Marvin Mergard: Vom Identitären-Aufmarsch auf Listenplatz zwei

Personendossier · AfD-Landesvorstand Bremen · Stand:

Marvin Mergard marschierte mit der Identitären Bewegung, verbreitete deren Erzählung vom „großen Austausch“ und beteiligte sich an einem Hamburger Aufmarsch mit Neonazikadern. Heute verbindet er Führungsämter in Landespartei, Kreisverband und Parteijugend. Mit Listenplatz zwei für die Bürgerschaftswahl 2027 verschafft die Bremer AfD einem Funktionär mit dokumentierter völkischer Vorgeschichte eine herausgehobene parlamentarische Perspektive.

Marvin Mergard und Sergej Minich beim AfD-Landesparteitag in Bremerhaven am 27. April 2025.
Marvin Mergard und Sergej Minich beim AfD-Landesparteitag in Bremerhaven am 27. April 2025. Foto: Recherche Nord.

Die Partei belohnt seine politische Laufbahn mit Macht

Am 25. Oktober 2025 wurde Mergard zum stellvertretenden Landesvorsitzenden der AfD Bremen gewählt. Er steht damit an der Seite von Sergej Minich. Die damalige Meldung der Nachrichtenagentur dts stützt sich auf Angaben der Partei. Deren aktuelle Kreisverbandsseite führt Mergard außerdem als Vorsitzenden der AfD Bremen-Nord. [1] [2]

Bei der Aufstellungsversammlung am 15. August 2026 erhielt er nach den veröffentlichten Angaben der AfD Listenplatz zwei im Wahlbereich Bremen. Mergard bestätigte seine Wahl öffentlich. Die Kandidatur zielt auf die Bürgerschaftswahl 2027; über einen Parlamentssitz entscheiden die Zulassung des Wahlvorschlags und das Wahlergebnis. [3]

Hinzu kommt die Führung des Nachwuchses: Bei der Gründung der Generation Deutschland Bremen am 31. Januar 2026 wurde Mergard zum Stellvertreter von Marcel Fetke gewählt. [4] Diese Ämter verbinden die örtliche Parteiarbeit, die Landesführung, die Jugendorganisation und die Kandidatenaufstellung. Die AfD macht Mergard zu einem ihrer zentralen Organisatoren.

„Deutschpatrioten“ und „Dunkle Eule“: Vernetzung vor der Führungskarriere

Zu Mergards politischer Vorgeschichte gehört das von ihm verwaltete Forum deutschpatrioten.de. Unsere Bilddokumentation hält einen Austausch vom März 2016 fest, in dem er unter dem Namen „Dunkle Eule“ Bereitschaft zur Unterstützung einer identitären Mobilisierung in Brüssel erkennen ließ. Weitere dokumentierte Veröffentlichungen der von ihm administrierten Facebookseite griffen Propaganda der Identitären auf. [6]

Belltower.News hielt Ende 2017 fest, dass Mergard den YouTube-Kanal „Dunkle Eule“ betrieb, im Beirat Vegesack saß und beim AfD-Landesparteitag im Dezember zum Schriftführer gewählt wurde. [5] Publizistische Aktivität, kommunales Mandat und Parteifunktion entwickelten sich damit parallel. Seine Verbindungen zur identitären Szene gehörten bereits zu dieser frühen Phase des politischen Aufstiegs.

Gemeinsame Aufmärsche machen die Abgrenzung zur Farce

Am 17. Juni 2017 nahm Mergard gemeinsam mit dem damaligen Bremer JA-Vorsitzenden Robert Teske an einem Aufmarsch der Identitären Bewegung in Berlin teil. Die taz dokumentierte die Beteiligung der beiden Funktionäre. AfD und JA hatten bereits Unvereinbarkeitsbeschlüsse gegenüber der IB gefasst. Mergard verteidigte die Teilnahme mit der Auslegung, untersagt seien herausgehobene Aufgaben wie Reden oder Ordnerdienste. Ein Vertreter des JA-Bundesvorstands widersprach. [7]

Diese Auslegung ließ die gemeinsame Straßenmobilisierung ausdrücklich zu. Am 15. August 2017 zeigten Fotos Mergard, Teske und Frank Magnitz beim Bremer Wahlkampfauftritt Angela Merkels im Austausch mit IB-Aktivisten. Das Antifaschistische Infoblatt beschrieb Mergard und Teske als Verbindungspersonen zwischen Partei, Jugendverband und Identitären. [8] Die wiederholten Auftritte verschafften dem identitären Aktionsmilieu Kontakte und politische Anschlussmöglichkeiten innerhalb der AfD.

Der „große Austausch“ erklärt Menschen zur Bedrohung

Die taz berichtete 2017 auch, dass Mergard selbst den identitären Kampfbegriff vom „großen Austausch“ verwendete. [7] Das Demokratiezentrum Wien ordnet diese Vorstellung als rechtsextreme Verschwörungserzählung ein: Migration wird als gezielter Plan behauptet, eine als weiß und christlich vorgestellte Bevölkerung durch andere Menschen zu ersetzen. Die Erzählung mobilisiert rassistische, nationalistische und antisemitische Vorstellungen. [9]

Ihre politische Wirkung liegt in der Umdeutung gesellschaftlicher Vielfalt zum Angriff auf ein angeblich einheitliches Volk. Menschen mit Migrationsgeschichte erscheinen als Teil einer feindlichen Veränderung. Wer dieses Deutungsmuster verbreitet, liefert Ausgrenzung eine ideologische Begründung. Mergards Verwendung gehört deshalb zum politischen Kern seiner dokumentierten Nähe zur Identitären Bewegung.

Hamburg 2018: Auf einer Kundgebung mit Neonazikadern

Am 5. März 2018 beteiligte sich Mergard an der Hamburger Kundgebung „Merkel muss weg“ am Bahnhof Dammtor. Unsere am folgenden Tag veröffentlichte Bilddokumentation zeigt ihn im Publikum. Zu diesem Zeitpunkt war er AfD-Landesvorstandsmitglied, Beiratspolitiker in Vegesack und stellvertretender Vorsitzender der Bremer JA. [10]

EXIF dokumentierte bei derselben Kundgebung unter anderem Torben Klebe, den früheren Hamburger NPD-Landesvorsitzenden und regionalen Funktionär des Neonazinetzwerks Blood & Honour. Thomas „Togger“ Gardlo übernahm eine maßgebliche organisatorische Rolle; Aktivisten der Identitären Bewegung traten mit Transparent, Flugblättern und Megafon auf. [11]

Mergards Teilnahme stellte einen Bremer AfD-Funktionär in diese gemeinsame Straßenmobilisierung. Wir bewerten das als Beitrag zur politischen Normalisierung eines Bündnisses, in dem Parteipolitik, identitäre Propaganda und organisierte Neonazis zusammenwirkten. Unsere überarbeitete Recherche „Auf Tuchfühlung mit Neonazis: Mergard beim rechten Schulterschluss in Hamburg“ dokumentiert die beteiligten Akteure, ihre unterschiedlichen Rollen und den Gegenprotest. [10]

Alte Führungsfiguren übernehmen die neue Parteijugend

Am 3. September 2018 berichtete die taz, dass die Bremer JA bereits seit der Vorwoche vom Verfassungsschutz beobachtet wurde. [12] Mergard gehörte ihrer Führung an. Nach unserer damaligen Dokumentation übernahm er im März 2019 den Landesvorsitz von Robert Teske. [13]

Die bundesweite JA wurde zum 31. März 2025 aufgelöst. Der Deutschlandfunk berichtete über die geplante Nachfolgeorganisation, die enger an die AfD gebunden werden sollte. [14] Mit seiner Wahl zum stellvertretenden Vorsitzenden der Generation Deutschland Bremen kehrte Mergard im Januar 2026 in eine führende Position des organisierten Parteinachwuchses zurück. [4] Der organisatorische Umbau übernahm damit einen Funktionär, der die vorherige Jugendorganisation und ihre identitären Verbindungen mitgeprägt hatte.

Das politische Umfeld des neuen Verbands zeigte sich beim Aufmarsch der Generation Deutschland am 1. August 2026 in Schwerin. Die taz dokumentierte die Teilnahme von Neonazis, Identitären und Burschenschaftern sowie rassistische und gegen politische Gegner:innen gerichtete Parolen. [15] Der Bericht verdeutlicht, in welchem überregionalen Bündnis sich die neue Parteijugend öffentlich präsentiert.

Erinnerungsabwehr im eigenen Verband

2017 sollte Mergard an einer Radiosendung über ein Mahnmal zur nationalsozialistischen Enteignung jüdischen Eigentums in Bremen teilnehmen. Mehrere andere vorgesehene Gesprächsteilnehmer:innen sagten wegen seiner Beteiligung ab. [16] Das Antifaschistische Infoblatt dokumentierte anschließend seine Sorge, die Auseinandersetzung könne die Arbeitsmotivation von Beschäftigten des Logistikunternehmens Kühne + Nagel beeinträchtigen. [8]

Die von Mergard mitgeführte JA Bremen bezeichnete in einer Pressemitteilung vom 24. November 2017 die geplante Einbeziehung ehemaliger Zwangsarbeiter:innenlager in das Gedenkkonzept zum Bunker Valentin als Ausbau eines „Schuldkults“. [8] Diese Wortwahl des Verbands wertete das Erinnern an nationalsozialistische Verbrechen als übertriebene Belastung ab. Die Perspektive der Verfolgten und Ausgebeuteten wurde einer nationalistischen Abwehr historischer Verantwortung untergeordnet.

Kritische Bildung wird zum Beschwerdefall

Im Juni 2018 berichtete die taz über eine von Mergard veranlasste Dienstaufsichtsbeschwerde gegen einen Nordbremer Lehrer. Dieser hatte nach den damaligen Berichten ein migrationsfeindliches Statement Mergards über die Ökumenische Starthilfe Grohn im Unterricht behandelt und auf AfD Watch Bremen verwiesen. Mergard warf dem Lehrer laut taz auch persönliche Beleidigungen vor. [17]

Die GEW kritisierte das Vorgehen und bestärkte Lehrkräfte darin, rassistische Aussagen im Unterricht zu benennen. [17] Politisch verschob die Beschwerde den Konflikt: Die kritische Auseinandersetzung mit einer Parteiaussage wurde zum Anlass einer dienstrechtlichen Überprüfung. Ein solches Vorgehen erzeugt Druck auf diejenigen, die rechte Politik zum Gegenstand politischer Bildung machen. Die taz stellte den Fall in den Zusammenhang der damals angekündigten AfD-Meldeplattform gegen kritische Lehrer:innen. [17]

Die AfD zum Volk erklären, Konkurrenz zum „Kartell“ machen

Gegenüber Radio Bremen erklärte Mergard im August 2025, er und die AfD stünden auf dem Boden des Grundgesetzes. Zugleich beanspruchte er für seine Politik, sie entspreche dem, „was auch die Bevölkerung möchte“. [18] Die Gleichsetzung der eigenen Position mit dem Bevölkerungswillen blendet gesellschaftliche Gegensätze aus. Sie liefert der Partei eine Selbstbeschreibung, in der sie für das Ganze spricht und andere Interessen als Abweichung erscheinen.

Nach seiner Aufstellung auf Listenplatz zwei im August 2026 bezeichnete Mergard die Parteien von der Linkspartei bis zur CDU als „linksliberale Einheitsfront“ und sprach von „Kartellparteien des Establishments“. Sein Beitrag wurde über das Konto der Bremer Generation Deutschland weiterverbreitet. [3] Die unterschiedlichen politischen Konkurrent:innen werden dadurch zu einem gemeinsamen feindlichen Block zusammengezogen. Das ist eine antipluralistische Zuspitzung: Die AfD beansprucht die eigentliche Vertretung der Bevölkerung und delegitimiert die Konkurrenz als Kartell.

Die völkische Vorgeschichte wird zur parlamentarischen Perspektive

Mergards Laufbahn verbindet frühe rechte Onlineaktivität, identitäre Aufmärsche, den Hamburger Schulterschluss von 2018 und Führungsfunktionen im Parteinachwuchs. Heute verfügt er zugleich über Einfluss im Kreisverband und an der Spitze der Landespartei. Wir sehen darin die institutionelle Aufwertung eines Funktionärs, der die Öffnung der Bremer AfD zum identitären und extrem rechten Straßenmilieu mitgetragen hat.

Listenplatz zwei gibt dieser Entwicklung eine konkrete parlamentarische Perspektive. Die Partei stellt Mergards politische Erfahrung in den Dienst ihres angestrebten Wiedereinzugs in die Bürgerschaft. Wie seine Position mit weiteren Funktionären und Strukturen zusammenhängt, erschließt unser Schwerpunkt „Das Netzwerk Bremen-Nord“.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Fachjournalistische Recherchen, zivilgesellschaftliche Dokumentationen und unsere Archivbelege. Angaben zu parteiinternen Wahlen und Funktionen sind als Eigenangaben beziehungsweise darauf beruhende Meldungen gekennzeichnet.

2. AfD Bremen · Organisationsangabe · abgerufen am 28. September 2026

Kreisverband Bremen-Nord

Die Partei führt Mergard als Kreisvorsitzenden. Eigenangabe zur Funktion.

3. AfD / Generation Deutschland Bremen · Beiträge zur Listenaufstellung im August 2026

Listenplatz zwei und Mergards öffentliche Erklärung

Über Sotwe lesbare Wiedergaben der X-Beiträge von AfD Bremen und Mergard. Belegen die veröffentlichten Eigenangaben und die zitierte Wortwahl.

6. AfD Watch Bremen · historische Bilddokumentation

Marvin Mergard und Identitäre Bewegung

Archivierte Screenshots zu Deutschpatrioten, „Dunkle Eule“ und der Unterstützung identitärer Aktivitäten.

7. taz · Simone Schnase und Sebastian Sirk · 21. Juni 2017

Seit’ an Seit’ mit Identitären

Dokumentiert die Berliner Demonstration, Mergards Erklärung und die Verwendung des Austausch-Narrativs.

9. Demokratiezentrum Wien · Lexikon

Great Replacement Theory

Fachliche Einordnung der rassistischen und antisemitisch anschlussfähigen Verschwörungserzählung.

12. taz · Andrea Maestro und Andreas Speit · 3. September 2018

AfD-Nachwuchs im Visier

Zeitgenössischer Bericht über die Beobachtung der JA in Bremen und Niedersachsen.

14. Deutschlandfunk · 31. März 2025

Junge Alternative aufgelöst

Bericht zur Auflösung und zur angekündigten engeren Bindung des Nachfolgeverbandes an die AfD.

15. taz · Nicolai Kary · 2. August 2026

Stumpfe Parolen am Stadtschloss

Reportage über den Aufmarsch der Generation Deutschland in Schwerin am 1. August 2026.

17. taz · Jean-Philipp Baeck · 6. Juni 2018

AfD schwärzt Bremer Lehrer an

Bericht zur Beschwerde, zu Mergards Vorwürfen und zur Reaktion der GEW.