
Stefan Dettmann und Sergej Minich diktieren in einem AfD-Propagandavideo der freien Presse und dem Anti-AfD-Protest was demokratisch sei und was nicht. Screenshot, Youtubekanal @AfD Bremerhaven. Abgerufen am 24.08.2026.
Die AfD Bremen präsentiert sich nach ihrer Listenaufstellung in Bremerhaven als geeinte und bedrängte Opposition. Doch hier organisiert sich keine gewöhnliche demokratische Partei neu, sondern ein rassistisch und extrem rechts ausgerichteter Landesverband.
Die AfD Bremen hat am 22. August 2026 ihre Kandidat:innen für den Wahlbereich Bremerhaven zur Bürgerschaftswahl 2027 aufgestellt. In einem anschließend veröffentlichten Statement treten Landesvorsitzender und Bundestagsabgeordneter Sergej Minich und Stefan Dettmann auf, den die Partei als „Kreisvorsitzenden der AfD Bremerhaven“ vorstellt. Der Beitrag soll Geschlossenheit, Handlungsfähigkeit und Wahlbereitschaft vermitteln.
Diese Selbstdarstellung beginnt mit einer politischen Verzerrung und Umkehrung. Rund 400 Menschen hatten mit einer Menschenkette gegen die Versammlung protestiert. Minich bezeichnete den Protest gegenüber Radio Bremen als „zutiefst undemokratisch“. Die Demonstrant:innen versuchten, eine gesetzlich vorgeschriebene Parteiveranstaltung zu „torpedieren“. Dettmann behauptete, die Demonstration sei von “den Altparteien manipuliert“. Ein rechtsextremes Narrativ, das jede Kritik an der AfD pauschal abwehren soll. Die Versammlung fand jedoch statt und wurde von der Polizei gesichert. Der demokratische legitime Protest wird zum Angriff auf die Demokratie erklärt, die kritisierte Partei dagegen zum “Opfer”. Gleichzeitig schloss die AfD sämtliche Journalist:innen von der Wahlversammlung aus. (Wir berichteten). Minich erklärte: „Die Versammlung hat sich dagegen entschieden.“ Als Begründung führte er eine „gewisse Gefährdungslage“ für Parteimitglieder an. Man habe beschlossen, „alle Pressemitglieder gleich zu behandeln“ und deshalb niemanden einzulassen.
Das Ergebnis dieser angeblichen Gleichbehandlung ist ein angestrebtes Informationsmonopol der Partei. Die AfD entscheidet selbst, welche Kandidaturen, Abstimmungen und Konflikte öffentlich werden. An die Stelle unabhängiger Berichterstattung tritt nun ein durch die Partei kontrolliertes Video.
Rassismus ist kein gewöhnliches Parteiprogramm
Die formale Zulassung zu Wahlen macht die AfD zu einer Partei im rechtlichen Sinne. Sie macht ihre politische Ausrichtung nicht demokratisch. Das Deutsche Institut für Menschenrechte ordnet die AfD auf Grundlage ihrer Programmatik und der Aussagen führender Funktionär:innen als rassistische und rechtsextreme Partei ein. Ihre national-völkische Politik richtet sich demnach gegen die gleiche Menschenwürde und die gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen.
Im Zentrum steht die Vorstellung, dass Herkunft und Abstammung darüber entscheiden sollen, wer vollständig zur Gesellschaft gehört. Menschen mit Migrationsgeschichte, Geflüchtete und Muslim:innen werden dabei nicht als gleichberechtigter Teil einer pluralen Gesellschaft behandelt, sondern als vermeintliche Bedrohung für ein ethnisch und kulturell definiertes Volk. Gegen queere Menschen, geschlechtliche Selbstbestimmung und Gleichstellung führt die Partei einen autoritären Kulturkampf. Ihre Politik beruht damit auf der Abwertung gesellschaftlicher Gruppen und der Einteilung von Menschen in unterschiedlich wertvolle Teile der Bevölkerung. Diese Ausrichtung ist keine Randposition einzelner Mitglieder. Sie prägt die Programmatik, die parlamentarischen Initiativen und die öffentliche Kommunikation der Partei. Das Menschenrechtsinstitut warnt deshalb ausdrücklich davor, die AfD als gewöhnliche demokratische Partei zu behandeln. Ihre Strategie zielt darauf, rassistische und national-völkische Positionen zu normalisieren und als legitime politische “Alternativen” erscheinen zu lassen.
Vor diesem Hintergrund ist Minichs Angriff auf den Bremerhavener Protest besonders bemerkenswert. Die Demonstration richtete sich gegen die rassistische und rechtsextreme Politik der AfD. Minich erklärt diesen Widerspruch für „undemokratisch“ und versucht damit, die Rollen umzukehren: Nicht die Ungleichwertigkeitsideologie seiner Partei soll als Gefahr erscheinen, sondern der öffentliche Protest dagegen. Besser kann ein AfD-Funktionär den eigenen ideologischen Extremismus nicht zur Schau stellen.
“Geschlossenheit” nach selbstverschuldeten Scheitern
Bei der Bürgerschaftswahl 2023 konnte die AfD nicht antreten, weil zwei verfeindete Landesvorstände konkurrierende Wahlvorschläge eingereicht hatten. Der Staatsgerichtshof bestätigte später, dass der Wahlausschluss rechtmäßig war. Die Partei scheiterte nicht an ihren politischen Gegner:innen, sondern an ihren eigenen Machtkämpfen. Auch der Bremerhavener Kreisverband steht geschwächt da. Thomas Jürgewitz und Wolfgang Koch verließen die AfD im Juni 2026 und wechselten zu Bündnis Deutschland. Damit verlor die Partei ihre beiden Mandate in der Stadtverordnetenversammlung. Die Ausgetretenen warfen ihr fehlende innerparteiliche Demokratie und mangelnde Toleranz gegenüber abweichenden Positionen vor. Außerdem berichteten sie von Gewalt gegen Mitglieder bei einem Kreisparteitag. Radio Bremen dokumentierte die Vorwürfe.
In dieser Situation übernimmt Stefan Dettmann den Kreisverband. Noch im Oktober 2025 trat er als „Kreisschatzmeister“ auf, während Stephan Hilbers sich als „Kreisvorsitzender“ bezeichnete. Die damalige Aufgabenverteilung dokumentierte der Kreisverband selbst. Im aktuellen Video erscheint Dettmann als „Kreisvorsitzender“. Wann und unter welchen Umständen der Wechsel erfolgte, hat die Partei bislang nicht transparent gemacht. Für 2027 setzt die AfD auf eine stärkere Zentralisierung unter Sergej Minich. Der Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete wurde mit 89,4 Prozent zum Spitzenkandidaten für den Wahlbereich Bremen gewählt. Im Fall seines Einzugs in die Bürgerschaft will er sein Bundestagsmandat abgeben. Minich richtet seine politische Zukunft damit auf den Aufbau einer neuen AfD-Vertretung im Landesparlament aus.
Das gemeinsame Statement von Minich und Dettmann zeigt keine politisch erneuerte Partei. Es zeigt einen rassistisch und rechtsextrem ausgerichteten Landesverband, der seine früheren Machtkämpfe durch klarere Hierarchien und eine kontrollierte Außendarstellung überwinden will. Die AfD Bremen ist vor allem besser darin geworden, Geschlossenheit zu inszenieren – und selbst zu bestimmen, welche Öffentlichkeit sie dabei zulässt.
Redaktion
AfD Watch Bremen
