Berufliche Autorität im Dienst der Desinformation

Archivbeitrag · Ereignis: 11. Oktober 2020 · Erstveröffentlichung: 13. Oktober 2020

Beim Bremer Halt ihrer „Corona-Info-Tour“ sprachen Bodo Schiffmann und Samuel Eckert gezielt Menschen aus Bildung und Gesundheitswesen an. Die Mobilisierung setzte auf Vertrauen und berufliche Autorität. Schiffmanns unbelegte Erzählungen über angeblich tödliche Masken und Eckerts verschwörungsideologische Mission zeigten, welche Botschaften damit verbreitet werden sollten.

Am Tourbus: Die Suche nach beruflicher Glaubwürdigkeit


Bodo Schiffmann spricht mit einem Mikrofon vor einem schwarzen Reisebus; zahlreiche Menschen stehen vor ihm.
Bodo Schiffmann am 11. Oktober 2020 auf dem Bremer Bahnhofsvorplatz. Bilddokumentation: AfD Watch Bremen.

Am Sonntag, dem 11. Oktober 2020, machte die Bustour auf dem Bahnhofsvorplatz Station. Unser damaliger Vor-Ort-Bericht hielt fest, dass Schiffmann und Eckert zum Abschluss pädagogisches und medizinisches Personal aufforderten, zum Bus zu kommen. Mehrere Menschen folgten dem Aufruf. Die ursprüngliche Fassung leitete daraus eine Beschäftigung in Bremer Einrichtungen ab; diese konkrete Zuordnung war durch die Beobachtung nicht gedeckt.

Politisch aufschlussreich bleibt die gezielte Ansprache dieser Berufsgruppen. Wer in einer Praxis, einer Schule oder einer Pflegeeinrichtung arbeitet, begegnet Menschen in Verhältnissen besonderen Vertrauens. Die öffentliche Mobilisierung solcher Berufsrollen kann Desinformation zusätzliche Glaubwürdigkeit verschaffen. Die Organisatoren machten diese Rollen zu einem sichtbaren Teil ihres Auftritts.

Schiffmann trat damals als HNO-Arzt auf und betrieb in Sinsheim eine Praxis für Schwindelbeschwerden. Eckert war Unternehmer und hatte als Laienprediger bei den Siebenten-Tags-Adventisten gesprochen. Die Recherche von t-online vom 7. Oktober 2020 beschrieb, wie er religiöse Gewissheit mit der Behauptung einer täuschenden Politik und Wissenschaft verband. Beide brachten damit unterschiedliche Formen persönlicher Autorität in dieselbe Mobilisierung ein.

Angst um Kinder wird zum Druckmittel

Bereits vor dem Bremer Auftritt hatte Schiffmann in Videos behauptet, Kinder seien durch das Tragen von Masken gestorben. Der ARD-faktenfinder dokumentierte am 30. September 2020, dass ein tatsächlicher Todesfall ohne Beleg mit der Maske verknüpft wurde. Für einen von Schiffmann behaupteten weiteren Fall nannte er weder überprüfbare Einzelheiten noch Nachweise.

Der Faktencheck berichtete zugleich, dass Schiffmann Lehrkräften eine Gefährdung des Kindeswohls durch die Umsetzung von Schutzmaßnahmen vorwarf und die Regierung als faschistisch beschimpfte. Aus einer unbelegten Todesursache wurde so eine moralische Anklage: Wer Regeln befolgte, sollte als Gefahr für Kinder erscheinen. Die emotionalisierte Erzählung schuf Druck auf Eltern und Beschäftigte in Bildungseinrichtungen.

Eckert erklärte seinerseits gegenüber t-online, die Pandemie sei ein Betrug, und bestritt einen hinreichenden wissenschaftlichen Virusnachweis. Seine Ablehnung der Maske begründete er religiös; im Zusammenhang mit seinen Predigten kam es zum Zerwürfnis mit seiner Kirche. Die Recherche zitierte zugleich deren Deutschland-Sprecher mit Unterstützung für die staatlichen Eindämmungsmaßnahmen. Eckerts Position war seine eigene politische und religiöse Deutung.

Das Q auf der Warnweste


Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz. Links trägt eine Person eine gelbe Warnweste mit einem großen Q, in das ein Peace-Zeichen eingezeichnet ist.
Aufnahme aus der ursprünglichen Bilddokumentation des Bremer Tourhalts: Ein Q mit integriertem Peace-Zeichen auf einer Warnweste. Bilddokumentation: AfD Watch Bremen.

Im Publikum war auf einer Warnweste ein großes Q zu sehen, kombiniert mit einem Peace-Zeichen. Wir lesen diese Kombination im Kontext der Kundgebung als QAnon-Bezug, verbunden mit einer Friedensbotschaft. Belltower.News hatte das Q bereits im August 2020 als Erkennungszeichen dokumentiert. Es steht in diesem Milieu für die Erzählung von einem geheimen Kampf Donald Trumps gegen eine angeblich allmächtige, verbrecherische Elite.

Das Friedenszeichen macht diesen Inhalt nicht harmlos. Die Amadeu Antonio Stiftung ordnete QAnon in ihrem Bericht vom Dezember 2020 als antisemitische und gefährliche Verschwörungsideologie ein und untersuchte ihre Ausbreitung in Deutschland. Die Bewegung übersetzt gesellschaftliche Konflikte in einen vermeintlichen Kampf gegen verborgene Feinde. Auf der Bremer Kundgebung bekam dieses Weltbild einen sichtbaren Platz zwischen den Versprechen von Aufklärung und Freiheit.

12. Oktober 2020: Schiffmann lobt die AfD

Einen Tag nach Bremen trat Schiffmann in Frankfurt an der Oder auf. Die Märkische Oderzeitung berichtete am 12. Oktober 2020 über sein ausdrückliches Lob für die AfD. Er habe die Partei unterschätzt, erklärte er, und sagte über sie: „Das sind die, die im Moment um unsere Demokratie kämpfen“. Das Publikum applaudierte.

Diese Aussage gab der Mobilisierung eine offene parteipolitische Richtung. Die AfD erhielt von einem Arzt, der mit angeblicher Aufklärung durch das Land fuhr, ein demokratisches Gütesiegel. Zugleich wurden die Institutionen, denen seine Anhänger:innen misstrauen sollten, als Teil einer Täuschung dargestellt. Berufliches Ansehen und persönliche Glaubwürdigkeit dienten so einer Kampagne gegen das Vertrauen in demokratische Öffentlichkeit.

Darin liegt der blinde Fleck: Der gesellschaftliche Einfluss solcher Akteure wächst auch durch anerkannte Rollen und alltägliche Vertrauensbeziehungen. Die Ansprache von Pädagog:innen und medizinischem Personal zielte genau auf diese Schnittstelle. Wer die Bewegung nur als schrille Kundgebung betrachtet, übersieht ihren Versuch, verschwörungsideologische Botschaften mit dem Ansehen helfender und lehrender Berufe auszustatten.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Unsere damalige Vor-Ort-Beobachtung und die beiden Originalfotos dokumentieren den Bremer Tourhalt. Die weiteren Quellen ordnen konkrete Aussagen der Redner und die sichtbare QAnon-Symbolik ein.

AfD Watch Bremen · 11. Oktober 2020 · Archivverweis

Ursprünglicher Videolink zum Bremer Tourhalt

Der im Ausgangsbeitrag verlinkte YouTube-Inhalt war bei der Überarbeitung am 9. Oktober 2026 nicht abrufbar. Die Szene am Bus wird nach unserer zeitgenössischen Beobachtung wiedergegeben; die Originalfotos bleiben im Beitrag erhalten.

Amadeu Antonio Stiftung · 2. Dezember 2020 · de:hate report #01

QAnon in Deutschland

Spätere fachliche Einordnung für das Jahr 2020: Verbreitung, antisemitischer Gehalt und Radikalisierungsdynamik der Verschwörungsideologie.

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