Vom rechten Nachwuchs zur Parteimacht: Das Netzwerk Bremen-Nord

Das Netzwerk · AfD-Kreisverbände · Stand: 2026

Marvin Mergard verbindet den Kreisvorsitz in Bremen-Nord mit der AfD-Landesführung und der neuen Parteijugend. Ahmet Görgülü bringt die Finanzverwaltung des Landesverbandes in dieses Geflecht ein. Kemal Schlegel steht für den nächsten Jahrgang politischer Aufsteiger. In Bremen-Nord lässt sich verfolgen, wie extrem rechte Nachwuchsarbeit über Jahre in Parteimacht und Bürgerschaftskandidaturen übergeht – getragen von erfahrenen Funktionären, ideologischen Angeboten und einer zunehmend festen organisatorischen Einbindung.

Drei Führungsämter, kurze Wege zur Macht

Wer die AfD Bremen-Nord verstehen will, muss die Ämter ihrer Führung zusammenlesen. Marvin Mergard führt den Kreisverband und ist seit Oktober 2025 stellvertretender AfD-Landesvorsitzender. Im Januar 2026 wurde er außerdem Stellvertreter von Marcel Fetke an der Spitze der Bremer „Generation Deutschland“ (GD). Für die Bürgerschaftswahl 2027 hat ihn die Partei auf Platz zwei ihres Wahlvorschlags für den Wahlbereich Bremen gesetzt. [1] [3]

Ahmet Görgülü gehört dem Landesvorstand als Schatzmeister an. Nach Angaben des Kreisverbandes ist er zugleich Mergards Stellvertreter in Bremen-Nord. Örtliche Parteiführung und Landesorganisation sind damit über zwei zentrale Funktionäre personell verbunden. [2]

Diese Ämterverteilung verschafft Bremen-Nord kurze Wege in die Landesführung. Mergard wirkt zugleich an der Organisation vor Ort, der Führung der Gesamtpartei im Land und der Ausbildung ihres Nachwuchses mit. Seine Laufbahn zeigt, welches Personal dadurch Einfluss gewinnt: Ein früherer Funktionär der Jungen Alternative mit dokumentierter Nähe zur Identitären Bewegung steht heute an mehreren organisatorischen Schaltstellen.

Die Identitären-Verbindung gehört zur politischen Laufbahn

Im Juni 2017 dokumentierten Simone Schnase und Sebastian Sirk in der taz, wie Mergard und der damalige Bremer JA-Vorsitzende Robert Teske bei einer Demonstration der Identitären Bewegung in Berlin mitliefen. Beide verbreiteten auch deren rassistischen Kampfbegriff vom „großen Austausch“. Die Erzählung stellt Einwanderung als Verdrängung einer als ursprünglich und einheitlich vorgestellten Bevölkerung dar. Zugewanderte Menschen erscheinen darin als Bedrohung für den Bestand des eigenen Volkes. [4]

Mergard verteidigte die Demonstrationsteilnahme gegenüber der taz mit dem allgemeinen Demonstrationsrecht und seiner Auslegung des Unvereinbarkeitsbeschlusses. Ein stellvertretender JA-Bundesvorsitzender erklärte dagegen, das geschilderte Verhalten sei mit der Beschlusslage unvereinbar. Schon damals war die behauptete Abgrenzung zur Identitären Bewegung innerhalb der Jugendorganisation umstritten. [4]

Die politische Bedeutung dieser Vorgeschichte liegt in Mergards anschließendem Aufstieg. Die damalige Beteiligung an identitärer Mobilisierung gehört zur Biografie eines heutigen Kreisvorsitzenden und stellvertretenden Landeschefs. Mit seiner Wahl in die neue Parteijugend übernimmt er erneut Verantwortung dafür, welchen politischen Nachwuchs die AfD heranbildet. [1] [3]

Bunker Valentin: Die Erinnerung wurde zum Feindbild

Wie konkret die damalige JA ihre Ideologie auf Bremen-Nord bezog, zeigt ihr Angriff auf die Erinnerungsarbeit rund um den Bunker Valentin. Am 24. November 2017 wandte sie sich gegen eine Weiterentwicklung des Denkorts und bezeichnete die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen als „Schuldkult“. Die taz dokumentierte, wie die Organisation eine Zukunftsperspektive für Bremen-Nord gegen das Gedenken ausspielte und Erinnerungsbesuche verächtlich machte. [5]

Am Bunker wird an die zur Arbeit gezwungenen Menschen und KZ-Häftlinge erinnert, die für das nationalsozialistische Rüstungsprojekt ausgebeutet wurden. Nach der Panorama-Recherche starben dabei mehr als 1.600 Menschen. Wer diese Erinnerungsarbeit zum „Kult“ erklärt, verschiebt den Blick: Die Verbrechen und ihre Opfer treten zurück; zum Ärgernis wird die öffentliche Auseinandersetzung damit. [6]

Anfang Dezember 2017 besprühten Unbekannte eine Betonmauer am Bunker mit einer gegen den „Schuldkult“ gerichteten Parole. Die JA distanzierte sich später von der Tat. Ihre eigene politische Intervention hatte jedoch bereits das Gedenken angegriffen. Darin liegt die Verantwortung der Organisation: Sie machte einen Ort der Aufklärung über NS-Verbrechen zum Gegenstand nationalistischer Abwehr. [5] [6]

Die neue Parteijugend übernimmt erfahrenes Personal

Am 31. Januar 2026 gründete sich die Bremer „Generation Deutschland“. Marcel Fetke wurde Vorsitzender, Mergard sein Stellvertreter. AfD-Landeschef und Bundestagsabgeordneter Sergej Minich hielt ein Grußwort. Die Landesführung begleitete den Aufbau damit öffentlich und unmittelbar. [3] [7]

Michael Klarmann beschreibt bei Endstation Rechts, wie die neue Jugendorganisation bundesweit frühere JA-Funktionäre und Akteur:innen aus dem extrem rechten Umfeld in die Partei einbindet. Für Bremen nennt er ausdrücklich Mergard und dessen frühere Verbindungen zur Identitären Bewegung. Der organisatorische Neustart setzt auf Personal mit langjähriger politischer Erfahrung in diesen Zusammenhängen. [3]

Das Jugendstatut nennt als Aufgaben die Verbreitung des Parteiprogramms und der weltanschaulichen Vorstellungen der AfD, die politische Bildung ihres Nachwuchses und die Vergrößerung des Einflusses junger Mitglieder innerhalb der Partei. Rekrutierung, ideologische Ausbildung und innerparteilicher Aufstieg sind damit ausdrücklich miteinander verbunden. In Bremen-Nord erhält dieses Programm durch Mergards Mehrfachfunktion eine konkrete personelle Grundlage. [8]

Die Parteikasse gehört zu diesem Aufbau

Die Verbindung reicht bis in die Finanzverwaltung. Nach Paragraf 9 des Jugendstatuts laufen Ein- und Auszahlungen der rechtlich unselbstständigen Jugendorganisation über die Partei. Die jeweiligen Parteischatzmeister:innen müssen deren Finanzen mindestens jährlich prüfen; Parteivorstände können zusätzliche Mittel bereitstellen. Daraus ergibt sich auch für den Bremer Landesschatzmeister eine institutionelle Verantwortung gegenüber der Jugendorganisation. [8]

Görgülüs Doppelamt verbindet diese Verantwortung auf Landesebene mit der stellvertretenden Führung in Bremen-Nord. Im Kreisverband selbst verwaltet Arno Staschewski die Kasse. Er gehört nach eigener Angabe seit 2013 zur AfD und trat 2025 als Bundestagsdirektkandidat im Wahlkreis Bremen II–Bremerhaven an. Unsere Recherche zu Staschewski dokumentiert den Weg vom langjährigen Parteimitglied und Kandidaten zum heutigen Kreisschatzmeister. [2] [9]

Bremen-Nord verbindet damit unterschiedliche politische Generationen und Aufgaben: Jugendführung, Landesämter und erfahrene Finanzverwaltung kommen in derselben Kreisstruktur zusammen. Die alltägliche Organisationsarbeit schafft die Voraussetzungen dafür, dass aus Zustimmung dauerhafte Parteitätigkeit wird. Auch darin liegt die politische Bedeutung der örtlichen Funktionäre.

Görgülü liefert die Erzählung von den angeblich Arbeitsunwilligen

Görgülü tritt zugleich als politischer Fürsprecher des migrationsfeindlichen Kurses auf. In einer SRF-Reportage von Maya Janik stellte er im Februar 2025 seine Familiengeschichte als Kind türkischer Arbeitsmigrant:innen der späteren Zuwanderung gegenüber. Über viele nach Deutschland gekommene Menschen sagte er: „Meiner Meinung nach sind viele nach Deutschland gekommen, um nicht zu arbeiten“. [10]

SRF hielt dagegen: 2022 waren knapp zwei Drittel der untersuchten Menschen, die 2015 nach Deutschland gekommen waren, erwerbstätig. Görgülü blieb bei seinem Eindruck und verwies auf persönliche schlechte Erfahrungen im Arbeitsleben. Aus solchen Erfahrungen leitete er eine pauschale Unterstellung über die Absichten vieler Zugewanderter ab. [10]

Seine Erzählung verteilt moralische Anerkennung: Die eigene Elterngeneration erscheint als fleißig und gehorsam, später Zugewanderte werden als Belastung dargestellt. Die Familiengeschichte dient als Beglaubigung dieser Abwertung. Politisch zählt dabei der Inhalt: Ein Funktionär macht aus Migration eine Konkurrenz zwischen angeblich verdienten und unverdienten Menschen. Als Kreisvize und Landesschatzmeister trägt er solche Positionen im Führungskreis der Partei mit. [2] [10]

Schlegel: Neurechte Literatur bekommt einen Alltagsrahmen

Mit Kemal Schlegel tritt ein weiterer Funktionär an der Verbindung zwischen Kreisverband und Jugendorganisation hervor. Die AfD Bremen-Nord gab im Mai 2026 seine Wahl zum Beisitzer bekannt. Auf seinem öffentlichen Profil nennt er außerdem einen Sitz im GD-Landesvorstand und eine Kandidatur zur Bürgerschaftswahl 2027. [11]

Am 1. September 2026 erwähnte Schlegel auf X zustimmend einen Band der „Kaplaken“-Reihe und stellte einen Bezug zu seiner Ausbildung zum Zimmermann und traditionellem Bauen her. Die Reihe erscheint im Antaios-Verlag. Der Politikwissenschaftler Armin Pfahl-Traughber beschreibt sie bei Endstation Rechts als Instrument zur Verbreitung neurechter Weltanschauung. Seine Untersuchung zeigt exemplarisch, wie ein Band zur Baupolitik Architektur in einen rechten Kulturkampf einordnet. [11] [12]

Seine berufliche Selbstdarstellung wertet die Reihe als fachlich anregende Lektüre auf. So bekommt neurechte Publizistik einen alltäglichen Zugang zum Publikum.

Der Bremer GD-Account ergänzte diese Kommunikation am 4. September mit einem Video, in dem Schlegel markiert wurde. Die Organisation schrieb dazu: „Völker, die solche Werke schaffen, dürfen nicht verloren gehen!“ Kulturelle Leistungen werden hier zur Begründung einer nationalen Bedrohungserzählung. [11]

Die neue Organisation mobilisiert im alten politischen Umfeld

Am 1. August 2026 beteiligte sich die Bremer GD nach eigener Mitteilung mit einer Delegation und ihrem Banner am „Tag der deutschen Jugend“ in Schwerin. Unsere Dokumentation zur Bremer Parteijugend erschließt die Selbstdarstellung und die Berichte über den Aufmarsch. [14]

Die zivilgesellschaftliche Dokumentationsstelle democ berichtete von etwa 400 Teilnehmenden. Sie dokumentierte Parolen wie „Europa, Jugend, Reconquista“ und „Send them back“, die sie dem Repertoire identitärer beziehungsweise neonazistischer Mobilisierung zuordnet. Auf einem Transparent wurde „millionenfache Remigration“ gefordert; mehrere Teilnehmende trugen Kleidung der Marken Thor Steinar oder Label 23. Die neue Jugendorganisation trat damit öffentlich in einer politischen Form auf, die extrem rechte Straßenmobilisierung fortsetzt. [13]

Auch die Laufbahn von Mergards früherem JA-Mitstreiter Robert Teske zeigt, wohin dieses Milieu führen kann. Der heutige Bundestagsabgeordnete erklärte gegenüber CORRECTIV im Mai 2026, er habe das Jungeuropa-Verlagstreffen unterstützt; die Verzahnung von ideologischer Vorfeldarbeit und Parteipolitik sei ihm wichtig. CORRECTIV dokumentierte bei dem Treffen auch Akteure aus militanten Neonazizusammenhängen. Teske erklärte dazu, ihm seien diese Personenkreise nicht bekannt gewesen. [15]

Teskes ausdrücklich erklärte Unterstützung solcher Vernetzung zeigt eine politische Funktion des parlamentarischen Aufstiegs: Abgeordnete können dem außerparlamentarischen Milieu Rückhalt geben. Die Geschichte des Bremer AfD-Nachwuchses reicht deshalb über lokale Parteiämter hinaus. Aus ihr sind auch Funktionäre hervorgegangen, die diese Verbindung heute auf Bundesebene vertreten. [15]

Die Nachwuchsarbeit drängt auf die Wahlliste

Nach der Aufstellungsversammlung für den Wahlbereich Bremen am 15. August 2026 erklärte die Bremer GD, fünf der ersten zehn Listenplätze seien von Mitgliedern ihrer Organisation besetzt. Diese parteieigene Bilanz zeigt, welchen Stellenwert sie ihrem Einfluss auf die Kandidat:innenauswahl zuschreibt. Mergard steht auf Platz zwei; Schlegel präsentiert sich ebenfalls als Kandidat für 2027. [1] [11] [14]

Die personelle Verflechtung hat damit ein konkretes Ziel: den Zugang zu parlamentarischen Mandaten. Ein Sitz in der Bürgerschaft eröffnet politische Sichtbarkeit, Beteiligung an Gesetzgebung und Haushaltsentscheidungen sowie institutionelle Arbeitsmöglichkeiten. Die örtliche Organisation und die Parteijugend schaffen Voraussetzungen, unter denen ihre Funktionäre solche Positionen erreichen können.

In Bremen-Nord verdichten sich diese Wege. Mergard verbindet die identitäre Vorgeschichte mit heutiger Führungsmacht. Görgülü steht für Finanzverantwortung und migrationsfeindliche Agitation. Staschewski bringt langjährige Parteierfahrung in die Kreisverwaltung ein. Schlegel verbindet die nächste Kandidatengeneration mit neurechter Publizistik. Der Kreisverband gibt diesem Personal eine gemeinsame organisatorische Basis – und der extrem rechten Politik einen Weg zu weiterem institutionellem Einfluss.

Der Schwerpunkt AfD-Kreisverbände ordnet diese Struktur in die Entwicklung der gesamten Bremer Partei ein. Die Übersicht zur Generation Deutschland Bremen führt zu den weiteren Personendossiers und den Verbindungen der Parteijugend.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Journalistische Recherchen, zivilgesellschaftliche Dokumentationen und unsere Personendossiers. Das Jugendstatut belegt die Organisationsregeln; parteieigene Angaben sind im Text zugeordnet.

4 · taz · Simone Schnase und Sebastian Sirk · 21. Juni 2017

Seit’ an Seit’ mit Identitären

Demonstrationsteilnahme, rassistische Begriffe und Mergards damalige Stellungnahme.

5 · taz · Simone Schnase · 8. Dezember 2017

Hass und schwarze Farbe

JA-Agitation gegen die Erinnerungsarbeit am Bunker Valentin und die späteren Schmierereien durch Unbekannte.

6 · NDR / Panorama · Robert Bongen, Julian Feldmann, Philipp Hennig und Johannes Jolmes · 2018

Holocaust: Wie die AfD die Schuld beenden will

Zwangsarbeit am Bunker Valentin, Angriff auf das Gedenken und spätere Distanzierung der JA von der Tat.

8 · Parteidokument · Fassung vom 29. August 2026

Jugendstatut der Generation Deutschland

Primärbeleg für die erklärten Organisationszwecke (§ 2) sowie Zahlungen und Finanzkontrolle (§ 9).

14 · AfD Watch Bremen · Themenübersicht und Dokumentation

Generation Deutschland Bremen

Erschließt die Selbstauskünfte der Bremer GD zur Schweriner Delegation und zum Anteil ihrer Mitglieder an vorderen Listenplätzen.