Heiner Löhmann: Rechte Netzwerke, antisemitische Propaganda und der Griff nach der Bremer AfD

Personendossier

Vom AfD-Kreisverband Diepholz in die Bremische Bürgerschaft, vom Corona-Protest an die Spitze eines konkurrierenden Parteivorstands: Heiner Löhmann verband parlamentarische Ambitionen mit der rechten Straße. Dokumentiert sind die Verbreitung antisemitischer Propaganda, Auftritte im verschwörungsideologischen Milieu und seine Rolle im Höcke-nahen Lager der Bremer AfD. Sein Ausscheiden aus der Partei 2023 beendete die dokumentierte Protestaktivität nicht.

Heiner Löhmann bei einer AfD-Kundgebung in Stuhr im Jahr 2017.
Heiner Löhmann bei einer AfD-Kundgebung in Stuhr, 2017. Foto: Recherche Nord.

Aufstieg im Milieu der völkischen Rechten

Heinrich, genannt Heiner Löhmann, Jahrgang 1961, gehörte vom 28. Juli 2021 bis zum Ende der Wahlperiode 2023 der Bremischen Bürgerschaft an. Er rückte über die AfD-Liste nach und war fraktionslos. 2019 hatte ihn die Partei auf Listenplatz sechs aufgestellt; 2021 kandidierte er außerdem für den Bundestag im Wahlkreis Bremen I. Dort erhielt er 4,9 Prozent der Erststimmen. Das dokumentiert Abgeordnetenwatch. Seine parlamentarische Karriere war kurz. Sein politischer Aktionsraum reichte weit über das Parlament hinaus.

Löhmanns politischer Aktionsraum reichte über Bremen hinaus. Vor seinem Aufstieg im Landesverband war er im AfD-Kreisverband Diepholz aktiv, dessen prägende Figur Andreas Iloff ist. Iloffs völkische Organisationsarbeit und seine Verbindungen in neonazistische Zusammenhänge sind seit Jahren dokumentiert. Löhmann bewegte sich damit in einem Parteimilieu, in dem solche Verbindungen dem politischen Aufstieg nicht im Weg standen. Gemeinsame Veranstaltungen, Wahlkampf und später die Corona-Proteste verbanden Akteur:innen aus Bremen und dem niedersächsischen Umland.

Gruppenfoto einer AfD-Veranstaltung: Heiner Löhmann steht als Zweiter von rechts neben Andreas Iloff.
Heiner Löhmann (Zweiter von rechts) neben Andreas Iloff, 2018. Screenshot einer AfD-Selbstdarstellung; Archiv AfD Watch Bremen.

Antisemitische Täterentlastung auf Facebook

Löhmanns ideologische Positionierung zeigt sich auch in selbst verbreiteten Inhalten. Das von netzpolitik.org 2025 veröffentlichte BfV-Folgegutachten vom 22. Februar 2021 dokumentiert einen Facebook-Eintrag vom 16. März 2020: Löhmann teilte demnach ein Meme von René Weissflog, das einen wegen eines Judenmordes verfolgten „Opa“ einem angeblich staatlich versorgten IS-Täter gegenüberstellte. Das Gutachten verzeichnet das Teilen ohne eigenen Kommentar. [Beleg 1578]

Die Gegenüberstellung verharmlost den Täter durch eine familiäre Bezeichnung und stellt die Verfolgung des Judenmordes als Ausdruck verkehrter Maßstäbe dar. Das antisemitische Muster: Jüdischen Opfern werde übermäßige Aufmerksamkeit gewährt, während eine angeblich bevorzugte fremde Gruppe ungestraft bleibe. Löhmann war hier selbst Verbreiter dieser Täterentlastung.

Für den 29. März 2020 dokumentiert dasselbe Gutachten einen weiteren geteilten Beitrag. Darin heißen Regierungen pauschal „die wahren Feinde“. Politischer Widerspruch wird so zur Feinderklärung; Regierende erscheinen als grundsätzlich betrügerische und ausbeuterische Macht. [Beleg 1787]

Freiheit predigen, Gleichstellung blockieren

Im Kandidatenfragebogen von WEN WÄHLEN? zur Bundestagswahl 2021 lässt sich nachlesen, wie selektiv Löhmann seinen Freiheitsanspruch auslegte. Er forderte die Rückgabe von Grund- und Freiheitsrechten, lehnte aber die Stärkung der Rechte von trans und nichtbinären Menschen ab. Seine Begründung reduzierte Geschlecht auf zwei Kategorien. Zugleich befürwortete er ein Verbot geschlechtergerechter Sprache in Bundesbehörden und die Förderung eines traditionellen Familienbildes.

Damit richtete sich sein politisches Programm gegen die Erweiterung gleicher Teilhabe. Seine Wirtschaftspolitik setzte andere Prioritäten: Ein höherer Spitzensteuersatz und eine Vermögensteuer stießen auf Ablehnung; einer Abschaffung oder Senkung der Erbschaftsteuer stimmte er zu. Zur Mindestlohnerhöhung auf zwölf Euro machte er keine Angabe. Hinter dem Anspruch, für das Volk zu sprechen, standen konkrete gesellschaftliche Interessen: Schutz großer Vermögen und Widerstand gegen die Gleichstellung geschlechtlicher Minderheiten.

Neonazi-Hilfe beim Wahlkampf: Löhmann war bei der Kontaktaufnahme dabei

Im Oktober 2019 berichteten Andreas Speit und Andrea Röpke in der taz über die Neonazi-Gruppe „Phalanx 18“. Unsere Recherche hatte ein Foto des AfD-Funktionärs Mertcan Karakaya mit Angehörigen der Gruppe aufgegriffen. Beworben wurde die gemeinsame Aktion als Begleitschutz für das Plakatieren der Partei.

Der damalige AfD-Landesvorsitzende Peter Beck erklärte der taz, Karakaya habe im Mai 2019 mit Löhmann eine Wahlkampfbesprechung an der Bremer Schlachte abgehalten. Löhmann sei für den Europawahlkampf in Bremen-Mitte zuständig gewesen. Vier Männer hätten Unterstützung angeboten; Karakaya habe einen von ihnen gekannt und das Angebot angenommen. Beck stellte den Einsatz als einmalig dar und erklärte, Karakaya habe das Plakatieren wegen der aggressiven Stimmung abgebrochen.

Belegt ist damit Löhmanns Anwesenheit bei der Kontaktaufnahme nach der damaligen Darstellung seines eigenen Landesvorsitzenden. Eine Mitgliedschaft in „Phalanx 18“ folgt daraus nicht. Politisch brisant bleibt der praktische Anschluss: Aus einer Besprechung zweier AfD-Funktionäre wurde eine Wahlkampfhilfe aus dem Neonazimilieu. Die behauptete Distanz der Partei hielt dieser konkreten Situation nicht stand.

Parlamentssitz und verschwörungsideologische Straße

Löhmanns Teilnahme an den Corona-Protesten war über einen längeren Zeitraum sichtbar. Wir dokumentierten ihn am 9. Mai 2020 auf dem Bremer Marktplatz. Weitere Aufnahmen zeigen ihn am 2. Januar 2022 auf dem Findorffmarkt und am 30. März 2022 bei einem Aufmarsch in Syke, dort zusammen mit Andreas Iloff und Michael Schnieder aus der AfD Diepholz. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits Bürgerschaftsabgeordneter. Die Bilddokumentation der Auftritte macht die Kontinuität zwischen Parteifunktion und Straßenmobilisierung sichtbar.

Am 17. August 2022 fotografierte Recherche Nord Löhmann und Frank Magnitz bei einer weiteren Demonstration in Bremen. Veranstalter war Robert Brönhorst aus dem Umfeld von „Gemeinsam Stark Bremerhaven“. Die Dokumentation zeigt dort auch Akteur:innen der Reichsbürger:innen-Szene und QAnon-Symbolik. Löhmann erklärte demnach, man wolle „nach den Rechten schauen“.

Diese Selbstdarstellung als Beobachter verkleinert seine eigene Rolle. Löhmann trat wiederholt bei den Protesten auf und brachte als Abgeordneter den parlamentarischen Status seiner Partei mit. Solche Präsenz bietet einem verschwörungsideologischen Milieu politische Anerkennung und der Partei einen Zugang zu dessen Anhänger:innen. Dass bei der August-Veranstaltung auch Angehörige der „Radikal Kameraden“ anwesend waren, dokumentieren wir im Dossier über den rechten Motorradclub. Eine organisatorische Vereinbarung zwischen den Beteiligten ist damit nicht belegt; die gemeinsame politische Öffentlichkeit sehr wohl.

Mitbestimmung unter Druck: Der Konflikt vor der AfD-Zeit

Schon lange vor seiner AfD-Karriere stand Löhmann wegen seines Umgangs mit Beschäftigten in der Kritik. Das gewerkschaftsnahe Netzwerk LabourNet Germany archiviert einen Bericht aus dem Kollegen-Info bei DaimlerChrysler Bremen vom Juli 2003 über den damaligen Fremdbetrieb ETIB. Darin wird Löhmann als Chef benannt und ihm vorgeworfen, die Gründung eines Betriebsrats mit Drohungen bis hin zur Betriebsschließung bekämpft zu haben. Ein Mitglied des Wahlvorstands wurde freigestellt und anschließend gekündigt.

Die Vorwürfe stammen aus der damaligen Auseinandersetzung auf Beschäftigtenseite. Zum Kündigungsschutzverfahren berichtete das Solidaritätskomitee im Februar 2004 über einen auf Widerruf geschlossenen Vergleich mit Lohnnachzahlung und Abfindung. Das war kein gerichtlicher Schuldspruch wegen Betriebsratsbehinderung. Dokumentiert ist jedoch ein erheblicher Konflikt um betriebliche Mitsprache. Er gehört zur politischen Vorgeschichte eines Mannes, der später mit dem Anspruch auftrat, den Menschen ihre Rechte zurückzugeben.

Machtkampf im Höcke-nahen Lager

Löhmann blieb innerhalb der Bremer AfD nicht auf eine Nebenrolle beschränkt. Anfang 2023 führte er einen sogenannten Notvorstand, dem auch Frank Magnitz angehörte. Gareth Joswig ordnete dieses Lager in der taz ausdrücklich dem Umfeld des formal aufgelösten „Flügels“ um Björn Höcke zu. Gegenüber stand die Gruppe um Sergej Minich, die vom Bundesvorstand unterstützt wurde. Beide beanspruchten, den Landesverband zu vertreten, und stellten konkurrierende Kandidat:innenlisten auf.

Am 9. März 2023 vertrat Löhmann den Notvorstand in einer Sondersitzung des Wahlbereichsausschusses. Nach dem Bericht von Eiken Bruhn hatten die Lager die Frist für eine Einigung verstreichen lassen. Zusätzlich war umstritten, ob die Einladung zur Listenaufstellung ordnungsgemäß erfolgt war. Löhmann begründete die Einladung per Zeitungsanzeige damit, keinen Zugang zu den Mitgliederadressen gehabt zu haben.

Die Auseinandersetzung endete in einem für die Partei selbst verschuldeten Wahldebakel: Die AfD wurde 2023 nicht zur Bürgerschaftswahl zugelassen. Die Entwicklung ist in unserem Dossier „AfD im Parlament“ nachgezeichnet. Löhmann war dabei ein verantwortlicher Akteur des Machtkampfs. Der Streit um Vertretungsrechte und Listenplätze war kein Beleg für einen demokratischen Kurswechsel seines Lagers. Seine zuvor dokumentierten politischen Positionen blieben davon unberührt.

Der Bruch kam über die Beitragsrechnung

Am 3. August 2023 meldete dpa unter Berufung auf die AfD-Bundesgeschäftsstelle, Löhmanns Mitgliedschaft sei Mitte Juli beendet worden. Als Grund wurden ausstehende Beiträge und ein erfolgloses Mahnverfahren genannt. Löhmann widersprach: Die Partei schulde ihm Geld aus Vorleistungen. Er kündigte an, nötigenfalls gerichtlich vorzugehen. Der mitgeteilte Ausschlussgrund war finanzieller Natur; eine Sanktionierung seiner dokumentierten ideologischen Positionen wurde damit nicht benannt.

Auch nach dem Ende seiner damaligen Parteimitgliedschaft erschien Löhmann politisch im öffentlichen Raum. Andrea Röpke berichtete am 13. Januar 2024 bei ENDSTATION RECHTS., dass er sich mit einem Trecker an den Bauernprotesten in Bremen beteiligt hatte. Damit ist ein weiterer Auftritt nach dem Ende des Bürgerschaftsmandats dokumentiert. Ein anschließender Rückzug aus politischer Aktivität lässt sich daraus ebenso wenig ableiten wie eine erneute Parteimitgliedschaft. Für eine aktuelle Parteifunktion liegt zum Redaktionsstand kein belastbarer Beleg vor.

Was sein Aufstieg über die AfD zeigt

Löhmanns Fall zeigt, wie durchlässig die Übergänge zwischen AfD-Wahlkampf, rechter Straßenmobilisierung und parlamentarischer Repräsentation waren. Die Partei verschaffte einem Akteur ein Mandat und innerparteilichen Einfluss, dessen politische Praxis längst Anlass zu grundsätzlicher Kritik bot. Sein eigenes Handeln ist dafür entscheidend: die Verbreitung antisemitischer Inhalte, die Absage an mehr Gleichstellung und die wiederholte Präsenz im verschwörungsideologischen Protest.

Die demokratische Gefahr lag nicht erst in einem möglichen Wahlerfolg. Sie lag bereits darin, Menschenfeindlichkeit verbreiten zu können und zugleich als vermeintlich gewöhnlicher Vertreter der Bürger:innen aufzutreten. Löhmanns späterer Machtverlust macht diesen Normalisierungsvorgang nicht ungeschehen.

Redaktion
AfD Watch Bremen

Quellen und weiterführende Recherchen

Fachjournalistische Recherchen, zivilgesellschaftliche Dokumentationen, eigene Archivbeiträge und gekennzeichnete Originalaussagen. Historische Funktionen und Angaben beziehen sich auf den jeweils genannten Zeitraum.

Abgeordnetenwatch · Mandate und Kandidaturen

Heiner Löhmann: Profil und Mandatsverlauf

Nachrücken am 28. Juli 2021, Ende der Wahlperiode 2023 und Bundestagskandidatur 2021. Historische Parteibezeichnungen im Profil sind kein Beleg einer heutigen Mitgliedschaft.

Netzpolitik.org · 3. Februar 2025 · Dokumentenveröffentlichung

BfV-Folgegutachten vom 22. Februar 2021

Behördliche Dokumentation der Facebook-Einträge vom 16. und 29. März 2020; Belege 1578 und 1787. Veröffentlichung und untersuchte Vorgänge liegen mehrere Jahre auseinander.

taz · Andreas Speit und Andrea Röpke · 8. Oktober 2019

Rechte schlagen in Bremen zu

Recherche zu „Phalanx 18“; enthält Peter Becks Darstellung der Wahlkampfbesprechung mit Löhmann und Karakaya.

taz · Gareth Joswig · 28. Januar 2023

Rumpfvorstand gegen Notvorstand

Konkurrierende Listen und Einordnung des Lagers um Löhmann und Magnitz als Höcke-nah.

taz · Eiken Bruhn · 9. März 2023

Eine Alternative zu viel

Bericht aus dem Wahlbereichsausschuss über den ungelösten Listenstreit und Löhmanns Auftreten.

LabourNet Germany · Juli 2003 · Beschäftigtenperspektive

Für freie Betriebsratswahlen bei ETIB

Archivierter Bericht aus dem Kollegen-Info bei DaimlerChrysler Bremen über den damaligen Konflikt um Betriebsratsgründung und Geschäftsleitung.

AfD Watch Bremen · Recherche und Bilddokumentation

Gefährlich unterschätzt

Löhmanns Teilnahme an der Bremer Kundgebung vom 9. Mai 2020 im Kontext der frühen Corona-Proteste.

AfD Watch Bremen · 5. April 2022 · Recherche und Bilddokumentation

Mit Putin gegen die Impfpflicht

Hier herangezogen für die datierten Aufnahmen aus Bremen-Findorff und Syke.

AfD Watch Bremen · Parlamentarische Entwicklung

AfD im Parlament

Geschichte der Mandate, des Listenstreits und der Nichtzulassung zur Bürgerschaftswahl 2023.