Von der Jungen Alternative zur Identitären Bewegung: Jonas Schick in Bremen
Archivbeitrag · ursprünglich veröffentlicht am 4. August 2017
Jonas Schicks Wechsel von der Jungen Alternative zur Identitären Bewegung zeigt die engen Verbindungen beider Milieus in Bremen. Gemeinsame Auftritte, sein Podcast „90 Grad“ und seine öffentliche Stellungnahme vom August 2017 dokumentieren eine politische Zusammenarbeit, die über seinen Austritt aus der Parteijugend hinausreichte.
Frühe Einbindung in das Bremer AfD-Umfeld
Jonas Schick zog 2015 aus der Region Mannheim nach Bremen und studierte an der Universität Bremen Soziologie, nachdem er zuvor in Mannheim Politikwissenschaft studiert hatte. Nach der Gründung der Jungen Alternative in Bremen wurde er 2016 in deren Umfeld aktiv. Bereits aus dem Jahr 2010 findet sich sein Name auf einer im Internet veröffentlichten Besteller:innen-Liste eines Versands, der unter anderem Kleidung der bei Neonazis verbreiteten Marke Thor Steinar vertrieb. Die bloße Nennung auf einer solchen Liste belegt für sich genommen weder eine konkrete Bestellung noch eine politische Einstellung.
Für Schicks spätere politische Entwicklung erhält dieser frühe Fund dennoch Kontext, weil seine Aktivitäten in Bremen anschließend in das Umfeld von Junge Alternative und Identitärer Bewegung führten.
In Bremen lebte Schick zeitweise gemeinsam mit Marvin Mergard in einer Wohngemeinschaft in Vegesack. Mergard gehörte zur Führung der Jungen Alternative und wurde später Schriftführer des AfD-Landesvorstands.
Schick trat zugleich bei politischen Aktionen gemeinsam mit Mergard und dem damaligen AfD-Landesvorsitzenden Frank Magnitz auf, insbesondere im Bremer Norden. Nach Angaben des damaligen Bürgerschaftsabgeordneten Alexander Tassis war Schick innerhalb der JA beziehungsweise ihres Umfelds für einen „Fachbereich Genderpolitik“ zuständig; eine eigenständig dokumentierte institutionelle Ausgestaltung dieses Fachbereichs ist nicht ersichtlich.
Die personelle Nähe zwischen Bremer JA und Identitärer Bewegung wurde wenig später auch außerhalb von AfD Watch Bremen sichtbar: Im Juni 2017 marschierten die Bremer JA-Funktionäre Robert Teske und Marvin Mergard bei einer Demonstration der Identitären Bewegung in Berlin mit. Die taz dokumentierte diese offenen Überschneidungen bereits unmittelbar nach dem Aufmarsch. (taz.de)
Austritt aus der JA – Anschluss an die Identitäre Bewegung
Mitte 2017 erklärte Schick seinen Austritt aus der Jungen Alternative. Unmittelbar danach trat seine Tätigkeit im Umfeld der Identitären Bewegung deutlich offener hervor. Eine behauptete strategische Absprache, wonach der Austritt allein der formalen Trennung von AfD und IB gedient habe, lässt sich daraus nicht beweisen. Auffällig ist jedoch die zeitliche und politische Kontinuität: Schick verließ die JA, während er gleichzeitig ein Medienprojekt aufbaute, das von Strukturen der Identitären Bewegung verbreitet wurde und weiterhin AfD- beziehungsweise JA-Akteur:innen einbezog.
Sein Podcast „90 Grad“ brachte unter anderem den damaligen Bremer JA-Vorsitzenden Robert Teske sowie den früheren Bremer AfD- und JA-Akteur Moritz Lange in Gesprächsrunden zusammen. Die Beteiligten kommentierten politische Ereignisse aus ihrem gemeinsamen neurechten beziehungsweise völkisch-nationalistischen Bezugsrahmen; verbreitet wurde das Format sowohl von „IB Bremen“ als auch von der bundesweiten Identitären Bewegung. Trotz dieser Unterstützung blieb die öffentliche Reichweite des Podcasts begrenzt und das Projekt verschwand nach kurzer Zeit wieder.
Wie eng die Verbindung inzwischen war, zeigte auch die eigene Öffentlichkeitsarbeit der JA: Das später veröffentlichte Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur AfD dokumentiert, dass die JA Bremen am 5. August 2017 einen Beitrag des damaligen IB-Regionalleiters Jonas Schick teilte, mit dem dieser unter Bezug auf die IB-Kampagne „Defend Europe“ seinen Podcast „90 Grad“ bewarb. Das Gutachten hebt den Bremer JA-Landesverband insgesamt wegen seiner besonders ausgeprägten Übernahme von Begriffen und Kampagnen der Identitären Bewegung hervor.
Damit bestand die Verbindung nicht lediglich aus privaten Bekanntschaften. Inhalte eines inzwischen offen als IB-Akteur auftretenden ehemaligen JA-Mitglieds wurden auch nach dessen Ausscheiden weiter über die Parteijugend verbreitet. Das entsprechende BfV-Gutachten dokumentiert diese Überschneidungen ausdrücklich. (Alternative für Deutschland)
Das öffentliche Auftreten als IB-Akteur
Ende Juli 2017 trat Schick auch bildlich offen im Kreis der Identitären Bewegung auf. Aufnahmen vom 30. Juli nahe Worpswede zeigen ihn gemeinsam mit weiteren Akteur:innen der Organisation; die Bilder wurden Anfang August über die offizielle Facebook-Seite von „IB Bremen“ verbreitet. Schick ließ sich dabei im Sinne der von der Identitären Bewegung propagierten Strategie des „Gesicht Zeigens“ offen als Teil des Aktivist:innenmilieus abbilden. Damit war die zuvor bereits erkennbare politische Nähe nun öffentlich und personell eindeutig.
Auf die Veröffentlichung durch AfD Watch Bremen reagierte Schick am 4. August selbst über Facebook; dieser Kommentar wurde als Nachtrag zum Beitrag dokumentiert. Die Bildserie und Schicks Reaktion machen die Zugehörigkeit zum damaligen IB-Umfeld wesentlich belastbarer als bloße Social-Media-Kontakte oder gegenseitige Likes.
Schicks Entwicklung ist zugleich für die Bewertung der Bremer JA relevant. Die Organisation behauptete offiziell Distanz zur Identitären Bewegung, während ihre führenden Akteur:innen in Bremen gemeinsam mit Identitären demonstrierten, deren Kampagnen aufgriffen und Inhalte eines späteren IB-Regionalleiters verbreiteten. Die Bremer Bürgerschaft befasste sich 2017 mit den personellen und organisatorischen Verbindungen zwischen Junge Alternative, AfD und Identitärer Bewegung.
Auch externe Recherchen bestätigten die besondere Bremer Konstellation: Die taz beschrieb Ende 2017 den weiteren Aufstieg von Robert Teske und Marvin Mergard in den AfD-Landesvorstand und verwies dabei ausdrücklich auf ihre gemeinsamen Auftritte mit der Identitären Bewegung. (taz.de)
Schicks Stellungnahme: Bekenntnis zur Identitären Bewegung
Die am 4. August 2017 dokumentierte Stellungnahme trägt die Überschrift „Bremer Aktivist meldet sich zu Wort“ und beginnt mit „Viel Feind, viel Ehr!“. Schick bezeichnet sich darin als Aktivist der IB Bremen und ehemaliges Mitglied der Jungen Alternative Bremen. Er bestreitet, sein Austritt habe eine formale Trennung beider Organisationen herstellen sollen.
Er erklärt, Anfang 2017 aus der AfD ausgetreten zu sein: Die Parteiarbeit habe ihn während seiner einjährigen Mitgliedschaft desillusioniert; Parteien seien für seine politische Tätigkeit ungeeignet. Verschwörerische Motive weist er zurück und begründet den Austritt mit Unterschieden zwischen den Organisationen. Zugleich räumt er IB-Kontakte während seiner AfD-Mitgliedschaft ein. Sein öffentliches Auftreten als Identitärer sei aus eigener Initiative erfolgt.
AfD Watch Bremen greift er als politischen Gegner an und unterstellt der Redaktion, Menschen zu brandmarken, ihre Lebensgrundlage zu zerstören und freie Meinungsäußerung durch Angst zu unterdrücken. Linke Darstellungen der Verbindungen nennt er Verschwörungstheorien. Er kündigt an, offen für sein Land, sein Volk und das aus seiner Sicht bestehende Recht auf Selbstbestimmung und Identität einzutreten. Der Text endet mit seinem ausdrücklichen Bekenntnis zur Identitären Bewegung. Dies ist die inhaltliche Wiedergabe seiner Selbstdarstellung und Vorwürfe.
Schick als Verbindungsperson zwischen Partei und Neuer Rechter
Der Wechsel von der Jungen Alternative zur Identitären Bewegung bedeutete bei Schick keinen abrupten Wechsel zwischen voneinander getrennten politischen Welten. Vielmehr zeigen seine persönlichen Kontakte, gemeinsamen Auftritte und das Projekt „90 Grad“, wie stark sich beide Milieus in Bremen bereits 2017 überschnitten. Dass Schick nach seinem JA-Austritt weiterhin Robert Teske in sein Medienprojekt einband und die JA Bremen dieses Projekt wiederum selbst verbreitete, widerspricht dem Bild einer klaren organisatorischen und politischen Trennlinie.
Die offizielle Distanzierung der AfD und ihrer Jugendorganisation von der Identitären Bewegung stand damit in Bremen einer praktischen Zusammenarbeit einzelner führender Akteur:innen gegenüber.
Schick entwickelte sich in der Folge zu einer wichtigen Figur der Identitären Bewegung in Norddeutschland. Bereits die Entwicklung bis zum Sommer 2017 zeigt jedoch das entscheidende Muster: Eintritt in die Bremer JA, gemeinsames politisches Auftreten mit AfD- und JA-Funktionären, persönliche Nähe zu Marvin Mergard, anschließend formaler Austritt aus der Parteijugend und nahezu unmittelbar darauf offenes Auftreten im Aktivist:innenkreis der Identitären Bewegung.
Der Fall Jonas Schick dokumentiert damit nicht nur die Radikalisierung eines einzelnen ehemaligen JA-Mitglieds. Er zeigt, wie durchlässig die Grenze zwischen der Bremer AfD-Jugend und der Identitären Bewegung zu diesem Zeitpunkt tatsächlich war: dieselben politischen Milieus, gemeinsame Akteur:innen und eine Zusammenarbeit, die sich durch einen formalen Parteiaustritt nicht erledigte.
Nach Veröffentlichung des ursprünglichen Beitrags löschte Moritz Lange sein damaliges Facebook-Profil; der dort ursprünglich gesetzte Link wurde deshalb auf einen zeitgenössischen Beitrag des Weser-Kurier umgestellt.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Bilddokumentation und im Beitrag verlinkte Recherchen zur Jungen Alternative und zur Identitären Bewegung in Bremen. Die historischen Verweise auf das VAJA-Presse-PDF, Alexander Tassis’ Website, die Weser-Kurier-Bilddatei und die Datei bei linksunten.indymedia waren zuletzt nicht abrufbar.
Stellungnahme von Jonas Schick
Die im Beitrag abgebildete Reaktion auf die Veröffentlichung; Schicks Aussagen sind im zugehörigen Abschnitt zusammengefasst.
Gründung der Jungen Alternative in Bremen
Im Beitrag verlinkter zeitgenössischer Bericht zur Bremer Parteijugend. Der ursprüngliche PDF-Link ist derzeit nicht mehr abrufbar.
Seit’ an Seit’ mit Identitären
Bericht zu gemeinsamen Auftritten von Bremer JA-Funktionären und Identitärer Bewegung.
Dokumentierte Verbindungen zwischen JA und IB
Im Beitrag zitierte Darstellung zur Verbreitung von Schicks Podcast durch die JA Bremen. Die verlinkte Kopie liegt auf der Website der AfD. Die Passage zum geteilten Podcast-Beitrag vom 5. August 2017 steht auf PDF-Seite 274.
Verbindungen zwischen AfD, JA und Identitärer Bewegung
Im Beitrag verlinkte parlamentarische Befassung mit den personellen und organisatorischen Verbindungen.
Bericht zum Aufstieg von Robert Teske und Marvin Mergard in den Bremer AfD-Landesvorstand.
Porträt aus dem damaligen Xing-Profil
Im Beitrag verwendete Originaldatei. Das ursprüngliche Profil ist laut überlieferter Bildunterschrift inzwischen gelöscht.
Schick, Magnitz und Mergard in Vegesack
Archiviertes Foto des gemeinsamen Auftritts auf dem Vegesacker Marktplatz. Personen, Ort und Jahr folgen der bestehenden Bilddokumentation.
Gruppenaufnahme am Niedersachsenstein
Die im Beitrag analysierte Eigenveröffentlichung der Identitären Bewegung dokumentiert Schicks Auftreten im damaligen IB-Umfeld. Die Aufnahme bleibt vollständig erhalten.

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