Rechter Terror in Bremen: Drohbriefe, Brandanschläge und verschleppte Aufklärung

Erstveröffentlichung:

Antisemitische Drohbriefe, ein verwüstetes Restaurant und Feuer während eines Konzerts: Anfang 2020 wurden Menschen in Bremen und im Umland mit rechter Gewalt und Einschüchterung konfrontiert. Beim Anschlag auf das Jugendzentrum „Die Friese“ vergingen mehr als fünf Jahre bis zum Urteil. Betroffene und antifaschistische Recherchen mussten die Aufklärung über Jahre vorantreiben.

Historische Beitragsgrafik mit der Aufschrift Rechter Terror.
Beitragsgrafik aus unserem Archiv von Februar 2020.

Die Chronologie geht auf eine Zusammenstellung von Stadtkontext Bremen vom 17. Februar 2020 zurück. Die einzelnen Ereignisse sind hier anhand zeitgenössischer Berichte und zivilgesellschaftlicher Dokumentationen datiert und belegt.

Januar und Februar 2020: Einschüchterung vor der eigenen Tür

2. Januar 2020 – Angriff auf den „Linkstreff Buntentor“. Ein Mann warf einen Gullydeckel durch die Fensterfront des Linken-Büros am Buntentorsteinweg. Die Polizei nahm einen 49-Jährigen als Tatverdächtigen fest. Der Linken-Abgeordnete Olaf Zimmer bewertete den Angriff als Versuch, seine Partei und weitere demokratische Kräfte einzuschüchtern. [1]

6. Januar 2020 – Drohbrief an das Linken-Büro. Eine Mitarbeiterin entdeckte einen Umschlag mit Pulver. Nach Angaben der betroffenen Partei enthielt das beigelegte Schreiben antisemitische, rassistische und gegen Linke gerichtete Drohungen. Der Weser-Kurier berichtete, dass die Polizei das Schreiben bestätigte. Die Substanz erwies sich bei der Untersuchung als ungefährlich. [2]

19. Januar 2020 – Drohung gegen ein alternatives Wohnprojekt. In der Bremer Neustadt wurde morgens ein in der vorangegangenen Nacht eingeworfener Drohbrief entdeckt. Nach der Dokumentation von Keine Randnotiz lag er zusammen mit einer pulverartigen Substanz in einem Hundekotbeutel. Das Schreiben enthielt rassistische und sexistische Bedrohungen sowie Gewaltfantasien. [3]

20. Januar 2020 – Antisemitische Botschaften auf einem Kantholz. Vor dem Linken-Büro am Buntentorsteinweg wurde abends ein Holzstück mit einem Hakenkreuz und antisemitischen Beschriftungen gefunden. Die Partei erstattete am folgenden Tag Anzeige. [4]

27. Januar 2020 – Zwei Pulverbriefe an Grüne und Linke. Betroffen waren die Landesgeschäftsstelle der Grünen am Altenwall und das Linken-Büro am Buntentorsteinweg. Auf dem Umschlag an die Linke standen Beleidigungen und ein Hakenkreuz. Die untersuchten Stoffe waren ungefährlich; die Sendungen lösten Absperrungen und größere Einsätze aus. [5]

29. Januar 2020 – Antisemitischer Brief an die FDP. Vor dem Fraktionsbüro in der Sandstraße wurde ein Umschlag mit Pulver und einem antisemitischen Schreiben entdeckt. Zwei Beschäftigte mussten während der Abklärung stundenlang in einem eigens aufgestellten Zelt warten. Am Abend wurde Entwarnung gegeben. [6]

31. Januar 2020 – Rechter Drohbrief in der Friesenstraße. Im Briefkasten eines Abgeordnetenbüros der Linken lag ein Umschlag mit einer Substanz und rechtsextremen Äußerungen. Die Untersuchung ergab, dass der Inhalt ungefährlich war. [7]

10. Februar 2020 – Pulverbrief an die CDU. In der Parteizentrale Am Wall löste eine verdächtige Sendung einen Einsatz von Polizei und Feuerwehr aus. Das Pulver wurde anschließend als harmlos eingestuft. [8]

13. Februar 2020 – Brandanschlag auf das Restaurant „Martini“ in Syke. In den frühen Morgenstunden brannte das Restaurant im Ortsteil Steimke. Am Gebäude fanden sich Hakenkreuze und eine rassistische Parole. Sechs Menschen aus Wohnungen im Gebäude wurden unverletzt gerettet. Die Ermittlungen gingen von einem mutmaßlich rassistischen Tatmotiv aus. [9] [13]

13. Februar 2020 – Verdächtiger Brief an die SPD. Am Morgen wurde auch die Parteizentrale in der Obernstraße zum Einsatzort. Die Sendung enthielt eine pulverartige Substanz, die sich bei der Untersuchung als ungefährlich herausstellte. [8]

Nacht vom 15. auf den 16. Februar 2020 – Feuer in der „Friese“. Während eines Konzerts breitete sich Rauch aus den oberen Räumen des Jugendzentrums aus. Die Feuerwehr löschte den Brand; gegen drei Uhr kam es erneut zu einem Feuer. In der Tatnacht wurden Aufkleber der Neonazipartei „Die Rechte“ gefunden. Die spätere Verurteilung belegt die rechtsextrem motivierte Brandlegung während des Konzerts. [10] [11]

Ungefährliches Pulver, reale Einschüchterung

Die rechten Botschaften waren unmissverständlich: Antisemitische Drohungen, Hakenkreuze und rassistische Inhalte markierten Menschen als Feinde. Die zunächst unbekannten Substanzen zwangen Beschäftigte, ihre Arbeit zu unterbrechen und eine mögliche Gesundheitsgefahr abklären zu lassen. Beim FDP-Büro wurde diese Unsicherheit zu stundenlangem Warten unter Schutzmaßnahmen. Auch ein Brief mit ungefährlichem Pulver kann Menschen einschüchtern und ihre politische Arbeit behindern. [2] [4] [5] [6]

Die Bremer Grünen beschrieben die Sendung an ihre Geschäftsstelle als Angriff auf politische Beteiligung. Ihre Beschäftigten wurden betreut, das Gebäude abgeriegelt. In ihrer Erklärung vom 27. Januar 2020 betonte die Partei die gemeinsame Solidarität mit anderen Betroffenen. Das war die praktische Antwort auf einen Angriff, der demokratische Arbeit unter Druck setzte. [15]

Die „Friese“: Ein rechtskräftiges Urteil nach fünf Jahren

Am 22. Mai 2025 verurteilte das Landgericht Bremen den Hauptangeklagten wegen schwerer Brandstiftung sowie gefährlicher und versuchter gefährlicher Körperverletzung zu vier Jahren und neun Monaten Haft. Das Gericht sah Hass auf politisch Andersdenkende als Tatmotiv und ging von einer spontanen Brandlegung aus. Die beiden Mitangeklagten erhielten wegen unterlassener Hilfeleistung Bewährungsstrafen: Sie hatten von dem Feuer gewusst und keine Hilfe geholt. Die taz bestätigte am 17. Juni 2025 die Rechtskraft des Urteils. [11] [12]

Die Gerichtsreportage von ENDSTATION RECHTS zeichnete das militante Umfeld nach. In abgehörten Gesprächen bejubelten die Angeklagten den Brand und äußerten Gewaltfantasien gegen linke Orte und Menschen. Beim Hauptangeklagten fanden sich Bezüge zum NSU und zur Terrorstrategie von „Blood & Honour“. Die politische Dimension der Tat reicht damit bis in ein Milieu, das rechten Terror verherrlicht und linke Freiräume als Angriffsziele behandelt. [14]

Mehr zum Verfahren und zum politischen Umfeld: Brandanschlag auf die Friese: Rechter Hass und staatliche Gleichgültigkeit.

Verschleppte Aufklärung belastet die Betroffenen

Die taz rekonstruierte im Juni 2025 anhand einer Senatsantwort, dass die zuständige Ermittlerin im Sommer 2020 zur „Soko Spielplatz“ abgezogen wurde. Im Friese-Verfahren blieben wesentliche weitere Ermittlungsmaßnahmen daraufhin aus. Hinweise auf zwei später Verurteilte lagen im Oktober 2020 schriftlich vor; Durchsuchungen folgten erst Ende September 2021. Der Senat verteidigte die damalige Prioritätensetzung. Für die Betroffenen bedeutete diese Verzögerung weitere Monate der Ungewissheit. [12]

Die Beratungsstelle soliport, der VBRG und die Nebenklage kritisierten lange Phasen der Untätigkeit, Fehler bei Durchsuchungen und die unzureichende Untersuchung rechtsterroristischer Tatmotive. Betroffene berichteten von fortdauernden psychischen Folgen und einem belastenden Kampf um Aufklärung. Vertreter:innen der „Friese“ beschrieben, dass sie sich über weite Strecken von der Politik allein gelassen fühlten. Die Beratungsstellen forderten eine fachliche Aufarbeitung und konkrete Verantwortungsübernahme. [16]

Beim Restaurant „Martini“ blieb der dokumentierte Verfahrensausgang ein anderer: Die Staatsanwaltschaft Verden teilte am 12. Februar 2021 die Einstellung der Ermittlungen mit. Der anfängliche Verdacht gegen einen Beschuldigten hatte sich nicht bestätigt. Auch die gemeinsame Erklärung von soliport und VBRG vom Mai 2025 führte Syke unter den ergebnislos eingestellten Brandstiftungsverfahren auf. [13] [16]

Rechte Gewalt trifft Menschen und ihre Freiräume

Parteibüros, ein alternatives Wohnprojekt, ein migrantisch geführtes Restaurant und ein selbstverwaltetes Jugendzentrum: Die dokumentierten Angriffe trafen Orte, an denen Menschen arbeiten, wohnen, sich organisieren und Öffentlichkeit herstellen. Rechte Drohbotschaften greifen genau diese Freiheit an. Ein Brand während eines Konzerts kann einen politischen Freiraum zur tödlichen Falle machen.

Die Geschichte der „Friese“ zeigt zugleich, wie viel Betroffenen und solidarischen Unterstützer:innen aufgebürdet wurde, bevor die Tat gerichtlich aufgearbeitet war. Schutz vor rechter Gewalt verlangt verlässliche Ermittlungen, unabhängige Beratung und eine Politik, die bedrohten Menschen dauerhaft zur Seite steht. Wer ihre Sicherheit ernst nimmt, muss auch das Versagen bei der Aufklärung zum Gegenstand öffentlicher Kontrolle machen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Zeitgenössische Berichte und zivilgesellschaftliche Dokumentationen belegen die Chronologie. Die Veröffentlichungen von 2021 und 2025 erschließen die späteren Verfahrensstände und die Kritik an den Ermittlungen.

01 · Weser-Kurier · Ralf Michel · 3. Januar 2020

Attacke auf Büro der Bremer Linken

Zum Gullydeckel-Angriff vom 2. Januar, zur Festnahme und zur Einordnung durch den betroffenen Abgeordneten.

02 · Weser-Kurier · Jürgen Theiner · 7. Januar 2020

Linken-Büro erneut im Fadenkreuz

Zum Brief vom 6. Januar und zu den von der Partei beschriebenen antisemitischen und rassistischen Drohungen.

03 · Keine Randnotiz · Ereignis vom 19. Januar 2020

Drohbrief bei Wohnprojekt eingeworfen

Zivilgesellschaftliche Vorfalldokumentation. Der Eintrag vom 19. Januar 2020 beschreibt die Drohung gegen das Wohnprojekt in der Neustadt.

10 · Jungle World · Mirko Stehr · 27. Februar 2020

Brand im Jugendzentrum

Zur Brandnacht in der „Friese“, den Neonazi-Aufklebern und den Reaktionen von Betroffenen und Zivilgesellschaft.

15 · Grüne Bremen · 27. Januar 2020 · Erklärung der betroffenen Partei

Zum Großeinsatz am Altenwall

Schildert die Folgen für die Geschäftsstelle und die solidarische Reaktion der Partei.

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