Bite Back! Queeres Leben verteidigen – gegen Gewalt und Einschüchterung
Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 19. November 2022
Nach schweren queerfeindlichen Angriffen gingen am 19. November 2022 in Bremen mehrere Hundert Menschen auf die Straße. Betroffene berichteten über Gewalt, Drohungen und Angriffe auf Beratungsräume. Ihr Protest verband Sichtbarkeit mit einer konkreten Forderung: Queeres Leben braucht Schutz und solidarischen Rückhalt.

Am 19. November 2022 demonstrierten in Bremen mehrere Hundert Menschen gegen trans- und queerfeindliche Gewalt. Aufgerufen hatte das Bite Back Bündnis, ein Zusammenschluss queerer Menschen und ihrer Unterstützer:innen. Nach dem zeitgenössischen Bericht von queer.de nannten die Organisator:innen etwa 400 Teilnehmende; die Polizei sprach von rund 350. Der Zug führte aus der Neustadt in die Innenstadt. [1]
Gewalt in der Straßenbahn, Angst im Alltag
Ein unmittelbarer Anlass war der Angriff auf eine 57-jährige trans Frau in einer Bremer Straßenbahn im September 2022. Nach der damaligen Berichterstattung wurde sie aus einer Gruppe heraus beleidigt, ihr wurde die Perücke heruntergerissen und ins Gesicht geschlagen. Sie erlitt schwere Verletzungen. Andere Fahrgäste griffen ein. [1] [3]
Auf der Demonstration wurde auch an Malte C. erinnert. Der 25-jährige trans Mann war nach einem Angriff beim CSD in Münster am 2. September 2022 gestorben. Er hatte sich schützend vor Frauen gestellt, die queerfeindlich beschimpft wurden. [2] [3] Wenige Wochen vor dem Bremer Protest berichtete queer.de zudem über einen Angriff auf ein schwules Paar am Bahnhofsplatz: Nach den dort wiedergegebenen Polizeiangaben wurden die beiden Männer am 30. Oktober beleidigt und mit Fäusten und Tritten attackiert; einer musste ins Krankenhaus. [4]
Rat & Tat: „besorgt und wütend“
Das Bremer Beratungszentrum Rat & Tat schilderte in seinem von uns dokumentierten Redebeitrag Morddrohungen, Hassmails und wiederholte Buttersäureangriffe auf das Zentrum. Auch ein Angriff auf einen Mitarbeitenden wurde benannt. Die Community sei „besorgt und wütend“. [2] Die Schilderungen machten deutlich, wie eng persönliche Sicherheit und der Schutz queerer Beratungs- und Begegnungsorte zusammenhängen.
Am Lucie-Flechtmann-Platz forderte Rat & Tat, queerfeindlichen Angriffen entschlossen entgegenzutreten, Aufklärungsarbeit in Schulen und Jugendgruppen zu stärken und Hasskriminalität sichtbar zu erfassen. Der Verein verband das mit der Forderung nach einem solidarischen Miteinander in Bremen. [2]

Einschüchterung greift die Freiheit aller Betroffenen an
Am Rand der Demonstration dokumentierten wir trans- und queerfeindliche Beleidigungen und Störungen. [2] Der Protest gegen Einschüchterung wurde damit selbst angefeindet. Wer Menschen wegen ihrer geschlechtlichen Identität oder sexuellen Orientierung attackiert, greift ihren Anspruch an, sich sicher und sichtbar im öffentlichen Raum zu bewegen.
Eine bereits im Januar 2022 veröffentlichte Analyse von Belltower.News beschrieb die gesellschaftliche Verankerung von Transfeindlichkeit und die besondere Gefährdung mehrfach diskriminierter Menschen. Sie verwies auch auf das Dunkelfeld: Angst vor weiterer Diskriminierung und fehlendes Vertrauen in Behörden können Betroffene davon abhalten, Angriffe zu melden. [5] Die Forderung nach Sichtbarkeit braucht deshalb verlässliche Unterstützung und Schutz.
Den Zusammenhang feministischer, queerer und antirassistischer Kämpfe dokumentiert auch unser Bericht über den feministischen Kampftag in Bremen am 8. März 2022.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Vor-Ort-Dokumentation, zeitgenössische Berichte und fachliche Einordnung. Der Beitrag beschreibt die Demonstration und den Kenntnisstand von 2022.
Demo gegen queerfeindliche Gewalt in Bremen
Zeitgenössischer Bericht über den Protest vom Samstag, 19. November, mit den getrennt ausgewiesenen Teilnahmeangaben von Organisationsteam und Polizei sowie dem Anlass der Demonstration.
Bilddokumentation: „Queeres Leben verteidigen!“
Die Erstberichterstattung dokumentiert den Redebeitrag von Rat & Tat, die Erinnerung an Malte C. und Störungen am Demonstrationsrand. Die Aussagen des Beratungszentrums sind als dessen Schilderungen wiedergegeben.
Getöteter trans Mann Malte C.: Wider die Queerfeindlichkeit
Bericht über Malte C., die Reaktionen auf seinen Tod und den Angriff auf eine trans Frau in einer Bremer Straßenbahn. Dokumentiert den damaligen Kenntnisstand.
Tritt gegen Kopf: Schwules Paar in Bremen angegriffen
Zeitgenössischer Bericht zum Angriff vom 30. Oktober am Bremer Bahnhofsplatz; die Angaben zum Tatablauf beruhen auf der damaligen Polizeimeldung.
Transfeindlichkeit in Deutschland: Zahl der Gewaltvorfälle steigt
Fachjournalistische Einordnung zu gesellschaftlicher Transfeindlichkeit, Mehrfachdiskriminierung und Hürden bei der Anzeige von Gewalt. Unterscheidet registrierte Vorfälle und tatsächliches Ausmaß.
