
Jonas Schick am 15.08.2017 – gibt beim IB-Auftritt gemeinsam mit der Landesführung der AfD Bremen den Beteiligten Anweisungen. Aufnahme auf dem Marktplatz beim Wahlkampfauftritt von Angela Merkel.
Jonas Schick: Völkische Ausgrenzung im Namen der Natur
Jonas Schick verbindet die Geschichte der Bremer Identitären Bewegung mit einem publizistischen Projekt der extremen Rechten: „Die Kehre“. Das Magazin macht Natur- und Umweltschutz zum Ausgangspunkt einer gesellschaftlichen Neuordnung. Schicks eigene Texte und wissenschaftliche Analysen zeigen, was dahintersteht: die Bindung von Menschen an Herkunft und Boden, die Abwertung individueller Selbstbestimmung und die Relativierung universeller Menschenrechte im redaktionellen Umfeld.
Seit 2020 erscheint „Die Kehre“. Das aktuelle Impressum nennt Schick als Vertreter des Oikos-Verlags und als inhaltlich Verantwortlichen. Die Selbstdarstellung des Magazins erklärt Kulturlandschaften, Riten, Brauchtum und gesellschaftliche Institutionen zum Bestandteil seines Ökologieverständnisses. Damit ist das politische Ziel bereits angelegt: Verhandelt wird, wie Menschen leben und welcher Ordnung sie sich unterwerfen sollen.
In Bremen begann die Zusammenarbeit von Partei und Bewegung
Schick kam aus dem Umfeld von AfD und Junger Alternative zur Identitären Bewegung. Im August 2017 erklärte er, die AfD bereits zu Jahresbeginn verlassen zu haben, weil ihn die Parteiarbeit enttäuscht habe. Politisch blieben die Verbindungen bestehen: Beim Bremer Wahlkampfauftritt Angela Merkels am 15. August 2017 verteilten AfD- und JA-Funktionäre gemeinsam mit der IB Flugblätter. Robert Teske erklärte gegenüber der taz, Schick habe ihm das Material gegeben; eine koordinierte Aktion bestritt er.
2018 belegten Videoaufnahmen Schicks regelmäßige Anwesenheit zu Bürozeiten im entstehenden Regionalbüro des AfD-Bundestagsabgeordneten Frank Magnitz in Bremen-Walle. Die Recherche von Andreas Speit und Sebastian Heidelberger erschien im Rahmen einer Zusammenarbeit von taz, Der Rechte Rand und dem antifaschistischen Archiv apabiz. Magnitz bestätigte gegenüber Radio Bremen zwei Teilzeitkräfte für den Büroaufbau, ohne Schicks Beschäftigung eindeutig einzuräumen. Seine Rechtfertigung war dennoch aufschlussreich: Eine mögliche Mitarbeit Schicks sei nach dessen beruflicher Qualifikation zu beurteilen. Die politische Zusammenarbeit wurde so zur bloßen Personalfrage verkleinert.
Ökologie gegen Selbstbestimmung
Wie Schick Natur und Gesellschaft zusammendenkt, zeigt sein Grundlagentext „Energie und Moderne – vorletztes Kapitel“. Darin beschreibt er Wohlstand, Mobilität und Sozialstaat als Kräfte, die überlieferte Familienbindungen und Geschlechterrollen auflösen. Erwerbstätigkeit von Frauen, organisierte Kinderbetreuung und die Ehe für alle erscheinen in dieser Erzählung als Bestandteile eines gesellschaftlichen Verlustprozesses. Seine Kritik am Ressourcenverbrauch geht damit weit über Energiepolitik hinaus. Sie richtet sich gegen Freiheiten, die Menschen von vorgegebenen Lebenswegen unabhängig machen.
Die Politikwissenschaftlerin Nadine Langer analysiert für die Fachstelle FARN, wie „Die Kehre“ daraus eine völkische Ordnungsvorstellung entwickelt: Menschen sollen an vermeintlich angestammte Gemeinschaften und Räume gebunden werden. Schick schreibt ortsgebundenen Menschen mehr Fürsorge für ihre Umgebung zu als einem „ständigen Wanderer“. Langer erkennt darin einen Anschluss an das antisemitische Motiv der fehlenden Verwurzelung. Die politische Trennlinie verläuft damit zwischen angeblich Zugehörigen und dauerhaft Fremden. Migration wird als Störung einer natürlichen Ordnung dargestellt; die Entscheidung darüber, wer dazugehört, entzieht sich in dieser Logik dem gleichen Recht aller.
Wenn Naturschutz über Menschenrechte gestellt wird
Claudia Gärtner und Michael Nattke untersuchten für einen 2025 veröffentlichten wissenschaftlichen Aufsatz die ersten 15 Ausgaben der Zeitschrift und ergänzend das anschließende Themenheft zu Christentum und Ökologie. Ihre Analyse arbeitet ausdrücklich ökofaschistische Argumentationsmuster heraus. In untersuchten Beiträgen werden Landschaft und Natur sakral aufgewertet, während Menschenrechte zurücktreten. Bevölkerungswachstum und Migration erscheinen als ökologische Bedrohung. Die Autor:innen zeigen, dass solche Deutungen bis zur Akzeptanz von Tod und Leid im Globalen Süden reichen.
Diese Befunde beziehen sich auf Beiträge verschiedener Autor:innen. Schicks Verantwortung liegt sowohl in seinen eigenen Texten als auch in der publizistischen Leitung des Forums, das solchen Positionen Raum gibt. Der ideologische Kern ist die Auflösung gleicher Rechte zugunsten einer behaupteten natürlichen Ordnung. Ein Naturschutz, der Menschen nach Herkunft sortiert oder ihr Leid als Entlastung der Umwelt behandelt, macht aus einer ökologischen Aufgabe ein Programm der Ungleichwertigkeit. Die Kritik richtet sich genau gegen diese Verbindung von Naturargumenten und Menschenfeindlichkeit.
Die Redaktion will Einfluss – die AfD bietet Zugänge
Schicks publizistische Tätigkeit blieb mit parlamentarischer Arbeit verbunden. t-online berichtete am 7. Juni 2025, dass er weiterhin im Bundestagsbüro des Brandenburger AfD-Landesvorsitzenden René Springer arbeitete. Damit setzte sich die in Bremen dokumentierte Nähe zwischen IB-Akteur:innen und AfD-Abgeordnetenbüros auf einer weiteren Station fort. Das verleiht neurechter Publizistik einen unmittelbaren Zugang zum parlamentarischen Betrieb. Die organisatorische Trennung von Partei und außerparlamentarischem Umfeld verhindert solche personellen Verbindungen offenbar nicht.
Wie anspruchsvoll das Magazin seine politische Rolle versteht, zeigt eine Veröffentlichung vom 16. September 2026. Darin behandelt „Die Kehre“ öffentliche Erwähnungen durch Ulf Poschardt und warnt die eigene Leserschaft davor, Aufmerksamkeit bereits für Erfolg zu halten. Klickzahlen und Wahlergebnisse zeigten zunächst Interesse; entscheidend sei tatsächlicher Einfluss. Das ist die strategische Dimension des Projekts: Natur- und Gesellschaftsbilder sollen politische Wirkung entfalten. Schicks Weg von der Bremer IB zur publizistischen Leitung macht sichtbar, wie ein Aktivist sein Tätigkeitsfeld erweitert – und wie völkische Ausgrenzung dabei eine ökologische Begründung erhält.
Redaktion AfD Watch Bremen · Stand: 18. September 2026
Quellen und weiterführende Recherchen
Zivilgesellschaftliche und wissenschaftliche Analysen, journalistische Recherchen sowie eigene Veröffentlichungen als Gegenstand der Kritik.
Nadine Langer · FARN · 31. August 2021
„Die Kehre“ oder: Die Romantisierung vormoderner Gesellschaften
Claudia Gärtner und Michael Nattke · Wissenschaftlicher Aufsatz · 13. Juni 2025
„Zu viel Wüste und zu wenig Wald.“ Über das Verhältnis von Religion und rechter Ökologie
taz · 19. August 2017
Andreas Speit und Sebastian Heidelberger · taz · 26. April 2018
Das rechtsextreme Regionalbüro: Schick im Umfeld von Frank Magnitz
Annika Leister · t-online · 7. Juni 2025
Rechtsextremer Personalwechsel: Beschäftigung in AfD-Abgeordnetenbüros
Jonas Schick · Eigener Text · Onlineveröffentlichung 23. Mai 2020
Die Kehre · Selbstdarstellung · Abruf 18. September 2026
Konzept: Ökologie, Kulturlandschaft und gesellschaftliche Ordnung
Die Kehre · Eigene Veröffentlichung · 16. September 2026
Die Kehre · Impressum · Abruf 18. September 2026
Jonas Schick als Vertreter des Verlags und Verantwortlicher für den Inhalt
