Alexander Tassis: Wie ein Bremer Höcke-Anhänger den Kulturkampf nach Potsdam trägt
Personendossier Alexander Tassis
In Bremen verlor Alexander Tassis 2019 sein Bürgerschaftsmandat. Seine politische Laufbahn setzte er in Brandenburg fort. Der frühere Funktionär der „Patriotischen Plattform“ steht für eine Verbindung von völkischem Nationalismus, demonstrativer Minderheitenrepräsentation und rechter Geschichtspolitik. Seine heutigen Auftritte zeigen, wie dauerhaft dieses politische Angebot ist.
Vom Bremer Mandat zur Bühne im Bundestag
Im Februar 2026 trat Alexander Tassis bei der Arbeitsgemeinschaft Geschichte der AfD-Bundestagsfraktion auf. Die Fraktion stellte ihn als Referenten für Kultur und Europa ihrer Brandenburger Landtagsfraktion vor. Aus dem früheren Bremer Einzelabgeordneten war ein Mitarbeiter im parlamentarischen Apparat und ein Vortragender auf Bundesebene geworden. Die Veranstaltung verband historische Themen ausdrücklich mit aktuellen Auseinandersetzungen um Erinnerung und kulturelle Identität. AfD-Bundestagsfraktion, Veranstaltungsbericht vom 26. Februar 2026
Tassis’ Laufbahn macht sichtbar, wie rechte Netzwerke personelle Niederlagen überdauern. Seine Bremer Machtkämpfe begrenzten zeitweise seinen Einfluss im Landesverband. Seine politischen Verbindungen und die Bereitschaft, völkische Positionen öffentlich zu vertreten, blieben anschlussfähig. In Potsdam kamen ein neues Mandat und eine kulturpolitische Führungsfunktion hinzu. BÄKE Courier, 17. Januar 2025
Von der CDU in die AfD: ein früher Bündnispartner Höckes
Alexander Tassis wurde 1970 in Athen geboren. Sein parlamentarischer Lebenslauf dokumentiert das Abitur am Bremer Schulzentrum Rübekamp, einen 2009 abgeschlossenen Magister in Geschichte und ein Forschungsstipendium der Leibniz-Gemeinschaft von 2010 bis 2012. Von 1999 bis 2011 gehörte er für die CDU dem Beirat Mitte an. In der AfD übernahm er früh Verantwortung: Von 2013 bis 2016 war er stellvertretender Landessprecher. 2015 zog er in die Bremische Bürgerschaft ein und gehörte der städtischen Deputation für Soziales, Jugend und Integration an. Archivierte Abgeordnetenbiografie der Bremischen Bürgerschaft
Nach dem Bruch der AfD mit Bernd Lucke im Sommer 2015 blieb Tassis als einziger AfD-Abgeordneter in der Bürgerschaft zurück. Seine politische Orientierung war bereits deutlich: Er bezeichnete Björn Höcke als Vorbild und stellte die Flüchtlingspolitik Viktor Orbáns positiv heraus. In einer Bürgerschaftsrede vom September 2015 forderte er, das Asylgrundrecht grundsätzlich zu hinterfragen. Der Deutschlandfunk dokumentierte diese Positionen im März 2016. Deutschlandfunk, 14. März 2016
Seine Verbindung zu Höcke reicht noch weiter zurück. Die „Patriotische Plattform“ hob in ihrer eigenen Vorstellung Tassis’ Einsatz im Thüringer Landtagswahlkampf 2014 hervor. Sie präsentierte ihn außerdem als Referenten für „Geistige Grundlagen des Patriotismus und der Integration“ sowie „Gegen Gender und Multikulti“. Damit war früh ein Tätigkeitsprofil erkennbar, das Parteiarbeit mit weltanschaulicher Schulung verband. Archivierte Vorstandsseite der Patriotischen Plattform
Machtkämpfe in Bremen: persönliche Feindschaft bei politischer Nähe
Das Verhältnis zu Frank Magnitz und Thomas Jürgewitz war von Konflikten geprägt. Im April 2016 gab Tassis sein Amt als stellvertretender Landessprecher auf. Er erklärte den Rücktritt mit dem aus seiner Sicht autoritären Führungsstil seiner Vorstandskollegen. Anschließend betrieb der Landesvorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn und weitere Mitglieder, denen eine Spaltung der Partei vorgeworfen wurde. In diesem Zusammenhang behauptete Jürgewitz auch, Tassis habe ein anderes Vorstandsmitglied körperlich angegriffen. Tassis bestritt diesen Vorwurf und bezeichnete ihn als Lüge. taz/dpa, 30. Mai 2016
Noch 2018 eskalierte der Streit über Zuständigkeiten, Auftritte und Reisekosten. Die taz berichtete über interne Nachrichten, mit denen Jürgewitz Tassis untersagte, ohne Zustimmung für den Landesverband aufzutreten, und Rechenschaft über Aktivitäten verlangte. Tassis widersetzte sich und verwies auf seine bundesweiten Kontakte. Der Konflikt betraf Macht und Kontrolle in einer kleinen Partei, deren konkurrierende Akteur:innen sich zugleich auf Höcke bezogen. Die Rivalität eignet sich deshalb kaum als Beleg für eine gemäßigte Gegenposition Tassis’. taz, 20. November 2018
Seine Parteinahme für die damalige Junge Alternative unterstreicht das. Als deren Bremer Führung unter Druck geriet, stellte er sich öffentlich hinter Robert Teske und bezeichnete die JA als einzige funktionierende Struktur des Landesverbands. Der damalige Wunsch nach einer erneuten Bürgerschaftskandidatur führte 2019 zu keinem weiteren Mandat. Seine parlamentarische Bremer Phase endete nach einer Wahlperiode. taz, Dezember 2018; BÄKE Courier zur weiteren Laufbahn
Patriotische Plattform und Identitäre: organisierte Grenzöffnung
Mit seiner Tätigkeit als Schriftführer der „Patriotischen Plattform“ verfügte Tassis über eine zusätzliche Struktur jenseits des Bremer Vorstands. Die archivierte Vorstandsseite führt ihn neben Hans-Thomas Tillschneider und weiteren Funktionär:innen, darunter Jens Maier. Das war eine organisatorische Einbindung in einen Zusammenschluss, der die AfD nach rechts beeinflussen wollte. Tassis stellte dafür seine politische und publizistische Arbeit zur Verfügung. Archivierte Vorstandsseite
Wie die Plattform ihre Aufgabe verstand, erläuterte Tillschneider bei der Ankündigung ihrer Auflösung im September 2018: Die Entwicklung der AfD zu einer zu gemäßigten Partei habe verhindert werden sollen; dieses Ziel sei erreicht. Zugleich erklärte er, zwischen AfD und Identitärer Bewegung bestehe inhaltlich kein Dissens. Der Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalens hatte damals eine bundesweite Beobachtung der Plattform empfohlen. Ihr angekündigtes Ende war damit auch eine Reaktion auf drohende behördliche Aufmerksamkeit. Tillschneiders Erklärung beschrieb die Auflösung als Rückzug einer entbehrlich gewordenen Organisationsform bei fortbestehenden politischen Zielen. n-tv, 21. September 2018
Tassis’ eigene Nähe zur Identitären Bewegung war bereits 2017 Gegenstand öffentlicher Berichterstattung. Er veröffentlichte ein Foto einer gemeinsamen Plakatieraktion mit dem AfD-Mitglied Adrian Ochmanski, der ein Shirt mit identitärer Botschaft trug. Bremens damaliger Verfassungsschutzchef Dierk Schittkowski erklärte gegenüber der taz: „Bei Tassis fehlt jegliche kritische Distanz zu der rechtsextremistischen Identitären Bewegung.“ Tassis entgegnete, Ochmanski könne tragen, was er wolle; ein Verstoß gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss der AfD liege aus seiner Sicht nicht vor. taz, 21. September 2017
Eine weitere Spur dokumentiert das im Januar 2019 veröffentlichte Gutachten des Bundesamtes für Verfassungsschutz zur AfD. Es nennt Tassis unter den Funktionär:innen, die Videos des österreichischen Identitären Martin Sellner verbreiteten, und verweist auf einen Facebook-Eintrag vom 25. Dezember 2017. Außerdem führt es seine Unterstützung für die Kundgebungsreihe „Merkel muss weg“ beziehungsweise einen lokalen Ableger auf. Die Behörde erfasste damit konkrete politische Unterstützung und Verbreitung von Inhalten. BfV-Gutachten von 2019, veröffentlicht bei netzpolitik.org
Auf der Straße und zwischen den Parteien
Im Frühjahr 2018 beteiligte sich Tassis an den Bremer Mobilisierungen unter dem Motto „Kandel ist überall“. AfD Watch Bremen dokumentierte seinen Auftritt am 27. März auf dem Marktplatz. Die Veranstaltungen rund um Sybill Constance De Buer verbanden die öffentliche Berufung auf den Schutz von Frauen mit einer gegen Migration gerichteten politischen Mobilisierung. Tassis brachte als Bürgerschaftsabgeordneter parlamentarischen Status in dieses Umfeld ein. Zeitgenössische Dokumentation von AfD Watch Bremen
Am 5. Mai 2018 trat er bei einem entsprechenden Aufmarsch in Delmenhorst auf. Die damalige Bilddokumentation zeigt ihn gemeinsam mit Christoph Tarek Merkel und Jannik Scheel aus der Jungen Alternative; auf Scheels Kleidung war das Logo der Identitären Bewegung zu sehen. Im selben Aufmarsch wurden offen neonazistische Selbstdarstellungen, darunter ein „White Power“-Shirt, dokumentiert. Der politische Befund ergibt sich aus dieser gemeinsamen Öffentlichkeit und den erkennbaren Organisationsbezügen. AfD Watch Bremen, Dokumentation vom 5. Mai 2018
Die Bremer Veranstaltungsreihe erschloss zugleich ältere rechte Netzwerke. Zu den Organisator:innen des späteren „Frauenmarschs“ gehörte Jürgen Wirtz, zuvor stellvertretender Landesvorsitzender der Republikaner in Niedersachsen. Für die zeitliche Einordnung ist wesentlich: AfD Watch Bremen berichtete im Juli 2018 auch, dass Tassis sich inzwischen aus der Organisation zurückgezogen hatte. Belegt ist eine Folge wechselnder personeller Bündnisse, in denen AfD-Akteur:innen, frühere Republikaner und neonazistische Milieus zusammenkamen. Darin liegt eine konkrete Kontinuität über Parteigrenzen hinweg. AfD Watch Bremen, 8. Juli 2018
Auch zu Bürger in Wut bestanden politische Berührungspunkte. AfD Watch Bremen veröffentlichte 2018 einen Beschluss aus dem Jahr 2016 zur Einrichtung eines Ausschusses, der Kooperationen zwischen AfD und BIW ausloten sollte. Die Argumentation zielte auf gemeinsame Wähler:innenpotenziale und stärkere parlamentarische Vertretung. Eine weitere Archivaufnahme zeigt Tassis 2018 mit Robert Teske und dem damaligen BIW-Politiker Martin Korol bei einer Beiratssitzung in Walle. Die Annäherung hatte damit sowohl eine strategische als auch eine personelle Ebene. Dokumentation des Kooperationsbeschlusses; Dossier Martin Korol
Minderheiten als Aushängeschild, Gleichstellung unter Vorbehalt
Tassis’ griechische Herkunft und seine öffentlich gelebte Homosexualität gehören zu seiner politischen Selbstdarstellung. Bereits die amtliche Abgeordnetenbiografie verzeichnete ihn als Bundessprecher der „Homosexuellen in der AfD“ seit 2014 und als Leiter eines AfD-Beirats für Integration seit 2015. Zu seinen Initiativen gehörte außerdem „Migranten in der AfD – Neudeutsche Hoffnungsträger“. Diese Projekte sollten Menschen ansprechen, deren Anwesenheit in der Partei zugleich deren öffentliche Selbstdarstellung erweitern konnte. Archivierte Abgeordnetenbiografie
2019 folgte der Verein „Die Neudeutschen“, in dessen Vorstand Tassis gemeinsam mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Anton Friesen saß. Der Bayerische Rundfunk berichtete damals von 20 Mitgliedern und einer verpflichtenden AfD-Mitgliedschaft. Das Programm richtete sich ausdrücklich an patriotisch gesinnte Menschen mit Migrationsgeschichte. Unter dem Begriff „De-Islamisierung“ wurden unter anderem Verbote von Minaretten und islamischer Kleidung vertreten. Friesen erklärte zwar, der Verein stehe Menschen mit einem liberalen Islam offen. Zugleich wurde muslimische Sichtbarkeit durch die genannten Forderungen zum politischen Problem erklärt. Bayerischer Rundfunk/PULS, 22. März 2019
Darin liegt die Funktion einer selektiven Minderheitenrepräsentation: Einzelne Zugewanderte können als Beleg für Offenheit auftreten, während anderen Zugehörigkeit nur unter engen kulturellen Bedingungen zugestanden wird. Die Herkunft eines Funktionärs beantwortet jedoch keine Frage nach dem diskriminierenden Gehalt eines Programms. Wer Muslim:innen durch pauschale Verbotsforderungen aus dem öffentlichen Erscheinungsbild drängen will, betreibt Ausgrenzung auch dann, wenn er selbst eine Einwanderungsgeschichte hat. Der Anspruch, für Minderheiten zu sprechen, muss sich an den vertretenen Rechten messen lassen.
Besonders deutlich wird das bei der Geschlechterpolitik. Im November 2016 gehörte Tassis zu den Initiator:innen beziehungsweise Erstunterzeichner:innen der „Magdeburger Erklärung zur Frühsexualisierung“. Das Papier verlangte, die Ehe zwischen Mann und Frau und die traditionelle Familie im Unterricht als vorrangiges Lebensmodell zu vermitteln. Die Gleichwertigkeit anderer Lebensformen wurde ausdrücklich zurückgewiesen; ebenso wandte sich die Erklärung gegen das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare. Fortpflanzung wurde mit dem Erhalt von Volk, Staat und Nation begründet. queer.de, 16. November 2016
Bereits bei einem Nürnberger Vortrag im Mai 2016 hatte Tassis die Privilegierung der heterosexuellen Familie verlangt. Er forderte die Abschaffung aller Gender-Professuren und zog dafür ausdrücklich einen Vergleich zur Beseitigung nationalsozialistischer Rassenlehrstühle nach 1945. Zur historischen Orientierung bemühte er unter anderem Hans Blüher, einen antisemitischen und antidemokratischen Autor, der den männlichen Bund idealisierte. queer.de dokumentierte diese Aussagen anhand des aufgezeichneten Auftritts. queer.de, 21. Mai 2016
Tassis bot damit eine Vorstellung homosexueller Zugehörigkeit an, die sich einer vorgegebenen nationalen und familiären Ordnung unterordnen sollte. Die politische Selbstbestimmung von Lesben, Schwulen und trans* Menschen wird in diesem Modell durch die Frage nach ihrer Funktion für das Gemeinwesen verdrängt. Zugleich entwertet der NS-Vergleich wissenschaftliche Geschlechterforschung durch die Gleichsetzung mit einer Herrschaftsideologie der Verfolgung. Das ist eine gezielte historische Delegitimierung politischer Gegner:innen.
Geschichte als politische Autorität
Tassis’ Berufsbezeichnung „Historiker“ hat einen dokumentierten akademischen Hintergrund. Gerade deshalb lohnt die Auseinandersetzung mit seinem öffentlichen Gebrauch von Geschichte. Seine Vorträge verbinden historische Bezugnahmen mit gegenwärtigen Forderungen zu Nation, Familie, Geschlechterrollen und Integration. Die Vorstellung von Geschichte als Vorrat verbindlicher nationaler Leitbilder zieht sich durch seine politische Arbeit. Der Nürnberger Auftritt von 2016 zeigt, wie dabei ausgewählte historische Personen zur Autorisierung eines heutigen Gesellschaftsmodells eingesetzt werden. Amtliche Biografie; Dokumentation des Nürnberger Vortrags
Ein parlamentarisches Beispiel liefert sein Antrag zur Beflaggung von Schulhöfen vom Dezember 2018. Tassis wollte ein Konzept für wöchentliche Fahnenappelle jeweils montags in der ersten großen Pause. Sämtliche Schüler:innen, Lehrkräfte und weitere Beschäftigte sollten einbezogen werden; beim Hissen der Bundesflagge sollte die Nationalhymne gesungen werden. Andere Flaggen wollte er mit Ausnahme schuleigener Symbole ausschließen. In der Begründung erklärte er kulturelle Vielfalt für kein verbindendes Element und setzte ihr eine bewusst zu stiftende Einheit entgegen. Bremische Bürgerschaft, Drucksache 19/1967
Das Vorhaben verdeutlicht sein Integrationsverständnis: Gemeinsamkeit sollte durch ein wiederkehrendes nationales Ritual hergestellt werden. Der Staat hätte dafür den Schulalltag organisiert und alle Anwesenden in eine gemeinsame Inszenierung einbezogen. Die Bürgerschaft lehnte den Antrag 2019 ab. Bremer Senatsunterlagen, Beschluss Nr. 19/1380
Seine Mandatsarbeit war zuvor Gegenstand erheblicher Kritik gewesen. Der Deutschlandfunk beschrieb im März 2016 eine geringe Zahl auffindbarer parlamentarischer Initiativen. Tassis verwies auf seine eingeschränkten Möglichkeiten als Einzelabgeordneter; die Redaktion hielt fest, dass ihm das Antragsrecht sehr wohl zustand. Der spätere Fahnenantrag zeigt, welche politischen Inhalte er auf diesem Weg einbrachte. Für die Bewertung seiner Arbeit ist diese inhaltliche Bilanz aussagekräftiger als unbelegte Pauschalurteile über Fleiß oder persönliche Motive. Deutschlandfunk, 14. März 2016
Der ideologische Zusammenhang: Zugehörigkeit als Ausschlussinstrument
Die von Tassis vertretenen Positionen berühren ein Kernproblem neurechter Politik: Gesellschaft wird als kulturell zusammengehöriges Kollektiv vorgestellt, dessen vermeintliche Identität gegen Vielfalt verteidigt werden müsse. Im Umfeld der „Patriotischen Plattform“ wurde dieses Ziel ausdrücklich als Erhalt einer ethnokulturellen Einheit beschrieben. Die Einteilung in kulturelle Kollektive, häufig als „Ethnopluralismus“ bezeichnet, kann so die Funktion übernehmen, Menschen als grundsätzlich fremd zu markieren. Die rassistische Grenzziehung wird dabei in die Sprache von Kultur und Identität verlagert. Tillschneiders Erläuterungen, dokumentiert von n-tv
Der Historiker Volker Weiß beschreibt die Neue Rechte als eine Strömung, die über intellektuelle und kulturelle Arbeit gesellschaftliche Vorherrschaft gewinnen will. Zu ihren Bezugspunkten gehören Autoren der sogenannten Konservativen Revolution, deren Verhältnis zum Faschismus eng und widersprüchlich war. Tassis’ Verbindung von Vortragsarbeit, nationalen Ordnungsvorstellungen und organisatorischer Unterstützung identitärer Akteur:innen lässt sich in diesem Zusammenhang einordnen. Die demokratische Gleichwertigkeit des einzelnen Menschen gerät unter Druck, wenn Anerkennung von der Einpassung in ein vorgeschriebenes kulturelles oder geschlechtliches Modell abhängt. Volker Weiß, „Faschisten von heute?“, Aus Politik und Zeitgeschichte
Zum weiteren ideologischen Umfeld gehören Verschwörungserzählungen über eine angeblich gesteuerte Einwanderung. Belltower.News dokumentierte, wie der jüdische Philanthrop George Soros dabei als vermeintlicher Drahtzieher einer „Umvolkung“ dargestellt wird. Solche antisemitischen Erzählungen verknüpfen die Abwertung Zugewanderter mit dem Feindbild einer verborgenen Macht. Das beschreibt einen Zusammenhang innerhalb der internationalen extremen Rechten; eine entsprechende eigene Soros-Äußerung Tassis’ ist durch die hier ausgewerteten Belege nicht nachgewiesen. Belltower.News, 1. Dezember 2018
Die Gefährlichkeit der Erzählung vom „großen Austausch“ reicht bis in rechtsterroristische Weltbilder. Die neuseeländische Untersuchungskommission zum Anschlag von Christchurch 2019 beschreibt sie als zentralen Bestandteil der Ideologie des Attentäters. Einwanderung, besonders muslimische, erschien ihm als existenzielle Bedrohung, Gewalt als Antwort. Dieser Zusammenhang begründet die kritische Prüfung identitärer Propaganda. Er belegt keine persönliche Verantwortung Tassis’ für den Anschlag. Seine belegte Rolle liegt in der politischen Unterstützung und Verbreitung von Inhalten identitärer Akteur:innen. Royal Commission, Untersuchung des Täters; BfV-Gutachten zu Tassis’ Aktivitäten
Potsdam: neue Ämter, fortgesetzte Ausgrenzung
Seit 2020 lebt Tassis im Potsdamer Wahlkreis. 2024 wurde er Stadtverordneter. Im Juli desselben Jahres erhielt er den Vorsitz des Kulturausschusses. Die AfD hatte sich bei der Verteilung der Ausschussvorsitze für dieses Gremium entschieden. Ihr Fraktionschef Chaled-Uwe Said begründete den Zugriff ausdrücklich mit der identitätsprägenden Bedeutung kulturpolitischer Themen. Kultur war damit ein bewusst gewähltes politisches Betätigungsfeld. MAZ, Kandidatenprofil vom 23. Februar 2025; MAZ zum Kulturausschuss, 3. Juli 2024
Aus der Kulturszene kam Protest. Die MAZ berichtete über einen offenen Brief mit 477 unterzeichnenden Institutionen und 220 Unterstützenden. Der Ausschussvorsitz verschafft allerdings keine alleinige Entscheidungsgewalt über die Potsdamer Kultur: Das Gremium arbeitet vor allem beratend, die Mehrheitsverhältnisse blieben gegen die AfD gerichtet. Politisch bedeutsam sind die öffentliche Stellung und der institutionelle Zugang dennoch. MAZ, 19. Juli 2024; Radio Potsdam, 3. Juli 2024
Wie Tassis diese Rolle mit seiner Parteipolitik vereinbarte, zeigte die AfD-Wahlparty am 22. September 2024 in Potsdam-Marquardt. Teilnehmer:innen sangen ein umgetextetes Partylied über massenhafte Deportationen und hielten ein entsprechendes Schild hoch. Die Potsdamer Neuesten Nachrichten dokumentierten Tassis beim Mitsingen und Mitklatschen. Auf die Frage nach der Vereinbarkeit mit seinem Amt erklärte er: „Das hat mit meiner Funktion wenig zu tun.“ Er betrachte „Remigration“ als Versprechen und behauptete: „Alle haben etwas davon, auch die Migranten.“ PNN/Tagesspiegel, 23. September 2024
Diese Antwort führt ein altes Muster fort: Eine gegen Zugewanderte gerichtete politische Botschaft wird als Wohltat auch für die Betroffenen ausgegeben. Das eigene Wohlwollen ersetzt die Auseinandersetzung mit deren Interessen und Rechten. Der Ortsbeirat Marquardt missbilligte Tassis’ Verhalten und erstattete Anzeige gegen den Veranstalter wegen des Verdachts der Volksverhetzung. Eine Strafanzeige dokumentiert einen Vorwurf; aus ihr folgt keine strafrechtliche Verurteilung Tassis’. PNN/Tagesspiegel, 24. Oktober 2024
Im Bundestagswahlkampf 2025 machte er daraus ein wohnungspolitisches Angebot. Gegenüber der MAZ nannte er neben mehr Bautätigkeit und weniger Vorschriften die „Remigration“ als Mittel gegen Wohnungsnot: Dadurch würden Wohnungen frei. Zugleich erklärte er die Stärkung deutscher Identität zu einem Hauptziel, verlangte ein Ende der Energiewende und verband den Schutz von Frauen und Schwulen erneut mit Polemik gegen „Genderwahn“. Beim Deutschlandticket sprach er sich dagegen für eine Fortführung aus. Seine Antworten verbanden alltagsbezogene Forderungen mit einem nationalistischen Deutungsrahmen. MAZ-Kandidatencheck, 23. Februar 2025
Im Wahlkreis Potsdam – Potsdam-Mittelmark II – Teltow-Fläming II erhielt die AfD-Direktkandidatur 37.796 Erststimmen, entsprechend 19,0 Prozent. Tassis lag hinter Olaf Scholz und der CDU-Kandidatin Tabea Gutschmidt. Das Direktmandat gewann Scholz. Für Tassis bedeutete die Kandidatur gleichwohl eine erhebliche öffentliche Reichweite weit über seine frühere Bremer Einzelvertretung hinaus. Endgültiges Wahlergebnis der Bundeswahlleiterin
Kulturpolitik als Fortsetzung seines politischen Projekts
Der Auftritt bei der AfD-Bundestagsfraktion am 24. Februar 2026 bündelte Tassis’ heutiges Angebot. Unter dem Titel „Weite Welt und Heiliges Reich“ ging es um Deutsche im Dienst kolonialer Mächte. Die Fraktion stellte ihre Tätigkeit als Wissenschaftler:innen, Kartograf:innen und Chronist:innen heraus. Anschließend diskutierte Tassis mit Götz Frömming unter Moderation Christoph Birghans über Museen, Restitutionen, Umbenennungen und Geschichtsunterricht. Die Veranstaltung knüpfte an sein 2025 veröffentlichtes gleichnamiges Buch an. Veranstaltungsbericht der AfD-Bundestagsfraktion
Die Fraktion stellte nationales Selbstbewusstsein einer als „Schuldritual“ abgewerteten Erinnerung gegenüber. Diese Rahmung verengt die historische Debatte: Zur Untersuchung kolonialer Unternehmungen gehören auch Herrschaft, Ausbeutung und die Perspektiven der Betroffenen. Historische Kritik wird hier zum Hindernis nationaler Selbstbestätigung erklärt.
Hier liegt die Kontinuität zwischen Bremen und Brandenburg. Tassis verbindet die Anerkennung ausgewählter Minderheiten mit der Abwertung gesellschaftlicher Vielfalt. Er stellt nationale Zugehörigkeit, traditionelle Geschlechterordnung und historisches Selbstbewusstsein in den Dienst einer Politik, die Gleichstellung begrenzt und Ausgrenzung als Gemeinwohlangebot darstellt. Die dokumentierte Unterstützung Höckes, seine Funktion in der „Patriotischen Plattform“, die Nähe zu Identitären und seine eigenen Aussagen begründen die Einordnung als Akteur der extremen Rechten mit einem Schwerpunkt auf Kultur- und Identitätspolitik.
Seine weitere Laufbahn widerlegt die Vorstellung, ein gescheiterter innerparteilicher Aufstieg erledige solche Politik von selbst. Ein Mandat kann enden, ein Landesverband einen Funktionär zurückweisen, eine Vorfeldorganisation verschwinden. Erprobte Kontakte, politische Deutungsmuster und neue institutionelle Zugänge können fortbestehen. Tassis’ Weg zeigt, wie ein in Bremen aufgebautes politisches Profil andernorts weiterverwendet wird – inzwischen bis auf die Veranstaltungsbühne einer Bundestagsfraktion.
Redaktion AfD Watch Bremen
Quellen und weiterführende Recherchen
Fachjournalistische Recherchen und zeitgenössische Dokumentationen zum politischen Werdegang. Eigenveröffentlichungen und amtliche Detailquellen sind entsprechend gekennzeichnet.
Die Ein-Mann-Show des Alexander Tassis
Bericht über Tassis’ Rolle in der Bürgerschaft, seine Orientierung an Höcke und Orbán sowie seine parlamentarische Arbeit.
Der „Prügel-Grieche“ bei Bremens AfD
Bericht über Rücktritt und Parteiausschlussverfahren. Der Vorwurf eines körperlichen Angriffs wird Jürgewitz zugeschrieben; Tassis’ Bestreiten bleibt dokumentiert.
Recherche über interne Nachrichten, Machtkämpfe und die Auseinandersetzungen zwischen Tassis und der Bremer Parteiführung.
Bericht über den Konflikt um die Junge Alternative und Tassis’ Parteinahme für deren Bremer Führung.
Recherche zur Zusammenarbeit im Wahlkampf, zu Tassis’ Plakatierfoto und zu seiner Stellungnahme zur Identitären Bewegung.
„Patriotische Plattform“ will sich auflösen
Bericht mit Tillschneiders Erläuterungen zur politischen Zielsetzung der Plattform, zur AfD und zur Identitären Bewegung.
Das steckt hinter dem AfD-nahen Verein „Die Neudeutschen“
Recherche über den Verein, seine Mitgliederstruktur und das unter dem Begriff „De-Islamisierung“ vertretene Programm.
„Magdeburger Erklärung“: Drei schwule AfD-Politiker unterstützen homofeindliche Kampfansage
Dokumentation der Erklärung gegen die Gleichwertigkeit verschiedener Lebensformen und gegen das Adoptionsrecht gleichgeschlechtlicher Paare.
AfD-Homos werben für „gesunde Gesellschaft“ aus Hetero-Familien
Auswertung von Tassis’ Nürnberger Vortrag, seinen geschlechterpolitischen Forderungen und seinem Vergleich mit nationalsozialistischen Rassenlehrstühlen.
Historische Einordnung der Neuen Rechten und ihrer Bezüge zur Konservativen Revolution. Der Fachaufsatz dient der ideologischen Einordnung.
Hass auf Soros als gemeinsamer Nenner der internationalen Rechten
Fachbeitrag über antisemitische Verschwörungserzählungen. Er erläutert das ideologische Umfeld; eine eigene Soros-Äußerung Tassis’ wird daraus nicht abgeleitet.
Der im Dossier verwendete Beitrag zu Tassis’ weiterer Laufbahn und seiner Kandidatur. Die Adresse bleibt erhalten; beim aktuellen Abruf antwortete die Seite nicht rechtzeitig.
Potsdamer Direktkandidatencheck: Alexander Tassis
Interview zu Wohnungsnot, „Remigration“, Identitätspolitik, Energiewende und Deutschlandticket. Die im Dossier dokumentierten Antworten bleiben der Zeitung zugeordnet.
Potsdamer AfD sichert sich Kulturausschuss
Bericht über den Ausschussvorsitz und die kulturpolitische Begründung der AfD für ihre Auswahl dieses Gremiums.
Potsdamer Kultureinrichtungen schließen sich Kampagne gegen Rechtsruck an
Der im Dossier verwendete Bericht über den offenen Brief und die Unterstützung aus der Kulturszene.
AfD-Mann leitet künftig Potsdams Kulturausschuss
Bericht zum Vorsitz und zu den begrenzten Befugnissen des beratenden Ausschusses.
Warum der Potsdamer Kulturausschussvorsitzende mitgesungen hat
Bericht über die AfD-Wahlparty in Marquardt und Tassis’ eigene Stellungnahme zu seiner Beteiligung und zu „Remigration“.
Ortsbeirat erstattet Anzeige gegen AfD
Bericht über die Reaktion des Ortsbeirats auf die Wahlparty. Eine Strafanzeige wird als Vorwurf dokumentiert, nicht als Verurteilung.
Weiterführende Recherche zur Geschichtspolitik der AfD-Bundestagsfraktion und zu Götz Frömming.
Kritische Öffentlichkeit unerwünscht
Weiterführende Recherche zum geplanten AfD-Akademikerverband und zu Christoph Birghans organisatorischer Rolle.
Veranstaltungsbericht zum 24. Februar 2026. Quelle für Tassis’ angegebene Tätigkeit, das Programm und die geschichtspolitische Selbstdarstellung der Fraktion.
Vorstand der Patriotischen Plattform
Archivfassung vom 12. Februar 2019 mit Tassis’ Funktion als Schriftführer und der politischen Selbstdarstellung der Organisation.
Alexander Tassis in der 19. Wahlperiode
Archivfassung vom 2. Juli 2017. Detailquelle für Ausbildung, berufliche Stationen, Beiratsmandat, Parteifunktionen und Bürgerschaftszugehörigkeit.
Verfassungsschutz-Gutachten zur AfD
Veröffentlichung des behördlichen Originaldokuments. Die Angaben zu Tassis’ Verbreitung von Sellner-Inhalten und seiner Unterstützung von Kundgebungen werden ausdrücklich der Behörde zugeordnet.
Originalantrag vom Dezember 2018 mit Tassis’ Forderung nach wöchentlichen Fahnenappellen und seiner Begründung.
Parlamentarischer Nachweis zur Ablehnung des Antrags. Der Beschluss ist in der verlinkten Sammlung enthalten.
Untersuchung der rechtsterroristischen Ideologie des Attentäters, insbesondere Absatz 13. Die Einordnung begründet keine persönliche Verantwortung Tassis’ für den Anschlag.
Endgültiges Ergebnis im Wahlkreis 61
Amtliche Detailquelle für Erststimmen, Stimmenanteil und die Platzierung der Direktkandidaturen.
Dossier zur Organisatorin der Bremer Mobilisierungen und ihrem politischen Umfeld.
Dokumentation der Bremer Kundgebung vom 27. März 2018 und des Gegenprotests.
AfD neben Neonazis: Der Delmenhorster „Frauenmarsch“
Dokumentation der gemeinsamen Straßenpräsenz von AfD, JA, Identitären und neonazistischen Akteur:innen.
Desaster perfekt: Bremer „Frauenmarsch“ scheitert mit elf Teilnehmenden
Dokumentation der Organisationsstruktur und von Tassis’ zwischenzeitlichem Rückzug aus der Organisation.
Rechte Machtarithmetik: Wie die AfD Bürger in Wut umwirbt
Recherche und Dokumentation des Beschlusses von 2016 zur Prüfung einer Zusammenarbeit zwischen AfD und Bürger in Wut.
Weiterführendes Dossier einschließlich der im Text angesprochenen Archivaufnahme mit Tassis und Teske.
