Rechte Landnahme am Infostand: Wie die AfD Bremens Alltag besetzen will
Recherche und Analyse
„Remigration“-Flugblätter neben Renteninformationen, Jugendwerbung unter dem Parteipavillon, Neonazi-Akteure als Unterstützer: Die AfD nutzt ihre Infostände für den politischen Aufbau vor Ort. In Bremen verbindet sich diese Straßenpräsenz mit einer zweiten Bühne im Netz. Dort werden auch Konflikte mit Gegenprotestierenden verwertet. Hinter dem freundlichen Gesprächsangebot steht der Versuch, extrem rechte Politik im Alltag zu verankern.

Am 25. April 2025 stellte die AfD ihren Pavillon in der Bremer Neustadt auf. Zwei Tage später berichtete Recherche Nord vom Landesparteitag in Bremerhaven und ordnete die wiederkehrenden Stände in den organisatorischen Ausbau der Partei ein. Vertreter des Landesvorstands kündigten dort an, häufiger in der Neustadt aufzutreten. Die Partei wollte mit ihren Werbeaktionen weitere Interessierte ansprechen und ihre Strukturen festigen. Der Stand war damit Teil eines ausdrücklich benannten Aufbauprojekts. [1]
Der Pavillon als Tür zur Partei
Der Kreisverband Bremen-Nord formuliert den Anspruch selbst: „Jeder Infostand ist ein Baustein zur Rettung unserer Heimat.“ Kontinuierliche Arbeit vor Ort solle Vertrauen schaffen und Stimmen gewinnen. Zugleich wirbt der Verband für den Parteibeitritt. In seiner öffentlichen Kommunikation nennt er als verteiltes Material Renteninformationen, Flugblätter zum Rundfunkbeitrag und zu „Remigration“ sowie Aufkleber der Parteijugend Generation Deutschland. Kontaktpflege, Ideologie und Nachwuchswerbung liegen hier buchstäblich auf demselben Tisch. [2]
Diese Mischung macht das Format politisch brauchbar: Ein Gespräch über Alltagskosten eröffnet den Zugang zu weiterem Parteimaterial. Der wiederkehrende Stand bietet einen leicht erreichbaren Treffpunkt, persönliche Ansprache und Gelegenheiten zur Mitarbeit. Die AfD beschreibt damit ihr Ziel, aus Aufmerksamkeit politische Bindung zu machen. Ihre Berichte aus der Vegesacker Fußgängerzone setzen die Straßenaktion anschließend als Erfolgsgeschichte im Netz fort. [2] [3]
„Remigration“ zwischen Rentenflyer und Jugendaufkleber
Das am Stand beworbene Schlagwort gehört zum ideologischen Kern der extremen Rechten. Jan Riebe dokumentierte bei Belltower.News, wie die brandenburgische AfD-Abgeordnete Lena Kotré 2025 Martin Sellners Konzept ausdrücklich aufgriff und dabei auch deutsche Staatsangehörige ins Visier nahm, die sie als unzureichend angepasst betrachtete. Zugehörigkeit wird in diesem Konzept an ethnokulturelle Bedingungen geknüpft. Es erhebt den Anspruch, darüber zu bestimmen, welche Menschen im Land bleiben dürfen. [4]
Die Bremer Kommunikation liefert dazu einen konkreten Anschluss. Der Kreisverband Bremen-Nord verbreitete einen Beitrag von Marvin Mergard, in dem dieser zustimmend eine Aussage Fabian Janks zitierte: Erwerbsarbeit und Steuerzahlungen sollten als Begründung für akzeptierte Einwanderung zurücktreten; demografischer Wandel wurde als „eigene Abschaffung“ beschworen. Das ist die völkische Zuspitzung des Themas: Selbst der arbeitende und steuerzahlende Einwanderer erscheint als Teil einer Bedrohung. Hinter der freundlichen Ansprache steht ein Gesellschaftsbild, das Menschen nach zugeschriebener Zugehörigkeit sortiert. [5]
Neonazi-Unterstützung am AfD-Tisch
Die Verbindung zur militanten Szene lässt sich an einem konkreten Standort zeigen. Eine Bildrecherche von Antifa Bremen dokumentiert zwei Personen, die sie dem Umfeld der „weserems.aktion“ zuordnet, als Unterstützer eines AfD-Stands am 15. März 2025 in Gröpelingen. Die Veröffentlichung stellt diese Aufnahme neben weitere dokumentierte Auftritte der Szene. Hier treffen organisierte Neonazis und die Straßenarbeit der AfD praktisch aufeinander. [6]
Was dieses Umfeld politisch ausmacht, beschrieb Andreas Speit in der taz: Die „weserems.aktion“ verbreitete Aufrufe gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen und gegen die Erinnerung an die NS-Verbrechen. Beteiligte filmten den Diebstahl politischer Banner am Sielwallhaus und präsentierten sich anschließend mit den Transparenten vor der Grünen-Zentrale. Bei Durchsuchungen fanden Ermittler:innen nach Speits Bericht unter anderem Hakenkreuzfahnen, NS-Propagandamaterial und zahlreiche Waffen. [7]
Ein AfD-Stand, an dem Akteure aus diesem Milieu mitwirken, wird damit zu einer Kontaktfläche zwischen Parteiorganisation und neonazistischer Straßenpolitik. Die politische Brisanz steckt im gemeinsamen Handeln vor Ort: Personen aus einem einschüchternden, menschenfeindlichen Umfeld unterstützen eine Partei beim öffentlichen Werben um Zustimmung.
Hohe Wahlergebnisse hier, demonstrative Präsenz dort
Die Standorte liegen in sehr unterschiedlichen politischen Umfeldern. Die Bundestagswahl 2025 liefert dafür eine kleinräumige Bestandsaufnahme: Gröpelingen, Blumenthal und Burgdamm weisen deutlich höhere AfD-Zweitstimmenanteile auf als die Stadt Bremen insgesamt. Walle liegt nahe am städtischen Wert. Die Neustadt, in der Recherche Nord den Stand dokumentierte, gehört zu den schwächeren AfD-Gebieten. Die folgenden Zahlen beschreiben die Wahlentscheidung im jeweiligen Gebiet. [8]
| Gebiet / Ebene | AfD-Anteil |
|---|---|
| Land BremenBundesland | 15,1 % |
| Stadt BremenStadt | 13,5 % |
| BremerhavenStadt | 23,5 % |
| WalleStadtteil | 13,0 % |
| GröpelingenStadtteil | 20,3 % |
| HemelingenStadtteil | 16,6 % |
| VegesackStadtteil | 18,5 % |
| BlumenthalStadtteil | 25,3 % |
| BurgdammOrtsteil | 26,1 % |
| AltstadtOrtsteil | 8,1 % |
| NeustadtStadtteil | 6,9 % |
| NeustadtOrtsteil | 4,8 % |
Anteil an den gültigen Zweitstimmen, einschließlich Briefwahl; amtliches Endergebnis, auf eine Nachkommastelle gerundet. Jeder Gebietsname führt zur zugehörigen Ergebnistabelle. Stadtteil und Ortsteil Neustadt sind unterschiedliche Gebietsebenen.
Für die Analyse sind damit zwei Funktionen erkennbar: Die Partei kann in Gebieten mit hohen Ergebnissen vorhandene Unterstützung organisatorisch ansprechen. An anderen Standorten bringt sie ihre Propaganda mitten in ein ablehnenderes politisches Umfeld. Für die Innenstadt dokumentiert ein bei „Bremen so gesehen“ wiedergegebener SPD-Mitgliederaufruf einen geplanten AfD-Stand vor der Glocke an der Domsheide am 25. Juli 2026 und den Aufruf zum Gegenprotest. Auch das Zentrum gehört zu den umkämpften Orten dieser Parteipräsenz. [9]
In Bremerhaven kommen 23,5 Prozent der gültigen Zweitstimmen von 2025 und eine neu zusammengesetzte parlamentarische Struktur zusammen: Seit Juni 2026 bilden Sven Lichtenfeld und Claudia Baltrusch die „AfD Bremerhaven Gruppe“. Beide Mandate wurden 2023 über Bürger in Wut gewonnen. Lichtenfeld ist AfD-Mitglied und Gruppensprecher, Baltrusch seine Stellvertreterin. Die Zusammenarbeit verschafft dem AfD-Namen kommunalparlamentarische Präsenz und Ausschusssitze. Organisatorischer Aufbau findet somit auf der Straße und innerhalb der parlamentarischen Institutionen statt. [8] [10]
Der Gegenprotest hat eigene Akteur:innen und eigene Gründe
Die dokumentierten Proteste zeigen, dass die AfD beim Versuch dieser Verankerung auf Widerspruch stößt. Am 15. März 2025 versammelten sich laut der von Radio Bremen wiedergegebenen Polizeidarstellung etwa 50 Menschen vor einem Stand am Waller Ring; die Polizei bewertete die Gegendemonstration als friedlich. Nach deren Ende und dem Abbau des Stands verletzten zwei Unbekannte einen 29-jährigen AfD-Unterstützer mit einem Flaschenwurf leicht am Arm. Radio Bremen berichtete außerdem über ein Video, auf dem eine Demonstrantin Sergej Minich mit einem Pappschild trifft. Die einzelnen Vorgänge haben jeweils eigene Beteiligte und Abläufe. [11]
Am 25. April 2025 protestierten laut Radio Bremen rund 200 Menschen gegen den Stand in der Delmestraße. Am 13. September 2025 folgten zwei angemeldete Gegenkundgebungen mit zusammen etwa 150 Teilnehmenden am Bahnhof Walle. Dort stoppte die Polizei nach eigener Darstellung eine weitere Gruppe von bis zu 30 Vermummten, die auf den AfD-Stand zurannte. In dieser Chronik stehen organisierter Widerspruch, einzelne Übergriffe und polizeiliche Maßnahmen nebeneinander. Die politische Auseinandersetzung umfasst mehr als die spektakulärsten Sekunden eines Videos. [12] [13]
Wenn die AfD die Bilder liefert
Wie wirksam die Auswahl des Ausschnitts für die öffentliche Darstellung ist, zeigt die Kontroverse um Radio Bremens Walle-Berichterstattung im September 2025. Der Publikumsbericht verzeichnet knapp 30 kritische Eingaben. Sie beanstandeten unter anderem AfD-Videos und AfD-O-Töne, die Konzentration auf den Zwischenfall und die ausgeblendeten Perspektiven des friedlichen Protests. [14]
Der Sender verteidigte seine Entscheidung: Er habe Herkunft und Echtheit der Aufnahmen geprüft; nachrichtenrelevant sei der mutmaßliche Angriff gewesen. Stellungnahmen friedlich Protestierender hielt die Redaktion für entbehrlich, weil diese augenscheinlich unbeteiligt waren. Diese Auswahl ist der kritische Punkt. Die AfD erhielt Raum für ihre Bilder und Aussagen, während die Gründe des organisierten Widerspruchs in den Hintergrund rückten. [14]
Für die Partei eröffnete der Konflikt damit eine zweite Bühne. Aus dem Straßenstand wurde ein Medienereignis, in dessen Zentrum sie als Angegriffene stand. Das übernommene Parteimaterial verschaffte der AfD-Perspektive zusätzliche Reichweite. Genau darin liegt das Problem dieser Auswahl: Ihre Propaganda und die politischen Gründe des Gegenprotests wurden von der Dramaturgie des Zwischenfalls überlagert.
Die Zumutung trifft die Menschen vor Ort
Wer „Remigration“ im Einkaufsumfeld bewirbt und zugleich demografische Veränderung als Selbstabschaffung deutet, stellt die Zugehörigkeit von Menschen mit Einwanderungsgeschichte öffentlich zur Disposition. Die beschriebene Neonazi-Unterstützung verschärft diese politische Zumutung. An solchen Orten geht es auch darum, wer sich als selbstverständlicher Teil der Stadt bewegen kann und wer zum Gegenstand rechter Ausgrenzung gemacht wird.
Die Bremer Beratungsstelle soliport setzt bei den Erfahrungen Betroffener an. Sie unterstützt Menschen nach rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, auch bei Bedrohungen und Beleidigungen, ebenso Zeug:innen und Angehörige. Ihre Arbeit richtet sich nach den Bedürfnissen der Betroffenen. Diese Perspektive gehört ins Zentrum der Auseinandersetzung um rechte Straßenpräsenz: Sicherheit, Unterstützung und gleiche gesellschaftliche Zugehörigkeit. [15]
Die AfD verfolgt mit dem wiederkehrenden Pavillon einen Machtanspruch im Kleinen: ansprechbar werden, ihre Begriffe verbreiten, Interessierte binden und den Auftritt digital verlängern. In Bremen lässt sich dieses Vorhaben an Eigenwerbung, dokumentierten Ständen und konkreten personellen Verbindungen festmachen. Der freundliche Ton am Tisch ist die Verpackung. Politisch angeboten werden Ausgrenzung und der Anspruch, darüber zu bestimmen, wer dazugehört. Der sichtbare Gegenprotest bestreitet der Partei genau diese Deutungshoheit über die Stadt.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Fachjournalistische Recherchen und Bilddokumentationen belegen Praxis und personelle Verbindungen. Parteiäußerungen sind als Eigenangaben gekennzeichnet. Die Wahlstatistik beschreibt räumliche Wahlergebnisse; der Publikumsbericht dokumentiert die Medienkontroverse einschließlich der Antwort Radio Bremens.
Landesparteitag der AfD-Bremen in Bremerhaven
Dokumentiert auch den Infostand vom 25. April 2025 in der Neustadt und Aussagen zum Ausbau der Parteistrukturen. Quelle des übernommenen Beitragsfotos.
Kontinuierliche Infostände und verteiltes Werbematerial
Öffentlich indexierte Wiedergabe des Parteikontos: Baustein-Aussage, Werbung für Mitgliedschaft und Angaben zu Flugblättern sowie Jugendaufklebern. Parteiselbstdarstellung, wiedergegeben über TwStalker.
Infostand in der Vegesacker Fußgängerzone
Einzelbeitrag des Parteikontos, öffentlich wiedergegeben über TwStalker. Verknüpft einen Stand mit einer politischen Erfolgserzählung.
Verabschiedet sich die AfD von Martin Sellners Remigrations-Konzept?
Fachjournalistische Analyse mit dokumentierten Aussagen Lena Kotrés zur Anwendung des Konzepts auf deutsche Staatsangehörige.
Zustimmung zu Fabian Janks Einwanderungs- und Demografieaussage
Einzelbeitrag Mergards, über TwStalker lesbar; vom Konto des Kreisverbands Bremen-Nord weiterverbreitet. Beleg für die analysierte politische Aussage.
„Viele Hände, schnelles Ende“ – Jungnazis in Bremen
Antifaschistische Recherche mit Bildmaterial zur „weserems.aktion“, darunter Unterstützung eines AfD-Stands am 15. März 2025 in Gröpelingen. Personenzuordnungen werden der Quelle zugeschrieben.
Nur ein Knoten im Nazi-Netzwerk
Recherche zur „weserems.aktion“, ihrer Propaganda, dem gefilmten Bannerraub am Sielwallhaus und den Funden bei Durchsuchungen.
Amtliche Endergebnisse nach Städten und kleinräumigen Gebieten
Die Tabelle im Beitrag verlinkt jede Gebietsauswertung einzeln. Ausgewertet wird der Anteil der AfD an den gültigen Zweitstimmen einschließlich Briefwahl.
Veröffentlichte Wiedergabe des SPD-Aufrufs zur Domsheide
Enthält als Zitat aus einem SPD-Mitgliederinfo den Protestaufruf für den 25. Juli 2026 vor der Glocke. Herangezogen für Ankündigung, Ort und Datum.
Claudia Baltrusch und die „AfD Bremerhaven Gruppe“
Dokumentiert den Zusammenschluss mit Sven Lichtenfeld im Juni 2026, die Wahlherkunft beider Mandate und die Ausschussarbeit; mit Verweisen auf die parlamentarischen Unterlagen.
2 Männer attackieren AfD-Unterstützer in Bremen-Walle
Berichtet getrennt über die Gegendemonstration, den späteren Flaschenwurf und einen im Video sichtbaren Vorfall mit einem Pappschild. Polizeidarstellungen werden ausdrücklich zugeordnet.
200 Menschen demonstrieren gegen AfD-Infostand in Bremer Neustadt
Zeitgenössischer Bericht zum Stand in der Delmestraße, zum Gegenprotest und zu den polizeilich berichteten Vorfällen.
Polizei stoppt gewaltsam Übergriff auf AfD-Infostand in Bremen-Walle
Dokumentiert den Stand am Bahnhof Walle, zwei angemeldete Gegenkundgebungen und das polizeilich beschriebene Vorgehen gegen eine weitere Gruppe.
Publikumsbericht: Eingaben zur Walle-Berichterstattung
Abschnitt 2.1, PDF-Seiten 7–8: Kritik am AfD-Material und an der Auswahl der Perspektiven sowie die redaktionelle Begründung des Senders.
Unterstützung bei rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt
Beratungsangebot für Betroffene, Zeug:innen und Angehörige in Bremen und Bremerhaven; kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym.
