September 2018

15 Fan-Aktionen der Bundesliga

Dokumentiert die Frankfurter Caillera-Choreografie und erklärt ihren Bezug zu rechter Gewalt.

[3] Bremische Bürgerschaft · Fragestunde · November 2018 · Primärdokument

BIW-Anfrage und Antwort des Senats zu Caillera

Seite 7, Frage 7: Wortlaut der Anfrage vom 20. September und der Senatsantwort zu Förderung, Verantwortlichkeit und Ermittlungsstand.