Mark Runge: Rechte Agitation, Strafanzeige gegen Kritik

Historisches Personendossier · Politische Tätigkeit bis Juli 2021

Mark Runge verband die Mobilisierung gegen eine Unterkunft für minderjährige Geflüchtete mit einer Karriere bei Bürger in Wut und der AfD. Gegen seine öffentliche Einordnung als „rechts“ stellte er Strafanzeige. Später nutzte er sein Bürgerschaftsmandat, um die Klimabewegung unter den Verdacht extremistischer Unterwanderung zu rücken. Runge starb am 14. Juli 2021 im Alter von 38 Jahren.

Vom Beirat ins Büro von Magnitz

Mark Runge hält bei einer AfD-Veranstaltung in Delmenhorst ein Smartphone hoch; daneben stehen Polizeibeamt:innen.
Mark Runge am 3. September 2020 bei einer AfD-Veranstaltung in Delmenhorst. Aufnahme aus unserem damaligen Archivbestand.

Runge gehörte von 2015 bis 2018 dem Beirat Bremen-Blumenthal für Bürger in Wut an. In seinem bei abgeordnetenwatch dokumentierten Lebenslauf bezeichnete er sich für diesen Zeitraum außerdem als stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Wählervereinigung. 2018 wechselte er zur AfD. [1]

Nach denselben biografischen Eigenangaben leitete Runge das Bremer Wahlkreisbüro des Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz. 2019 zog er selbst in die Bürgerschaft ein. Sein Weg verband damit kommunale BIW-Strukturen, den Beschäftigungsapparat eines AfD-Abgeordneten und ein eigenes Landtagsmandat. [1]

Gegen Geflüchtete mobilisieren, Kritiker anzeigen

Bereits 2015 berichtete die taz über Runges Beteiligung am Konflikt um eine Jugendhilfeeinrichtung für unbegleitete minderjährige Geflüchtete in der Rekumer Straße. In seiner von der Zeitung wiedergegebenen Strafanzeige erklärte Runge selbst, sich einer Gruppe angeschlossen zu haben, die gegen die Einrichtung demonstrierte. [2]

Die taz dokumentierte außerdem seine Mitgliedschaft in der Pegida-Sympathisantengruppe „SPW Sammelbecken politischer Wutbürger“ und in der „Konservativen Bürgerbewegung“ auf Facebook. Die Mobilisierung gegen die Unterkunft hatte damit auch einen digitalen politischen Zusammenhang. [2]

Jörn Hermening hatte eine Facebook-Gruppe zur Unterstützung von Geflüchteten gegründet. Dort benannte er Runge als erkennbar rechts. Runge zeigte ihn wegen übler Nachrede an. Das Amtsgericht Bremen verurteilte Hermening zunächst zu einer Geldstrafe. Eine politische Einordnung wurde so zum Gegenstand eines Strafverfahrens gegen einen antirassistisch Engagierten. [2]

Das Landgericht setzt der Anzeige eine Grenze

Im Oktober 2015 sprach das Landgericht Bremen Hermening frei. Die taz berichtete, das Gericht habe die Einordnung eines BIW-Mitglieds als rechts als zulässig angesehen. Die vorherige Gleichsetzung von „rechts“ mit nationalsozialistischer Überzeugung wies es zurück. [3]

Der Vorgang macht ein politisches Muster sichtbar: Runge organisierte sich im rechten Spektrum und versuchte zugleich, dessen Benennung strafrechtlich verfolgen zu lassen. Für Kritiker:innen bedeutete dies ein Verfahren, Verteidigungsaufwand und das Risiko einer Verurteilung. Der Freispruch sicherte in diesem Fall den Raum für politische Kritik.

Berichtigung: Eine frühere Fassung stellte es so dar, als habe Hermening Runge als „rechtes Schwein“ bezeichnet. Nach der Berichterstattung über das Berufungsurteil traf diese Zuordnung nicht zu. Runges Anzeige bezog sich auf die Bezeichnung als „rechts“. [3]

Mit Magnitz die eigene Fraktion zerlegt

Anfang September 2019 verließ Runge gemeinsam mit Magnitz und Uwe Felgenträger die AfD-Fraktion. Die drei bildeten eine eigene parlamentarische Gruppe. Der Austritt entzog der fünfköpfigen Fraktion ihre Grundlage. Runge stand damit auf der Seite von Magnitz im Machtkampf mit Thomas Jürgewitz. [4]

Der Zusammenschluss wurde als Gruppe Magnitz, Runge, Felgenträger – kurz M.R.F. – bekannt. Unter dem Gruppennamen setzte Runge seine parlamentarische Tätigkeit bis zu seinem Tod fort. [6] Den Wahlerfolg und die damit gewonnenen Ressourcen ordnet unsere Analyse „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ ein.

Klimaprotest unter Extremismusverdacht

Eine Anfrage vom 14. Oktober 2019 zeigt, wofür Runge seine parlamentarischen Möglichkeiten einsetzte. Gemeinsam mit seiner Gruppe fragte er nach Aktivitäten der Interventionistischen Linken in Ende Gelände, Fridays for Future und Extinction Rebellion. Er griff die Vorstellung einer „linksextremistischen Unterwanderung“ auf und fragte nach der Beobachtung von Strukturen und Personen in Bremen und Bremerhaven. [5]

Außerdem wollte er Auskünfte über Verbindungen zu Die Linke und zu Jugendorganisationen von Linken, SPD und Grünen. Der Senat verwies in seiner Antwort auf die allgemeinen Aufgaben des Verfassungsschutzes; die genannten Partei- und Jugendorganisationen seien in Bremen keine Beobachtungsobjekte. [5]

Runges Fragen verschoben den Blick auf die Klimabewegung: Im Mittelpunkt standen Verdacht, Beobachtung und mögliche Straftaten. Die gesellschaftlichen Anliegen des Protests gerieten in den Hintergrund. Das parlamentarische Fragerecht diente hier einer politischen Rahmung, die engagierte Menschen als Sicherheitsproblem erscheinen ließ.

2021: Ende des Mandats und der Gruppe

Runge starb am 14. Juli 2021 mit 38 Jahren. Mit seinem Tod endete auch die Gruppe M.R.F., weil sie die erforderliche Mindestzahl von drei Mitgliedern unterschritt. Die taz dokumentierte diese unmittelbare parlamentarische Folge. [6]

Seine politische Laufbahn zeigt eine personelle Verbindung zwischen Bürger in Wut und AfD: vom Stadtteilmandat über die Mitarbeit bei Magnitz bis zur eigenen parlamentarischen Stellung. Die Strafanzeige gegen einen Kritiker und die Anfrage zur Klimabewegung dokumentieren, wie er staatliche Verfahren und parlamentarische Mittel gegen politische Widersacher:innen in Stellung brachte.

Die Entwicklung der übrigen Mandate und Zusammenschlüsse erschließt unser Archiv zur Bürgerschaft 2019–2023.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Berichterstattung, biografische Eigenangaben und die dokumentierte parlamentarische Anfrage. Das Dossier behandelt Runges politische Tätigkeit bis Juli 2021.

1 · abgeordnetenwatch.de · archiviertes Abgeordnetenprofil 2019–2021

Mark Runge: Profil und Mandat

Mandatsübersicht und biografische Eigenangaben zu Bürger in Wut, AfD und der Tätigkeit im Wahlkreisbüro von Frank Magnitz.

2 · taz · Simone Schnase · 4. April 2015

Rechte gibt es nicht

Runges Aktivitäten im Umfeld der Mobilisierung gegen die Rekumer Straße, seine Facebook-Gruppen und die Anzeige gegen Jörn Hermening.

3 · taz · Simone Schnase · 23. Oktober 2015

Rechts ist rechtens

Bericht über den Freispruch durch das Landgericht Bremen und die Zulässigkeit der politischen Einordnung als rechts.

4 · taz · Lotta Drügemöller · 2. September 2019

Alternative schafft sich ab

Runges Beteiligung am Fraktionsbruch und die neue Dreiergruppe mit Magnitz und Felgenträger.

5 · Bremische Bürgerschaft · Anfrage vom 14. Oktober 2019 · Seite 11

Aktionen der Interventionistischen Linken in der Umweltbewegung

Dokumentiert den Wortlaut von Runges Anfrage und die Antwort des Senats.

6 · taz · 16. Juli 2021

AfD-Abgeordneter ist gestorben

Zeitgenössische Meldung zu Runges Tod und dem Ende der parlamentarischen Gruppe M.R.F.