Neonazi im Wachdienst: Der Fall Brewag im Columbus-Center

Erstveröffentlichung:

Die damaligen „Bürger in Wut“-Abgeordneten Jan Timke und Piet Leidreiter gründeten Ende 2017 die Sicherheitsfirma Brewag. Anfang 2018 beschäftigte sie im Bremerhavener Columbus-Center einen Anhänger der neonazistischen „Bruderschaft Nordic 12“. Nach der öffentlichen Aufdeckung folgte laut Unternehmen die Kündigung. Der Fall zeigt den Widerspruch zwischen rechter Ordnungspolitik und der Verantwortung für das eigene Sicherheitspersonal.

Gruppenaufnahme von Männern in Kleidung mit Aufschriften der Bruderschaft Nordic 12.
Selbstdarstellung von „Nordic 12“, dokumentiert in unserem ursprünglichen Beitrag vom 5. Februar 2018. Die damalige Bildunterschrift identifiziert Lars H. rechts im Bild. Bild: Selbstdarstellung der Gruppierung; Dokumentation: AfD Watch Bremen.

Zwei Abgeordnete machen Sicherheit zum Geschäft

Im Dezember 2017 gründeten Jan Timke und Piet Leidreiter die Brewag GmbH. Beide gehörten damals der Bremischen Bürgerschaft für „Bürger in Wut“ an; Leidreiter war 2015 über die AfD ins Parlament eingezogen. Die taz beschrieb am 30. Januar 2018, wie die beiden Politiker öffentlich Bedrohungsszenarien rund um Kriminalität und Zuwanderung verbreiteten und zugleich ein Unternehmen für Sicherheitsdienstleistungen aufbauten. [1]

Leidreiter begründete das Geschäft gegenüber der taz mit Gewinnchancen und einem aus seiner Sicht bestehenden Sicherheitsbedarf. Lisa Hempel vom Bremer LidiceHaus ordnete die Gründung als wirtschaftliche Nutzung jener Ängste ein, die Rechtspopulist:innen politisch schüren. [1] Für uns liegt darin der zentrale Interessenzusammenhang: Wer staatliches Versagen beschwört und gleichzeitig privaten Schutz verkauft, kann aus demselben Bedrohungsbild politisch und wirtschaftlich Nutzen ziehen.

Ein Akteur der Neonaziszene im Columbus-Center

Im ursprünglichen Beitrag Lars H. zugeordnetes Foto: ein Mann in einer schwarzen Weste mit Aufnäher neben einem Hund.
Die 2018 veröffentlichte Aufnahme wurde im ursprünglichen Beitrag Lars H. zugeordnet. Auf der Weste ist die „Schwarze Sonne“ zu erkennen. Bildquelle: Screenshot des Facebook-Profils Lars.Heldt.3; Dokumentation: AfD Watch Bremen.

Einer der bei Brewag eingesetzten Wachleute war Lars H. Er hatte laut taz bereits rund 15 Jahre im Columbus-Center gearbeitet und gehörte seit Anfang 2018 zum Personal der neuen Firma. Der Bericht vom 16. Februar 2018 bezeichnete ihn als Anhänger von „Nordic 12“. Unsere Veröffentlichung hatte zuvor seine Verbindung zur Gruppierung anhand von Bildern öffentlich gemacht. [2]

Die politische Vorgeschichte reicht weiter zurück. Eine Dokumentation von antifa-bremen.org über eine rechte Kundgebung in Kirchweyhe am 14. März 2014 nennt Lars Heldt unter den Teilnehmern aus dem Umfeld von „Brigade 8“. Rechte Akteure versuchten dort, den Tod von Daniel S. für rassistische Mobilisierung zu vereinnahmen. Der damalige Bericht ordnet seine Anwesenheit einem konkreten öffentlichen Auftritt der Neonaziszene zu. [3]

Gerade im Wachdienst ist eine solche politische Einbindung brisant: Beschäftigte treten gegenüber Besucher:innen als Autorität auf und greifen in Konfliktsituationen ein. Ein Unternehmen, das ihnen diese Aufgabe überträgt, muss sich daran messen lassen, ob alle Menschen mit gleicher Behandlung rechnen können. Neonazistische Feindbilder stehen diesem Anspruch entgegen.

Nordic 12 und der Bezug auf die SS

Teilnehmer eines Aufmarschs hinter einem Nordic-12-Transparent mit Schwarzer Sonne.
„Nordic 12“ bei einem Aufmarsch. Das Fronttransparent verbindet den Gruppennamen mit der „Schwarzen Sonne“. Bildquelle laut ursprünglichem Beitrag: Blick nach Rechts (bnr.de).

Der NS-Bezug lässt sich an einem konkreten Erkennungszeichen erklären: der „Schwarzen Sonne“. Belltower.News beschreibt ihre Herkunft aus einem Bodenornament der von der SS genutzten Wewelsburg. Die Bezeichnung und ihre Verbreitung in der Neonaziszene entwickelten sich nach 1945. Das aus zwölf Strahlen beziehungsweise Sig-Runen aufgebaute Zeichen dient heute als Bekenntnis zur extrem rechten Ideologie. [4]

Bei „Nordic 12“ gehört das Zeichen zur öffentlichen Selbstdarstellung. Auch die taz erläuterte 2018 den Bezug des Gruppennamens auf seine zwölf Arme. [2] Die im ursprünglichen Beitrag dokumentierten Aufnahmen zeigen die Symbolik auf Kleidung und Transparenten. Das macht die ideologische Verortung der Gruppe sichtbar.

Das Antifaschistische Infoblatt untersuchte 2016 das Männerbild rechter Bruderschaften und bezog „Nordic 12“ ausdrücklich ein. Die Analyse beschreibt exklusive Männergemeinschaften, nationalistische Selbstbilder und eine demonstrative Orientierung an Härte und Loyalität. [5] Kutten, Gemeinschaftsrituale und NS-Symbolik verbinden politische Überzeugung mit einem nach außen getragenen Machtanspruch.

Auf die Veröffentlichung folgte die Kündigung

Nach Bekanntwerden der Verbindungen verlangte die Gewoba, die laut taz für die Verwaltung im Columbus-Center zuständig war, eine Stellungnahme des Arbeitgebers. Brewag konfrontierte Lars H. mit den Vorwürfen und teilte mit, ihn entlassen zu haben. So berichtete die taz am 16. Februar 2018. [2]

Nord24 ergänzte am 17. Februar 2018 die Darstellung Timkes: Brewag habe den Bewachungsauftrag und Beschäftigte eines anderen Unternehmens übernommen. Von den Verbindungen zu „Nordic 12“ habe er bei der Übernahme nichts gewusst; nach Bekanntwerden sei dem Mitarbeiter fristgerecht gekündigt worden. Diese Erklärung stammt von Timke. [6]

Am 7. März 2018 berichtete die taz erneut über den Fall. Brewag erklärte nun, Lars H. werde das Unternehmen in Kürze verlassen und bis dahin keine Aufgaben als Sicherheitskraft mehr übernehmen. [7] Damit gehört auch das Ende seines Einsatzes zur Geschichte dieses Vorgangs. Die öffentlich dokumentierte Reaktion erfolgte nach der Aufdeckung der politischen Verbindungen.

Ein weiterer Mitarbeiter mit rechten Bezügen

Der taz-Bericht vom 7. März 2018 benannte außerdem Andre K. als weiteren Brewag-Wachmann. Er habe auf Facebook Unterstützung für die NPD Bremen und „Nordic 12“ bekundet. Seine Zuverlässigkeit werde offenbar behördlich überprüft. Über Lars H. berichtete die Zeitung zugleich den Vorwurf, er habe ohne bescheinigte Zuverlässigkeit gearbeitet. [7]

Diese zeitgenössischen Berichte rückten die Personalauswahl und Kontrolle bei Brewag insgesamt in den Blick. Die Geschäftsführung musste sich damit an den eigenen Maßstäben für Ordnung und Sicherheit messen lassen. Die dokumentierten politischen Bezüge im Personal berührten unmittelbar die Glaubwürdigkeit ihres Schutzversprechens.

Wer Sicherheit verkauft, trägt Verantwortung

Der Fall Brewag verbindet drei Ebenen: rechte Politik mit ihrem Geschäft der Angst, einen privaten Sicherheitsauftrag und einen Beschäftigten mit dokumentierter Verbindung zur Neonaziszene. Die damaligen Geschäftsführer Timke und Leidreiter standen dabei zugleich für ein politisches Sicherheitsversprechen und für dessen betriebliche Umsetzung.

Die Kündigung war eine Konsequenz der öffentlichen Auseinandersetzung. Sie macht die vorherige Beschäftigung und die Frage nach der Auswahl des Personals weiterhin erklärungsbedürftig. Für Besucher:innen eines Einkaufszentrums zählt, ob sie unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Haltung respektiert werden. Ein Sicherheitsversprechen, das diesen Anspruch verfehlt, verliert seine Glaubwürdigkeit.

Weitere Hintergründe bieten unsere Dossiers zu Jan Timke und Piet Leidreiter sowie die Recherche über rechte Bruderschaften und ihre Organisationsformen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

1. taz · Sebastian Heidelberger · 30. Januar 2018

Das Geschäft mit der Angst

Gründung der Brewag GmbH, damalige politische Rollen und die Verbindung von Sicherheitsrhetorik und Geschäftsinteresse.

2. taz · Sebastian Heidelberger · 16. Februar 2018

Rechte sorgen für Sicherheit

Beschäftigung von Lars H., Verbindung zu Nordic 12, Reaktion der Gewoba und Mitteilung über die Entlassung.

3. antifa-bremen.org · Dokumentation zum 14. März 2014

Rassistische Instrumentalisierung eines Todesfalls

Zeitgenössischer Bericht über die rechte Kundgebung in Kirchweyhe; nennt Lars Heldt unter den Teilnehmern.

4. Belltower.News · Redaktion · 21. Juli 2018

Symbole und Erkennungszeichen: Die Schwarze Sonne

Herkunft des Zeichens aus dem SS-Kontext und seine Verwendung in der Neonaziszene.

5. Antifaschistisches Infoblatt · AIB 110 · 29. Juni 2016

Männlichkeit in Bruderschaften

Analyse nationalistischer Männerbilder und rechter Bruderschaften mit ausdrücklichem Bezug auf Nordic 12.

6. Nord24 · Klaus Mündelein · 17. Februar 2018

„Bürger in Wut“: Rechtsextremist auf Gehaltsliste von Timkes Firma?

Timkes Darstellung zur Übernahme des Personals, seiner behaupteten Unkenntnis und der fristgerechten Kündigung.

7. taz · Sebastian Heidelberger · 7. März 2018

Schwarze Sheriffs, schwarze Schafe

Brewags Erklärung zum Ende des Sicherheitseinsatzes von Lars H. sowie der Bericht über Andre K. und damalige Zuverlässigkeitsprüfungen.

8. AfD Watch Bremen · Vertiefende Recherche

Neonazis in Kutten: Wie rechte Bruderschaften Kameradschaft organisieren

Einordnung von Bruderschaften als Organisationsform der extremen Rechten und weiterer Hintergrund zu Nordic 12.