Ein Neonazi als Sicherheitsmann: Die Ordnungskulisse von Bürger in Wut

Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 29. November 2017

Im Herbst 2017 warben Jan Timke und Piet Leidreiter von Bürger in Wut mit Bildern eines privaten Sicherheitsdienstes für polizeiliche Bodycams. Unter den abgebildeten TSK-Mitarbeitern stand Lyzian Bankmann, dessen Aktivitäten in der Neonaziszene seit Jahren dokumentiert waren. Der Auftritt am Bremer Hauptbahnhof zeigt den Widerspruch einer autoritären Sicherheitspolitik: Ein organisierter Neonazi wurde Teil ihrer öffentlichen Ordnungskulisse.

Jan Timke rechts neben drei uniformierten Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes TSK am Bremer Hauptbahnhof.
Jan Timke mit TSK-Mitarbeitern, 2017. Unter ihnen identifizierten wir im damaligen Beitrag Lyzian Bankmann. Bildquelle: Bürger in Wut; Bildarchiv: AfD Watch Bremen. [1]

Politische Werbung mit privater Sicherheitsmacht

Die Fotos zeigen zwei Bürgerschaftsabgeordnete im Gespräch mit uniformierten Mitarbeitern von TSK. Timke und Leidreiter nutzten die Begegnung für ihre Forderung nach Bodycams bei der Polizei. Leidreiter war 2015 für die AfD in die Bremische Bürgerschaft eingezogen und anschließend zu Bürger in Wut gewechselt. [1] [5] [6]

Die Inszenierung übertrug die sichtbare Präsenz des privaten Wachdienstes in ein politisches Versprechen: Wer mit Sicherheitskräften auftritt, präsentiert sich als Garant von Ordnung. Uniformen und Ausrüstung lieferten dafür die Bildsprache. In unserer damaligen Recherche rückten wir die öffentlich dokumentierte neonazistische Vorgeschichte eines der abgebildeten Mitarbeiter in den Mittelpunkt.

Seit 2009 in der Neonaziszene dokumentiert

Antifaschistische Recherchen aus Oldenburg beschrieben bereits im März 2012, dass Bankmann sich seit 2009 bei den Delmenhorster Jungen Nationaldemokraten, der damaligen Jugendorganisation der NPD, organisiert hatte. Dokumentiert wurden außerdem seine Unterstützung für NPD-Wahlkampfstände und seine Teilnahme am Neonaziaufmarsch in Bad Nenndorf im August 2011. [2]

Eine Recherche von antifa.elf in der Alhambra-Zeitung vom Januar/Februar 2013 schilderte weitere Aspekte: Bankmann habe sich vermummt mit Waffen inszeniert und Fotomontagen mit Mordfantasien gegen einen Sexualstraftäter aus Nordenham erstellt und veröffentlicht. Derselbe Text berichtete über seine Sicherheitsarbeit am Oldenburger Bahnhof. Schon Jahre vor dem Bremer Auftritt waren damit sowohl seine neonazistische Organisierung als auch die Verbindung zur Sicherheitsbranche öffentlich beschrieben. [3]

Teilnehmer eines Neonaziaufmarschs in Kirchweyhe am 23. März 2013.
Neonaziaufmarsch in Kirchweyhe am 23. März 2013. Die zeitgenössische Bilddokumentation benennt Lyzian Bankmann unter den Teilnehmern. Bildquelle: antifa-bremen.org; Bildarchiv: AfD Watch Bremen. [4]

Auch für den 23. März 2013 liegt eine Bilddokumentation vor: antifa-bremen.org identifizierte Bankmann unter den Teilnehmern des von Christian Worch organisierten Neonaziaufmarschs in Kirchweyhe. Die dokumentierte Entwicklung reicht damit von der NPD-Jugendorganisation über Wahlkampfaktivitäten bis zur Teilnahme an Aufmärschen. [4]

Diese Vorgeschichte macht die Sicherheitsuniform politisch brisant. Sie verleiht ihrem Träger im Alltag eine erkennbare Autoritätsposition. Treffen eine solche Rolle und eine dokumentierte neonazistische Praxis zusammen, stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Schutz jener Menschen, die von dieser Ideologie zu Feindbildern erklärt werden. Für einen Wachdienst gehört die Auswahl seines Personals deshalb zum Kern seiner Verantwortung.

Bodycams als Kulisse für die Aufrüstung

Piet Leidreiter links im Gespräch mit drei TSK-Mitarbeitern; rote Markierungen heben an der Kleidung befestigte Kameras hervor.
Piet Leidreiter mit TSK-Mitarbeitern, 2017. Die roten Markierungen stammen aus der damaligen Dokumentation und heben die an der Kleidung getragenen Kameras hervor. Bildquelle: Bürger in Wut; Bildarchiv: AfD Watch Bremen. [5]

Die am Körper getragenen Kameras passten zur Botschaft der BIW-Abgeordneten: Mehr technische Ausstattung sollte für mehr Sicherheit stehen. Der private Wachdienst wurde zum anschaulichen Modell für eine politische Forderung. Damit erhielt sein Auftreten zusätzliche öffentliche Anerkennung.

Kameras an der Uniform erweitern das Machtgefälle zwischen Sicherheitskräften und angesprochenen Menschen um die Möglichkeit, Begegnungen aufzuzeichnen. Wer Überwachung als Sicherheitsgewinn bewirbt, muss sich deshalb auch der Frage stellen, wer diese Technik kontrolliert und welche Macht sie ihren Anwendern verschafft. Gerade der dokumentierte Hintergrund Bankmanns machte diese Frage beim TSK-Auftritt unausweichlich.

Die Bodycams waren selbst Gegenstand öffentlicher Kritik. Im März 2018 berichtete die taz, Bremens Datenschutzbeauftragte habe die Videoüberwachung durch TSK scharf beanstandet. Damit gerieten neben der Personalfrage auch die Auswirkungen der Technik auf die Rechte der Betroffenen in den Blick. [7]

2018: Weitere Beschäftigung und elf Verfahren gegen TSK

Am 30. Januar 2018 griff die taz unsere Recherche auf. Leidreiter erklärte gegenüber der Zeitung, die abgebildeten Mitarbeiter und deren politische Betätigung seien ihm unbekannt gewesen; die Beschäftigung eines Neonazis bei einem Sicherheitsdienst lehnte er ab. Zugleich berichtete die taz über ihr vorliegende aktuelle Filmaufnahmen, die Bankmann weiterhin als Sicherheitsmann am Bremer Hauptbahnhof zeigten. [6]

Die politische Nähe zur Branche hatte inzwischen eine zusätzliche Dimension: Nach demselben Bericht hatten Timke und Leidreiter gemeinsam das Sicherheitsunternehmen Brewag gegründet. Zur Forderung nach mehr Sicherheitsmaßnahmen trat damit ein eigenes geschäftliches Interesse im Sicherheitsgewerbe. [6]

Am 7. März 2018 berichtete die taz über den Verdacht, Bankmann habe bei TSK ohne die erforderliche behördliche Zuverlässigkeitsüberprüfung gearbeitet und diese auch nicht beantragt. Darüber hinaus nannte der Sprecher des Bremer Wirtschaftsressorts gegenüber der Zeitung elf laufende Verfahren gegen TSK. Die Behörde überprüfe deshalb die Zuverlässigkeit des Unternehmens insgesamt; als mögliche Folge stand der Entzug seiner Zulassung im Raum. [7]

Der Fall zeigt, wie groß die Distanz zwischen dem politischen Versprechen von Sicherheit und der Kontrolle ihrer privaten Anbieter werden kann. BIW-Politiker verschafften einem Wachdienst eine Bühne, während die neonazistische Vorgeschichte eines Mitarbeiters öffentlich recherchierbar war. Die später bekannt gewordenen Prüfverfahren richteten den Blick auf die Verantwortung des Unternehmens und seiner Aufsicht.

Eine Sicherheitspolitik, die Uniformen, Kameras und demonstrative Härte zu Gütesiegeln erhebt, verfehlt den Schutz der Menschen, die solchen Kräften begegnen. Der Bremer Vorgang macht deutlich, wie dringend Personalverantwortung, wirksame Kontrolle und der Schutz vor rechter Einschüchterung zum Maßstab werden müssen. Wer Sicherheit verspricht, trägt Verantwortung dafür, wem im Alltag Macht über andere eingeräumt wird.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Bilddokumente und antifaschistische Recherchen erschließen den Auftritt von 2017 und Bankmanns Vorgeschichte. Die Berichte von 2018 ergänzen die damalige Veröffentlichung um weitere Beobachtungen und behördliche Prüfungen.

[3] antifa.elf · Alhambra-Zeitung · Januar/Februar 2013 · PDF

NPD-Wahlkampf steht vor der Tür

Recherche zu regionalen Neonazistrukturen, gedruckte Seiten 7–11. Die Passagen zu Bankmanns Gewaltinszenierungen und Sicherheitsarbeit stehen auf Seite 10, entsprechend PDF-Seite 12.

[4] antifa-bremen.org · Bilddokumentation · 23. März 2013

Naziaufmarsch in Kirchweyhe I

Bericht und Fotos des Aufmarschs. Eine Bildunterschrift identifiziert Bankmann unter den Teilnehmern.

[7] taz · Sebastian Heidelberger · 7. März 2018

Schwarze Sheriffs, schwarze Schafe

Bericht über Kritik an den Bodycams, den Verdacht einer fehlenden Zuverlässigkeitsüberprüfung und elf laufende Verfahren gegen TSK.