BIW und BREWAG: Mit Angst Politik und Geschäfte machen
Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 24. Januar 2018
Jan Timke und Piet Leidreiter machten innere Sicherheit zum politischen Kernthema. Im Dezember 2017 gründeten die beiden BIW-Abgeordneten die Sicherheitsfirma BREWAG. Anfang 2018 beschäftigte sie im Columbus-Center einen Mann mit Verbindungen zur Neonaziszene. Der Fall zeigt, wie wenig das Law-and-Order-Versprechen über die Verlässlichkeit seiner Anbieter aussagt.

Angst als politisches und wirtschaftliches Kapital
Die BIW-Abgeordneten Jan Timke und Piet Leidreiter gründeten im Dezember 2017 die BREWAG GmbH. Beide verbreiteten auf Facebook Bedrohungsszenarien; ihre Organisation verlangte eine härtere Sicherheits- und Strafpolitik. Leidreiter erklärte der taz seine Geschäftsidee: „Als Unternehmer sucht man sich eben Geschäftsfelder, die Gewinne versprechen.“ [1]
Aus unserer Sicht entstand damit eine problematische Doppelrolle: Die politisch geschürte Angst konnte zugleich die Nachfrage nach privaten Schutzangeboten begünstigen. Mit der eigenen Firma verfolgten die Abgeordneten wirtschaftliche Interessen auf diesem Markt.
Sicherheitswerbung mit geliehenen Gesichtern

Nach der taz-Recherche präsentierte die Firmenwebsite zugekaufte Archivfotos als Bilder eigener Beschäftigter. Leidreiter räumte ein, dass sie keine BREWAG-Mitarbeiter:innen zeigten; er begründete dies mit deren Schutzbedürfnis. [1]
Ein Wachdienst verkauft Vertrauen in sein Personal. Fremde Menschen als eigene Beschäftigte vorzustellen, erzeugte einen irreführenden Eindruck von der betrieblichen Praxis.
Der erste Auftrag: Bewachung im Columbus-Center
Nord24 berichtete am 17. Februar 2018 über den ersten Bremerhavener Auftrag: BREWAG hatte zu Jahresbeginn die Bewachung im Columbus-Center übernommen. Mit dem Auftrag wechselten auch Beschäftigte eines anderen Dienstleisters zur neuen Firma. Zu ihnen gehörte Lars H. Timke erklärte gegenüber Nord24, ihm seien dessen Verbindungen zur rechten Szene bei der Übernahme unbekannt gewesen. [2]
Die Personalübernahme erklärt den Weg in das Unternehmen. Zugleich zeigt sie, woran ein Sicherheitsversprechen praktisch zu messen ist: an der Auswahl und Überprüfung der eingesetzten Menschen. Für Besucher:innen und Beschäftigte eines Einkaufszentrums zählt, wem sie vor Ort begegnen und ob sie darauf vertrauen können, ohne rassistische oder politische Vorbehalte behandelt zu werden.
Februar 2018: Nordic-12-Anhänger bei BREWAG
Unsere damalige Recherche machte die Verbindungen von Lars H. zur neonazistischen Bruderschaft Nordic 12 öffentlich. Die taz griff den Fall am 16. Februar 2018 auf: Fotos zeigten ihn im Umfeld der Gruppierung und mit einer Schwarzen Sonne auf seiner Weste. Das Symbol verweist auf die SS; auch der Name Nordic 12 nimmt auf seine zwölf Arme Bezug. [3]
Laut der taz verlangte die für die Verwaltung im Columbus-Center zuständige Gewoba eine Stellungnahme. BREWAG teilte daraufhin die Entlassung von Lars H. mit. Gegenüber Nord24 sprach Timke von einer fristgerechten Kündigung. Im März erklärte BREWAG ergänzend, H. werde bis zu seinem Ausscheiden nicht mehr als Sicherheitskraft eingesetzt. [2] [3] [4]
Die Kündigung war eine konkrete Reaktion auf die öffentlich gewordenen Verbindungen. Der Vorgang traf dennoch den politischen Anspruch der Gründer: Während BIW besonders entschlossen gegen Gefahren auftreten wollte, musste die eigene Firma nach Recherchen über einen Mitarbeiter aus dem neonazistischen Umfeld reagieren.
März 2018: Ein weiterer Mitarbeiter geriet in den Fokus
Am 7. März berichtete die taz über einen weiteren BREWAG-Wachmann, Andre K., der auf Facebook Unterstützung für die NPD Bremen und Nordic 12 bekundete. Der Bericht thematisierte außerdem die behördliche Prüfung der Zuverlässigkeit von Beschäftigten. BREWAG beantwortete die neuen Vorwürfe der Zeitung damals nicht. [4]
Parallel stand TSK, die Firma vom BIW-Fototermin am Bahnhof, wegen eigener Vorgänge in der Kritik. Dort arbeitete Lyzian B., dessen Teilnahme an Neonazi-Demonstrationen dokumentiert war. [4] Für die politische Bewertung ist diese Zuordnung entscheidend: Der Fototermin zeigte die öffentliche Nähe zu einem anderen Sicherheitsdienst; im Columbus-Center ging es um Personalverantwortung im Unternehmen der beiden Abgeordneten.
Wer Schutz verspricht, trägt Verantwortung
Die Ereignisse von 2017 und 2018 legen einen Widerspruch im Sicherheitsprofil von Bürger in Wut offen. Timke und Leidreiter nutzten das Thema politisch und bauten zugleich ein Geschäft in dieser Branche auf. Als die tatsächliche Personalpraxis sichtbar wurde, geriet das eigene Kompetenzversprechen unter Druck.
Sicherheit muss gerade für diejenigen gelten, die von rechter Gewalt und Einschüchterung bedroht sind. Neonazistische Bindungen von Wachpersonal berühren deshalb den Kern des Auftrags. Wer Schutz verkauft und politisch besondere Härte fordert, muss sich daran messen lassen, wie verlässlich das eigene Unternehmen diese Verantwortung wahrnimmt.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Zeitgenössische Berichte zur Gründung Ende 2017 und zu den Entwicklungen bis März 2018. Die Unternehmens- und Personalangaben beziehen sich auf diesen Zeitraum.
Rechtspopulisten gründen Security-Firma: Das Geschäft mit der Angst
Recherche zur Gründung, zur politischen Sicherheitskampagne und zur Darstellung vermeintlich eigener Beschäftigter auf der Firmenwebsite.
„Bürger in Wut“: Rechtsextremist auf Gehaltsliste von Timkes Firma?
Bericht über den Auftrag im Columbus-Center, die Personalübernahme und Timkes Erklärung zu fehlender Kenntnis und Kündigung.
Bestätigt das Beschäftigungsverhältnis von Lars H., seine Verbindungen zu Nordic 12 und die von BREWAG mitgeteilte Entlassung.
Schwarze Sheriffs, schwarze Schafe
Nachfolgebericht über BREWAG und TSK: weiterer Mitarbeiter mit rechten Verbindungen, Zuverlässigkeitsprüfungen und die Erklärung zum Ende des Einsatzes von Lars H.

Pingback: Sicherer shoppen mit Hitler – AfD Watch Bremen recherchiert, analysiert und berichtet zur lokalen AfD