Rassismus auf Rädern: Die Bremer AfD im Wahlkampf 2017
Archivbeitrag · Erstveröffentlichung: 3. August 2017
Trachten vor einem Kornfeld, Bikinis am Strand: Im Bundestagswahlkampf 2017 brachte die Bremer AfD ihre ausgrenzenden Botschaften auf einem Transporter in den Straßenraum. Die freundlich inszenierten Bilder verbanden völkische Vorstellungen von Zugehörigkeit mit antimuslimischem Rassismus. Frauen dienten dabei als Werbeflächen für eine politische Grenzziehung: Wer passt in das Deutschland der AfD?

Vielfalt darf nur innerhalb der eigenen Kulisse stattfinden
Anfang August 2017 dokumentierten wir den zum Werbeträger umgerüsteten Transporter in der Falkenstraße. Nach unserer damaligen Vor-Ort-Beobachtung war dort auch Frank Magnitz anzutreffen, seinerzeit Landesvorsitzender und Bremer Spitzenkandidat der AfD zur Bundestagswahl. Die großformatigen Plakate gehörten zur bundesweiten Kampagne der Partei. [1] [7]
Das erste Motiv zeigt drei Frauen in unterschiedlichen Trachten vor einer ländlichen Kulisse. Darüber steht: „Bunte Vielfalt? Haben wir schon.“ Der Text gibt dem Bild seine politische Richtung. Vielfalt wird auf Unterschiede innerhalb einer als vertraut und deutsch markierten Folklore begrenzt. Das abschließende „schon“ erklärt weitergehende gesellschaftliche Vielfalt für überflüssig. [1]
So entsteht ein geschlossenes Bild nationaler Zugehörigkeit: Akzeptiert wird Verschiedenheit, solange sie in die vorgegebene Heimatinszenierung passt. Die Einwanderungsgesellschaft erscheint darin als Zumutung von außen. Die abgebildeten Frauen verkörpern diese Auswahl und bestätigen sie mit Lächeln und erhobenen Daumen. Ihre Darstellung liefert das freundliche Gesicht einer ausgrenzenden Botschaft.
Der Bikini wird gegen Musliminnen in Stellung gebracht

Auf dem zweiten Plakat sind drei Frauen in Bikinis von hinten zu sehen. Der Spruch lautet: „Burkas? Wir steh’n auf Bikinis.“ Die Betrachter:innen werden eingeladen, über den bevorzugten Anblick von Frauen zu urteilen. Die Frage nach ihrer Selbstbestimmung schrumpft dabei zur Bewertung ihrer Kleidung und Körper. [2]
Zugleich macht der Slogan die Burka zum Gegenbild des eigenen Lebensstils. Über die Kleidungsfrage wird eine kulturelle Trennlinie gezogen: Hier das erwünschte sommerliche Deutschland, dort eine als fremd markierte muslimische Welt. Sexuelle Freizügigkeit erhält in dieser Bildsprache eine ausgrenzende Funktion. Die Frauen im Bikini werden als Beleg der eigenen Überlegenheit eingesetzt; muslimisch markierte Frauen erscheinen als deren Gegenstück.
Frank Metzger analysierte für apabiz im September 2017 genau diese Verbindung. Seine Bestandsaufnahme der AfD-Kampagne beschrieb die sexistische Darstellung von Frauen und deren Einsatz zur Abgrenzung gegen den Islam. Von den 14 untersuchten überregionalen Wahlplakaten richtete sich nach seiner Auswertung die Hälfte gegen Einwanderung oder den Islam. Die beiden Bremer Motive standen damit in einem größeren Kampagnenzusammenhang. [3]
Frauenrechte als Werbeversprechen, nationale Geburtenpolitik als Programm
Hinter der Bildsprache stand eine entsprechende politische Ordnungsvorstellung. Stefan Lauer arbeitete für Belltower.News im April 2017 heraus, dass die AfD mehr Geburten mit dem „Erhalt des eigenen Staatsvolks“ begründete und Gender-Mainstreaming ablehnte. Die Partei wertete Alleinerziehen zugleich als gescheiterten Lebensentwurf ab. Familie wurde damit zum Instrument nationaler Bevölkerungspolitik und zum Maßstab für die Bewertung unterschiedlicher Lebensweisen. [4]
Ein weiteres Wahlmotiv der Bundespartei brachte den Zusammenhang auf die Formel: „Neue Deutsche? Machen wir selber.“ Es zeigte eine Schwangere. In der Verbindung von Text und Bild wird Fortpflanzung gegen Einwanderung ausgespielt: Erwünscht ist Nachwuchs aus dem als eigen definierten Kollektiv. Frauen erhalten dabei eine Funktion für dessen Erhalt. [3]
Die Soziologin Nicole Doerr untersuchte die visuelle AfD-Kommunikation später in einer 2021 veröffentlichten Fachstudie. Sie beschreibt, wie die Partei die Sprache weiblicher Selbstbestimmung und die Berufung auf LGBT-Rechte für ihre Außendarstellung vereinnahmt, während sie an einer illiberalen Geschlechterpolitik festhält. In den untersuchten Bildern verbindet sich die Abwertung muslimischer Minderheiten mit der Selbstdarstellung als Beschützerin weißer Frauen vor einer behaupteten Bedrohung durch muslimische Männer. [5]
Für die Bremer Plakate heißt das: Frauen werden zugleich als Symbol nationaler Tradition und als sexualisiertes Gegenbild zum Islam gebraucht. Über ihre Körper wird festgelegt, welche Lebensweise als zugehörig gelten soll. Der Anspruch auf Freiheit wird so einer Politik dienstbar gemacht, die Menschen nach kultureller und religiöser Zuschreibung auseinanderdividiert.
Ausgrenzung im Gewand politischer Hilfe

An der Fahrertür stand die Aufschrift „Politisches Hilfswerk“, begleitet von Zahnradmotiven mit AfD-Logos. Die Bezeichnung knüpft sprachlich an organisierte Hilfe an und gibt dem Wahlkampffahrzeug das Selbstbild einer nützlichen, anpackenden Einrichtung. Im Zusammenhang mit den Plakaten erhält das einen konkreten politischen Sinn: Die Partei präsentiert sich als Helferin eines nationalen Wir, dessen Grenzen sie selbst festlegt. [6]
Die Bremer Wahlwerbung von 2017 zeigt, wie sich völkische Ausgrenzung mit einer heiteren Alltagsästhetik verbinden lässt. Folklore, Strand und lächelnde Gesichter machen die Botschaft leicht zugänglich. Ihr politischer Kern bleibt hart: Gesellschaftliche Vielfalt wird zurückgewiesen, muslimische Zugehörigkeit zum Gegenbild erklärt und Frauen werden nach ihrer Verwendbarkeit für diese Grenzziehung inszeniert.
Mehr zur damaligen politischen Verantwortung und zur Entwicklung des Landesverbandes im Dossier über Frank Magnitz.
Redaktion
AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Die Bremer Bilddokumente zeigen die verwendeten Wahlmotive und die Fahrzeugbeschriftung. Zeitgenössische Fachbeiträge erschließen Wahlkampagne und Programmatik. Die Studie von 2021 ergänzt die rückblickende Analyse der Bildsprache.
Trachtenmotiv am Wahlkampffahrzeug in der Falkenstraße
Originalaufnahme aus dem damaligen Beitrag. Dokumentiert Bildaufbau, Wortlaut und Verwendung des Plakats in Bremen.
Bikini-Motiv am Bremer AfD-Transporter
Originalaufnahme des zweiten Motivs. Grundlage der Analyse des Zusammenspiels von Frauenbild und antimuslimischem Slogan.
Bestandsaufnahme: Berliner AfD vor der Bundestagswahl
Untersucht auch die überregionalen Wahlplakate: Trachten, Bikinis und die Verbindung von Schwangerschaft und nationaler Zugehörigkeit.
Kirchenaustritt, Verschwörungen und „Fake News“: Das AfD-Wahlprogramm
Zeitgenössische Auswertung des Bundestagswahlprogramms, insbesondere zu Bevölkerungspolitik, Gender-Mainstreaming und der Abwertung Alleinerziehender.
Begutachtete Fachstudie zur visuellen Mobilisierung der AfD. Der Eintrag der Universität Kopenhagen enthält Zusammenfassung und Publikationsnachweis; DOI: 10.3390/socsci10010020.
Die Aufschrift „Politisches Hilfswerk“
Detailaufnahme der Fahrzeugtür mit Selbstbezeichnung, Zahnradmotiven und AfD-Logo.
Bundestagswahl 2017: Was treibt die Rechtaußen-Parteien im Wahlkampf um? AfD
Überblick über die bundesweite Kampagne und ihre Themen. Nennt Frank Magnitz als Bremer Spitzenkandidaten und ordnet die verwendeten Bildmotive ein.

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