Wo sind eure Masken? Querdenken trifft auf Widerstand

Archivbeitrag · Ereignis: 24. Oktober 2020 · Erstveröffentlichung: 25. Oktober 2020

Drei Stadtteile, wenige Anhänger:innen und lautstarker Gegenprotest: Die Bremer Tour von „Querdenken 421“ blieb am 24. Oktober 2020 hinter ihrem Anspruch zurück. AfD-Beteiligung, Reichsfarben und die demonstrative Missachtung von Schutzauflagen zeigten zugleich, welches politische Milieu sich unter dem vermeintlichen Freiheitsversprechen versammelte.

Drei Kundgebungen, sichtbarer Widerspruch


Teilnehmer:innen der Waller Kundgebung; im Vordergrund eine schwarz-weiß-rote Strickmütze, dahinter eine Kamera und Polizeikräfte.
Walle, 24. Oktober 2020: Reichsfarben auf der Kleidung im Publikum von „Querdenken 421“. Bilddokumentation: AfD Watch Bremen.

„Wo sind eure Masken?“ Mit diesem Ruf begleitete antifaschistischer Gegenprotest die Kundgebungen in Vegesack, Walle und Gröpelingen. Unsere damalige Vor-Ort-Berichterstattung beschrieb eine Tour, deren Redebeiträge immer wieder von ablehnenden Sprechchören übertönt wurden. Die Veranstalter:innen trafen in den Stadtteilen auf organisierten Widerspruch.

Die Kreiszeitung berichtete am 25. Oktober unter Berufung auf die Polizei von rund 40 Teilnehmenden am Vegesacker Fähranleger, 30 auf dem Waller Wartburgplatz und 25 auf einem Parkplatz in Gröpelingen. In Walle und Gröpelingen standen ihnen jeweils etwa 45 Gegendemonstrant:innen gegenüber.

Zum organisatorischen Rückschlag wurde die Stilllegung des Transportanhängers: Laut dem Bericht war dessen Versicherungsschutz erloschen. Nach unserer damaligen Beobachtung stand der Bühnenaufbau bei den weiteren Stationen nicht mehr zur Verfügung; die Organisator:innen behalfen sich mit einem Megaphon.

Die Polizeibilanz umfasste außerdem Anzeigen wegen Verstößen gegen Auflagen. In Vegesack erhielt ein Teilnehmer nach verweigerter Maskennutzung einen Platzverweis. In Walle musste ein Mann, der ein Messer mitführte, die Kundgebung verlassen; das Messer wurde sichergestellt. Auch gegen den Versammlungsleiter wurde dort eine Anzeige gefertigt.

AfD-Präsenz und Reichsfarben gehören zum Bild


Gerald Höns telefoniert im Publikum der Waller Kundgebung. Er trägt eine weiße Maske; im Hintergrund steht ein Polizeifahrzeug.
Der damalige AfD-Beirat Gerald Höns bei der Kundgebung in Walle am 24. Oktober 2020. Bilddokumentation: AfD Watch Bremen.

Unter den Teilnehmenden war Gerald Höns, damals AfD-Mitglied im Beirat Walle. Unsere Bilddokumentation zeigt ihn im Publikum; die ursprüngliche Reportage hielt auch die erneute Anwesenheit des Reichsbürger-Akteurs Göttsche fest. Die schwarz-weiß-rote Mütze im ersten Foto griff die Farben des Deutschen Reiches auf.

Höns brachte als gewählter Stadtteilpolitiker eine konkrete Verbindung zur AfD in diese Öffentlichkeit ein. Die Kundgebungen boten zugleich Anschluss für ein Milieu, dessen Misstrauen gegen demokratische Institutionen weit über den Streit um einzelne Corona-Maßnahmen hinausging. Unser Beitrag „Gefährlich unterschätzt“ dokumentiert die Entwicklung dieses Bremer Protestmilieus seit dem Frühjahr 2020. Höns’ politische Laufbahn erschließt das Personendossier Gerald Höns.

Die geringe Mobilisierung an diesem Samstag begrenzte die öffentliche Wirkung der Tour. Politisch bedeutsam blieb ihre Funktion als Treffpunkt: Parteipolitik, Reichsbürger-Ideologie und verschwörungsideologische Mobilisierung begegneten sich unter einem gemeinsamen Veranstaltungslabel. Der Gegenprotest machte diese Normalisierung rechter Präsenz zum öffentlichen Konflikt.

Ein Wochenende im Zeichen von Drohungen und Feindbildern

Die Bremer Tour fiel in ein Wochenende, an dem sich andernorts drastische Angriffe gegen Presse und Gesundheitsinstitutionen zeigten. In Minden hing in der Nacht zum 24. Oktober eine lebensgroße Puppe mit dem Schild „Covid-Presse“ an einem Strick über der Weser. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland berichtete über die inszenierte Hinrichtung; die Verantwortlichen waren damals unbekannt.

In der folgenden Nacht warfen Unbekannte Brandsätze gegen ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Ein Sicherheitsmitarbeiter löschte die Flammen. Der zeitgenössische Bericht hielt fest, dass der Staatsschutz eine politische Motivation prüfte. Beide Vorgänge machten die Gefährdung von journalistischer Arbeit und Gesundheitsinstitutionen sichtbar.

Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt den zugrunde liegenden Mechanismus: Verschwörungserzählungen verdichten komplexe Krisen zur vermeintlichen Schuld einzelner Personen oder Gruppen. Sie schaffen Zugänge zu antisemitischen und rassistischen Weltbildern und können Angriffe begünstigen. Die Personalisierung von Krisen liefert Zielscheiben für Einschüchterung.

In Bremen hatten wir bereits eine Woche zuvor über Anfeindungen gegen Gegenprotest und Berichterstattung auf dem Bahnhofsvorplatz berichtet. Der Beitrag „Pegidahaftes Querdenken“ dokumentiert diesen Vorgang vom 17. Oktober 2020. Die Stadtteiltour setzte die öffentliche Mobilisierung fort. Antifaschistischer Widerspruch sorgte dafür, dass ihr Freiheitsversprechen und ihre rechte Anschlussfähigkeit zugleich sichtbar wurden.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Berichterstattung und eigene Bilddokumentation zur Bremer Tour. Die Vorgänge in Minden und Berlin sind als gesonderte Ereignisse desselben Wochenendes eingeordnet.

Kreiszeitung · Thomas Kuzaj · 25. Oktober 2020

Rekordwerte an der Weser

Der Abschnitt zur Querdenken-Tour nennt Teilnehmerzahlen, Gegenprotest, Anzeigen, Messerfund und Stilllegung des Anhängers. Diese Angaben sind dort der Polizei zugeordnet.

AfD Watch Bremen · Weiterführendes Personendossier

Gerald Höns: Bunker, Rocker, Feindbilder

Politische Laufbahn und Verbindungen des damaligen AfD-Beirats in Walle; mit zeitlicher Einordnung seiner späteren Parteiwechsel.

AfD Watch Bremen · Historische Analyse

Gefährlich unterschätzt

Entstehung und Radikalisierung des Bremer Protestmilieus seit dem Frühjahr 2020, einschließlich AfD-Anknüpfungen und Reichsbürger-Ideologie.