In Wartestellung: Iloffs Neonazinetzwerk und die Bremer AfD

Historische Recherche · Verbindungen 2011–2019; parlamentarischer Nachtrag 2021

Vor der Bürgerschaftswahl 2019 führten konkrete Verbindungen von der Bremer AfD in das völkische Netzwerk um Andreas Iloff. Der Diepholzer Kreisvorsitzende organisierte für die Partei öffentliche Auftritte und war zugleich in neonazistischen Zusammenhängen dokumentiert. Gemeinsame Veranstaltungen mit Frank Magnitz und der Wechsel Heiner Löhmanns auf die Bremer Kandidatenliste machten deutlich, wie eng Partei und Umland miteinander verflochten waren.

Völkischer Bund, AfD-Parteibuch

Andreas Iloff links und Frank Magnitz mit einem Mobiltelefon bei der Kundgebung in Kirchweyhe.
Andreas Iloff links und Frank Magnitz bei der JA-Kundgebung in Kirchweyhe am 10. März 2018. Bildquelle: Recherche Nord. [4]

Andreas Speit und Andrea Röpke dokumentierten 2017 Iloffs Rolle im „Deutschen Bund“. Unter dem Namen „Adrich“ hatte er sich 2014 als „Gemeinschaftssprecher“ bezeichnet und zu einem internen Treffen eingeladen. Zu diesem Zeitpunkt gehörte er bereits der AfD an. Der Bund verbreitete völkische Vorstellungen, behauptete den Fortbestand des Deutschen Reiches und behandelte die Bundesrepublik als besetztes Land. [1]

Eine weitere Einladung zur Wintersonnenwende 2014 legte die ideologische Ausrichtung offen. Die Kreiszeitung berichtete über die von Röpke geprüfte Schrift: Iloff beschwor darin einen Angriff auf das deutsche Volk und benannte vermeintliche Zerstörer des Abendlandes. Ralf Beduhn von der Initiative Midea erläuterte die antisemitische Tradition des darin verwendeten Begriffs „Plutokraten“. Röpke beschrieb den Bund als abgeschotteten Zusammenschluss mit politischen Zielen gegen das bestehende System. [2]

Auch die personelle Einbindung war konkret: Für ein Treffen in Kirchdorf 2013 dokumentierte Röpke die Teilnahme eines Anhängers der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Beim Zeltaufbau 2014 war ein Kader des verbotenen „Nationalen Widerstands Dortmund“ fotografiert worden. Völkisches Brauchtum bot hier einen Rahmen für organisierte neonazistische Vernetzung. [1] [2]

Vom Neonazitreffen zur Wahlkampfbühne

Peter Hallmann links und Andreas Iloff rechts im Gespräch am Rand des HoGeSa-Aufmarschs in Hannover.
Peter Hallmann links und Andreas Iloff rechts in Hannover, November 2014. Zuordnung nach der Bilddokumentation von Recherche Nord; dort als historische Aufnahme veröffentlicht. [4]

Bereits für den 25. Juni 2011 recherchierte Röpke Iloffs Teilnahme an einem Treffen auf dem Grundstück des Thüringer Neonazis Thorsten Heise. Eingeladen hatten ein Akteur der „Artgemeinschaft“ und Rigolf Hennig; das Treffen stand nach ihrer Recherche im Zusammenhang mit der entstehenden „Europäischen Aktion“. [3]

Recherche Nord dokumentierte Iloff außerdem im November 2014 beim HoGeSa-Aufmarsch in Hannover im Gespräch mit Peter Hallmann. Die Aufnahme verortet Iloff im persönlichen Austausch mit einem Akteur, der später einen Stützpunkt der Neonazipartei „Der III. Weg“ gründete. [4]

Am 24. August 2017 organisierte Iloff in Stuhr-Brinkum einen Wahlkampfauftritt für Alexander Gauland. Seine Parteifunktion eröffnete dem völkischen Netzwerker damit direkten Zugang zur Bundesspitze. [1]

Magnitz und Iloff auf gemeinsamen Bühnen

Die Verbindung nach Bremen war spätestens am 10. März 2018 unmittelbar sichtbar. Bei der Kundgebung der „Jungen Alternative“ in Kirchweyhe standen Iloff und der damalige Bremer AfD-Landesvorsitzende und Bundestagsabgeordnete Frank Magnitz unter den Teilnehmer:innen. Recherche Nord dokumentierte Iloffs organisatorische Rolle und die Nutzung des Todes von Daniel S. für die politische Mobilisierung von AfD und JA. [4]

Am 22. März 2019 trat Magnitz erneut im Kreisverband Diepholz auf. Dessen eigenes Veranstaltungsarchiv nennt ihn neben dem Landratskandidaten Harald Wiese und dem Bundestagsabgeordneten Dietmar Friedhoff als Redner beim Wahlkampfauftakt in Sulingen. Der Kreisverband bedankte sich ausdrücklich bei seinen Gastrednern und Organisator:innen. [5]

Die wiederholten Auftritte zeigen eine praktische Zusammenarbeit über die Landesgrenze hinweg. Iloffs Kreisverband verschaffte dem Bremer Parteichef ein Publikum; dessen Anwesenheit gab den Veranstaltungen zusätzliches politisches Gewicht. So wurden die regionalen Strukturen miteinander verbunden.

Rechte Publizistik und Straßenmobilisierung greifen ineinander

Archivierte Veranstaltungsdarstellung der AfD Diepholz mit Manuel Ochsenreiter am Rednerpult.
Selbstdarstellung der AfD Diepholz zu Manuel Ochsenreiters Vortrag „Deutsche Interessen 2018“. Im ursprünglichen Beitrag gesicherter Screenshot. [5]

Der Kreisverband bot auch extrem rechter Publizistik eine Bühne. Sein Archiv dokumentiert einen Vortrag von Manuel Ochsenreiter zum Thema „Deutsche Interessen 2018“, gehalten auf Einladung des Kreisvorsitzenden. Ochsenreiter war damals Chefredakteur von „Zuerst!“. [5]

Andreas Speit hatte das Magazin bereits bei seinem Erscheinen 2009 in der taz untersucht. Er beschrieb dessen rassistische Feindbilder, die Abwertung demokratischer Öffentlichkeit und die personelle Verbindung zur älteren extrem rechten Publizistik. Mit der Einladung des Chefredakteurs holte Iloffs Kreisverband diese publizistische Arbeit in den Parteibetrieb. [6]

Auf der Straße kamen dieselben politischen Milieus zusammen. Beim sogenannten Frauenmarsch in Delmenhorst am 5. Mai 2018 dokumentierte Recherche Nord Iloff, den Bremer AfD-Politiker Alexander Tassis, Mitglieder von AfD und JA, identitäre Symbolik sowie Angehörige der neonazistischen „Blood Brother Nation“. Der rassistisch aufgeladene Aufmarsch schuf eine gemeinsame Öffentlichkeit für Partei und militante Szene. [7]

Die Wahlprognose von 2019 und der spätere Einzug

Historische Aufnahme von Andreas Iloff mit einem gemusterten T-Shirt und einem Anhänger.
Andreas Iloff auf einer historischen Aufnahme aus dem ursprünglichen Beitrag. Bildquelle: Recherche Nord.

Unser Beitrag erschien am 19. April 2019 vor der Bürgerschaftswahl. Die damalige Warnung bezog sich auf die politischen Möglichkeiten, die zusätzliche Mandate diesen bereits verbundenen Strukturen eröffnen konnten. Eine konkrete personelle Verbindung war Heiner Löhmann: Der Kreisverband Diepholz hatte ihn im Januar 2017 als neues Mitglied vorgestellt; 2019 kandidierte er auf Platz sechs der Bremer AfD-Liste. [5] [9]

Bei der Wahl 2019 erreichte die AfD landesweit 6,1 Prozent und fünf Mandate. Löhmann nahm sein Bürgerschaftsmandat erst am 28. Juli 2021 als Nachrücker für den verstorbenen Mark Runge an. Die Bekanntmachung des Landeswahlleiters hält diesen Zeitpunkt und seine frühere Listenposition fest. [8] [9] Die weitere Entwicklung erschließt unsere Archivübersicht zur Bürgerschaft 2019–2023.

Der politische Befund reicht über einzelne Wahltermine hinaus: Ein Funktionär mit dokumentierter neonazistischer Vernetzung organisierte öffentliche Parteiarbeit, kooperierte mit einem Bremer Bundestagsabgeordneten und bot rechter Publizistik ein Forum. Die AfD machte dieses Milieu anschlussfähig an Wahlkampf und parlamentarische Politik. Weiterführende Recherchen und spätere Entwicklungen enthält unser Dossier zu Andreas Iloff. Weitere Personen und Verbindungen erschließt die Übersicht Überregionale Akteur:innen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Fachjournalistische Recherchen und Bilddokumentationen zur historischen Vernetzung. Das Veranstaltungsarchiv ist als Eigenquelle gekennzeichnet; die amtliche Bekanntmachung belegt den genauen Mandatsbeginn.

1 · taz · Andreas Speit / Andrea Röpke · 5. September 2017

Der völkische Wahlkampfhelfer: Was rechts von Gauland so kommt

Recherche zu Iloffs Funktion im „Deutschen Bund“, zu dessen Ideologie und zum Wahlkampfauftritt Gaulands in Brinkum.

2 · Kreiszeitung · Julia Kreykenbohm · 8. September 2017

Neuer Beweis für Iloffs Draht zur rechten Szene

Bericht über die überprüfte Einladung von 2014 und die Einschätzungen Andrea Röpkes sowie der Initiative Midea.

3 · Blick nach Rechts / Archiv Endstation Rechts · Andrea Röpke · 12. Mai 2016

Rechte Riege bei der Niedersachsen-AfD

Fachrecherche zu Iloffs politischer Vorgeschichte und seiner Teilnahme am Treffen auf Heises Grundstück 2011.

4 · Recherche Nord · 10. März 2018; historische Aufnahme von 2014

Kundgebung der AfD-Jugend in Kirchweyhe

Dokumentiert Iloff und Magnitz in Kirchweyhe. Enthält außerdem die zugeordnete historische Aufnahme von Iloff und Hallmann beim HoGeSa-Aufmarsch in Hannover.

5 · AfD-Kreisverband Diepholz · Veranstaltungsarchiv 2017–2019 · Eigenquelle

Archiv: Sulingen, Ochsenreiter-Vortrag und Löhmanns Aufnahme

Beleg für selbst veröffentlichte Veranstaltungen und Personalangaben: Sulingen am 22. März 2019, „Deutsche Interessen 2018“ sowie die Vorstellung Löhmanns im Januar 2017.

6 · taz · Andreas Speit · 20. Dezember 2009

Rechtes Monatsmagazin „Zuerst“: Aus dem Sumpf

Fachjournalistische Einordnung von Ausrichtung, Personal und Verlagsumfeld des Magazins.

7 · Recherche Nord · 5. Mai 2018

Frauenmarsch in Delmenhorst

Bildrecherche mit Zuordnungen zu AfD, JA, identitärem und militantem Neonazimilieu; dokumentiert Iloff und Tassis.

8 · dpa / Kölner Stadt-Anzeiger · 23. März 2023

Bürgerschaftswahl findet in Stadt Bremen ohne AfD statt

Der Rückblick im Bericht nennt für 2019 das landesweite AfD-Ergebnis von 6,1 Prozent und fünf Mandaten.

9 · Landeswahlleiter Bremen · Bekanntmachung vom 29. Juli 2021 · veröffentlicht am 2. August 2021

Listennachfolge in die Bremische Bürgerschaft: Heinrich Löhmann

Amtsblatt Nr. 181, Seite 799: Eintritt am 28. Juli 2021 in Landtag und Stadtbürgerschaft als Listennachfolger für Mark Runge; Löhmann ist mit Listenplatz sechs ausgewiesen.