Feindbild Antifa: Wie Neonazis Bremens Straßen zur Drohkulisse machen

Recherche und Analyse · Redaktioneller Stand: 2026

Gestohlene Banner, ausgespähte Beschäftigte, Angriffe auf politische Gegner:innen: Rechte Straßenpräsenz dient auch dazu, Menschen einzuschüchtern und ihnen öffentliche Räume streitig zu machen. „Phalanx 18“ und „weserems.aktion“ zeigen dieses Vorgehen in Bremen besonders deutlich. Hinzu kommen dokumentierte Kontakte zu AfD-Wahlkampfaktivitäten. Die Gruppen unterscheiden sich; die politische Stoßrichtung verbindet sie: Wer sich gegen rechts stellt, soll mit Konsequenzen rechnen.

Der Angriff wird gefilmt – die Demütigung gleich mit

Ende Dezember 2024 verschwanden zwei Banner von der Fassade des Bremer Sielwallhauses. Die Beteiligten aus der „weserems.aktion“ filmten ihr Vorgehen und präsentierten die Beute anschließend vor dem Parteibüro der Grünen. Andreas Speit beschrieb in der taz eine Arbeitsteilung: Einige nahmen die Transparente ab, andere sicherten die Aktion auf der Straße oder hielten die Kamera darauf. Beim anschließenden Posieren wurde der White-Power-Gruß gezeigt. Der Bremer Verfassungsschutzbericht bestätigt die Aktion und ihre Veröffentlichung in sozialen Netzwerken. [1], [2]

Die Inszenierung hatte mehrere Adressat:innen. Dem angegriffenen Jugend- und Kulturort wurde vorgeführt, dass Neonazis bis an seine Fassade gelangen konnten. Das Grünen-Büro wurde als weitere politische Kulisse einbezogen. Für das eigene Publikum entstand ein vorzeigbarer Erfolg. Die Kamera verlängerte den Übergriff: Aus einem lokalen Diebstahl wurde eine verbreitbare Drohgebärde. Darin liegt die politische Funktion solcher Aktionen. Eine zahlenmäßig kleine Gruppe kann eine Sichtbarkeit und Bedrohungswirkung anstreben, die weit über die unmittelbar Beteiligten hinausreicht. [1]

„Anti-Antifa“: Gegner:innen markieren, Handlungsspielräume verengen

Für dieses Vorgehen gibt es einen etablierten Begriff. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt „Anti-Antifa“ als rechtsextreme Strategie des Ausspähens, Bedrohens und Angreifens vermeintlicher politischer Gegner:innen. Betroffen sind auch Journalist:innen, Gewerkschafter:innen, Politiker:innen und Jugendliche, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Das Feindbild reicht damit weit über die Mitgliedschaft in einer bestimmten antifaschistischen Gruppe hinaus. Entscheidend ist die Zuschreibung durch die Neonazis. [3]

Die Botschaft solcher Feindmarkierungen lautet: Wir wissen, wo ihr euch trefft, arbeitet oder wohnt. Damit soll politisches Engagement einen persönlichen Preis bekommen. Innerhalb der Szene bietet die gemeinsame Aktion zugleich Gelegenheit, Härte zu demonstrieren und Zugehörigkeit zu beweisen. Die Bremer Fälle zeigen, wie öffentliche Provokation, digitale Verbreitung und körperliche Gewalt ineinandergreifen können. [3], [4], [5]

„Phalanx 18“: Vom Clubschiff bis zur Wohnungstür

Unsere Recherche „Wahlkampf mit militanten Neonazis“ dokumentierte 2019 wiederholte Bedrohungen gegen Beschäftigte des Clubschiffs Treue. Nach Zeug:innenberichten erschienen Akteure aus dem Umfeld von „Phalanx 18“, provozierten mit rechten Parolen und forderten körperliche Auseinandersetzungen. Anschließend wurden Bilder von Beschäftigten sowie Aufnahmen eines Wohnhauses und eines Klingelschildes verbreitet. Die Gruppe vermutete am Clubschiff linke beziehungsweise antifaschistische Ultras. Der Zugriff auf das private Umfeld verlieh der Bedrohung eine zusätzliche Schärfe: Der Konflikt sollte die Betroffenen auch nach Feierabend erreichen. [4]

Am 5. Oktober 2019 griffen Angehörige der Gruppe im Bremer Viertel politische Gegner an. Nach der Recherche von Andreas Speit und Andrea Röpke traten sie einem bereits am Boden liegenden Mann ins Gesicht. In der verbreiteten Kommunikation wurde der Angriff mit „Feindkontakt“ und einer erfolgreich erledigten „Mission“ bejubelt. Diese Sprache übersetzte Gewalt gegen Menschen in eine vermeintliche politische Leistung. Die Straßenpräsenz der Gruppe bestand damit auch darin, Gegner:innen zu suchen, anzugreifen und den Angriff anschließend als Erfolg zu verbreiten. [5]

„Phalanx 18“ wurde im November 2019 verboten. Die Verbotsverfügung stellte fest, dass sich der Verein gegen die verfassungsgemäße Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung richtete. Im November 2020 wurde amtlich bekannt gemacht, dass das Verbot mangels eingelegten Rechtsmittels unanfechtbar geworden war. Der Fall ist damit auch ein Beispiel dafür, dass hinter der Pose einer kleinen Straßenclique eine verbotsfähige neonazistische Organisation stehen kann. [6], [7]

Junger Auftritt, organisierter Neonazismus

Bei der 2024 entstandenen „weserems.aktion“ verdeckte der unverfängliche Regionalname ebenfalls den organisatorischen Hintergrund. Der Verfassungsschutzbericht 2025 bezeichnet sie als Bremer Ableger der Jungen Nationalisten, der Jugendorganisation von „Die Heimat“, ehemals NPD. Nach Einschätzung der Behörde sollte die Namenswahl diese Zugehörigkeit verschleiern. Der Bericht beschreibt außerdem das Ziel, durch Provokationen körperliche Auseinandersetzungen herbeizuführen. Für den 27. Januar 2025 dokumentiert er eine weitere Banneraktion vor dem Alten Sportamt. [2]

Andrea Röpke und Johann Frerichs arbeiteten für Endstation Rechts die Verbindungen zu älteren Neonazinetzwerken heraus. Sie dokumentierten gemeinsame Auftritte mit langjährigen Szeneakteuren und die Vernetzung mit dem Kanal „Verden verteidigen“. Dessen Werbung für „weserems.aktion“ verband sich mit dem ausdrücklichen Feindbild „We hate Antifa“. Auch das demokratische Weser-Aller-Bündnis WABE wurde adressiert: Ein verbreiteter Film zeigte, wie Aktivisten NPD-Material in dessen Briefkasten warfen. Solche demonstrativ gefilmten Besuche signalisieren dem Ziel, dass sein Standort bekannt ist und aufgesucht wird. [8]

Zwischen „Phalanx 18“ und „weserems.aktion“ ist damit keine organisatorische Nachfolge nachgewiesen. Sichtbar wird ein wiederkehrendes Handlungsmuster verschiedener Gruppen: politische Gegner:innen und ihre Orte auswählen, dort Stärke inszenieren und die Aktion für das eigene Publikum verbreiten. Junge Gesichter und neue Gruppennamen können diese Kontinuität der Praxis verdecken. Die politischen Bezugspunkte und die ausgesuchten Feinde bleiben erkennbar. [2], [4], [8]

Die Schnittstelle zur AfD ist dokumentiert

Die Verbindungen zur AfD verleihen diesen Vorgängen zusätzliche politische Bedeutung. Bereits im Mai 2019 posierten Männer aus dem späteren „Phalanx 18“-Umfeld mit dem damaligen AfD-Landesvorstandsmitglied Mertcan Karakaya bei einer Wahlkampfaktion. Unsere Recherche dokumentierte das Foto und die Selbstbeschreibung als „Begleitschutz“ für AfD-Plakatierer. Gegenüber der taz bestätigte der damalige Landesvorsitzende Peter Beck, dass angebotene Hilfe angenommen worden sei. Nach seiner Darstellung wurde das Plakatieren wegen der aggressiven Stimmung der Helfer abgebrochen. Die angenommene Unterstützung bleibt auch nach dieser Darstellung bestehen. [4], [5]

Für 2025 dokumentiert eine Bildrecherche von Antifa Bremen Akteure, die sie der „weserems.aktion“ zuordnet, bei der Unterstützung der AfD. Ein Foto zeigt sie an einem Bremer AfD-Stand am 15. März 2025. Auch unser Beitrag vom September 2025 beschrieb entsprechende Auftritte. Belegt sind damit konkrete personelle Kontakte und Unterstützungsaktivitäten. Eine Beauftragung der Angriffe durch die AfD folgt daraus nicht. Politisch schwer wiegt bereits, dass Personen aus einem neonazistischen Aktionsumfeld im öffentlichen Auftreten der Partei Anschluss fanden. [9], [13]

Waffenfunde hinter der Straßenpose

Am 19. August 2025 durchsuchte die Polizei in Bremen Wohnungen von fünf Personen zwischen 19 und 30 Jahren, die sie der „weserems.aktion“ zurechnete. Die Maßnahmen dienten der Gefahrenabwehr. Nach ihrer damaligen Einschätzung waren weitere Straftaten mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Sichergestellt wurden unter anderem Messer, Macheten, Dolche, Schlagringe und Teleskopschlagstöcke sowie Datenträger und Propagandamaterial. Die Funde unterstreichen, warum die demonstrative Gewaltbereitschaft dieser Szene ernst zu nehmen ist. [10]

Am 17. September meldete die Polizei Ergebnisse der Auswertung. Sie ordnete den Banner-Diebstahl am Sielwallhaus dem untersuchten Zusammenhang zu und berichtete über weitere Strafanzeigen wegen beschädigter Fahrzeuge und eines Schlagrings. Für die Beschädigung eines Fensters am Parteibüro der Linken im Juli 2025 machte sie einen 22-Jährigen aus der Gruppe verantwortlich. Es handelte sich um den veröffentlichten Ermittlungsstand. Die Zielauswahl zeigt dennoch die politische Dimension: Angegriffen wurden Orte und Gegenstände, über die Menschen in ihrem politischen und alltäglichen Umfeld erreichbar sind. [11]

Die Ermittlungen führten weiter in digitale Strukturen. Am 21. Mai 2026 wurden sechs Objekte in Bremen und drei in Niedersachsen durchsucht. Ausgangspunkt waren Chatgruppen auf einem zuvor sichergestellten Mobiltelefon. Neun Beschuldigten zwischen 15 und 24 Jahren wurde die Verbreitung strafbarer Inhalte vorgeworfen, darunter Hakenkreuzdarstellungen, Hitlergrüße sowie rassistische und volksverhetzende Nachrichten. Die Polizei stellte unter anderem Messer, eine Schreckschusspistole und eine Softairwaffe sicher. Mögliche Verbindungen zu rechtsextremen Jugendgruppen wurden nach der Mitteilung weiter geprüft. Die neun Beschuldigten sind deshalb nicht pauschal als nachgewiesene Mitglieder der ursprünglichen Gruppe zu behandeln. [12]

Einschüchterung ist ein Angriff auf politische Teilhabe

Der Verfassungsschutzbericht 2025 spricht von der Zerschlagung der Strukturen der „weserems.aktion“. Das ist eine konkrete behördliche Erfolgsbewertung, keine Entwarnung für das gesamte Umfeld. Die späteren Chat-Ermittlungen betreffen einen weiteren Untersuchungszusammenhang; sie beweisen weder den unveränderten Fortbestand noch die vollständige Auflösung des Netzwerks. [2], [12]

Neonazis versuchen, ihren Gegner:innen den öffentlichen Raum durch Drohung und Gewalt streitig zu machen. Betroffen sind Wege durchs Viertel, Kulturzentren und Parteibüros. Wer das auf einen Streit rivalisierender Gruppen verkürzt, verfehlt den politischen Machtanspruch: Widerspruch soll gefährlich werden, Engagement persönliche Konsequenzen haben. Ausspähung, Drohbilder und Angriffe gehören deshalb gemeinsam in die Analyse rechter Straßenpräsenz und militanter neonazistischer Netzwerke. Die Einschüchterung der Einzelnen zielt auf die Handlungsfreiheit vieler. [3], [4], [11]

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Unsere Recherchen werden durch Fachjournalismus, antifaschistische Bilddokumentation und amtliche Quellen ergänzt. Polizeiliche Tatzuordnungen werden als Ermittlungsstand wiedergegeben; die Dokumente zum Verbot von „Phalanx 18“ belegen eine eigenständige vereinsrechtliche Entscheidung.

1 · Andreas Speit · taz · 6. September 2025

Nur ein Knoten im Nazi-Netzwerk

Beschreibung der gefilmten Banneraktion am Sielwallhaus und Einordnung des neonazistischen Umfelds. Die korrigierte Fassung benennt ausdrücklich das Sielwallhaus.

2 · Landesamt für Verfassungsschutz Bremen · Bericht 2025

„weserems.aktion“ als Bremer JN-Struktur

Seiten 109–111, besonders Seite 110: JN-Anbindung, Banneraktionen, Gewaltorientierung sowie die behördliche Einschätzung zur Zerschlagung der Struktur.

3 · Bundeszentrale für politische Bildung · Glossar

Anti-Antifa

Begriffliche Grundlage: Ausspähen, Bedrohen und Angreifen vermeintlicher politischer Gegner:innen als neonazistische Strategie.

4 · AfD Watch Bremen · Archivbeitrag vom 9. Oktober 2019

Wahlkampf mit militanten Neonazis

Unsere Recherche zu „Phalanx 18“, Bedrohungen am Clubschiff Treue und AfD-Wahlkampfhilfe. Zeug:innenberichte bleiben als solche gekennzeichnet; verlinkt ist die heute verfügbare Fassung.

5 · Andreas Speit und Andrea Röpke · taz · 8. Oktober 2019

Rechte schlagen in Bremen zu

Zeitgenössische Recherche zum Angriff am 5. Oktober, den dazu verbreiteten Nachrichten und der von der AfD bestätigten Annahme von Wahlkampfhilfe.

8 · Andrea Röpke und Johann Frerichs · Endstation Rechts · 21. August 2025

Dahinter steckt die NPD

Recherche zur Einbindung in ältere Neonazinetzwerke, zum Partnerkanal „Verden verteidigen“ und zur Feindmarkierung des WABE-Bündnisses.

15 · AfD Watch Bremen · Übergeordneter Schwerpunkt

Rechte Straßenpräsenz

Übergeordnete Schwerpunktseite unter „Das Netzwerk“, an die dieser dritte Beitrag anschließt.