Im Gastronomie-Betrieb „Kangaroo-Island“ treffen sich Akteure von “Phalanx 18” an der Schlachte. Darunter Michael Osterloh, Nicolai Salander und Jonas H., regelmäßig an den Wochenenden. Bild: August 2019

Wahlkampf mit militanten Neonazis: „Phalanx 18“ und die Verbindungen zur Bremer AfD

Die neonazistische Gruppierung „Phalanx 18“ trat 2019 im Bremer Viertel und an der Schlachte mit Bedrohungen, Provokationen und körperlicher Gewalt gegen politische Gegner:innen in Erscheinung. Am 5. Oktober griffen Akteure der Gruppe im Viertel mehrere Menschen an; später kam es an der Schlachte zu weiteren Auseinandersetzungen und einem größeren Polizeieinsatz. Brisant sind die politischen Verbindungen: Nur wenige Monate zuvor posierten Mitglieder von „Phalanx 18“ gemeinsam mit Mertcan Karakaya aus dem Bremer AfD-Landesvorstand vor dem Werder-Fanprojekt. Neonazi Michael O. bezeichnete den Einsatz seiner Gruppe selbst als „Begleitschutz“ für AfD-Plakatierer.

Von Provokationen zur organisierten Gewalt

Seit dem Sommer tritt im Bereich Schlachte und Bremer Viertel regelmäßig eine kleine Gruppe aus militanten Neonazis und ihrem Umfeld auf. Zu ihren Treffpunkten gehören unter anderem die Gastronomien Kangaroo-Island und Feldmanns. Die Gruppe inszeniert sich über soziale Netzwerke demonstrativ militant und sucht die Konfrontation mit Personen, die sie dem linken beziehungsweise antifaschistischen Spektrum zurechnet. Am 5. Oktober 2019 eskalierte diese Entwicklung: Die taz dokumentierte, dass Angehörige von „Phalanx 18“ im Viertel politische Gegner angriffen und einem bereits am Boden liegenden Mann ins Gesicht traten. Anschließend zog ein Teil der Gruppe weiter zur Schlachte, wo es später zu weiteren körperlichen Auseinandersetzungen und einem größeren Polizeieinsatz kam. Die Gruppe selbst kommentierte den vorherigen Angriff in ihrem Telegram-Kanal mit „Feindkontakt gehabt“ und „Mission erfolgreich erledigt“.

Bereits im Juli berichten Zeug:innen von mehreren gezielten Provokationen gegen das Clubschiff Treue. Andree Gliege und Nicolai Salander sollen dort zunächst Personal mit rechten Parolen provoziert haben. Am 26./27. Juli erschienen beide erneut und holten weitere Personen aus ihrem Umfeld hinzu, darunter Michael Osterloh. Nach Aussagen von Zeug:innen beleidigte und bedrohte die Gruppe Beschäftigte und kündigte an, später zurückzukommen. Tatsächlich erschien sie am Abend erneut. Osterloh trug dabei Handschuhe und einen Mundschutz. Nachdem sich Beschäftigte nicht auf die mehrfach eingeforderte körperliche Auseinandersetzung einließen, zog die Gruppe ab. Anschließend wurden Aufnahmen eines Wohnhauses und eines Klingelschildes eines Mitarbeiters, Bilder des Clubschiffs sowie heimlich gefertigte Fotos von Beschäftigten verbreitet und mit einschüchternden Kommentaren versehen. In dieser Phase tauchte in den internen Kommunikationskanälen erstmals der Name „Phalanx 18“ auf; kurze Zeit später eröffnete Osterloh einen Telegram-Kanal unter der Bezeichnung „Phalanx 18 Bremen“.

Fußballmilieu, Identitäre Bewegung und Michael Osterloh

Die wiederholten Provokationen gegen das Clubschiff Treue standen im Zusammenhang mit der Annahme der Gruppe, dort würden sich linke beziehungsweise antifaschistische Ultras aufhalten. Mehrere zentrale Akteure von „Phalanx 18“ haben selbst Bezüge zum Fußball- und Hooliganmilieu. Nach übereinstimmenden Aussagen aus diesem Umfeld soll Nicolai Salander früher Teil einer Bremer Ultragruppe gewesen sein. Zeug:innen berichten, dass es dort Konflikte wegen rassistischer Äußerungen sowie eines Vorfalls gegeben habe, bei dem Salander und Andree Gliege in einer Wohnung SS-Runen angebracht haben sollen. Nach ihrem Ausscheiden aus diesem Umfeld traten beide zunehmend gemeinsam in neonazistischen Zusammenhängen in Erscheinung.

Eine zentrale organisatorische Rolle spielte Michael Osterloh, der auf Facebook unter „Michael Bonsai“ und auf Telegram als „Michael Bremen“ auftrat. Zahlreiche Aufnahmen zeigen ihn gemeinsam mit Gliege und Salander, teilweise mit Sturmmaske, militanten Gesten und Kleidung aus der extrem rechten Szene. Auf einem Gruppenbild trägt Osterloh ein Shirt der Identitären Bewegung; er selbst überschrieb das Bild mit „Identitär“. Zudem ließ er sich mit einem „IB“-Schriftzug sowie völkisch-nationalistischen Symbolen tätowieren. Michael Osterloh ist mit dem AfD-nahen ehemaligen NPD- und IB-Akteur Oliver Osterloh verwandt. Diese Verbindung allein begründet keine gemeinsame politische Tätigkeit, ergänzt aber ein Umfeld, in dem sich Identitäre Bewegung, Neonaziszene und AfD-nahe Akteur:innen wiederholt begegnen.

„Phalanx 18“ wird zur neonazistischen Struktur

Osterloh richtete nicht nur den Telegram-Kanal ein, sondern ließ Shirts mit dem Schriftzug „Phalanx 18“ herstellen und organisierte für den 9. November 2019 einen „Liederabend im Herzen Bremens“. Das für den Ticketverkauf genannte Konto ließ sich ihm zuordnen. Als Bands waren „Zeitnah“ und „Hermanduren“ angekündigt, die dem extrem rechten Musikmilieu zugerechnet werden. Osterloh, Gliege und Salander warben über soziale Netzwerke und Messenger für die Veranstaltung und verbreiteten Bilder der Einladungen. Auf dem Telegram-Kanal wurden außerdem Bands und Projekte wie „Killuminati“, „Eidstreu“, „Fylgien – Europa Schlachtgesang“ und „Old Lu & Die Mississippi Lynchkapelle“ beworben. Letzteres steht im Umfeld des Sängers der verbotenen Rechtsrockband Landser. Die Bildsprache der dort beworbenen Veröffentlichungen umfasste Galgen, Ku-Klux-Klan-Motive, den Neonazi-Code „88“ und Symboliken, die Hakenkreuze ersetzen oder imitieren. Solche Codes gehören zum bekannten Versteckspiel der extremen Rechten mit Symbolen und Kennzeichen.

Nach den Angriffen Anfang Oktober wurde der Telegram-Kanal geschlossen. Zuvor hatten sich Mitglieder dort mit den Auseinandersetzungen gebrüstet. Osterloh kommentierte die Ereignisse mit „Mission erfolgreich“. Wenige Wochen später wurde „Phalanx 18“ vom Bremer Innenressort verboten. Der Gruppe wurde vorgeworfen, sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung und den Gedanken der Völkerverständigung zu richten und nationalsozialistische Ideologie mit aggressiv-kämpferischen Mitteln durchsetzen zu wollen. Das Verbot wurde später unanfechtbar.

Das Umfeld: Gliege, Salander und weitere Akteure

Neben Osterloh spielten Andree Gliege und Nicolai Salander eine zentrale Rolle. Beide treten auf zahlreichen Bildern der Gruppe gemeinsam auf und waren nach den der Redaktion vorliegenden Informationen auch privat eng miteinander verbunden. Salander arbeitete nach diesen Angaben im Speditionsbereich beim Cargo Center. Auch gemeinsame Reisen wurden in sozialen Netzwerken dokumentiert und teilweise mit rassistischen Kommentaren versehen. Zeug:innen berichten zudem von einem Vorfall Anfang Juli an der Sielwallkreuzung, bei dem Salander und ein weiterer Akteur aus dem Umfeld den Hitlergruß gezeigt und rechte Parolen gerufen haben sollen. Sie sollen Personen, die sie für linke Ultras hielten, beleidigt und zu einer körperlichen Auseinandersetzung aufgefordert haben. Weitere Zeug:innen berichten von einem Vorfall, bei dem Personen aus demselben Umfeld Plakatierer:innen im Viertel abpassten, die sie dem linken Spektrum zurechneten, und diese bedrohten.

Auch Jonas H. bewegte sich regelmäßig in diesem Umfeld. Auf Instagram präsentierte er überwiegend private Alltags- und Sportaufnahmen; auf weiteren Accounts finden sich Bilder, die ihn gemeinsam mit Akteuren von „Phalanx 18“ zeigen. Trainingsbilder entstanden unter anderem in den Studios High5 und FitX; daneben betonte H. seine Kampfsporterfahrung. Mit der Gruppe traten über die Monate weitere Personen auf, die auf zahlreichen gemeinsamen Fotografien und in Messenger-Kommunikation dokumentiert sind. Eine häufig als „Dom“ bezeichnete Person bewegte sich ebenfalls regelmäßig in diesem Umfeld. Weitergehende Behauptungen über strafbare Aktivitäten dieser Person werden nicht übernommen, da sie für die politische Einordnung von „Phalanx 18“ nicht erforderlich sind.

„Begleitschutz“ für die Bremer AfD

Besonders brisant sind die dokumentierten Kontakte zum Bremer AfD-Landesverband und zur Jungen Alternative. Auf Fotos aus dem Mai 2019 stehen Michael Osterloh und Nicolai Salander gemeinsam mit dem damaligen Bremer AfD-Funktionär Mertcan Karakaya vor dem Werder-Fanprojekt. Neben ihnen sind weitere Personen zu sehen; vor der Gruppe befinden sich Wahlplakate der Bremer AfD. Osterloh kommentierte eines der Bilder mit den Worten: „Begleitschutz für die AfD-Plakatierer erfolgreich vorm Weserstadion/Ostkurvensaal beendet.“ Der Vorgang wurde anschließend auch von der taz recherchiert. Der damalige AfD-Landesvorsitzende Peter Beck bestätigte, dass AfD-Akteure Osterloh kannten und Personen aus dessen Umfeld ihre Hilfe beim Wahlkampf angeboten hatten. Nach Becks Darstellung sei diese Unterstützung angenommen, wegen einer aggressiven Stimmung während des Plakatierens jedoch vorzeitig beendet worden.

Auch Heiner Löhmann befand sich nach Becks Angaben bei einem Treffen mit Akteuren dieses Umfelds. Löhmann war zuvor im AfD-Kreisverband Diepholz aktiv, dessen damaliger Vorsitzender Andreas Iloff seit Jahren durch weitreichende Kontakte in die extreme Rechte und zu NPD-Akteuren auffiel. Die Darstellung der AfD, die Zusammenarbeit beim Plakatieren sei wegen der aggressiven Stimmung abgebrochen worden, steht dabei in Spannung zu dem veröffentlichten Gruppenfoto und Osterlohs eigener Beschreibung als erfolgreich beendetem „Begleitschutz“. Das Foto beweist nicht, wie lange die Zusammenarbeit tatsächlich dauerte oder ob darüber hinausgehende Absprachen bestanden. Es dokumentiert jedoch eindeutig, dass Akteure von „Phalanx 18“ gemeinsam mit einem Mitglied des Bremer AfD-Landesvorstands nach einer Wahlkampfaktion posierten. Genau dieser unmittelbare Kontakt ist politisch erheblich.

Militante Neonazis als Wahlkampfhelfer

Die Verbindung ist deshalb nicht als beiläufiger Kontakt abzutun. Mitglieder einer Gruppe, die wenige Monate später gezielt politische Gegner:innen angriff, nationalsozialistische Propaganda verbreitete und schließlich wegen ihrer aggressiv-kämpferischen Ausrichtung verboten wurde, tauchten zuvor als Unterstützer bei Wahlkampfaktivitäten der Bremer AfD auf. Der wesentliche Befund des Beitrags bleibt damit bestehen: Zwischen Akteuren der militanten neonazistischen Gruppierung „Phalanx 18“ und Funktionären der Bremer AfD gab es während des Wahlkampfs 2019 einen dokumentierten unmittelbaren Kontakt und praktische Unterstützung.

Die späteren Angriffe im Viertel zeigen, mit welchem politischen und gewaltorientierten Milieu die AfD dabei in Berührung gekommen war. Dass führende AfD-Funktionäre die Kontakte später als kurzfristiges und abgebrochenes Unterstützungsangebot darstellten, ändert nichts an den Bildern und an Osterlohs eigener Beschreibung des Einsatzes als „Begleitschutz“. Eine Partei, die Unterstützung aus solchen Strukturen annimmt, muss sich daran messen lassen, mit wem sie ihren Wahlkampf organisiert.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Berichtigung: In einer früheren Fassung wurde irrtümlich angegeben, Jonas H. trage auf einem Bild ein Shirt der Marke Thor Steinar. Tatsächlich handelt es sich um ein Shirt der Marke Sik Silk; diese Marke hat keine politischen Bezüge.

Der Beitrag wurde am 21. Januar 2020 editiert.

Nach Veröffentlichung der Recherchen verbot das Bremer Innenressort die Gruppe „Phalanx 18“.

Presse

Angriff in der Innenstadt | AfD hält an Schatzmeister fest | Rechte schlagen in Bremen zu

Die Gruppe um „Phalanx 18“ im Bremer Viertel, am Abend des 05.10.2019. Kurz bevor unter anderem Gliege, Salander und Osterloh los zogen, um willkürlich linke Ultras zu attackieren.

Akteure um die Gruppe “Phalanx 18”, in ihren üblichen Posen u.a. mit dem Label der extrem rechten “IB”. Das Bild wurde übertitelt mit “Identitär”. V.l.n.r.: Jonas H.* (Berichtigung siehe Beitrag unten), Andree Gliege trägt Act of Violence, Michael Osterloh trägt “IB” und Nicolai Salander trägt Yakuza, Das Bild soll in der Gastronomie Tivoli entstanden sein, 2019.

Osterloh (Bildmitte) mit weiteren Akteuren, wie Jonas H., Gliege und Salander an der Schlachte. Osterloh trägt dabei offen das Shirt, auf dem der Name der neonazistischen Gruppierung abgedruckt ist.

Osterloh 2016 (vorne im Bild), mit typisch militanter Inszenierung im Hooligan-Milieu. 

Eines der zahlreichen Bilder der Gruppe, im Bereich Schlachte und Viertel an der Weser. Viele der über Messenger-Dienste verbreiteten Bilder adressieren an politisch Andersdenkende, mit dem Ziel eine Drohkulisse aufzubauen. V.l.n.r.: Andree Gliege, Nicolai Salander, Dom (Dominik O.), Daniel K., Jonas H.. August 2019

Bildunterschrift

Akteure der neonazistischen Gruppierung „Phalanx18“ begleiten im Mai 2019 den Schatzmeister des Bremer AfD Landesverbands und stellv. Vorsitzenden der JA Bremen. Hier beenden sie AfD Wahlkampf-Vorbereitungen vor dem Werder Fanprojekt. V.l.n.r.: Osterloh, noch unbekannt, Karakaya, Salander, noch unbekannt. Mai 2019