Team Todenhöfer: Friedenspose mit antisemitischen Feindbildern

Erstveröffentlichung:

Am 24. Juli 2021 warb Jürgen Todenhöfer auf dem Bremer Marktplatz für seine Partei. Sein öffentliches Friedensversprechen traf auf eine längst dokumentierte Kontroverse: Aussagen über Gaza, die den jüdischen Staat mit der Bildwelt nationalsozialistischer Lager überziehen und deutsche Schuld in einen Vorwurf gegen Israel verwandeln. Der Bremer Auftritt ist Anlass, diese politische Rhetorik beim Wort zu nehmen.

Jürgen Todenhöfer spricht vor einem Bühnenbanner seiner Partei auf dem Bremer Marktplatz.
Jürgen Todenhöfer beim Bremer Auftritt am 24. Juli 2021. Bilddokumentation: AfD Watch Bremen.

Eine Partei als Bühne ihres Gründers

2020 verließ Todenhöfer nach 50 Jahren die CDU und gründete seine eigene Partei. Von 1972 bis 1990 hatte er für die Union im Bundestag gesessen. Bei der Vorstellung seines neuen Projekts im November 2020 warb er mit Gewaltfreiheit, einem stärkeren Kampf gegen Rassismus und einer gerechteren Politik. Für die Bundestagswahl 2021 kündigte er die Kandidatur seines Teams an. [2]

In Bremen standen im Juli 2021 sein Name, sein Porträt und sein persönlicher Auftritt im Zentrum der Inszenierung. [1] Die politische Glaubwürdigkeit eines solchen Projekts hängt wesentlich an den Aussagen seines Gründers. Wer sich als Stimme von Frieden und Menschlichkeit präsentiert, muss sich daran messen lassen, wie er über jüdisches Leben, israelische Zivilist:innen und die Geschichte der Shoah spricht.

Gaza als „Konzentrationslager“: Die historische Verkehrung

Bereits am 9. Januar 2017 dokumentierte der Journalist Martin Krauss in der Jüdischen Allgemeinen zwei Aussagen Todenhöfers. Anlass war dessen Berufung zum Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“. Krauss begründete damit seinen Entschluss, seine langjährige Mitarbeit an dem Blatt zu beenden. Er zitierte Todenhöfer mit dem Satz: „Die Gazaner leben im weltgrößten Konzentrationslager“. [3]

Daneben stand die Aussage: „Die Palästinenser zahlen den höchsten Preis für Deutschlands schwere Schuld gegenüber den Juden“. Krauss kritisierte daran die Vorstellung, jüdische Menschen zögen Nutzen aus ihrem historischen Leid, und die Verkehrung der Opfer in Täter:innen. [3] Beide Zitate waren damit Jahre vor dem Bremer Wahlkampfauftritt öffentlich Gegenstand einer begründeten Antisemitismuskritik.

Wie aus deutscher Schuld eine Anklage gegen Israel wird

Der KZ-Vergleich überträgt einen zentralen Begriff nationalsozialistischer Verfolgung auf Gaza und weist Israel damit die Rolle des Lagerbetreibers zu. Er lädt einen gegenwärtigen politischen Konflikt mit dem moralischen Gewicht der deutschen Verbrechen auf. Die Amadeu Antonio Stiftung beschreibt solche Gleichsetzungen und die Umkehr von Opfer- und Täterrollen als zentrale Formen israelbezogenen Antisemitismus. [4]

In der Verbindung beider Aussagen erscheint die deutsche Verantwortung gegenüber jüdischen Menschen als Ursache palästinensischen Leids. Die Erinnerung an die Verfolgten wird so zur Belastung für andere erklärt; Israel gerät in die Rolle des Nutznießers und Fortsetzers historischen Unrechts. Wir bewerten diese Verbindung von KZ-Vergleich und Schuldverschiebung als israelbezogenen Antisemitismus. Die Kritik an Besatzungspolitik, Kriegführung oder Regierungsentscheidungen lässt sich an konkreten Handlungen und Verantwortlichkeiten formulieren. Todenhöfers Lageranalogie ersetzt diese Genauigkeit durch historische Dämonisierung.

Knoblochs Warnung: Jüdische Angst wird ausgeblendet

Charlotte Knobloch wandte sich am 18. Juli 2014 mit einem offenen Brief an Todenhöfer. Sie reagierte auf seine Facebook-Beiträge aus Gaza und einen Auftritt im ARD-Morgenmagazin. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern warf ihm vor, terroristische Propaganda zu übernehmen und das Leid israelischer Familien unter Raketenbeschuss aus seiner Darstellung zu verdrängen. [5]

Knobloch stellte den Zusammenhang mit der Bedrohung jüdischer Menschen in Europa her. Sie verwies auf antisemitische Aufmärsche, Angriffe auf jüdische Einrichtungen und wachsende Angst. Ihre Frage an Todenhöfer lautete: „Warum machen Sie sich anschlussfähig für hasserfüllte Ideologen?“ [5] Damit benannte sie die politische Wirkung einer Rhetorik, die jüdische Erfahrungen von Verfolgung und Gewalt hinter dem eigenen moralischen Sendungsbewusstsein verschwinden lässt.

Todenhöfer wies die Kritik am 23. Juli 2014 im Deutschlandfunk zurück. Er verurteilte Antisemitismus und wandte sich ausdrücklich dagegen, jüdische Menschen in Deutschland für den Gaza-Krieg verantwortlich zu machen; zugleich bezeichnete er Knoblochs Vorwurf als „Schmarrn“. [6] Ein solches Bekenntnis hebt die Aussagewirkung eines KZ-Vergleichs nicht auf. Die konkrete Sprache bleibt der Maßstab der Kritik.

Bremen: Jüdische Erfahrungen gehören ins Zentrum

Was das Ausblenden israelischer Erfahrungen bedeutet, war in Bremen bereits im Mai 2021 greifbar geworden. Bei der Solidaritätskundgebung am 16. Mai berichtete Landesrabbiner Netanel Teitelbaum von seiner Rückreise aus Israel. Wegen der Angriffe war sie mehrfach verschoben worden; auf dem Weg zum Flugzeug hatte er Schutz vor Raketen suchen müssen. Die Kreiszeitung dokumentierte seine Schilderung am folgenden Tag. [7]

Die Jüdische Gemeinde und die Deutsch-Israelische Gesellschaft hatten zu der Kundgebung auf dem Marktplatz aufgerufen. Teitelbaum warb dort für das Gespräch miteinander. [7] Seine Erfahrung macht deutlich, was eine solidarische Perspektive verlangt: Palästinensische und israelische Zivilist:innen haben gleichermaßen Anspruch auf Schutz. Wer jüdische Angst als Störung der eigenen Friedenserzählung behandelt, macht Menschlichkeit von politischer Verwertbarkeit abhängig.

Publikum vor dem Wahlkampffahrzeug und der Bühne von Team Todenhöfer auf dem Bremer Marktplatz.
Publikum beim Auftritt am 24. Juli 2021. Links dokumentierten wir damals Reichsbürger Jan S., den wir dem Bremer „Querdenken“-Umfeld zugeordnet haben. Bild: AfD Watch Bremen.

Die Verbindungen und Mobilisierungen des Bremer „Querdenken“-Milieus behandeln wir ausführlicher in unserer Recherche „Unter der Freiheitsfahne“.

Kein Frieden mit der Verharmlosung des Antisemitismus

Ein Einkaufswagen mit Lautsprecher, Regenbogenflagge und dem Schild Kein Frieden mit Todenhöfer.
„Kein Frieden mit Todenhöfer“: Antifaschistischer Protest auf dem Bremer Marktplatz am 24. Juli 2021. Bild: AfD Watch Bremen.

Am Rand der Bremer Veranstaltung widersprach eine Protestgruppe Todenhöfers Friedensinszenierung sichtbar. [1] Die Kritik an seiner öffentlichen Rolle hatte eine längere Vorgeschichte: Im Mai 2019 problematisierte Lasse Stodollick in der Jüdischen Allgemeinen bereits, dass Talkshows ihm trotz seiner NS-Vergleiche weiterhin eine Bühne boten. [8]

Mediale Bekanntheit und die Selbstdarstellung als Friedensstifter verleihen solchen Aussagen Autorität. Genau darin liegt das Problem: Antisemitische Deutungen werden mit einem moralischen Anspruch verbunden, der sie gegen Kritik abschirmen kann. Der Verweis auf Frieden liefert dann die Verpackung für ein Feindbild.

Eine glaubwürdige Friedenspolitik muss jüdisches Leben, die Sicherheit israelischer Zivilist:innen und die Rechte der palästinensischen Bevölkerung zugleich verteidigen. Wer Gaza mit einem Konzentrationslager gleichsetzt, macht die Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen zum Instrument gegen den jüdischen Staat. Dieser historischen Verkehrung gilt unser Widerspruch.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Dokumentation des Bremer Auftritts, Belege zu den älteren Aussagen Todenhöfers, jüdische Perspektiven und fachliche Einordnung.

1. AfD Watch Bremen · 24. Juli 2021 · Bilddokumentation

Todenhöfer auf dem Bremer Marktplatz

Originalaufnahme des Auftritts. Die drei im Beitrag eingebundenen Bilder dokumentieren Bühne, Publikum und Gegenprotest; Personenangaben folgen unserer damaligen Berichterstattung.

3. Jüdische Allgemeine · Martin Krauss · 9. Januar 2017

Nicht mit Todenhöfer

Zeitgenössischer Kommentar, der beide im Text wiedergegebenen Todenhöfer-Aussagen zitiert und ihre antisemitischen Deutungsmuster kritisiert.

4. Amadeu Antonio Stiftung · Fachhandreichung · Jan Riebe

Kritik oder Antisemitismus?

Fachliche Einordnung israelbezogenen Antisemitismus. Besonders einschlägig sind der Beitrag von Jan Riebe auf den Seiten 10–19 und die Analyse der Täter-Opfer-Umkehr auf Seite 18.

6. Deutschlandfunk · Christine Heuer · 23. Juli 2014

„Kritisiert nicht die Juden in Deutschland!“

Vollständiges Interview mit Todenhöfer, einschließlich seiner Zurückweisung der Vorwürfe und seiner Verurteilung des Antisemitismus.

8. Jüdische Allgemeine · Lasse Stodollick · 23. Mai 2019

„Abgedreht und orientierungslos“

Fachjournalistischer Kommentar zu Todenhöfers NS-Vergleichen und seiner Präsenz in Fernsehsendungen.