Neue Parteibücher, alte Mandate: Bremerhavens AfD im Umbau

Das Netzwerk · AfD-Kreisverbände · Stand: 2026

Die Bremerhavener AfD hat sämtliche Stadtverordneten verloren, die 2023 für sie gewählt wurden. Trotzdem verfügt eine Gruppe unter ihrem Namen wieder über Ausschusssitze und öffentliche Mittel. Sven Lichtenfeld und Claudia Baltrusch bringen dafür zwei Mandate ein, die sie für Bürger in Wut gewonnen haben. Während ehemalige AfD-Funktionäre bei der rechten Konkurrenz unterkommen, organisiert die Partei mit verändertem Führungspersonal ihren nächsten Anlauf. Die Mandate bleiben – ihre politische Verwendung wechselt.

Drei gewählt, drei ausgetreten – der AfD-Name bleibt

Bei der Bremerhavener Stadtverordnetenwahl 2023 gewann die AfD drei Mandate. Gewählt wurden Thomas Jürgewitz, Wolfgang Koch und Kevin Schäfer. Schäfer verließ Partei und Fraktion bereits im Februar 2024. Im Juni 2026 folgten Jürgewitz und Koch. Damit hatte die AfD alle drei damals gewählten Stadtverordneten verloren. [1] [4]

Bereits Mitte Juni entstand jedoch die „AfD Bremerhaven Gruppe“ aus Sven Lichtenfeld und Claudia Baltrusch. Beide waren 2023 für Bürger in Wut gewählt worden. Lichtenfeld war inzwischen wieder AfD-Mitglied; Baltrusch übernahm die stellvertretende Sprecherfunktion der parlamentarischen Gruppe. [9] [17]

Die Neuordnung verändert die Träger des AfD-Auftritts im Stadtparlament vollständig. Die Partei verlor ihr ursprünglich gewähltes Personal. Zwei Mandate aus der konkurrierenden rechten Wählervereinigung ermöglichten anschließend einen neuen Zusammenschluss unter ihrem Namen. Die freien Mandate bleiben an die gewählten Personen gebunden. Ihre Entscheidungen verschieben jedoch, welche politische Organisation von der parlamentarischen Präsenz profitiert.

Lichtenfeld brachte der AfD den Sitz zurück

Lichtenfelds Wechselgeschichte zeigt diesen Mechanismus auf zwei parlamentarischen Ebenen. 2021 verließ er die AfD und ging zu Bürger in Wut. 2023 gewann er für die Wählervereinigung sowohl einen Sitz in der Bremerhavener Stadtverordnetenversammlung als auch in der Bremischen Bürgerschaft. Im Dezember 2024 trat er erneut in die AfD ein. Damit war die Partei wieder im Landesparlament vertreten. [2] [15]

Bei der Bürgerschaftswahl 2023 war die AfD wegen ihres Streits um konkurrierende Wahlvorschläge ausgeschlossen worden. Zur eigenständigen Kommunalwahl in Bremerhaven durfte sie dagegen antreten. Lichtenfelds Wiedereintritt verschaffte ihr im Landesparlament nachträglich eine Vertretung, während die örtliche Parteiorganisation ihre bei der Kommunalwahl gewonnenen Mandatsträger verlor. [1] [2]

Schon unmittelbar nach der Wahl 2023 hatte Bürger in Wut Lichtenfeld ausgeschlossen. Jan Timke warf ihm vor, wissentlich Wahlkampfhilfe aus dem rechtsextremen Milieu angenommen zu haben, um seine Personenstimmen zu erhöhen. Lichtenfeld bestreitet die Vorwürfe. Die taz dokumentierte damals, dass BIW ihn erst zwei Jahre zuvor aus der AfD aufgenommen hatte. Die Wählervereinigung hatte seine politische Karriere zunächst weitergetragen und erklärte ihn nach dem Wahlerfolg zum Problem. [2] [3]

Für die AfD wurde derselbe Politiker anschließend zum parlamentarischen Anknüpfungspunkt. Die Rückkehr Lichtenfelds verband seine bestehenden Mandate mit einer Partei, die sich bei der vorausgegangenen Landtagswahl selbst aus dem Verfahren herausmanövriert hatte.

Die rechte Konkurrenz übernimmt das alte Personal

Jürgewitz und Koch gingen im Juni 2026 in die entgegengesetzte Richtung: von der AfD zur damaligen Fraktion Bündnis Deutschland. Nach dem Bericht von Radio Bremen begründeten sie ihren Austritt mit fehlender innerparteilicher Demokratie und mangelnder Toleranz gegenüber abweichenden Positionen. Bei einem Kreisparteitag sei es zu Gewalt gegen Mitglieder gekommen; die Bremer AfD bewege sich in einem rechtsradikalen Umfeld. Das sind die von ihnen vorgetragenen Austrittsgründe. [4]

BD-Fraktionsvorsitzende Julia Tiedemann begrüßte die Verstärkung. Sie verwies laut Radio Bremen auf gemeinsame politische Überzeugungen und eine sachorientierte Arbeit der Neuzugänge. Ihre Fraktion wuchs auf sieben Mitglieder. BD verband die Konkurrenz zur AfD mit der Aufnahme ihrer langjährigen Funktionäre. [4]

Die politische Vorgeschichte von Jürgewitz macht diese Aufnahme besonders aufschlussreich. Er hatte die Aktionen der Identitären Bewegung öffentlich als „intelligenten, witzigen, gewaltfreien“ Einsatz gelobt. Die taz dokumentierte die Werbung für die extrem rechte Organisation. 2019 rechtfertigte er außerdem den Ausschluss eines taz-Reporters von einer AfD-Pressekonferenz mit der Ausrichtung der Zeitung gegen rechts. [5] [6]

Jürgewitz hatte die Öffnung zur extremen Rechten und die Abwehr kritischer Öffentlichkeit selbst mitgetragen. Seine spätere Kritik trifft deshalb auf die eigene Bilanz. Wer ihn als Verstärkung übernimmt, übernimmt einen politischen Akteur mit dieser dokumentierten Verantwortung. Der Wechsel des Parteibuchs schafft eine neue organisatorische Heimat; die frühere politische Praxis bleibt Teil seiner Person.

Das „Zweckbündnis“ für mehr parlamentarischen Einfluss

Auch die neue AfD-Gruppe hat eine Vorgeschichte. Baltrusch und Schäfer gehörten zwischenzeitlich gemeinsam mit Bianca Ax der Fraktion „Wir für Bremerhaven“ an. Im September 2025 gab Ax ihr Mandat auf; Schäfer und Baltrusch verließen die Fraktion. Der Zusammenschluss zerfiel. Radio Bremen berichtete über die Auflösung. [7]

Ende 2025 versuchten Lichtenfeld, Schäfer und Baltrusch, eine Fraktion mit dem Namen „Alternative für Deutschland plus Schäfer und Baltrusch“ zu bilden. Gegenüber der taz bezeichnete Lichtenfeld das Vorhaben als „Zweckbündnis“. Zu diesem Zeitpunkt war er das einzige AfD-Mitglied der drei; Schäfer und Baltrusch wurden als parteilos beschrieben. Die damalige AfD-Gruppe um Jürgewitz wollte sich gegen die Verwendung des Parteinamens durch den konkurrierenden Zusammenschluss wehren. [8]

Die Stadtverordnetenversammlung verweigerte am 4. Dezember 2025 die erforderliche Anerkennung. Die taz erläuterte den institutionellen Anreiz: Fraktionsstatus bedeutet weitergehende Rechte, darunter längere Redezeiten. Der Streit drehte sich zugleich darum, wer im Stadtparlament unter dem AfD-Namen auftreten und die damit verbundene politische Sichtbarkeit beanspruchen konnte. [8]

Zwei BIW-Mandate öffnen die Ausschüsse

Im Juni 2026 gelang Lichtenfeld und Baltrusch der Zusammenschluss als Zweiergruppe. Die Vorlage vom 16. Juni hält die Abfolge fest: Jürgewitz und Koch schlossen sich am 11. Juni BD an; der Status ihrer bisherigen AfD-Gruppe erlosch. Lichtenfeld und Baltrusch bildeten die „AfD Bremerhaven Gruppe“ und beantragten am 13. Juni eine Neubildung der Ausschüsse. [9]

Am 18. Juni beschloss die Stadtverordnetenversammlung die veränderte Besetzung. Die neue Gruppe erhielt einen Sitz in jedem Ausschuss. Einzelstadtverordnete werden demgegenüber in bis zu vier Ausschüssen als beratende Mitglieder berücksichtigt. Auch BD gewann durch die Neuordnung: Die Fraktion erhielt nun zwei statt zuvor eines Sitzes in den Ausschüssen. [9] [10]

Damit blieb die parlamentarische Wirkung der Wechsel innerhalb der rechten Parteienlandschaft erhalten und verteilte sich neu. Die ehemaligen AfD-Stadtverordneten stärkten BD. Lichtenfeld und Baltrusch sicherten einem AfD-benannten Zusammenschluss Zugang zur gesamten Ausschussstruktur. Dort werden Vorlagen beraten, Verwaltungshandeln kontrolliert und Entscheidungen vorbereitet. Gruppenbildung verschafft dauerhafte Arbeitsmöglichkeiten. Baltruschs Bedeutung liegt in dieser Mitwirkung. Sie trägt den Zusammenschluss, durch den Lichtenfelds AfD-Zugehörigkeit eine gemeinsame parlamentarische Organisationsform erhält. Ihr Beitrag lässt sich an der übernommenen Gruppenfunktion und den daraus entstehenden Beteiligungsrechten festmachen. [17]

1.434,06 Euro im Monat für die parlamentarische Struktur

Der Gruppenstatus hat eine finanzielle Seite. Seit dem 1. Juli 2026 beträgt der gesetzliche Zuschlag je Gruppenmitglied 624,51 Euro zuzüglich einer Gruppenerhöhung von 92,52 Euro. Für zwei Mitglieder ergibt das einen monatlichen Anspruch von insgesamt 1.434,06 Euro. Grundlage sind die bekannt gemachten Beitragssätze und Paragraf 13 des Entschädigungsortsgesetzes. [11] [12]

Die Mittel sind an parlamentarische Aufgaben gebunden. Paragraf 14 untersagt ihre Verwendung für Parteiaufgaben; über Paragraf 19 gilt diese Vorgabe auch für Gruppen. Damit finanziert der öffentliche Haushalt die Arbeit des parlamentarischen Zusammenschlusses. Die Zweckbindung ist strikt von der politischen Wirkung zu unterscheiden: Eine Organisation mit AfD im Namen erhält eine dauerhafte materielle Grundlage für ihre Tätigkeit im Stadtparlament. [12]

Die Neubildung sorgt folglich dafür, dass der Verlust sämtlicher ursprünglich gewählter AfD-Stadtverordneter die parlamentarische Infrastruktur unter dem Parteinamen nur vorübergehend unterbrach. Bestehende Mandate wurden neu zusammengeführt und erschlossen erneut institutionelle Ressourcen.

Dettmann und Maier organisieren die nächste Aufstellung

Parallel verändert sich die Führung des Kreisverbandes. Stefan Dettmann trat im Oktober 2025 in einem Parteivideo als Kreisschatzmeister auf. Im August 2026 präsentierte ihn die AfD bereits als Bremerhavener Kreisvorsitzenden. Er erschien gemeinsam mit Landeschef Sergej Minich in einem Video zur Kandidatenaufstellung. Dettmann übernimmt damit die Rolle des örtlichen Organisators und öffentlichen Sprechers des Kreisverbandes. [13]

Maxim Maier verbindet die neue örtliche Führung mit dem Landesvorstand. Dort ist er seit Oktober 2025 Beisitzer. Im Juli 2026 stellte ihn die AfD Bremerhaven als Kreisschatzmeister und Bundesparteitagsdelegierten vor. Nach seiner eigenen Veröffentlichung wurde er am 22. August auf Platz drei des Bremerhavener Wahlvorschlags für die Bürgerschaftswahl 2027 gewählt. [14]

Die Rollen ergänzen sich: Dettmann steht für Kreisführung und Außenauftritt, Maier für Finanzverwaltung und die Verbindung zur Landesorganisation. Lichtenfeld bringt die parlamentarische Präsenz ein. Die AfD verknüpft ihren personellen Umbau mit der Vorbereitung neuer Kandidaturen. Aus den Zusammenbrüchen früherer Zusammenschlüsse entsteht eine veränderte Struktur, die wieder auf Mandate zielt.

Wahlbereit – unter Ausschluss der Presse

Die Bremerhavener AfD setzte Lichtenfeld am 22. August 2026 auf Platz eins ihres Wahlvorschlags für die Bürgerschaft. Sie macht damit den Rückkehrer, der ihr bereits den Zugang zum Landesparlament verschafft hatte, zum Spitzenkandidaten für 2027. Unsere Recherche zu Lichtenfeld verfolgt diese Bündelung von Landesmandat, kommunaler Gruppenführung und Kandidatur. [15]

Bei der Aufstellungsversammlung blieb die gesamte Presse ausgeschlossen. Rund 400 Menschen demonstrierten gegen die Veranstaltung; aufgerufen hatten „Bremerhaven bleibt bunt“ und die „Omas gegen Rechts“. Minich bezeichnete den Protest gegenüber Radio Bremen als „zutiefst undemokratisch“. Den Presseausschluss rechtfertigte er mit einer behaupteten Gefährdung der Mitglieder und der Entscheidung, alle Medien gleich zu behandeln. [16]

Die Partei beansprucht demokratische Anerkennung für ihre eigene Versammlung, während sie den Protest delegitimiert und unabhängige Beobachtung ihrer Kandidatenaufstellung verhindert. Anschließend verbreitete sie ihr eigenes Video mit Minich und Dettmann. Die örtliche Führung stellt sich damit selbst als Stimme des Geschehens dar, nachdem journalistische Einblicke ausgeschlossen worden waren. [13] [16]

Die Kontinuität reicht über den Personalwechsel hinaus: 2019 verteidigte Jürgewitz den Ausschluss der taz. 2026 tritt er bei der rechten Konkurrenz auf, während die AfD-Führung erneut Presse fernhält. Der Austausch von Funktionären geht mit dem Fortbestand einer Praxis einher, die öffentliche Kontrolle als Störung behandelt. [6] [16]

Die Mandate wandern, die rechte Infrastruktur bleibt

Die Vorgänge zeigen, wie wenig ein Fraktionsbruch allein über die Stärke rechter Politik aussagt. Mandate, Ausschussrechte und öffentliche Arbeitsmittel können durch neue Zusammenschlüsse erneut gebündelt werden. In Bremerhaven profitieren davon sowohl die AfD als auch die Partei, die ihre früheren Funktionäre aufnimmt.

Der politische Kern dieses Umbaus liegt in der Verbindung von Austausch und Kontinuität. Lichtenfelds Mandate sichern der AfD Präsenz auf Landes- und Kommunalebene. Baltrusch ermöglicht mit ihm die neue parlamentarische Gruppe. Dettmann und Maier stehen für den personellen Aufbau des Kreisverbandes. Jürgewitz und Koch verstärken unterdessen die rechte Konkurrenz. Die organisatorischen Grenzen verschieben sich, während die beteiligten Akteur:innen ihren Einfluss in veränderten Konstellationen weiter ausüben.

Bremerhavens AfD hat ihre alte kommunale Mannschaft verloren. Die politische Infrastruktur unter ihrem Namen wurde mit Mandaten aus Bürger in Wut wieder aufgebaut. Genau darin liegt die Bedeutung der Kreisverbände als Netzwerke: Sie verbinden Personal, parlamentarische Möglichkeiten und neue Wahlansprüche auch dann, wenn frühere Bündnisse zerfallen.

Die ausführliche Entwicklung erschließen unsere Dossiers zu AfD Bremerhaven, zur Stadtverordnetenversammlung und zu Bürger in Wut und Bündnis Deutschland. Der Schwerpunkt AfD-Kreisverbände ordnet die örtlichen Strukturen in das Netzwerk der Landespartei ein.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Journalistische Berichte und unsere vertiefenden Dossiers. Originalunterlagen ergänzen die Belege zu Ausschusssitzen, Beitragshöhe und Zweckbindung. Parteieigene Angaben und Vorwürfe sind im Text zugeordnet.

3 · taz · Alina Götz und Andreas Speit · 22. Mai 2023

Ein Rauswurf zur Image-Pflege

BIW-Aufnahme und späterer Ausschluss Lichtenfelds; Timkes Vorwürfe und die politische Außendarstellung.

5 · taz · Simone Schnase · 6. November 2020

Neues aus dem Kindergarten

Dokumentiert Jürgewitz’ öffentliche Unterstützung für die Identitäre Bewegung.

6 · taz · Jean-Philipp Baeck · 21. Januar 2019

taz ist zu unbequem

Bericht des ausgeschlossenen Reporters; Jürgewitz’ Begründung nach Angaben anwesender Kolleg:innen.

8 · taz · Lotta Drügemöller · 4. Dezember 2025

Zwei, eine, keine AfD?

Gescheiterte Fraktionsbildung, damalige Parteizugehörigkeiten und Lichtenfelds Erklärung zum Zweckbündnis.

9 · Stadtverordnetenversammlung · 16. Juni 2026 · Vorlage V 57/2026

Neue Gruppe und veränderte Ausschussbesetzung

Originalunterlage zum Ende der alten Gruppe, zum Antrag des neuen Zusammenschlusses und zur vorgesehenen Sitzverteilung.